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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 22

unternehmend, hier jahraus jahrein dasselbe Gebiet bewohnend, an den meisten Orten unablässig und unerbittlich verfolgt, an einzelnen Stellen bereits vertrieben von dem hab-gierigen Menschen, welcher fie ihres Felles, Fleisches und Fettes halber schon seit Jahrhunderten befehdet und zu Tausenden schlachtet und vernichtet. Ihr Wesen und Gebaren, ihre Sitten und Gewohnheiten, ihr geselliges Leben, ihre Kämpfe während der Fortpflanzungszeit, die Gefahren und das Elend, welches der Mensch über sie verhängt, lehren uns die nachstehend beschriebenen Arten zur Genüge kennen.

Die Ohrenrobbe, von der fast jeder Besucher San Franciscos zu erzählen weiß, ist der

Seelöwe der Matrosen (Otaria stelleri, Phoca und Eumetopias stelleri, E. californiana, Arctocephalus monteriensis), eine uns schon seit Stellers Zeiten wohlbekannte Art der Familie. Der männliche Seelöwe kann eine Länge von 4m und einen Umfang von annähernd 3 m erreichen; ob Riesen von 5 m Länge und darüber vorkommen, ist durch sichere Messungen nicht erwiesen. Das durchschnittliche Gewicht gibt Elliott zu 600 kg an. Die Weibchen sind bedeutend schwächer, erreichen nicht eine Länge von 3 m und übersteigen selten ein Durchschnittsgewicht von 200 kg. In seinem Leibesbaue weicht unser Tier weniger von den Seehunden ab als andere Arten seiner Familie, läßt sich jedoch ebensowenig wie diese mit jenen verwechseln; denn auch abgesehen von der bezeichnenden Gestaltung der Beine und Füße, unterscheidet es sich sofort durch den gestreckten Kopf und Hals und durch seine in der Erregung stolze und gebietende Haltung. Das Auge erscheint groß und ausdrucksvoll, aber nur, wenn das Tier erregt wurde; das Ohr ist hohlwalzig, an der Wurzel in eine scharfe Spitze ausgezogen und mit kurzen, feinen Haaren bedeckt. Auf der Oberlippe stehen zwischen 30—40 biegsame, weiße oder gelblichweiße Schnurrborsten, von denen einzelne bis 45 em Länge erreichen. Die Gliedmaßen, welche die dreifache Thätigkeit der Beine, Füße und Flossen vertreten müssen, aber trotz ihrer Entwickelung noch immer weit mehr für Bewegung im Wasser als für eine solche auf dem Lande sich eignen, sind größtenteils mit einer rauhkörnigen Haut bedeckt, während der Leib in ein nirgends sich verlängerndes, kurzes, hartes und glänzendes Haarkleid gehüllt ist. Die Färbung des alten Männchens ändert vielfach ab, da man auf demselben Felsen schwarze, nur hier und da infolge weißer Haarspitzen licht gesprenkelte oder rötlichbraune, düstergraue und lichtgraue Stücke findet, auch wohl in einer und derselben Herde helle mit dunkeln Füßen, dunkel gefleckte, graue mit dunklem Halse und hellem Kopfe bemerkt. Das alte Weibchen ist in der Regel gleichmäßiger und zwar gewöhnlich lichtbraun gefärbt; die Jungen endlich tragen ein schieferfarbenes oder grauschwarzes Gewand, welches bei den Jährlingen in Nußbraun übergeht.

