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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Seebär (Otaria ursina).

die See mit besonderer Heftigkeit brandet, und erwählen sich dann die unmittelbar über der höchsten Flutmarke gelegenen, möglichst wenig zugänglichen Felsen zu ihren zeitweiligen Wohnsitzen. Jedes alte Männchen kehrt so lange zu einer genau bestimmten Stelle zurück, als es sie zu behaupten vermag: Bryant wurde von den Eingeborenen der Pribylowinseln versichert, daß man auf der St. Paulinsel im Beringmeere einen an dem Fehlen einer Vorderflosse leicht kenntlichen Bullen 17 Jahre nacheinander auf demselben Blocke beobachtet habe. Elliott tritt dieser Behauptung entgegen. Ihm versicherten die Bewohner dieser Insel bloß, daß sie 3 Jahre lang einen alten Bullen zwar nicht genau auf demselben Blocke, aber doch in dessen Nähe beobachtet hätten. Er war kenntlich durch den Mangel einer Hinterflosse. Elliott wartete auf ihn im vierten Jahre, er erschien aber nicht. Es sind, um diese Frage zu entscheiden, in zwei verschiedenen Jahren beweiskräftige Versuche angestellt worden: es wurden je einer Anzahl an einer Stelle gelandeter Männchen die Ohren gestutzt. Die derartig gekennzeichneten Tiere fand man in den folgenden Jahren allenthalben auf der Insel verstreut an den verschiedensten Landungsplätzen wieder, wodurch erwiesen ist, daß die Tiere zwar die alten Rookeries wieder aufsuchen, nicht aber genau begrenzte und früher innegehabte Plätze

Nach den Beobachtungen Bryants dürfen sich junge, d. h. weniger als 6 Jahre alte Männchen wenigstens bei Tage nicht auf das Land wagen und schwimmen deshalb während der Landzeit fast beständig längs der Küste hin und her, höchstens des Nachts verstohlen landend, um ein wenig zu schlafen. Eine einzige Ausnahme von dieser Regel findet an solchen Stellen statt, wo eine längere Küstenstrecke zum Landaufenthalte gewählt wurde, weil hier zwischen den einzelnen zusammengehörigen Familien Verkehrswege frei bleiben, auf welchen die jüngeren Bärenrobben, unbelästigt von den alten, kommen und gehen dürfen, wie sie wollen, solange sie nicht seitlich abzuweichen versuchen.

Das Leben der Tiere während ihrer Landzeit verläuft etwa folgendermaßen. Ungefähr um Mitte April erscheinen einige alte männliche Bärenrobben in der Nähe der Inseln, halten sich hier etwa 2 oder 3 Tage auf, wagen sich auch wohl auf das Land und untersuchen, vorsichtig schnüffelnd, die gewohnten Plätze. Fällt diese Untersuchung befriedigend aus, so erklettern sie einen oder zwei Tage später höhere Stellen und legen sich hier, lauschend und spähend, mit erhobenem Haupte nieder. Die Eingeborenen der St. Paulinsel, welche die Sitten und Gewohnheiten der Tiere genau kennen, vermeiden es, sich während dieser Zeit zu zeigen, vermeiden auch, wenn der Wind von ihren Dörfern her nach der Seeküste weht, jeden unnützen Lärm und löschen selbst die Feuer aus, um den Kundschaftern keinen Anlaß zum Argwohn zu geben. Letztere verschwinden nach einiger Zeit; wenige Tage später erscheinen jedoch männliche Bärenrobben in kleiner Anzahl, und zwar alte wie junge. Erstere nehmen sofort ihre Plätze auf den Landungsstellen ein, hindern die Jungen an der Landung und zwingen sie, entweder im Wasser selbst oder an den von ihnen nicht eingenommenen Stellen der Insel Unterkunft zu suchen. Jedes alte Männchen beansprucht übrigens wenig mehr als etwa 25 Geviertmeter Raum, eben genug zum Schlaf- und Ruheplatze für sich, und 10— 15, manchmal auch nur 5, aber an den besten Plätzen sogar bis 40 und 45 Weibchen. Noch immer treffen tagtäglich andere Männchen ein, zwei-, drei-, vierund fünfjährige annähernd in derselben, jüngere in geringerer, ältere in größerer Anzahl. Letztere bahnen sich zu einem ins Auge gefaßten Lagerplatze mit um jo größerer Schwierigkeit einen Weg, je mehr von den passenden Stellen bereits von anderen in Besitz genommen worden find; denn jeder einzelne dieser Weibergebieter hält an feinen Stande fest und weicht nur der Gewalt. Irgend welches Anrecht wird von keinem anerkannt; der zuletzt erscheinende hat sich demnach zu begnügen oder um einen besseren Platz zu kämpfen.

