Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Gerippe der Wasserspitzmaus. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
wie Savarin, der berühmte französische Gastronom, den Satz aufstellen konnte: ‚Sage mir, was du issest, und ich sage dir, was du bilt‘; fo kann man auch von den Säugetieren sagen: „Zeige mir deine Zähne, und ich sage dir, was du issest und wer du bist'. Der Kerbtierfresser kaut und mahlt nicht mit seinen Zähnen; er beißt und durchbohrt nur. Seine Zahnkronen werden nicht von obenher abgerieben, sondern nur geschärft durch das seitliche Ineinandergreifen der Zacken des Gebisses. Man nehme sich nur die Mühe, das Gebiß eines kleinen Nagers, z. B. einer Ratte, mit demjenigen eines Maulwurfs zu vergleichen, und das unterscheidende Gepräge beider wird mit größter Bestimmtheit in die Augen springen. Das Gebiß einer Spitzmaus, zu den Maßen desjenigen eines Löwen vergrößert, würde ein wahrhaft schauderhaftes Zerstörungswerkzeug darstellen.“
Ich glaube nicht, daß man den Nutzen, welchen diese Tiere dem Menschen bringen, mit weniger Worten und schärfer bezeichnen könnte, als es Vogt hier gethan hat. Und nicht bloß er allein hat auf diesen Nutzen hingewiesen, sondern schon viele Naturforscher vor ihm. Aber gegen das einmal eingewurzelte Vorurteil der Menschen läßt sich leider schwer ankämpfen, und traurigerweise ist der Satz nur zu tief begründet, daß der Mensch oft gerade das, was ihm den meisten Nutzen bringt, durchaus nicht anerkennen will. Man verfolgt die kleinen Wühler ihrer unschönen Gestalt, ihrer Lebensweise wegen, wo man sie antrifft, und vergißt dabei gänzlich, was sie leisten, was sie sind. Anders freilich wird derjenige handeln, welcher sich mit ihrem Leben näher beschäftigt. Er findet so vieles, was ihn anzieht und fesselt, daß er sehr bald die unschöne Körpergestalt vergißt und ihnen allen nun seine größte Teilnahme und Unterstützung zukommen läßt.
Mehrere Kerbtierräuber halten einen Winterschlaf und würden zu Grunde gehen, wenn die Natur nicht in dieser Weise für ihre Erhaltung gesorgt hätte. Mit der eintretenden Kälte
macht das niedere Tierleben gewissermaßen einen Stillstand, und Tausende und andere Tausende der unseren Räubern zur Nahrung bestimmten Geschöpfe schlummern entweder in den ewigen Schlaf oder wenigstens in einen zeitweiligen hinüber; damit verödet die Erde für die Feinde der Kerbtiere, und sie müssen jetzt, weil sie nicht wandern können wie die Vögel, dem Vorgange jener gewissermaßen Folge leisten. So ziehen fie sich denn nach den ver: borgensten Schlupfwinkeln zurück oder bereiten sich selbst solche und fallen hier in den tiefen Winterschlaf, welcher, wie wir oben kennen lernten, zeitweilig fast alle Regungen des Lebens aufhebt und somit ihrem Leibe bis zum neuen Erwachen die Lebensthätigkeit erhält. Doch schlafen nur diejenigen Arten der Ordnung, welche weniger als die übrigen Räuber sind, d. h. welche neben der tierischen Nahrung auch Pflanzenstoffe fressen, während gerade die eifrigsten Kerbtierräuber im Winter wie im Sommer ihrem Gewerbe nachgehen. Unter dem Schnee oder unter der Erde wie in der Tiefe des Wassers währt auch im Winter noch das Leben, das Rauben und Morden fort; dasselbe ist selbstverständlich ebenso in den Ländern der Fall, in denen es einen ewigen Sommer oder wenigstens keinen Winter mit erstarrender Kälte gibt.