Die Verbreitung der Seelöwen erstreckt sich auf die nördliche Hälfte des Stillen Ozeans, in den östlichen Teilen bis zum Gleicher, etwa bis zu den Galapagos- oder Schildkröteninseln herabreichend. Ihre Vermehrungs- oder Paarungsplätze, die „Rookeries“ der englischen Fangschiffer, wo fie regelmäßig alljährlich zu Tausenden oder in kleineren Gesellschaften erscheinen, landen und Junge bringen, liegen, nach Elliott, hauptsächlich zwischen dem 53. und 57. Grade nördlicher Breite und zwar sowohl auf dem Festlande von Amerika und Asien als auch auf den meisten innerhalb dieses Gürtels gelegenen Inseln. Außerhalb des bezeichneten Gürtels, und zwar weit entfernt im Süden, bestehen verhältnismäßig unbedeutende Rookeries bloß noch am Eingange des Hafens von San Francisco und weiter abwärts an einigen Stellen Niederkaliforniens und den davor liegenden Inseln. Übrigens sind nur die wenigsten von den Tieren, die man in der Nähe von San Francisco sieht, echte Seelöwen, die meisten gehören zu einer anderen Robbenart (Zalophus californianus), werden aber gewöhnlich mit jenen zusammengeworfen; sie sind viel kleiner und bellen bloß „uk, uk“, anstatt so laut zu brüllen wie die wenigen mit ihnen vermischten Seelöwen.

„Eine äußerst breite und nicht minder staubige Straße“, schreibt Finsch, „führt durch öde, spärlich bewachsene Dünen, deren Sand in fortwährender Bewegung ist und die Luft zuweilen nebelartig verhüllt, in etwa dreiviertel Stunden nach dem ‚Klippenhaufe‘, einer hart am Felsgestade des Stillen Weltmeeres belegenen Gastwirtschaft, welche einer der bevorzugten Ausflugsorte der Bewohner San Franciscos ist. Schon von fernher dröhnt das Rauschen der gewaltigen Brandung in das Ohr des dem Klippenhause sich nahenden Besuchers, zugleich aber auch ein absonderliches Gebell, welches sich verstärkt und vervielfältigt,

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Seelöwe (Otaria stelleri). "so natürl. Größe.

je näher man kommt. Durch dieses Gebell geleitet, bemerkt man auf drei hohen kegelförmigen, kaum mehr als 150 Schritt vom Ufer entfernten Klippen, deren unterer Teil hier und da senkrecht aus dem Meere aufsteigt, und an denen die Brandung sich tosend bricht, reges Leben. Einige 60 ungeheure Seetiere lagern auf den größeren abschüssigen Felsen der Klippe in Gruppen bis zu 15 Stück oder einzeln, in Spalten oder auf den schmalen Felsgesimsen behaglich hingestreckt, gleichsam beherrscht von einem oben auf der Spitze thronenden, unter dem Namen ‚Ben Butler‘ allen Friscoern wohlbekannten mächtigen Bullen. Zuweilen erhebt dieser sein Haupt, bläht den dicken Hals gewaltig auf und läßt sein tiefes Bellen erschallen, in welches nicht allein die schwächeren, feineren und höheren Stimmen aller übrigen Genossen, sondern auch das heisere Kreischen der zahlreichen Möwen oder das Krächzen der in langen Reihen auf den Felsgesimsen und einzelnen Klippen und Spitzen

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Seelöwe (Otaria stelleri). "so natürl. Größe.

