Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Elliott gibt nach sorgfältiger Schätzung die Zahl der Seebären, die in der Mitte des vorletzten Jahrzehntes alljährlich ihre Landzeit auf den Pribylowinseln zubrachten, folgendermaßen an: auf St. Paul lagerten in den eigentlichen Rookeries an alten Bullen, Weibchen und Neugeborenen 3,030,000 Stück, auf St. Georg 163,420. Dazu kamen noch auf beiden Inseln etwa 1,500,000 Junggesellen. Im ganzen besetzten also die beiden Inseln alljährlich rund 4,700,000 Seebären. Von dieser ungeheuern Menge von Tieren werden auf beiden Inseln alljährlich in runder Zahl bloß 100,000 Stück geschlagen, und zwar ausschließlich minderjährige Männchen. Unter solchen Umständen ist an eine Ausrottung dieser Tiere nicht zu denken, und wenn man bei dieser gesetzmäßig geregelten Ausnutzung beharrt, wird wenigstens den Pribylowinseln der gewinnbringende Jagdbetrieb erhalten bleiben.
Um sich der Seebären zu bemächtigen, verfährt man in ähnlicher Weise wie bei dem schon beschriebenen Abschneiden der Seelöwen. Nur ist die Jagd weniger schwierig, denn die Seebären sind vertrauter sowie lenksamer, und gilt nicht den ältesten und schwersten Tieren, sondern den minderjährigen Männchen, weil sie die besten Felle liefern. Geübte Leute schleichen sich in günstigen Nächten zwischen die Rastplätze der Junggesellen und das Meer und treiben auf ein gegebenes Zeichen die ganze vom Wasser abgeschnittene Gesellschaft landeinwärts. Darauf wird Heerschau gehalten, um die jungen zwei- oder dreijährigen Männchen von den älteren zu sondern. Letzteres geschieht, indem man die Tiere in einem großen Bogen langsam vorwärts treibt und die alten, faulen nach und nach zwischen den Treibern durchschlüpfen läßt, die erwählten jedoch an der Flucht verhindert. Jene wenden sich augenblicklich wieder dem Meere zu, diese werden langsam weiter getrieben, wobei 3—4 Männer genügen, um ebenso viele Tausende von Seebären in Ordnung zu halten. Die Schlachtplätze liegen nicht weit ab, und da der Trieb in 1 Stunde bequem fast 1 km zurücklegt, kann man sie binnen einigen Stunden am frühen Morgen erreichen. Beim Triebe muß man mit größter Vorsicht zu Werke gehen: treibt man an heißen Tagen, so kommt man mit den unbehilflichen Geschöpfen nicht von der Stelle, weil sie immer wieder erschöpft liegen bleiben, sich mit den Flossen Kühlung zuzufächeln suchen und dabei wie Hunde mit geöffneten Rachen röchelnd atmen; treibt man zu heftig, so wird das Fell verdorben und zwar derartig, daß man, laut Elliott, von einem allzusehr angestrengten, von einem „überhitz⸗— ten“ Seebär die Behaarung thatsächlich mittels eines Fingerdruckes ablösen kann. Auf dem Schlachtplatze angelangt, übergibt man die Herde dort versammelten Knaben, welche das Entfliehen einzelner zu verhindern suchen und allen überhaupt Zeit geben, sich zu beruhigen und abzukühlen. Erst wenn letzteres geschehen, trennt man ihrer etwa 70— 100 von der Herde, treibt sie so weit auseinander, daß sie sich mit ihren Flossenfüßen gegenseitig nicht berühren, wählt unter ihnen die geeigneten aus und tötet sie mittels eines Schlages auf die Nase, worauf man den nicht brauchbaren gestattet, nach dem Wasser zurückzukehren. In dieser Weise verfährt man, bis man die ganze Herde abgethan hat, und beginnt dann sofort mit der Abhäutung der erlegten.