Die Kerfjäger finden sich hauptsächlich in den gemäßigten Ländern des Nordens und fehlen in Südamerika sowie in Australien gänzlich. Wasserreiche oder doch feuchte Waldungen, Haine, Pflanzungen und Gärten bilden für sie Lieblingswohnsitze, von denen sie sich kaum jemals trennen. Hier treiben sie still und geräuschlos ihre Jagd, weitaus die meisten bei Nacht, einige aber auch angesichts der Sonne. Im Verhältnis zu ihrer Größe sind sie als überaus gefräßige Tiere zu bezeichnen, und hiermit im Einklange stehen Raubgier und Mordsucht, welche fast alle bethätigen. Einzelne überfallen Tiere von viel bedeutenderer Größe, als sie selbst sind, stehen also hierin den Katzen und Hunden nicht im geringsten nach. Ihre Fortpflanzung fällt in die Frühlingsmonate der betreffenden Heimat; die Anzahl der Jungen schwankt zwischen 1 und 16. Für den menschlichen Haushalt haben die meisten Arten nur mittelbare Bedeutung. Einige werden gegessen, andere auch wohl zur Vertilgung von Mäusen in Gefangenschaft gehalten; hierauf beschränkt sich die unmittelbare Nutzung der im ganzen wenig beachteten Genossenschaft. g
Über die Einteilung der Kerbtierfresser sind die Ansichten der Forscher verschieden. Wir nehmen sieben Familien an und belassen auch ein merkwürdiges Tier der malayischen Inselwelt, den Pelzflatterer, unserer Ordnung.
Die Igel (Erinaceidae), welche wir obenanstellen, sind so ausgezeichnete Tiere, daß auch die kürzeste Beschreibung genügt, sie zu kennzeichnen. Ein aus 36 Zähnen bestehendes Gebiß und ein Stachelkleid sind die wichtigsten Merkmale der wenigen Arten, welche wir als wirkliche Angehörige der Familie betrachten. Alle Igel haben gedrungen gebauten Leib, nicht besonders langen, obgleich am Schnauzenteile zu einem Rüssel ausgezogenen Kopf mit mäßig großen Augen und ziemlich großen Ohren, kurze und dicke Beine mit plumpen Füßen, deren vordere stets fünf und deren hintere meist ebenso viele, ausnahmsweise vier Zehen tragen, einen kurzen Schwanz und ein starres, oberseits aus kurzen Stacheln, unterseits aus Haaren bestehendes Kleid. Von ihren Ordnungsverwandten unterscheidet sie bestimmt das Gebiß. In dem breiten Zwischenkieferknochen stehen oben jederseits 3 Vorderzähne; dann folgen oben 7, unten 5 Backenzähne, von denen die letzten 5, beziehungsweise 4 mehrspitzig, die übrigen einspitzig sind; Eckzähne sind nicht unterscheidbar. An dem kurzen und gedrungenen, allseitig verknöcherten Schädel ist der Jochbogen vollständig. Die Wirbelsäule besteht außer den Halswirbeln aus 15 rippentragenden, 9 rippenlosen, 3 Kreuz- und 14 Schwanzwirbeln. Die
Unterschenkelknochen sind verwachsen. Unter den Muskeln verdielst der Hautmuskel, welcher das Zusammenrollen des Igels bewerkstelligt und mit seinen verschiedenen Teilen fast den ganzen Leib umgibt, besonderer Erwähnung.