sitzenden Scharben sowie der dumpfe Baßton brauner Pelikane sich einmischt, deren Kot-ablagerungen gleich weißgetünchten langen Streifen von der dunkeln Felsenwand abstechen. Gefesselt durch das überraschende Schauspiel, beobachtet selbst der gleichgültigste Besucher längere Zeit die so verschiedenen Tiere und lernt dann zu seiner Verwunderung erkennen, wie die anscheinend so plumpen und ungelenken Riesen die höchsten Spitzen der Klippe erklimmen. Freilich geht dies langsam; doch wissen fie ihren langgestreckten Leibin eigen: tümlich schlangenartiger Weise fort- und aufwärts zu winden und das Hinaufklettern durch die seitlich ausgestreckten und ausgebreiteten Hinterbeine so zu unterstützen, daß sie ihr Ziel dennoch erreichen. Im Zustande der Ruhe ähneln die Tiere riesigen dunkeln Nacktschnecken, liegen jedoch im Schlafe zuweilen auch hundeartig zusammengerollt, die Schnauze dicht an den Bauch gelegt. Ist schon die Beweglichkeit der schweren Körpermasse auf dem Lande eeR:e. überraschend, so entfalten diese Robben sie doch erst im Wasser vollständig. Oft sieht man sie in das Meer stürzen, indem sie sich einfach an der sanft absteigenden Felswand herabgleiten lassen oder von einer höheren Zinne springend herabwerfen. Delphinartig treiben sie dann ihr Spiel in den Wellen, werfen sich blitzschnell herum, so daß der Bauch nach oben kommt, springen zuweilen förmlich aus dem Wasser heraus, spielen miteinander, verfolgen sich, tauchen unter, beugen sich in die Tiefe oder über den Wasserspiegel und geben sich den Anschein, als kämpften sie wütend miteinander, obgleich in Wahrheit solche Kämpfe nichts anderes sein dürften als eitel Schein und Spielerei, ebenso wie die Beißereien auf dem Lande auch nicht viel auf sich haben. Erbost sperren zwei von ihnen den gewaltigen Rachen auf, brüllen sich furchtbar an, als ob der ernsteste Kampf eingeleitet werden sollte, legen sich aber bald darauf friedlich wieder nebeneinander nieder und beginnen sich vielleicht sogar gegenseitig zu lecken. Stundenlang kann man dem ewig wechselnden Schauspiele zusehen, und immer wird man etwas Neues beobachten und entdecken. „Ganz anders verhielten sich Tiere der nämlichen Art auf den Farrallonesinseln, den mächtigen Marksteinen an der Einfahrtstraße nach San Francisco, welche ich mit Kapitän Scammon an Bord des amerikanischen Kriegsschiffes Wyanda durchfuhr. An den südlichen, seltsam aufgebauten Felsgestaden gedachter Inseln sahen wir Herden von 50 und mehr dieser Robben, welche sich indes vorsorglich dahin zurückzogen, wo die Brandung am ärgsten toste. Hier lagen sie dicht gedrängt, vom weißen Schaume der Wellen überspritzt, unerreichbar als Jagdbeute, aber nicht für die Kugeln aus unserer Standbüchse. Trotz der bedeutenden Entfernung wurde ein Schuß unter die brüllende Schar gesandt und übte eine zauberhafte Wirkung aus: denn fast gleichzeitig stürzte sich die gesamte Masse in das Meer, und in den nächsten Stunden war die ganze untere Fläche des Felsens wie abgekehrt. Erst viel später sahen wir mit Hilfe des Glases, wie die gestörten Robben ihre Ruheplätze wieder aufsuchten. Der auffallende Unterschied in dem Betragen dieser Tiere erklärt sich, wenn man weiß, daß sie hier, im Eingange der Bucht von San Francisco, vogelfrei sind, während sie an den Klippen des gedachten Wirtshauses unter dem Schutze des Staates stehen und weder geschossen noch gefangen werden dürfen. Sie erkennen diese Vorsorge wohl an und lassen es sich gern gefallen, ungestört von ihrem furchtbarsten Feinde und in behaglicher Ruhe ihr Treiben kundgebend, Neu- und Wißbegierigen zur Augenweide zu dienen.“

Steller verdanken wir die erste eingehende Lebensbeschreibung des Seelöwen. Anderweitige Mitteilungen haben wir durch Kotzebue und F. von Wrangel, namentlich aber durch Scammon und jüngst durch Elliott erhalten. Unter den zahlreichen Seetierarten der nordamerikanischen Küste des Stillen Weltmeeres verdient, nach Scammons Ansicht, keines mehr unsere Teilnahme, als der Seelöwe; selbst der für den Pelzhandel so wertvolle Seebär steht hinter ihm zurück. Während dieser bloß zu gewissen Jahreszeiten an seinen Vermehrungsplätzen, die meist auf einsamen Inseln liegen, erscheint und

