All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 86 of 185

Vor wenigen Jahrzehnten traf man es innerhalb des umschriebenen Verbreitungsgebietes wenigstens hier und da noch in sehr bedeutender Anzahl, zuweilen in Herden von vielen Tausenden, deren Gewicht nach Versicherung der Robbenschläger und Jäger große, sonst hoch über das Wasser hervorragende Treibeismassen bis zur Oberfläche des letzteren herabdrückte; gegenwärtig sieht man nur unter günstigen Umständen dann und wann Hunderte auf einer und derselben Stelle versammelt. Noch vor einem Menschenalter gehörte es zu den zahlreichsten Thrantieren Spitzbergens; allmählich ist es aber auch dort seltener

geworden, obwohl Kükenthal und A. Walter noch im günstigen Sommer 1889 namentlich an der Ostseite recht viele, sogar mehrere hundert auf einer Stelle gesehen haben. An der Bäreninsel waren sie vor mehr denn zwei Jahrhunderten noch so massenhaft, daß manchmal an einem Tage bis an 1000 Stück erbeutet werden konnten; noch zu Anfang unseres Jahrhunderts vermochte ein Schiffer dort wenigstens noch während einer ganzen Fangzeit 500 bis 700 Stück zu erlangen. Jetzt kommen fie daselbst kaum noch vor. Auch an den südlichen Strecken der Westküste von Nowaja Semlja sind sie jetzt im Sommer schon recht selten, auf der Ostseite dagegen noch häufig.

Im allgemeinen darf man das Walroß ansehen als entschiedenen Küstenbewohner, welcher soviel wie möglich die hohe See meidet und, ganz gegen Art der Robben insgemein, nur selten ausgedehntere Reisen unternimmt. Alle Walfänger wissen, daß sie sich in nächster Nähe des Landes oder Eises befinden, wenn sie Walrosse sehen oder im Nebel ihre gleichsam warnenden Stimmen vernehmen; denn die Erfahrung hat sie belehrt, daß letztere wenigstens die Grenze des um die Inseln gelagerten festen oder angetriebenen Packeises nicht zu überschreiten pflegen. Nach Browns Ansicht zieht das Tier höchstens von einem feiner Weidegründe zum anderen und zeigt sich einzig und allein deshalb während der einen Jahreszeit hier, während der anderen dort. Unter Umständen entschließt es sich aber doch auch zu weitergehenden Wanderungen. So beobachtete James MacBain an der Pondsbucht (Baffinbai) unermeßliche Herden, welche dieselbe Straße zogen wie ihnen wenige Tage vorausgegangene Nord- oder Grönlandwale und entschieden auf der Reise begriffen waren. Viele Stunden lang schwammen sie vorüber, Tausende nach Tausenden, ohne zu rasten, ohne Nahrung zu nehmen, alle in derselben Richtung, dem Eingange des Lancastersundes zustrebend. Wenige Tage später war nicht ein einziges mehr zu sehen, ebensowenig als man vorher eins bemerkt oder auch nur ein Anzeichen seiner Gegenwart wahrgenommen hatte.

