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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Auf den Falklandinseln werden die Mähnenrobben zwar ebenfalls gejagt, aber doch nicht in jo schonungsloser Weise verfolgt wie ihre Verwandten. Dies begründet sich einzig und allein darauf, daß sie einen weit geringeren Nutzen abwerfen als jene. Sie liefern ein ziemlich wertloses Fell und nur eine unbedeutende Menge von Speck, bezahlen daher kaum die Kosten, welche die von Europäern oder Weißen überhaupt betriebene Robbenschlägerei notwendigerweise verursacht. Die Feuerländer dagegen betrachten auch sie als nützliche Jagdtiere und stellen ihnen daher wenigstens dann und wann mit einem gewissen Eifer nach. Nach Philippi werden in Chile die Felle zur Herstellung der dort üblichen eigenartigen Küstenfahrzeuge, der Balsas (Schlauchflöße), verwendet.

Lecomte war überhaupt der erste, welcher eine lebende Mähnen- oder Ohrenrobbe nach Europa brachte. Der alte Seemann hatte als Robbenschläger die Tiere kennen und dabei so lieben gelernt, daß er wenigstens versuchen wollte, sie an die Gefangenschaft zu gewöhnen und womöglich zu zähmen. Zu seiner Überraschung gelang ihm beides weit besser, als er selbst geglaubt hatte. Anfänglich verlor er allerdings mehrere von den eingefangenen Stücken; einzelne aber blieben am Leben und wurden so außerordentlich zahm, daß sich bald ein wirkliches Freundschaftsverhältnis zwischen dem Pfleger und seinen Schutzbefohlenen herausbildete. Die Tiere lernten ihren Gebieter verstehen, erwiesen ihm eine außerordentliche Anhänglichkeit, gehorchten schließlich auf das Wort und ließen sich daher leicht zu verschiedenen Kunststückchen abrichten, welche um so größere Bewunderung erregen mußten, je weniger man dem anscheinend so plumpen Geschöpfe die von ihm dabei entfaltete Beweglichkeit und Gelenkigkeit zutrauen mochte. Infolge der Teilnahme, welche unser Schiffer mit seiner gezähmten Mähnenrobbe überall erweckte, beschloß er, sie in verschiedenen Städten zur Schau zu stellen, wurde aber leicht bewogen, sie an den Tiergarten in London abzutreten und hier fernerhin zu pflegen. Man errichtete ein weites und tiefes Becken mit einem inselähnlichen Gemäuer in der Mitte, verband beides mit einem Stalle und gestattete Lecomte, zur Unterhaltung der Besucher, nach Art der Tierbudenbesitzer, Schaustellungen zu geben. Mähnenrobbe und Pfleger gewannen bald die verdiente Anerkennung und zogen Tausende von Besuchern an. Ich selbst, obwohl eingenommen gegen alle derartigen Schaustellungen in Anstalten, welche in erster Reihe der Wissenschaft dienen sollen, wurde durch Lecomte, wenn auch nicht bekehrt, so doch im höchsten Grade gefesselt; denn ein ähnliches Verhältnis zwischen Mensch und Robbe hatte ich bis dahin noch nicht gesehen. Welcher von 99255 als das

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II.

anziehendere Schaustück des Tiergartens gelten durfte, blieb zunächst für mich fraglich; jedenfalls aber erkannte ich sofort, daß die Mähnenrobbe ohne Lecomte nicht halb soviel Anziehungskraft ausüben könnte und würde, als sie im Vereine mit dem Pfleger ausübte. Beide verstanden sich vollkommen; beide schienen die gleiche Zuneigung zu einander zu hegen; denn wenn man auch annehmen mußte, daß die Freundesliebe seitens der Robbe ernster gemeint war als von seiten Lecomtes, erhielt dieser den Zuschauer doch stets inanmutender Täuschung, und die Umarmungen, welche er seinem Pfleglinge zu teil werden ließ, schienen ebenso innig, die Küsse, welche er auf die rauhen Lippen des Seetieres drückte, ebenso heiß zu sein, als hätten sie einem geliebten Menschen gegolten. Die Mähnenrobbe that, was Lecomte mit kluger Berücksichtigung der Eigentümlichkeiten und des Wesens des Tieres befahl. Es handelte sich bei der von beiden gegebenen Darstellung für das Tier einzig und allein darum, einen Bissen Futters zu gewinnen; seine Kunstleistung beschränkte sich also darauf, aus dem Wasser herauszugehen, das Land, beziehentlich den inselähnlichen Ruheplatz in der Mitte zu erreichen, über ein verhältnismäßig schmales Brett wegzurutschen, den Schoß des Pflegers zu erklimmen, von den Lippen des letzteren einen wirklich vorhandenen oder vorgespiegelten Bissen zu nehmen und schließlich mit jähem Satze in das Wasser zu springen, um ein in das Becken geworfenes Fischchen herauszuholen; die Art und Weise aber, wie dies geschah, fiel nicht allein dem Laien, sondern auch dem geschulten oder erfahrenen Naturforscher auf.

