Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Wie die Forschungen Malmgrens und Browns ergeben haben, nährt sich das Walroß ausschließlich von tierischen Stoffen. Mehrere der älteren Berichterstatter hatten angenommen, daß die hauptsächlichste Asung der Tiere in Tangen bestehe, weil man in dem Magen der Erlegten Reste solcher Pflanzen gefunden oder zu finden gemeint hatte „Was ihre Speisen seynd“, sagt der alte Martens, „kann ich nicht eigendlich wissen; vielleicht essen sie Kräuter und Fische. Daß sie Kräuter essen, schlisse ich daher, weil ihr Unflat wie Pferdemist aussiehet, aber nicht sorund.“ Dieser Meinung widerspricht schon Fabricius, welcher Muscheln als Hauptnahrung angibt. Malmgren und Brown bestätigen die Beobachtungen des letzteren vollständig; beide fanden hauptsächlich eine Klaffmuschel (Mya trun-cata), welche in den nördlichen Teilen des Eismeeres alle Bänke und Riffe bedeckt, und eine
Steinbohrmuschel (Saxicava rugosa) in dem Magen der von ihnen untersuchten Stücke und schlossen, daß das Walroß seine mächtigen Zähne hauptsächlich dazu verwenden werde, um diese Muscheln von den Felsen abzulösen und aus dem Schlamme hervorzuwühlen. Die bloßgelegte Muschel dürfte ihrer Meinung nach dann mit den Lippen und der Zunge ergriffen, zwischen den Backenzähnen leicht zermalmt, das Weichtier selbst herausgeschält und zum Verschlingen zurechtgemacht werden. Hierbei verschluckt das Walroß nicht allein andere niedere Seetiere, sondern auch an den Schalen der Muscheln haftende Algen und sonstige Seepflanzen, ebenso ferner, wie so viele Robben insgemein, Sand und Kiesel, und hiermit erklärt sich der Irrtum der früheren Beobachter zur Genüge. Der Sand, welchen man, nach Browns Beobachtungen, besonders in der Nähe der auf Grönland „Atluk“ genannten Atemlöcher findet, dient möglicherweise zur Erleichterung der Verdauung. Außer niederen Seetieren frißt das Tier übrigens auch Fische und unter Umständen sogar Fleisch von größeren Seesäugern, widerlegt somit auf das schlagendste die Ansicht Bells, welcher nach Untersuchungen des Gebisses annehmen zu dürfen glaubte, daß es nicht im stande sei, einen so schlüpfrigen Gegenstand, wie der Fisch es ist, mit den Zähnen festzuhalten. Zur Vervollständigung der Angaben Scoresbys, welcher Fisch- und Seehundsreste aus dem Magen getöteter Walrosse genommen hat, fügt Brown noch bei, daß ein von ihm befragter, erfahrener, mit der Streitfrage unbekannter norwegischer Robbenschläger ein Walroß mit einem Fische im Maule aus dem Wasser aufsteigen sah, und daß er selbst die Magen aller in der Nähe eines Walaases erlegten Walrosse bis zum Bersten mit Walfleisch gefüllt fand.