Die Felle werden unmittelbar nach dem Abstreifen in die Salzhäuser gebracht und hier in viereckigen Kästen eingesalzen, so daß die fleischige Seite nach oben zu liegen kommt. Nach 30—40 Tagen nimmt man fie aus dem Salze, entfernt das letztere, faltet fie jo zusammen, daß die Fleischseite nach innen kommt, bestreut sie mit frischem Salze und verschifft sie. Die Alaska⸗Gesellschaft, welche von der Regierung der Vereinigten Staaten ein als verfassungswidrig vielfach angefochtenes Handelsmonopol erworben hat, mit der Bedingung, auf amerikanischem Gebiete jährlich nicht mehr als 100,000 Seebären schlagen zu lassen, welche außerdem die Fanggerechtigkeit auf der asiatischen Seite des Stillen Ozeans gepachtet hat, liefert, nach Lomer, allein aus amerikanischen Gebieten alljährlich 100,000 der besten Felle im Werte von 6—8 Millionen Mark; 100,000 weitere, aber durchschnittlich weniger gute Felle im Werte von etwa 4 Millionen Mark werden noch von der genannten Gesellschaft sowie von unabhängigen Fangschiffern aus anderen Gebieten auf den Markt gebracht. Die Felle der Seebären bilden die wertvollste Warengattung im gesamten Pelzhandel. Ihre Zubereitung geschieht fast ausschließlich in England: um den Pelz von den harten, langen Oberhaaren zu befreien, werden die Felle monatelang in Gruben eingelegt, bis die Haar-wurzeln sich gelockert haben und die Grannen mittels Maschinen leicht entfernt werden können. Nachdem nun noch die zurückbleibende äußerst feine Grundwolle, die an Schönheit und Dauerhaftigkeit den besten Samt weit übertrifft, dunkel kastanienbraun gefärbt worden ist, wird das Fell unter dem Namen Sealskin zu Überkleidern für Damen verarbeitet, die je nach Schönheit, Schnitt und Größe bis zu 1200 und selbst 1500 Mark kosten.
MÄHNENROBBE.
Ein südliches Gegenstück des Seelöwen ist die Mähnenrobbe (Otaria jubata, Phoca jubata, Platyrhynchus jubatus, Otaria leonina), welche sich durch die kurzen Ohren und das bei den alten Männchen auf dem Rücken gemähnte Fell ohne Unterwolle kennzeichnet. Das erwachsene Männchen erreicht, von der Nasen- bis zur Schwanzspitze gemessen, eine Länge von 2 m; sein Fell liegt im ganzen glatt an, verlängert sich jedoch vom Oberkopfe bis zur Rückenmitte zu einer ziemlich breiten, aber verhältnismäßig kurzen Mähne und hinter den Kiefern zu einer Art von Bart, während es auf der Brust am kürzesten ist. Die Oberseite des Kopfes, namentlich die Nasengegend, hat lichte oder gelbbraune, die Wangenseite dunkelbraune, die Schnauze schwarze, der Rücken gelblichgraue, die Bauchseite braungelbe Färbung; die nackten Flossen sehen schwarz aus. Das Weibchen unterscheidet sich durch dunklere Färbung, da die Rückenmitte und die Leibesseiten bis zum Schwanze herab schwarz und grau gemischt erscheinen, weil die Spitzen der Haare grau, die Wurzeln schwarz sind; von der Nase zum Vorderkopfe verläuft ein dunkler Streifen, neben dem jederseits unter dem Auge ein lichtgrauer Flecken bemerklich wird; der einigermaßen entwickelte Bart ist dunkler als die übrigen Kopfseiten; hinter ihm bemerkt man einen mäßig großen dunkleren Flecken, um das Auge herum einen schmalen braunen Kreis; Brust und Bauch endlich sind gelblichgrau. Nach den Untersuchungen Muries verändert sich die Färbung im Laufe der Jahre etwa folgendermaßen: Junge beiderlei Geschlechts sind gleich und zwar dunkel- oder tief schokoladebraun gefärbt. Die Männchen im ersten Jahre sehen bereits merklich blässer aus, wogegen die Weibchen gleichen Alters auf dem Rücken dunkelgraue, auf der Bauchseite lichtgelbliche Färbung zeigen. Im zweiten oder dritten Jahre ändert sich bei den Männchen die Färbung des Rückens und der Seiten in ein schönes Braun um, und die Unterseite nimmt lichtgelbliche Färbung an. Bei jungen Stücken bemerkt man eine dünne Unterwolle. Abgesehen von der verschiedenen Färbung, unterscheiden sich die Weibchen wie bei allen übrigen Ohrenrobben auch durch die bedeutend geringere Größe, welche in den meisten Fällen kaum mehr als die Hälfte von der des Männchens beträgt, die verhältnismäßig viel kleineren Gliedmaßen und das unverhältnismäßig leichte Gewicht.