Jede Bewegung des Tieres ist gänzlich verschieden von der eines Seehundes; denn die Mähnenrobbe oder, wie ich annehmen darf, jede Ohrenrobbe überhaupt, kriecht nicht in der Weise der Seehunde mühselig auf dem Boden fort, sondern geht, auf ihre breiten Flossen sich stützend, in höchst absonderlicher Weise dahin. Während sie im Liegen und im Schwimmen fast genau dieselbe Haltung annimmt wie der Seehund, diesen auch in der Fertigkeit, das Wasser zu beherrschen, in ihm blitzschnell fortzuschießen, sich zu drehen und zu wenden, kopfoberst oder kopfunterst auf- und niederzusteigen, über die Oberfläche sich zu erheben oder unter ihr zu versinken, kaum oder nicht überbietet, übertrifft sie ihn doch im Klettern wie im Gehen in außerordentlicher und höchst überraschender Weise. Um vom Wasser auf das erhöhte Land zu kommen, wirft sie sich, alle vier breiten Flossenfüße zu einem kräftigen Vorstoße gleichzeitig bewegend, förmlich springend über den Rand ihres Beckens weg, fällt aber nicht wie der Seehund auf den vorderen Teil der Brust, sondern auf die im Hand: teile umgeknickten Flossen, wie ein Mensch auf die beiden inneren Handflächen sich stützend, schreitet, eine Flosse um die andere langsam ein wenig vorwärts setzend, hierauf aus, zieht den hinteren Teil ihres Leibes nach, hebt sich auch auf die in gleicher Weise wie die vorderen gestellten Hinterbeine und watschelt nun, diese wie jene kreuzweise bewegend, schneller, als man erwarten könnte, vorwärts, hält sich auf schmalen Kanten mit vollster Sicherheit fest, schmiegt ihre Flossen jeder Unebenheit des Bodens an und klettert so, ohne ersichtliche Anstrengung, an sehr steilen Flächen empor, gelangt sonach auch mit Leichtigkeit in den Schoß des auf einem Stuhle sitzenden Pflegers und ist im stande, ihren ganzen Leib derart auf die Hinterfüße zu stützen, daß der vordere Teil eine viel größere Freiheit erlangt, als der Seehund jemals sie ausüben kann. Nur wenn sie auf ebenem Boden läuft, sieht sie des bei dieser Bewegung stark gekrümmten Rückens halber unschön, mindestens absonderlich aus;

7 .bei allen übrigen Bewegungen bilden die Umrisse ihres Leibes reichbewegte, angenehm ins ** N Auge fallende Linien. Sie vermag sich mit größter Leichtigkeit nach oben oder unten, nach 27— der einen oder anderen Seite zu biegen und bethätigt dabei eine Gelenkigkeit der Wirbelsäule, wie man fie sonst bei keiner mir bekannten Robbe bemerki.