Für die hochnordischen Völkerschaften, zumal für die Eskimos, hat das Walroß ebenso hohe Bedeutung wie die Seehunde, und nicht selten zieht die Unmöglichkeit, wegen zunehmender Vereisung der Küste des Tieres habhaft zu werden, den Untergang der armseligen Leute oder doch Hungersnot nach sich. Die Jagd auf Walrosse bleibt selbst für den wohlbewaffneten Europäer ein nicht immer gefahrloses Unternehmen. Die Mitglieder der zweiten deutschen Nordpolarfahrt hatten Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß Walrosse unter jungem, noch mürbem Eise genau beobachten, die Richtung und Entfernung sehr wohl abzumessen verstehen. Bei der Schlittenreise nach der Claveringinsel wurden die Nordfahrer in dem von ihnen entdeckten Tiroler Fjord durch einige Walrosse, welche wiederholt dicht vor ihnen durch das Eis brachen, nicht allein erschreckt, sondern in hastige Flucht getrieben. „Jeder Versuch, sich zu verteidigen“, schreibt Payer, „wäre sinnlos gewesen. Aber die Walrosse schwammen ebenso rasch unter dem Eise nach, brachen neben uns durch dasselbe und trugen offenbar Verlangen, in unserer Gesellschaft zu schwimmen, — eine Zumutung, die ebenso komisch und ungerechtfertigt wie unheimlich war, und die sie uns durch ihre halb grunzende, halb pustende Sprache vergeblich anempfahlen. Wir zerstreuten uns möglichst und liefen eiligst über den verdichteten Eisschlamm, durch welchen der Stock überall stieß, indem wir die lichteren, mutmaßlich verläßlicheren Partien aufsuchten, verfolgt von dem Rauschen und Prasseln der durchbrechenden Ungeheuer. Wer versank, konnte unmöglich herausgezogen werden. Zum Glück befreite uns endlich eine Decke alten Eises von der Zudringlichkeit unserer Verfolger.“ Am Strande oder auf einem Eisfelde gelagerte Walrosse sind allerdings wenig zu fürchten, weil ihre Unbehilflichkeit erfolgreiche Angriffe verwehrt, aber im Wasser zeigen sie ihre volle Gewandtheit und Stärke. Unglücksfälle bei der Jagd im Wasser sind nicht selten: alte Robbenschläger oder Nordfahrer wissen von solchen wie von der Reizbarkeit und Rachsucht der Walrosse genug zu erzählen. Gelegentlich greifen diese mutigen und unerschrockenen Robben sogar ohne alle Veranlassung an und zwingen die Schiffer zu unfreiwilligen Kämpfen. Von unseren Nordpolfahrern geben hiervon Payer und Copeland eine ebenso lebendige wie anschauliche Schilderung: „Erblickt ein solches Ungeheuer ein Boot, so erhebt es sich verwundert über die Wasserfläche, beginnt sofort den Lärmruf, ein stoßweise fortgesetztes Bellen, und schwimmt so rasch wie möglich auf das Fahrzeug zu. Seine Rufe locken andere herbei, wecken die Schläfer, an welche mit dem Boote anzustoßen sorgfältig vermieden wird, und in kurzer Zeit zieht dem kleinen Fahrzeuge eine Menge dieser Kolosse tobend und mit scheinbarem oder wirklichem Grimme nach. Es mag fein, daß die Tiere dabei nur von Neugierde geleitet werden; allein die Form, in welcher sie diese zum Ausdrucke bringen, wäre dann recht unglücklich gewählt, und es liegt der Verdacht sehr nahe, daß sie das Boot, um es gründlich kennen zu lernen, umstürzen wollen. Man muß also zur Kampfbereitschaft schreiten, zumal man bald die Überzeugung gewinnt, ihnen auch durch das schnellste Rudern von fünf Mann nicht entkommen zu können. Die brüllende, spritzende und tauchende Walroßherde ist nunmehr wenige Schritte vom Boote entfernt. Es fallen die ersten Schüsse, und dieser Augenblick entflammt ihre Wut. Ein wilder Kampf beginnt, in welchem die einen den greulichen Sphinxen mit Axten auf die Brustflossen schlagen, weil sie mit ihnen das Boot umzuwerfen und zu zertrümmern drohen, die anderen sich mit Spießen verteidigen oder mit der Schneide der Ruder Hiebe auf die riesigen Dickschädel führen oder endlich schwer verdauliche Pillen in den weit aufgesperrten Abgrund der ununterbrochen brüllenden Rachen senden. Ein wüstes Geschrei erfüllt die Luft; Boot und Verteidiger kämpfen mit dem Gleich: gewichte; das Wasser schäumt und gelangt in heftige Bewegung; neue Ungeheuer tauchen plötzlich empor oder schwimmen heran; andere sinken, tödlich getroffen und die Wasserfläche mit ihrem Blute färbend, in die Tiefe. Die drohende Gefahr, daß das Boot durch die Wucht