Das Verbreitungsgebiet der Mähnenrobbe umfaßt die Südspitze von Südamerika, einschließlich aller in der Nähe derselben gelegenen Inselgruppen und Eilande, und dehnt sich nach Süden hin bis zum Grahamlande aus. In besonderer Häufigkeit begegnet man ihr, wie wir schon durch Forster wissen, im Feuerlande; nicht minder zahlreich tritt sie auf den Falklandinseln auf. Ihre Lebensweise, ihre Sitten und Gewohnheiten scheinen im wesentlichen denen ihrer nördlichen Verwandten zu entsprechen. Wie diese unternimmt fie all: jährlich weite Wanderungen, um zu dem einmal erwählten Vermehrungsplatze, zur Rookerie, zu gelangen; wie diese verweilt sie auf den betreffenden Inseln monatelang, in der Absicht, ihre Jungen zur Welt zu bringen und sie die ersten Wochen ihres Lebens auf dem Lande zu bemuttern, um sich selbst zu paaren und wahrscheinlich auch zu hären, worauf sie von neuem das weite Meer durchschwimmt. Forster fand die felsigen Klippen in der Nähe des Neujahrshafens bedeckt mit Scharen dieser von den Schiffern ebenfalls Seelöwe genannten Ohrenrobbe, beobachtete deren Kämpfe um die Weibchen wie die Zärtlichkeit, mit welcher sich die Glieder einer Familie behandeln, die Liebkosungen, welche sie einander erweisen, trat ihnen feindlich entgegen und lernte sie als mindestens ebenso harmlose Gegner kennen, wie die nächsten Verwandten es find. Abbott traf mit ihnen auf den Falklandinseln zusammen und berichtet ebenfalls einiges über ihr Leben; Mu rie endlich fragte den zweifellos besten Kenner ihrer Lebensweise, Lecomte, einen alten französischen Matrosen, welcher jahrelang mit Mähnenrobben den innigsten Verkehr gepflogen hatte, soviel als möglich des von ihm Erkundeten über die Sitten und Gewohnheiten der Tiere ab und übertrug diese mühselig gewonnenen Nachrichten in lesbare Form.
Um welche Zeit die Mähnenrobben auf ihren Fortpflanzungsinseln ankommen, und wie lange sie hier verweilen, scheint bis jetzt noch nicht genügend festgestellt zu sein; aus den mir bekannten Nachrichten geht nur hervor, daß sie ebenso wie ihre Verwandten herdenweise eintreffen, auf dem Lande in Familien von 6— 20, regelmäßiger 10 —15, sich sondern, oft zwar mit ihresgleichen sich auf einem und demselben Landungsplatze vereinigen, demungeachtet aber sich nicht mit anderen Familien vermischen. Zahlreichere Trupps, als oben angegeben, werden selten bemerkt, scharen sich auch wohl nur dann, wenn das alte überwachende Männchen getötet und noch nicht durch ein anderes ersetzt worden ist. Solange fie auf dem Lande verweilen, bekunden fie die größte Abneigung, ohne dringende Veranlassung das Meer wieder aufzusuchen; Abbott vermochte nicht einmal durch hinabgerollte Steine sie zum Verlassen ihrer Plätze zu bewegen. Wurde ein Männchen aus der Herde von einem solchen Steine getroffen, so brüllte es zwar laut auf, begann auch wohl Streit mit einem Gefährten, in der Meinung, daß dieser die Störung verursacht habe, oder verschlang, wenn es möglich war, einfach den betreffenden Stein, rührte sich im übrigen aber nicht von der Stelle. Nach Lecomtes Beobachtungen wählen sie sich zu ihren bevorzugten Landungsplätzen in das Meer hinausragende Vorgebirge oder noch lieber Landengen zwischen größeren Inselteilen. Eins der alten Männchen erwirbt sich auch unter ihnen die unbedingte Herrschaft und übernimmt dann die Sorge um die Sicherheit der unterjochten Herde. Anscheinend ebenso unbehilflich, in That und Wahrheit aber ebenso geschickt wie die Verwandten, erklimmt es mit Leichtigkeit steile und hohe Felsen, welche ihm weite Umschau gewähren, erhebt bei dem geringsten Geräusche sein Haupt, sichert, wittert und läßt, sowie es etwas Verdächtiges wahrnimmt, ein grunzendes Gebrüll vernehmen, welches alle übrigen augenblicklich aus ihrer behaglichen Ruhe aufschreckt und nötigen Falls ins Wasser scheucht.