Die Familie verbreitet sich über Europa, Afrika und Asien. Wälder und Auen, Felder und Gärten, ausgedehnte Steppen sind die hauptsächlichsten Aufenthaltsorte ihrer Glieder. Hier schlagen die Igel in den dichtesten Gebüschen, unter Hecken, hohlen Bäumen, Wurzeln, im Felsengeklüfte, in verlassenen Tierbauen und an anderen Orten ihren Wohnsitz auf oder graben sich selbst kurze Höhlen. Sie leben den größten Teil des Jahres hindurch einzeln oder paarweise und führen ein vollkommen nächtliches Leben. Erst nach Sonnenuntergang ermuntern sie sich von ihrem Tagesschlummer und gehen ihrer Nahrung nach, welche bei den meisten in Pflanzen und Tieren, bei einigen aber ausschließlich in letzteren besteht. Früchte, Obst und saftige Wurzeln, Samen, kleine Säugetiere, Vögel, Lurche, Kerfe und Larven, Nacktschnecken, Regenwürmer ꝛc. sind die Stoffe, mit welchen die freigebige Natur ihren Tisch deckt. Ausnahmsweise wagen sich einzelne auch an größere Tiere, stellen z. B.den Hühnerarten oder jungen Hasen nach. Sie sind langsame, schwerfällige und ziemlich träge, auf den Boden gebannte Kerfjäger, welche beim Gehen mit der ganzen Sohle auftreten. Unter ihren Sinnen steht der Geruch obenan; aber auch das Gehör ist scharf, während Gesicht und Geschmack sehr wenig ausgebildet sind und das Gefühl eine Stumpfheit erreicht, welche geradezu ohne Beispiel dasteht. Die geistigen Fähigkeiten stellen die Igel ziemlich tief. Sie sind furchtsam, scheu und dumm, aber ziemlich gutmütig oder besser gleichgültig gegen die Verhältnisse, in denen fie leben, und deshalb leicht zu zähmen. Die Mütter werfen 3—8 blinde Junge, pflegen sie sorglich und zeigen bei deren Verteidigung sogar einen gewissen Grad von Mut, welcher ihnen sonst gänzlich abgeht. Die meisten haben die Eigentümlichkeit, sich bei der geringsten Gefahr in eine Kugel zusammenzurollen, um auf diese Weise ihre weichen Teile gegen etwaige Angriffe zu schützen. In dieser Stellung schlafen sie auch. Die, welche in den nördlichen Gegenden wohnen, bringen die kalte Zeit in einem ununterbrochenen Winterschlafe zu, und diejenigen, welche in den Gleicherländern wohnen, schlafen während der Zeit der Dürre. Der unmittelbare Nutzen, welchen sie den Menschen bringen, ist gering. Gegenwärtig wenigstens weiß man aus einem erlegten Igel kaum noch etwas zu machen. Größer aber wird der mittelbare Nutzen, welchen sie durch Vertilgung einer Masse schädlicher Tiere leisten. Aus diesem Grunde verdienen sie, anstatt der sie gewöhnlich treffenden Verachtung, unsere vollste Teilnahme und den ausgedehntesten Schutz.
Wenn an den ersten warmen Abenden, welche der junge, lachende Frühling bringt, alt und jung hinausströmt, um sich in den während des Winters verwaisten und nun neuerwachenden Gärten, Hainen und Wäldchen neue Lebensfrische zu holen, vernimmt der Aufmerksamere vielleicht ein eigentümliches Geräusch im trockenen, abgefallenen Laube, gewöhnlich unter den dichtesten Hecken und Gebüschen, wird auch, falls er hübsch ruhig bleiben will, bald den Urheber dieses Lärmens entdecken. Ein kleiner, kugelrunder Bursche mit merkwürdig rauhem Pelze arbeitet sich aus dem Laube hervor, schnuppert und lauscht und beginnt sodann seine Wanderung mit gleichmäßig trippelnden Schritten. Kommt er näher, so bemerkt man ein sehr niedliches, spitzes Schnäuzchen, gleichsam eine nette Wiederholung des gröberen und derberen Schweinsrüssels vorstellend, ein Paar klare, freundlich blickende Auglein und einen Stachelpanzer, welcher die ganzen oberen Teile des Leibes bedeckt, ja auch an den Seiten noch weit herabreicht. Das ist unser, oder ich will eher sagen mein lieber Gartenfreund, der Igel, ein zwar beschränkter, aber gemütlicher, ehrlicher, treuherziger Gesell, welcher harmlos in das Leben schaut und nicht begreifen zu können scheint, daß der Mensch
“N ni: |
so niederträchtig sein kann, ihn, welcher sich so hohe Verdienste um das Gesamtwohl erwirbt, nicht nur mit allerlei Schimpfnamen zu belegen, sondern auch nachdrücklich zu verfolgen, ja aus reiner Bubenmordlust sogar totzuschlagen.
