Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Wenn man die erhoffte Beute auf Eisschollen schlafend überrascht, werden im letzten Augenblicke der Annäherung die Riemen eingenommen, die Boote geräuschlos angelegt, und die Jäger betreten die Scholle im Rücken der Tiere. Kaum erblickt eins davon die Feinde, so richtet es den Kopf in die Höhe, weckt alle anderen auf, und die ganze Herde drängt nun, die Jungen mitschiebend, unaufhaltsam gerade vor zum Schollenrande und stürzt kopfüber in das Wasser. Nur diese Zeit bleibt den Jägern, Lanze und Büchse zu gebrauchen. Gelingt ihnen der Überfall derartig, daß sie gleich eine größere Anzahl der dem Wasser am nächsten liegenden und zugleich die Verkehrsbahn besetzt haltenden Tiere töten, so versperren deren Leiber den weiter zurückliegenden den Weg zur Flucht. Unter solchen Umständen mag eine Schlächterei in großem Maßstabe stattfinden und ungewöhnlich reiche Beute erlangt werden, wenn die vom Wasser abgeschnittene Herde zahlreich ist.
Ebenso wie die Europäer jagen alle Eskimos und andere Eingeborene der hochnordischen Länder, welche gewohnt find, das Feuergewehr zu führen; in wesentlich verschiedener
Weise diejenigen, welche noch heutigestags der Sitte ihrer Väter getreu geblieben sind. Wie Kane erzählt, greifen die Eskimos das Walroß im Wasser und auf dem Eise an. In ersterem Falle nähern sie sich ihm soviel wie möglich, indem sie, während es taucht, rasch herbeirudern, während es schwimmt, sich dagegen verstecken, um den günstigen Augenblick abzuwarten, ihm beim neuen Emporkommen die Harpune in den Leib zu werfen. Die Verwundeten tauchen sofort unter; der Jäger schlägt schnell einen mit Eisen beschlagenen Pflock in das Eis und bindet die Leine an diesem fest. Das Tier tobt und wütet, bis es endlich ermattet und dann durch Lanzenstiche getötet werden kann. Nach Godman suchen diese mutigen Jäger im Hochsommer eine auf Eisschollen schlafende Herde in listiger Weise zu beschleichen, indem sie sich zuerst auf ein anderes kleineres Eisstück begeben, an diesem ihre Boote befestigen und nun ihr krystallenes Floß an die Herde heranzubringen suchen. Glücklich am Platze angekommen, erwählt sich jeder einzelne oder je zwei von ihnen nach Verabredung eine bestimmte Beute, und aller Harpunen durchsausen in einem und demselben Augenblicke die Luft. Die getroffenen Walrosse stürzen sofort ins Wasser und versuchen zu entrinnen, werden aber durch die Speerleinen festgehalten und ermatten um so eher, je größere Anstrengungen es ihnen kostet, das Eisfloß der Jäger, an welches die Leinen befestigt wurden, mit sich fortzuschleppen; die Jäger selbst warten die Ermattung jener in ihren Booten ab, nähern sich im rechten Augenblicke und machen ihnen mit ihren Lanzen den Garaus. Im Beringmeere, an der nördlichen Küste der Halbinsel Alaska, suchen die Eingeborenen die Walrosse auf, bemühen sich, die gelagerten Tiere zu umgehen und stürzen plötzlich unter heftigem Geschrei, mit Spießen und schweren Axten bewaffnet, auf sie los, in der Hoffnung, sie derart zu erschrecken, daß sie ihren Weg landeinwärts nehmen. In diesem Falle ist die Jagd ergiebig, wogegen sie vereitelt wird, wenn es einem Walrosse gelingt, die Jägerlinie zu durchbrechen; denn hierauf stürzen alle übrigen dem Führer nach und bergen sich in den sicheren Fluten. Übrigens sagt auch Elliott ausdrücklich, daß die Eingeborenen, die an den Küsten und Inseln des Beringmeeres und der Beringstraße den Fang der Tiere betreiben, die Jagd zu Wasser nicht für besonders gefährlich halten: „sie sprechen niemals von wirklicher Gefahr“. Mit ihren leichten Fellkähnen verfolgen sie das Tier, harpunieren es, lassen sich von ihm schleppen, bis es ermattet, und töten es darauf mit der Lanze.