Das tägliche Leben verläuft sehr gleichförmig; denn es teilt sich zwischen Schlafen und Nahrungsuchen. Möglichst bequem hingelagert, geben sich alle Mähnenrobben einem träu-merischen Halbschlummer hin, und zwar ebensowohl während des Tages als während der Nacht, da sie nur die Flutzeit zum Fischen zu verwenden scheinen. Von größeren Inseln aus schwimmen fie zu diesem Zwecke mit Vorliebe in die Nähe der Flußmündungen und ver: weilen hier oft stundenlang, eifrig tauchend und jagend. Ihre Nahrung besteht aus Fischen und Krebstieren, welche sie, wenn sie im Fange glücklich waren, entweder über oder unter dem Wasser verschlingen. Lecomte glaubt, daß sie niemals trinken, und begründet diese Meinung auf die von ihm gemachte Erfahrung, nach welcher eine von ihm gefangen gehaltene Mähnenrobbe während eines ganzen Jahres keine andere als die ihr gereichten Fischen anhängende Flüssigkeit erhielt. Seehunde schlürfen nach den Beobachtungen dieses erfahrenen Mannes in langen Zügen Wasser ein, Ohrenrobben aber thun dies nie. Wie die Verwandten verschlingen auch die Mähnenrobben stets größere oder kleinere Steine, und zwar in verschiedener Menge; diese dienen ihnen, wenigstens nach der allgemein verbreiteten Meinung der Fangschiffer, einzig und allein als Ballast.
Die Stimme der alten und jungen Mähnenrobben ist sehr verschieden. Alte Männchen lassen gewöhnlich nur ein eben nicht lautes Gebrumm vernehmen, steigern ihre Stimme aber bei Erregung, zumal während der Fortpflanzungszeit, zu einem kräftigen, abgebrochenen Gebrüll; die Jungen blöken wie Schafe.
Nach Lecomtes Wahrnehmungen währt die Fortpflanzungszeit kaum länger als einen Monat; denn sie beginnt nicht vor Ende Februar und dauert nur bis Ende März. Nach Art anderer Robben kämpfen die Männchen mit heftiger Wut um die Weibchen, und manche von ihnen sehen infolgedessen ebenso zerfetzt aus wie ihre nördlichen Verwandten. Während der Kampfzeit verlieren sie ihr furchtsames Wesen oft gänzlich und stellen sich unter Umständen auch dem Menschen zur Wehre, wogegen sie sonst vor ihm regelmäßig die
Flucht ergreifen. Wird ein Männchen von einem anderen entschieden besiegt, so lebt es eine Zeitlang als Einsiedler und sucht sich oft tiefim Lande einen Lagerplatz. Die Weibchen sehen dem Streite zwischen zwei alten Recken anscheinend gleichgültig zu, bleiben auch immer ängstlich und scheu. Nachdem ein Männchen die unbedingte Oberherrschaft über eine Anzahl von Weibchen erworben, läßt es sich unter Umständen herbei, mit letzteren im Wasser zu spielen und zu kosen, soll sich jedoch nur auf dem Lande paaren. Nach etwa zehnmonatiger Tragzeit, auf den Falklandinseln etwa um Weihnachten, also im Hochsommer der südlichen Breiten, bringt das Weibchen sein einziges Junges zur Welt. Zum Wochenbette wählt es sich eine passende Stelle des Strandes, von welcher aus es die See leicht erreichen kann; doch geht das Junge in den ersten Tagen seines Lebens niemals in das Wasser. Neugeborene Mähnenrobben sind ebenso formlose, fette und plumpe Geschöpfe wie junge Hunde, auch nicht minder spiellustig als diese; denn wenn sie erst einmal ihre Scheu vor dem Wasser überwunden haben, suchen sie in Gemeinschaft mit anderen ihres Alters gern die von der Flut gefüllten Lachen am Strande auf und tummeln sich in ihnen nach Herzenslust umher. Nachdem sie ungefähr 3 Monate lang gesaugt haben, werden sie von der Mutter entwöhnt und gezwungen, für sich selbst zu sorgen, und führen nunmehr genau dieselbe Lebensweise wie ihre Erzeuger.