Unser Igel (Erinaceus europaeus) ist bald beschrieben. Der ganze Körper mit all seinen Teilen ist sehr gedrungen, dick und kurz, der Rüssel spitzig und vorn gekerbt, der Mund weit gespalten; die Ohren sind breit, die schwarzen Augen klein. Wenige schwarze Schnurren stehen im Gesichte unter den weiß- oder rotgelb, an den Seiten der Nase und Oberlippe aber dunkelbraun gefärbten Haaren; hinter den Augen liegt ein weißer Flecken. Das Haar am Halse und Bauche ist lichtrot-gelblichgrau oder weißgrau; die Stacheln sind gelblich, in der Mitte und an der Spitze dunkelbraun; in ihre Oberfläche find feine Längsfurchen, 24—25 an der Zahl, eingegraben, zwischen denen sich gewölbte Leisten erheben; das Innere zeigt eine mit großen Zellen erfüllte Markröhre. Die Länge des Tieres beträgt 25—30 cm, die des Schwanzes 2,5 cm, die Höhe am Widerriste ungefähr 12—15 cm. Das Weibchen unterscheidet sich vom Männchen außer seiner etwas bedeutenderen Größe durch spitzigere Schnauze,
DLN
IN N
Gerippe des Igels. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
stärkeren Leib und lichtere, mehr grauliche Färbung; auch ist die Stirn bei ihm gewöhnlich nicht so tief herab mit Stacheln besetzt, und der Kopf erscheint hierdurch etwas länger. An den meisten Orten unterscheiden die Leute zwei Abarten des Igels: den Hundsigel, welcher eine stumpfere Schnauze, dunklere Färbung und geringere Größe haben soll, und den Schweinsigel, dessen hauptsächlichste Kennzeichen in der spitzigeren Schnauze, der helleren Färbung und der bedeutenderen Größe liegen sollen. Diese Unterschiede beruhen offenbar bloß auf zufälligen Eigentümlichkeiten; auch stimmen die Ansichten der so fein unterscheidenden naturkundigen Alleswisser keineswegs überein, und wenn man der Sache genau auf den Grund geht, wird man regelmäßig mit geheimnisvollen Bemerkungen abgespeist, aus denen, trotz aller Bemühungen, kein Sinn zu entnehmen ist. „Ich erinnere mich noch sehr wohl“, sagt Vogt, „daß mir die Bauern in der Wetterau, in dem Geburtsdorfe meines Vaters, wo wir gewöhnlich die Ferien zubrachten, mit Abscheu von den Franzosen erzählten, sie hätten sogar Hundsigel am Spieße gebraten und mit großer Befriedigung verzehrt. Wir suchten damals alle Igel zusammen, deren wir habhaft werden konnten, um den Unterschied kennen zu lernen: der alte Bauer aber, welcher unser Orakel war, erklärte sie insgesamt für uneßbare Hundsigel und fügte endlich mit boshaftem Lächeln hinzu, daß die Schweinsigel wohl viel eher an anderen Orten als im Felde zu finden seien.“
Das Verbreitungsgebiet des Igels erstreckt sich nicht bloß über ganz Europa, mit Ausnahme der kältesten Länder, sondern auch über den größten Teil von Nordasien: man findet
ihn in Syrien wie in West- und Südostsibirien, und zwar in einem Zustande, welcher von großer Behäbigkeit zeugt; denn er erlangt dort wie in der Krim eine viel bedeutendere Größe als bei uns. In den europäischen Alpen kommt er bis zum Krummholzgürtel, einzeln bis über 2000 m über dem Meere vor, im Kaukasus steigt er noch um 1000 m höher empor. Er findet sich ebensowohl in flachen wie in bergigen Gegenden, in Wäldern, Auen, Feldern, Gärten, und ist in ganz Deutschland eigentlich nirgends selten, aber auch nirgends häufig. Weit zahlreicher tritt er in Rußland auf, wo er, wie es scheint, besonders geschont wird und Fuchs und Uhu, seine Hauptfeinde aus dem Tierreiche, so viele andere Nahrung haben, daß sie ihn in Frieden lassen können. Laubholz mit dichtem Gebüsche oder faule, an der