eines mit den Zähnen über die Bordwand schlagenden Walrosses umgerissen oder schwer beschädigt werde, vermag oft nur tödliche Verwundung des Anführers dieser ebenso tapferen wie ausdauernden Tiere zu beschwören. Der Schuß in den Rachen ist in solchen Fällen der einzig anwendbare; denn der Kopf erscheint mit Ausnahme der Augenhöhlen unverletzlich, und Verwundungen am Körper sind fast wirkunglos. Oft lassen die Tiere, durch irgend einen Umstand erschreckt, plötzlich vom Kampfe ab, tauchen spritzend unter und erst in einiger Entfernung wieder empor, wenden die häßlichen Köpfe zurück und erfüllen dann die Luft abermals mit ihrem Rachegeheul.“
Daß diese Schilderung in keiner Weise übertrieben ist, wird durch verschiedene Zeugnisse anderer glaubwürdiger Berichterstatter verbürgt. „Das Walroß“, sagt Scoresby, „ist ein unerschrockenes Tier. Ein Boot, welches sich ihm nähert, betrachtet es neugierig, aber nicht furchtsam. Nicht immer kann der Fang im Wasser ohne Gefahr ausgeführt werden. Der Angriff auf ein einziges zieht gewöhnlich alle übrigen zur Verteidigung herbei. In solchen Fällen versammeln sie sich rund um das Boot, von welchem der Angriff geschah, durchbohren seine Planken mit ihren Hauzähnen, heben sich bisweilen, wenn man auch noch so nachdrücklich widersteht, bis auf den Rand des Bootes empor und drohen dieses umzuwerfen. Die beste Verteidigung in solcher Gefahr ist Seesand, welchen man den wütenden Tieren in die Augen wirft; er nötigt sie gewiß, sich zu entfernen, während man die Büchse oft vergeblich gebraucht.“
Der Anblick der wütenden Seetiere ist höchst seltsam und manchmal furchterregend. Ihr steifer Hals verwehrt es ihnen, sich mit Leichtigkeit umzuschauen; aber die Beweglichkeit ihrer Augen ersetzt diesen Mangel, und sie verdrehen letztere so arg, daß ihr Blick dadurch etwas ungemein Abschreckendes erhält. Auch Brown, dessen Angaben durchaus verläßlich erscheinen, bestätigt die vorstehenden Berichte. „Einst“, sagt er, „befand ich mich selbst in einem Boote, von welchem aus ein einzeln auf einem Eisblocke schlafendes Walroß harpuniert wurde. Unmittelbar darauf tauchte es in die Tiefe hinab, aber auch sofort wieder auf und stieß, ungeachtet unserer Abwehr mit Lanzen, Axten und Büchsen, seine Zähne wütend in die Seite des Bootes, so daß wir nichts Eiligeres zu thun hatten, als die Wurfspießleine zu kappen, und von Glück sagen konnten, daß wir im stande waren, uns auf dasselbe Eisstück zu retten, welches das Walroß eben verlassen hatte. Zu unserem Heile war das Tier großmütig genug, uns nicht weiter zu verfolgen, sondern entfernte sich unwillig grunzend, die in seiner blutenden Seite steckende Harpune nebst der Wal-Leine mit sich schleppend.“ Auch Lamont hat derartige Kämpfe bestanden. Unsere Nordpolfahrer fügen ihrer Schilderung noch einige Belege hinzu. So entging eins ihrer Boote nur mit Mühe und Not der Zertrümmerung durch Walrosse; so wurde ein anderes, dem es, vor einer verfolgenden Herde flüchtend, gelang, nach dem Strande einer Insel zu entkommen, daselbst, obschon nur für kurze Zeit, förmlich belagert. „Je länger man unter diesen Tieren lebt, um so mehr gewöhnt man es sich ab, sie in ihrem Elemente, dem Wasser, selbst anzugreifen, es sei denn, daß irgend ein zwingender Umstand, Nahrungs- oder Olmangel, dies erheischte.“ Auch ist es unter allen Umständen ratsam, bei Bootfahrten sich ausreichend mit Schießbedarf zu versehen, um sich gegen derartige Angriffe sichern zu können.