Nach alledem müssen wir annehmen, daß gejagte Walrosse nicht unter allen Umständen, sondern daß bloß einzelne Tiere sich gelegentlich zur Wehre setzen und solches vielleicht in gewissen Gebieten häufiger als in anderen thun.
Abgesehen vom Menschen, hat das Walroß auch noch von anderen Feinden zu leiden oder wird wenigstens von solchen arg gepeinigt. Eskimos wie Fangschiffer behaupten, daß es mit dem Eisbären schwere Kämpfe zu bestehen habe, indem dieser nicht allein die Jungen bedrohe, sondern auch dann und wann ein altes überfalle. Bro wn hat niemals etwas von solchen Kämpfen gesehen und glaubt berechtigt zu sein, die meisten Beobachtungen hierüber in das Gebiet der Fabel verweisen zu dürfen, obwohl er ihre Richtigkeit nicht gänzlich in Abrede stellen will. Scammon bestätigt die Angaben der Nordländer. Er weiß auch noch von einem anderen Feinde und zwar von einem Wale, dem gierigen Mörder, zu erzählen, welcher den jungen Walrossen womöglich noch gefährlicher werden soll, obgleich er nur im freien Wasser jagt. Bei seinem Erscheinen soll die Walroßmutter ihr Junges sofort auf den Rücken nehmen und so eilig wie möglich auf einer dicken Eisscholle Rettung suchen, ihr Vorhaben jedoch nicht immer ausführen können, weil der Räuber, noch ehe sie die sichere Scholle erreicht, plötzlich in die Tiefe tauche und mit solcher Kraft von unten herauf gegen ihren Bauch stoße, daß das Junge vom Rücken herabgeschleudert und einen Augenblick später ergriffen werde. Wahrscheinlich spielen kleine lausartige Schmarotzer dem wüsten Ungeheuer des Nordens viel ärger mit als Eisbär und Mörder zusammen
genommen. Nach Browns Beobachtung setzt sich die eine Art dieser Tiere an der Wurzel der Schnurrborsten, die andere auf dem übrigen Körper fest, und beide peinigen das Walroß derart, daß es zuweilen wie in Verzweiflung bald vom Eise in das Wasser springt, bald wieder vom Wasser heraus auf das Eis klettert, heftig brüllt und taumelnde oder rollende Bewegungen ausführt, welche darauf hindeuten, daß es sich bemüht, die lästigen Schmarotzer abzustreifen. Als Brown einmal längere Zeit eine in dieser Weise sich gebärdende Herde der ungeschlachten Tiere beobachtet hatte, erschien bald darauf ein Flug von Steinschmätzern auf der von jenen verlassenen Stelle und begann eifrig etwas aufzulesen. Hierdurch aufmerksam geworden, begab sich auch unser Gewährsmann auf das Eisfloß und fand daselbst eine Menge der erwähnten Schmarotzer, welche von den Walrossen glücklich abgeschüttelt worden waren.