Gegen den 15. Juni hin sind alle Männchen versammelt und alle passenden Plätze vergeben. Die alten Herren erwarten jetzt offenbar die Ankunft der Weibchen. Letztere

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erscheinen zuerst ebenfalls in kleiner Anzahl, im Verlaufe der Zeit jedoch in immer zunehmenden Scharen, bis um die Mitte des Juli alle Landungsplätze gefüllt oder überfüllt sind. Viele von den Weibchen scheinen bei ihrer Ankunft den Wunsch zu hegen, sich mit einem bestimmten Männchen zu vereinigen; denn sie klettern oft auf die äußeren Felsen, um von ihnen aus die Landungsplätze zu überschauen, lassen auch wohl ihren Lockruf vernehmen und lauschen, ob ihnen eine bekannte Stimme Antwort gibt. Wenn dies nicht der Fall ist, wechseln sie den Platz, verfahren ebenso wie früher und treiben dies so lange fort, bis eins der im Wasser schwimmenden jungen Männchen, eine Junggesellenrobbe, wie die Eingeborenen diese nennen, sich ihnen nähert und sie, oft gegen ihren Willen, an das Land jagt. Letzteres gehört offenbar zu den Pflichten besagter Junggesellenrobben. Sie schwimmen während des Tages längs der Küste auf und nieder, beobachten die ankommenden Weibchen und zwingen sie schließlich, an der felsigen Küste zu landen. Sobald sie diese betreten, nähert sich das nächstliegende Männchen, läßt einen Laut vernehmen, welcher an das Glucksen einer Henne erinnert, und sucht, der neuangekommenen Genossin freundlich zunickend und sie auch wohl liebkosend, allmählich zwischen sie und das Wasser zu gelangen, so daß sie nicht mehr zu entfliehen im stande ist. Sobald ihm dies gelungen, ändert er sein Betragen vollständig; denn anstatt der Liebkosungen erfährt das Weibchen beherrschenden Zwang: drohendes Gebrumm fordert es auf, einen der noch freien Plätze im Harem des gestrengen Männchens einzunehmen. In dieser Weise verfährt jeder männliche Seebär, bis der letzte Platz des von ihm behaupteten Lagergebietes besetzt ist. Damit endet jedoch seine anstrengende Arbeit nicht, weil die über ihm liegenden Bullen seine Rechte fortwährend schmälern, indem sie jeden günstigen Augenblick benutzen, um ihm Weiber zu stehlen. Dies geschieht einfach so, daß sie eins der Weibchen mit den Zähnen packen, es über die übrigen wegheben und, wie die Katze die Maus, nach dem eigenen Weiberzwinger schleppen. Die über ihnen liegenden Männchen verfahren genau in derselben Weise, und so währt das Einfangen und Stehlen der Weibchen fort, bis endlich alle Plätze besetzt sind. Nicht selten geraten zwei Männchen eines Weibchens halber in den heftigsten Streit; zuweilen auch geschieht es, daß beide gleichzeitig über den Gegenstand ihrer Eifersucht herfallen und ihn, wenn nicht in Stücke zerrei— ßen, so doch gefährlich verwunden. Nachdem jedweder Harem gefüllt ist, wandern die Männchen selbstgefällig auf und nieder, um ihre Familie zu überblicken, schelten die Weibchen, welche sich drängen oder die übrigen stören, und treiben wütend alle Eindringlinge davon. Diese Überwachung beschäftigt sie während der ganzen Zeit, welche sie auf dem Lande zubringen. Z3dwei oder drei Tage nach der Landung gebiert jedes Weibchen ein einziges, in höchst seltenen Fällen vielleicht auch zwei Junge. Der kleine Seebär kommt, wie alle Robben, in sehr entwickeltem Zustande und mit offenen Augen zur Welt, mißt bei der Geburt etwa 35 em und wiegt 1,5— 2 kg; er trägt ein von dem der alten verschiedenes, aus ungemein weichen, krausen Wollhaaren und ähnlichen Grannen bestehendes Kleid von schwarzer Färbung, welches er erst gegen Ende der Landzeit mit dem der alten vertauscht. In den ersten Wochen nach der Geburt verlassen die Weibchen ihre Jungen höchstens auf Augenblicke; dann aber gehen sie längere Zeit in das Meer, um Nahrung zu suchen. Bis dahin begleiten die Jungen ihre Mütter bei jeder Bewegung, welche diese auf dem Lande ausführen, sind aber während der ersten 4— 6 Wochen, laut Elliott, gänzlich unfähig, zu schwimmen, und ertrinken rettungslos, wenn sie infolge eines Zufalles ins Wasser geraten. Dann erst lernen sie allmählich und ungeschickt genug schwimmen, indem sie es den alten nachzuthun versuchen, anfangs aber immer schleunigst wieder aus dem Meere an das Land krabbeln. Mit der Zeit gewinnen sie Selbstvertrauen, wagen sich immer weiter hinaus und sind schließlich bis Mitte September ganz gewandte Schwimmer geworden. Nun sind sie auch