Ob ihre höheren Begabungen dem eben Geschilderten entsprechen, lasse ich unentschieden, muß aber sagen, daß sie in dieser Beziehung ebenfalls einen sehr günstigen Eindruck

bei mir hinterlassen hat. Der Ausdruck des Gesichtes ist ein ebenso ansprechender wie der des Seehundes; das große, äußerlich wie innerlich sehr bewegliche Auge, dessen Stern nach den Beobachtungen Muries einer außerordentlichen Erweiterung und Verengerung fähig ist, deutet, wenn man es als Spiegel der Seele anzusehen wagen darf, auf einen wohlentwickelten Verstand, und das Betragen des Tieres straft diesen Eindruck nicht Lügen. Ich habe sehr viele Seehunde und unter ihnen auch solche beobachtet, welche von Schaustellern ihrer großen Zahmheit wegen umhergeführt und gezeigt wurden, unter ihnen allen aber meines Erinnerns keinen einzigen kennen gelernt, welcher mit Lecomtes Mähnenrobbe hätte verglichen werden können. Diese war so zahm, wie es ein ursprünglich freigeborenes Säugetier überhaupt werden kann; ihr Wärter durfte mit ihr beginnen, was er wollte: sie ließ sich alles gefallen, nicht allein ohne den geringsten Widerstand entgegenzusetzen, sondern indem sie dabei ein in Erstaunen setzendes Verständnis für die Vornahmen ihres Gebieters an den Tag legte. In der Willigkeit, auf alle Wünsche ihres Freundes einzugehen, erinnerte sie viel mehr an einen wohlgezogenen Hund als an eine Robbe. Man konnte nicht in Zweifel bleiben, daß sie einzelne Worte oder Befehle ihres Pflegers vollkommen verstand und ihnen entsprechend handelte: sie antwortete auf eine Ansprache, näherte sich ihrem Gebieter, wenn sie gerufen wurde, und führte auch verschiedene andere Befehle vollkommen entsprechend aus, kletterte auf Anfordern dem Manne auf den Schoß, näherte ihre Lippen den seinigen, warf sich auf den Rücken, zeigte ihr Gebiß, ihre Vorder- und Hinterflossen ꝛc., anscheinend ohne ihren Gebieter jemals mißzuverstehen. Alle diese „Arbeiten“ führte sie unverdrossen zu jeder Tageszeit aus, obgleich es zuweilen vorkommen mochte, daß sie zehn- und mehrmals im Laufe des Tages genau dasselbe thun, also ihre behäbige Ruhe aufgeben mußte. Irgend ein leckerer Bissen, in den meisten Fällen ein Stückchen Fisch, stand ihr allerdings jedesmal in Aussicht; sie zeigte sich jedoch wohlgenährt und keineswegs hungerig, schien vielmehr das ihr gereichte Fischchen nur als eine Belohnung anzusehen, welche sich für geleistete Arbeit von selbst verstand.

Lecomtes Begabung, mit dem Tiere umzugehen, war freilich ebenso überraschend wie die Leistung der Mähnenrobbe selbst. Er kannte seinen Pflegling genau, sah ihm etwaige Wünsche sozusagen an den Augen ab, behandelte ihn mit absichtlicher Zärtlichkeit, täuschte ihn nie und war ebenso bedacht, ihn niemals zu übermüden. So gewährten beide jedermann ein fesselndes Schauspiel, und die Mähnenrobbe wurde zu einem Zugstücke wie wenig andere Tiere des so reichen Gartens. Als das wertvolle Tier nach einer Reihe von Jahren starb, hatte es sich die Gunst der Besucher in so hohem Grade erworben, daß die Gesellschaft es für nötig fand, Lecomte nach den Falklandinseln zu senden, einzig und allein zu dem Zwecke, um andere Ohrenrobben derselben Art zu erwerben.

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Hechste Ordnung.

Die Kerfjüger (Insectivora).