dann wieder spurlos verschwindet, hält sich von den Seelöwen, auch nachdem ihre eigentliche Landzeit vorüber ist, wenigstens ein Teil noch beständig an den Rookeries auf. In großer Anzahl vereinigen sie sich aber doch nur während der Paarungszeit, welche je nach den verschiedenen Breitengraden früher oder später, an der kalifornischen Küste beispielsweise zwischen die Monate Mai und August, an der Küste von Alaska dagegen zwischen den Juni und Oktober fällt. In dieser Zeit bringen die Weibchen ihre Jungen zur Welt und erziehen sie gemeinschaftlich mit den Männchen, welch letztere sich in der Sorge um die Kleinen mit jenen vereinigen, sie bewachen und durch ihr Vorbild sie belehren, wie sie sich auf dem so verschieden gestalteten, bald zerklüfteten und felsenstarrenden, bald schlammigen, bald sandigen Küstensaume zu benehmen, oder wie sie tauchend und schwimmend den brandenden Wogen zu widerstehen haben. Anfänglich bekunden die Jungen entschiedene Abneigung gegen das Wasser; bald aber tummeln sie sich spielend in diesem Elemente, und wenn die Landzeit vorüber ist, sind sie so vollkommen eingewöhnt, daß sie mit den Alten verschwinden und den übrigen Teil des Jahres auf hohem Meere zubringen können. Höchstens einige wenige von der zahlreichen Herde bleiben auf dem beliebten Platze zurück und behaupten ihn beständig. Während der Fortpflanzungszeit nehmen die Seelöwen, insbesondere die Männchen, wenig oder gar keine Nahrung zu sich; nur die Weibchen verlassen zuweilen ihre Lagerstätte und ziehen zur Jagd aus, wagen jedoch nicht, sich weit von ihren Jungen zu entfernen. Daß der Seelöwe lange Zeit ohne jegliche Nahrung leben kann, ist unzweifelhaft; denn an gefangenen hat man beobachtet, daß sie während eines ganzen Monates nicht einen Bissen zu sich nahmen und trotzdem nicht die geringste Unbehaglichkeit zu erkennen gaben, und die weiter unten zu schildernde Jagdweise, welche die Eingeborenen anwenden, bringt es mit sich, daß Tiere jedes Alters und Geschlechtes nicht nur wochenlang hungern, sondern auch die größten Anstrengungen ertragen müssen, ohne dadurch Schaden zu erleiden.

Im Anfange ihrer alljährlichen Versammlungs- oder Landzeit zeigen sich die zu den gewohnten Rookeries zurückkehrenden oder neu ankommenden Seelöwen wild und scheu; wenn sich aber auch die Weibchen am Strande, auf den Klippen und Felsen eingefunden haben, gebärden sie sich anders: denn nunmehr beginnen die Kämpfe der Männchen um die Herrschaft über die Weibchen. Diese Kämpfe dauern oft tagelang und werden nicht früher beendigt, als bis einer von beiden Recken vollkommen erschöpft ist, entbrennen auch sofort wieder, sobald er sich neue Kräfte gesammelt hat. Erst wenn beide gleichmäßig geschwächt sind, wenn der eine von dem Kampfplatze flüchten mußte, oder wenn beide durch einen dritten, mit frischen Kräften über sie herfallenden vertrieben wurden, endet der Streit und Hader; denn der endgültig besiegte schleicht sich bekümmert nach einem entlegenen Platze. In der Regel führt nur ein Männchen die Herrschaft über eine Herde; gleichwohl kann es vorkommen, daß man auch deren zwei auf einem und demselben Felsen findet, wobei es dann freilich ohne herausforderndes Gebrüll und kleine Kämpfe nicht abgeht.

So weit Scammon beobachten konnte, besteht zwischen den verschiedenen Geschlechtern geringe Neigung. Nur die Weibchen bekunden ihren Sprößlingen gegenüber eine gewisse Zärtlichkeit, obwohl sie niemals anstehen, dieselben flüchtig zu verlassen und sich in das Wasser zu retten, wenn sie auf dem Lande überrascht werden. Die Jungen ihrerseits sind die widerspenstigsten und unartigsten kleinen Geschöpfe, welche man sich denken kann, und bethätigen ihre Untugenden namentlich kurz nach dem Erwachen aus ihrem fast ununterbrochenen Schlafe. Oft sieht man, daß, wenn eine Mutter sich weigert, ihr Junges zu säugen, ein Schwarm von anderen um die Gunst sich streitet, dies thun zu dürfen. Nach bestimmter Versicherung der Eingeborenen der St. Paulinsel säugt die Seelöwin ein männliches, niemals aber ein weibliches Junge noch im zweiten Jahre seines Lebens, was wohl nur in der so verschiedenen Größe der beiden Geschlechter seine Erklärung findet.

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