Nach Pechuel-Loesche wäre es aber ganz falsch, anzunehmen, daß derartige Kämpfe fortwährend zu bestehen seien; sie sind vielmehr als Ausnahme denn als Regel zu betrachten. Häufig genug mag auch das allerdings ziemlich ungeschlachte Treiben der Tiere als eine Bedrohung aufgefaßt werden, während es thatsächlich durchaus harmlos ist. Walrosse sind sehr neugierig, und gar nicht selten geben sie, ganz so wie Flußpferde in Afrika, in größerer Anzahl einem Boote auf weite Strecken das Geleite, wobei sie dann prustend und grunzend oftmals in unmittelbarster Nähe auftauchen, sich wohl auch hoch aus dem Wasser erheben
und die Leute im Fahrzeuge anglotzen. An windstillen Tagen und bei einer zwischen dem Eise spiegelglatten See ist dieses Schauspiel, wobei man die Tiere in aller Muße beobachten kann, im höchsten Grade anziehend, bei dickem Wetter und bewegter See auch überraschend, weil alle Bewegungen dann heftiger find und die Begleiter oft recht jäh und unerwartet aus dem Wasser fahren; aber es fällt doch keinem ein, der mit dem nordischen Tierleben vertraut ist, ein solches Begegnis ohne weiteres für einen gefährlichen Angriff zu halten. Der erfahrene Fangschiffer oder Weidmann urteilt über derartige Vorgänge oft ganz anders als der, welcher nicht Jäger ist. Die Tiere haben vielmehr ihr Vergnügen daran, dem Boote nachzuziehen, die fremden Eindringlinge zu mustern, und denken gar nicht daran, ihnen etwas zuleide zu thun; etwas ganz anderes ist es wieder, wenn ein angeschossenes oder harpuniertes Walroß sich wehrt. Nordenskiöld bestätigt diese Auffassung: „Geselligkeit und Neugierde scheinen Hauptcharakterzüge der Walrosse zu sein. Diese ihre Eigenschaften habe ich Gelegenheit gehabt zu beobachten, als ich einst an einem stillen, herrlichen nordischen Sommertage über das spiegelblanke, mit Treibeis bestreute Meer mitten zwischen einer bedeutenden Herde dieser Tiere hindurchfuhr. Ein Teil derselben folgte dem Boote ein langes Stück in aller Friedlichkeit, dann und wann einen grunzenden Laut von sich gebend; andere schwammen ganz nahe an das Boot heran und erhoben sich hoch aus dem Wasser, um die Fremdlinge in Augenschein zu nehmen, und wieder andere lagen so dicht gepackt auf dem Treibeise, daß dieses bis an den Rand im Wasser versenkt lag.“ Ferner werden beim Betriebe der Jagd häufig mehrere Walrosse nacheinander von einem und demselben Boote aus harpuniert, und schleppen es hinter sich her, ohne eine Gegenwehr zu versuchen, selbst wenn sie dann der Reihe nach aus größter Nähe mit Lanze und Büchse getötet werden. Eine Gefahr tritt dann ein, wenn die harpunierten Tiere nicht alle in der nämlichen Richtung ziehen, sondern wenn eins oder das andere seitlich davon abweicht, weil dann das Boot durch die Leine zum Kentern gebracht werden kann; um dies zu verhüten, muß man wohl sogar die Leine kappen, wenn das ausbrechende Tier noch nicht ermattet und besonders stark ist. Da sowohl das bloß verwundete als auch das durch einen Lanzenstoß ins Herz oder durch eine Kugel ins Gehirn unmittelbar getötete Walroß sogleich versinkt und unrettbar verloren geht, ist es sogar die Hauptaufgabe, erst zu harpunieren, damit man es auf alle Fälle zunächst an der Leine hat. Dabei ereignet es sich denn auch, daß eines oder das andere Tier seinen Verfolgern zu Leibe geht, wie es im vergangenen Sommer auch Kükenthal und A. Walter bei Spitzbergen erlebten: ein gereiztes Walroß schlug seine Hauzähne durch die Bootswand und durch das Seitenbrett einer dicht daneben stehenden Kiste, richtete aber keinen weiteren Schaden an. Die genannten Gewährsmänner sind übrigens der Ansicht, daß vorwiegend die jungen, übermütigen Walroßbullen zur Gegenwehr neigen.