Obgleich sein selbstbewußtes und reizbares Wesen das Walroß durchaus nicht geeignet erscheinen läßt, mit dem Menschen in ein freundliches Verhältnis zu treten, zeigten sich doch die Jungen, welche man gefangen hielt, fast ebenso leitsam wie andere Robben. Gefangene Walrosse sind trotz der wenig geeigneten Pflege, welche ihnen auf dem Schiffe zu teil werden konnte, wiederholt nach Europa, namentlich nach Norwegen und England, gebracht worden: das erste erweislich im Jahre 1608 von Welden und Bennet. „Am 12. Juli“, so erzählt er, „nahmen wir zwei junge lebende Walrosse, ein Männchen und ein Weibchen, an Bord. Das Weibchen starb, bevor wir England erreichten; das Männchen hingegen lebte ungefähr 10 Wochen. Am 20. August kamen wir in London an und brachten unser lebendes Walroß an den Hof, woselbst der König und viele hochehrbare Leute es mit um so größerer Bewunderung betrachteten, als vorher noch niemals ein derartiges Tier lebend in England gesehen worden war. Nicht lange Zeit darauf wurde es krank und starb. So auffallend die Gestalt dieses Tieres ist, ebenso auffallend ist auch seine Gelehrigkeit und seine Lust, etwas zu lernen, wie wir davon uns oft überzeugt haben.“ Andere lebende Walrosse gelangten im vorigen Jahrhundert, zwei in den Jahren 1853 und 1867 nach England und Norwegen, eins wurde 1884 auch in verschiedenen Orten Deutschlands gezeigt und andere wurden längere Zeit auf Schiffen gehalten. Eins von diesen konnte Brown beobachten. Man hatte seine Mutter auf dem Eise getötet und es, da es noch zu jung war, um das Wasser zu erreichen, ohne Schwierigkeit ergriffen. Seine Gefangennahme mußte wenige Stunden nach seiner Geburt erfolgt sein; gleichwohl hatte es bereits eine Länge von ungefähr Im, und feine Hauzähne brachen schon durch das Zahnfleisch. „Als ich es zuerst sah“, sagt Brown, „lag es grunzend auf dem Deck und saugte bald an einem Stücke von dem Fette seiner Mutter, bald an deren Felle, in der Gegend der Zitzen. Man fütterte es mit Hafer, Mehlbrei und Erbsensuppe, und es schien bei diesem außergewöhnlichen Futter auch zu gedeihen. Fische vermochte man ihm nicht zu verschaffen; die einzige tierische Nahrung, welche es erhielt, bestand in kleinen Stückchen ausgewässerten Rind- oder Kalbfleisches 2 oder auch frischen Bärenfleisches, welche Stoffe es bereitwillig annahm. Es zeigte Gefallen $ 3 % 2und Mißfallen an gewissen Leuten und Dingen und erkor sich Freunde und Lieblinge, welche 1 es stets wiedererkannte. Wenn man ein Zeitungsblatt vor seinem Gesichte schüttelte, erregte man es auf das heftigste; denn es pflegte dann, sichtlich erzürnt, das Maul weit geöffnet, 4. u dem Störenfriede über das ganze Deck nachzufolgen. Wenn der ‚Fall! eines Wales aus: gerufen wurde, rannte es, so eilig seine Schwerfälligkeit es erlaubte, zuerst in die Kajütte des Wundarztes, dann in die auf dem Quarterdeck gelegene des Kapitäns, anscheinend um sich zu vergewissern, daß beide munter seien, und lief hierauf, seinʒ Awuk Awuk' grunzend, längere Zeit auf dem Deck umher; mußte das Schiff vom Eise geklärt werden, was dadurch zu geschehen pflegt, daß die gesamte Mannschaft bald an die Wände des Steuerbords, bald an die des Backbords rennt, um so das Schiff in eine schaukelnde Bewegung zu setzen, so
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versuchte es die Bewegungen der Mannschaft nachzuahmen, durchmaß dabei jedoch selten mehr als seine eigene Leibeslänge. Sonst lag es während des Tages meist behaglich in der Sonne, lässig eine um die andere seiner Flossen in die Luft streckend, und fühlte sich in dieser Lage dem Anscheine nach außerordentlich wohl.“ Als der Kapitän es zum ersten Male in das Wasser warf, benahm es sich hier überaus ungeschickt, kam sofort unter die Eisschollen und bemühte sich vergeblich, wieder herauszukommen. Geleitet durch sein klägliches Geschrei, begab sich sein Pfleger an die betreffende Stelle des Eises und versuchte, es durch Rufen an sich zu locken. Sogleich erschien es freiwillig am Rande der Scholle und bekundete die größte Freude, als es glücklich wieder an Bord gebracht worden war, schien auch des Elementes seiner Mutter herzlich überdrüssig geworden zu sein. Leider erreichte es England nicht lebend, sondern starb wenige Tage vor Ankunft des Schiffes im Hafen, nachdem es etwa 3 Monate in Gefangenschaft gewesen war.