Kleine Sohlengänger von meist auffallendem Äußeren, zeichnen sich die Kerfjäger durch den gestreckten Kopf und die rüsselförmig verlängerte Nase aus. Ihr Leib ist in der Regel gedrungen gebaut; die Vordergliedmaßen sind regelmäßig, der Schwanz bei einzelnen Arten kurz, die Hinterbeine oft lang, die Sinneswerkzeuge ebensowohl hoch ausgebildet wie verkümmert; die Bekleidung des Leibes durchläuft vom weichen Samtfelle bis zum Stachelgewande verschiedene Zwischenstufen. Im Gebisse finden sich alle drei Arten von Zähnen; die Vorderzähne aber sind in Anzahl und Form bei den einzelnen Familien und Gattungen wesentlich verschieden, die Eckzähne erreichen bei einzelnen auffallende Größe und sind bei anderen kleiner als die Schneidezähne, und nur die Backenzähne stimmen insofern überein, als die vorderen von ihnen ein-, die hinteren dagegen mehrspitzig sind. Wie bei den Fledermäusen vertritt der hinterste einspitzige Backenzahn den Reißzahn der Raubtiere, und es werden somit die vor ihm stehenden Backenzähne als Lückenzähne, die hinter ihm stehenden als Höcker⸗ oder Mahlzähne angesprochen. Der Schädel ist meist gestreckt kegelförmig, die knöcherne Augenhöhle nur bei wenigen geschlossen, der Jochbogen bei einzelnen nicht entwickelt, der Schädelgrund bei einigen eben, bei anderen stellenweise häutig; die Gelenkgruben des Unterkiefers richten sich mit ihrem unteren Ende nach vorn. Das Schulterbein ist stets wohlentwickelt, das in der Regel platte Brustbein bei einzelnen Gattungen mit vorspringendem Kamme versehen; die Anzahl der Wirbel und Rippen schwankt erheblich; Schien- und Wadenbein verwachsen oft am unteren Ende. An den Füßen finden sich meistens fünf Zehen; aber die Entwickelung dieser wie der Hand- und Fußwurzeln ist sehr verschieden. Unter den Muskeln verdient der bei einzelnen Arten besonders ausgebildete Hautrollmuskel der Erwähnung. Ein Blinddarm fehlt meistens. Das Gehirn ist dem der Flattertiere ähnlich und verhältnismäßig klein; die windunglosen Hemisphären des Großhirns lassen das kleine Gehirn unbedeckt. 5 Mit dieser Gehirnbildung stehen die geistigen Fähigkeiten und die Lebensweise im Einklange. Die Kerbtierfresser sind stumpfe, mürrische, mißtrauische, scheue, die Einsamkeit liebende und heftige Gesellen. Bei weitem die meisten leben unterirdisch, grabend und wühlend oder wenigstens in sehr tief verborgenen Schlupfwinkeln sich aufhaltend; einige bewohnen jedoch auch das Wasser und andere die Bäume. Durch ihre erstaunliche Thätigkeit thun sie der Vermehrung der schädlichen Kerfe und Würmer, der Schnecken und anderer niederer Tiere, selbst auch der Ausbreitung mancher kleiner Nager wesentlichen Abbruch. Sie sind also fast ohne Ausnahme höchst nützliche Arbeiter im Weinberge, werden jedoch nur von dem Naturkundigen erkannt und geachtet; die große Menge verabscheut sie. Man sieht hierin,

wie Vogt jagt, jo recht die Wahrheit des alten Sprichwortes, daß die Nacht keines Menschen Freund ist: „Was nur irgend in der Dunkelheit fleugt und kreucht, wird von dem Volksgefühle schon ohne weitere Untersuchung gehaßt, und es hält außerordentlich schwer, der Allgemeinheit die Überzeugung beizubringen, daß die Späher und Häscher, welche dem im Dunkeln schleichenden Verderber auf die Spur kommen wollen, auch den Gängen desselben nachspüren müssen und nicht am hellen Tageslicht ihrer Verfolgung obliegen können. Ein Blick in den geöffneten Rachen eines Kerfjägers überzeugt uns unmittelbar, daß diese Tiere nur Fleischfresser sein können, noch fleischfressender, wenn man sich so ausdrücken darf, als Katzen und Hunde, welche das System vorzugsweise Fleischfresser nennt. Die beiden Kiefern starren von Spitzen und geschärften Zacken; dolchähnliche Zahnklingen treten bald an der Stelle der Eckzähne, bald weiter hinten über die Ebene der Kronzacken hervor; scharfe Pyramiden, den Spitzen einer auf zwei Reihen doppelt geschärften Säge ähnlich, wechseln mit Zahnformen, welche den Klingen der englischen Taschenmesser nicht unähnlich sind. Die ganze Einrichtung weist darauf hin, daß die Zähne dazu bestimmt sind, selbst hartschalige Insekten, wie Käfer, zu packen und zu halten. Diese Charaktere können nicht trügen, denn,

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