schon hübsch gewachsen, fett und rund, wiegen von 14— 18 kg und beginnen ihr Haar zu wechseln, ein Vorgang, der auf den Pribylowinseln etwa mit dem 20. Oktober beendet ist.

In welcher Regelmäßigkeit und Ordnung sich alle diese höchst merkwürdigen Vorgänge auf den Pribylowinseln jahraus und jahrein vollziehen, hat Elliott sehr genau geschildert. Die ersten alten Bullen erscheinen Anfang Mai; sie kommen, ohne Furcht und ohne Miß⸗ e8..n trauen zu zeigen, an das Land. Andere folgen, aber sie alle sind mit äußerst seltenen Ausnahmen mindestens 6 Jahre alt. Sie kämpfen miteinander um die besten Plätze, die gemeiniglich dem Meere am nächsten liegen, und fahren damit fort bis zum 10. oder 12. Juni, um welche Zeit der Grund und Boden der Rookeries nach dem Rechte des Stärkeren verteilt ist. Nun beginnen die Weibchen anzukommen, etwa vom 12. bis zum 15. Juni in sehr kleinen Trupps, dann zahlreicher, und vom 23. oder 25. Juni an in erstaunlicher Menge, so daß alle Harems schnell gefüllt werden. Bis zum 8. oder 10. Juli sind alle angelangt. In der Zeit vom 10. bis zum 15. Juli werden die meisten Jungen geboren, die letzten aber spätestens in den ersten Tagen des August. Alle Mütter haben mindestens das dritte Jahr zurückgelegt; die Tragzeit umfaßt nahezu 12 Monate. Da die Paarung fast unmittelbar auf die Geburt der Jungen erfolgt, ist die Fortpflanzungszeit Anfang August zu Ende; die alten Sultane beginnen ihre Plätze und ihre bis dahin eifersüchtig bewachten Weibchen zu verlassen und sich, abgemagert und geschwächt, in das Meer zu begeben. Infolge ihres Abzuges löst sich die bis dahin eingehaltene Ordnung in der Verteilung der gelandeten Tiere auf; alle bewegen sich frei durcheinander: Junge, Mütter und die minderjährigen Männchen, die Junggesellen, die sich bis dahin in den Paarungsgründen nicht blicken lassen durften. Zugleich breiten sich die Tiere über einen drei- und viermal so großen Raum landeinwärts aus wie vorher; namentlich die neugeborenen Jungen ziehen sich aus dem Gewimmel zurück und in große Herden zusammen. Am 8. bis 10. August beginnen die Jungen, die dem Wasser am nächsten sind, aus eigenem Antriebe schwimmen zu lernen, und bis zum 15. oder 20. September sind auch alle übrigen mit dieser Kunst vertraut. Von Mitte September an herrscht in allen Rookeries ein vollkommenes Durcheinander von kommenden, gehenden, ruhenden und sich vergnügenden Tieren. Ihre Landzeit geht zu Ende, sie ziehen ab und verweilen wieder 8 Monate lang im offenen Meere. In den letzten Tagen des Oktobers, spätestens in den ersten des Novembers, nachdem der Haarwechsel vorüber, haben die 5 und 6 Jahre alten Seebären die Inseln verlassen; die jüngeren und die neugeborenen folgen ihnen allmählich, obwohl auch viele noch wochenlang sich an ihrem Geburtsorte herumtreiben. Ende November sind auch diese abgezogen. Immerhin bleiben aber aus der ungeheuern Menge, außer den Hunderten von Toten, die, aus irgend welcher Ursache gestorben, auf den Landplätzen herumliegen, noch immer Nachzügler zurück, und von diesen hat man einzelne noch bis zum 12. Januar bemerkt.