Der Europäer verwendet vom Walrosse Haut, Fett und Zähne. Die Haut wird gegerbt, das Fett ausgekocht, die Zähne werden wie Elfenbein bearbeitet. Laut Nordenskiöld wurde in Tromsö bei der Abrechnung zwischen den Reedern und den Fangmännern der Wert eines ausgewachsenen Tieres 1868 zu etwa 88 Mark berechnet, 1871 dagegen nur noch zu 50 Mark. Nach Westendarp haben die Zähne je nach ihrer Größe einen verschiedenen Wert; je 1 kg von den größten wird mit 7 Mark, von den kleineren mit 5,5 Mark bezahlt. Früher kamen nach unserem Gewährsmanne alljährlich etwa 30,000 Kg Walroßzähne in den Handel, doch haben diese bedeutenden Zuführen sehr rasch abgenommen und seit 1880 gänzlich aufgehört. Dennoch haben sich die Preise der Zähne in den letzten zwei Jahrzehnten kaum verändert. Das grobfaserige, thranige Fleisch wird von Europäern höchstens in der Not gegessen, doch gilt die Zunge als wohlschmeckend. Für die hochnordischen Völkerschaften liegen die Verhältnisse anders; denn sie benutzen jeden einzelnen Teil des Walrosses. Aus der Haut fertigen sie Riemen, Taue und Fischnetze, benutzen sie auch wohl zur Bedeckung ihrer Sommerwohnungen; aus den Knochen gestalten sie sich allerlei Werkzeuge; aus den Sehnen zwirnen sie sich Fäden zum Nähen; das Fleisch dient ihnen als beliebtes Nahrungsmittel und der Speck zum Fetten ihrer Speisen oder zum Brennen, so daß eigentlich kein einziger Teil des Tieres verloren geht.
Die Angehörigen der dritten Familie unserer Ordnung, die Ohrenrobben (Otariidae), weichen von den übrigen Verwandten durch folgende Merkmale ab: das Gebiß besteht aus 1 sehr großen, reißzahnähnlichen und 2 kleineren inneren Schneidezähnen, 1 Eckzahne und 6 oder 5 Backenzähnen in jedem Ober-, 2 Schneidezähnen, 1 Eckzahne und 5 Backenzähnen in jedem Unterkiefer. Am Schädel ist der hintere Augenhöhlenfortsatz deutlich ausgebildet. Das äußere Ohr hat eine zwar kleine, aber wohlentwickelte Muschel. Die Glieder treten aus dem Leibe hervor und sind deutlich abgesetzt, die Flossen groß, lappenartig über die Zehen verlängert, die Sohlen kahl und längsgefurcht, die Hinterzehen ziemlich gleichlang, die vorderen von innen nach außen an Größe abnehmend. Beide Geschlechter unterscheiden sich auffallend durch die Größe, indem die Männchen in der Regel mindestens die doppelte Länge und das drei- oder vierfache Gewicht der Weibchen erreichen.
Alle bis jetzt bekannten Arten dieser Familie ähneln sich in so hohem Grade, daß man sie in einer einzigen Gattung vereinigen muß; alle führen auch im wesentlichen die gleiche Lebensweise. Vorwaltend dem Stillen oder Großen Weltmeere angehörig, leben fie ebensowohl an der eisumstarrten Küste der Beringstraße wie auf der um den Südpol gelagerten Landfeste und ihren Inseln, in den gemäßigten Gürteln wie unter der scheitelrecht herabstrahlenden Sonne der Gleicherländer, dort mehr oder minder ausgedehnte Wanderungen