In diesen alljährlich regelmäßig wiederkehrenden Versammlungen sind noch zwei besondere Abteilungen zu unterscheiden. Zunächst eine kleinere, bestehend aus den alten Bullen, die bei den Kämpfen schwer verletzt und von ihren Plätzen vertrieben worden sind oder solche überhaupt nicht erringen konnten. Sie rotten sich in Trupps zusammen und landen an unbesetzten Küstenstrecken, wo sie, abgesondert von den übrigen, mißmutig und mürrisch ihre Landzeit verbringen. Solche von verwundeten und vertriebenen Bullen besetzte Plätze nennt der Seemannswitz sehr treffend „Hospitale“. Die andere Abteilung ist ungleich zahlreicher und für die Fangleute am wichtigsten. Sie wird von den minderjährigen Männchen, den Junggesellen, gebildet, die auf den eigentlichen Paarungsgründen nicht geduldet werden und demzufolge bestimmte freie Stellen der Inselküsten zu ihren Landungsplätzen wählen oder, wo ihnen Verkehrswege durch die Paarungsgründe offen stehen, landeinwärts von diesen hausen. Diese Junggesellen liegen in ungeheuern Scharen bei einander, und da sie durch

keine Familienbande behindert werden, gehen sie auch nach Belieben ins Meer, um dort zu jagen und zu spielen. Sie sind die Meisterschwimmer unter allen Robben. Am Lande sind sie derartig vertraut, daß Menschen ruhig das Gewimmel durchschreiten können, ohne Aufregung oder gar kopflose Flucht hervorzurufen. So wird es begreiflich, daß es den Fangleuten leicht gelingt, eine beliebige Anzahl von ihnen abzusondern und nach ihrem Willen zu lenken: denn eben diese Junggesellen bilden die Beutetiere, die der Mensch um ihres wertvollen Pelzes willen an die Schlachtplätze treibt und dort erschlägt.

Seines ausgezeichneten Felles halber ist der Seebär ein noch wertvolleres Jagdtier als die übrigen Mitglieder seiner Familie. Die Eingeborenen der von ihm besuchten Inseln erlegen ihn allerdings auch seines Fleisches wegen, welches für sie einen wichtigen Teil ihres Unterhaltes bildet und selbst unter den Europäern als schmackhaft gilt. Auf den Pribylowinseln leben die Leute fast ausschließlich von Robbenfleisch und sind deshalb genötigt, während des Landaufenthaltes der Seebären und Seelöwen sich für das ganze Jahr zu versorgen. Solange gedachte Ohrenrobben auf dem Lande hausen, wird das Fleisch frisch erlegter Stücke verwendet, gleichzeitig aber auch der nötige Vorrat für den Winter eingeheimst. Dies geschieht einfach jo, daß man kurz vor dem Wegzuge der Ohrenrobben noch eine größere Menge erlegt und deren Fleisch entweder in der bei Beschreibung des Seelöwen geschilderten Weise trocknet, oder aber den ganzen Körper gefrieren läßt und so während des Winters aufbewahrt. Aus dem Fette wird zwar ebenfalls, jedoch in so geringer Menge Thran gewonnen, daß letzterer nur als Nebennutzung betrachtet werden kann. Den Hauptgewinn lieferte von jeher das Fell der jüngeren Tiere; man verfuhr jedoch bei der Erbeutung der Seebären ebenso kurzsichtig und sinnlos wie bei der Jagd anderer Seetiere überhaupt und rottete binnen wenigen Jahrzehnten so außerordentliche Mengen von jenen aus, daß einzelne früher von ihnen bevölkerte Inseln allmählich gänzlich verödeten. Auch auf den Pribylowinseln betrieb man die Jagd so rücksichtslos, daß schon im Anfange unseres Jahrhunderts von seiten der Russen besondere Gesetze erlassen werden mußten, um dem nicht zu entschuldigenden Unfuge zu steuern. Im Jahre 1803 häufte man auf Unalaschka nicht weniger als 800,000 Felle auf, von denen sieben Achtel verbrannt oder ins Wasser geworfen wurden, weil man sie nicht zubereiten konnte und den Preis nicht herabdrücken wollte. Infolge dieses unverantwortlichen Verfahrens nahmen die Seebären im ganzen Beringmeere in Besorgnis erregender Weise ab. Auf den Pribylowinseln erbeutete man im Jahre 1811 nur noch den zehnten Teil der eben genannten Anzahl, im Jahre 1816 sogar nur 3000 Stück. Gegenwärtig haben sich die Seebären wieder merklich vermehrt, und da man sie wenigstens einigermaßen schont, darf man jährlich etwa 200,000 Stück töten, ohne ihren Bestand zu vermindern. Von dieser Anzahl kommen etwa 100,000 auf die Pribylowinseln, der Rest auf Copper: und Beringeiland, die Robininseln im Ochotskischen Meere, auf die Küsten Kaliforniens, des Washingtonlandes, Südshetlands, Feuerlands, des deutschen Südwestafrikas (Lüderitzbucht) und andere von ihnen besuchte Plätze.

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