Der erste Eindruck, welchen das Walroß auf den Menschen macht, ist kein günstiger. Die ältesten Seefahrer wie unsere heutigen Schiffer und Reisenden finden es gleich abschreckend und häßlich. Unsere Nordpolfahrer sagen, daß, wenn irgend einem Tiere der Name „Ungeheuer“ gebühre, dieses Tier das Walroß sein müsse, ebenso was sein Aussehen als was seine dämonische Stimme und sein unangenehmes Wesen anlange. Schon der alte Martens, auf welchen die Walrosse offenbar einen großen Eindruck gemacht haben, gibt ein im allgemeinen richtiges Lebensbild von ihnen. „Sie liegen“, sagt er, „auf dem Eise, unflätig wie Seehunde in großer Menge und brüllen erschröcklich. Sie schlaffen, daß sie schnarchen, nicht allein auff den Eisfeldern, sondern auch im Wasser, da man sie mannigmahl vor todt ansiehet. Sie seynd behertzte Thiere, stehen einander bei biß im Tode, und wenn einer verwundet wird, wie wohl die Menschen in den Slupen das Beste thun mit schlagen, stechen und hauen, tauchen die Wal-Rosse unter Wasser bei den Slupen, und schlagen mit den langen Zähnen unter Wasser Löcher darein, die anderen ungescheuet schwimmen hart auff die Slupen, und stehen mit dem halben Leib aus dem Wasser, und wollen zu den Slupen ein. So sie brüllen, und die Menschen es ihnen wieder also nachmachen, daß sie wie Ochsen brüllen, wil einer vor dem anderen der erste unter Wasser sein, und können Menge halber einander nicht weichen, deßwegen sie sich untereinander beissen, daß sie bluten, und klappern mit den Zähnen, andere wollen den gefangenen Wall-Roß bei der Slupen entsetzen, und wil einer vor dem anderen der erste dabei seyn, da geht es wieder an ein Beissen, Klappern der Zähne und schröckliches Brüllen, und weichen auch nicht, weil einer lebet, und so man ihnen umb der Menge weichen muß, folgen sie den Slupen nach, bis man sie aus dem Gesicht verlieret, weil wegen der Menge sie nicht so hart schwimmen können, und einer den anderen hindert, daß sie zu den Slupen nicht gelangen können, wie wirs erfahren vor dem Weihegat in Spitsbergen, da sie sich je länger je mehr versammelten,

und die Slupen rinnend machten, daß wir ihnen weichen mußten, sie folgten uns so lange, als wir sie sehen konnten.“ So kurz die Schilderung des alten Seefahrers ist, so trefflich kennzeichnet sie das Walroß. Kein einziger von den späteren Berichterstattern widerspricht Martens, und alle, auch die besten Beobachter, wissen ihm verhältnismäßig wenig hinzuzufügen. Das Leben der Morse scheint ein sehr einförmiges zu sein, vielleicht schon aus dem Grunde, weil die Erbeutung ihrer Nahrung ihnen weniger Mühe verursacht und weniger Zeit kostet als anderen Robben. In kurze Worte zusammengefaßt, läßt sich über ihr Thun und Treiben im Laufe des Tages und Jahres etwa folgendes sagen:

Je nach der Beschaffenheit der Küste vereinigen sich mehr oder minder zahlreiche Gesellschaften der Tiere, und zwar sollen die erwachsenen in gesonderten Herden leben, also die Männchen mit ihresgleichen, die Weibchen mit ihren säugenden Jungen sich vereinigen. Ein einziges Eisfloß trägt, wie unsere Nordpolfahrer sagen, oft 20 und mehr Walrosse. Ihre dunklen Leiber lagern dicht nebeneinander, den Kopf, der langen Zähne wegen, zur Seite geneigt oder auf dem Leibe des Nachbars ruhend: „so pflegen sie, von dem monatelangen Anblicke der Sonne oder dem rauschenden Einerlei der Brandung gelangweilt, den größten Teil ihres Daseins zu verschlafen“. Nicht allzu selten begegnet man einer Gesellschaft, welche sich auf einem schwimmenden Eisfelde gelagert hat und mit demselben gemächlich treibt, anscheinend ohne sich viel um die Richtung der Reise zu kümmern. Unter den schlafenden Walrossen hält stets mindestens eins Wache und erweckt bei Wahrnehmung einer Gefahr die übrigen durch Ausstoßen seiner kräftigen Stimme, laut Scammon, nötigenfalls auch durch einen gelinden Stoß mit den Hauzähnen, worauf die ganze Gesellschaft sich entweder zur Flucht oder zur Verteidigung rüstet. Da, wo das Walroß den Menschen noch nicht kennen gelernt hat, erregt ein fremdes Schiff kaum die Aufmerksamkeit der Wache oder der Herde überhaupt, und nicht einmal ein Kanonenschuß stört sie, weil alle an das Knallen gewöhnt sind in den nördlichen Meeren, wo das Eis unter donnerähnlichem Getöse oft auf weite Strecken hin birst. Auch kommt es wohl vor, daß ein ihnen geltender Schuß sie nicht aus ihrer Ruhe schreckt; schwerlich aber dürfte die Angabe einzelner Berichterstatter richtig sein, daß sie, selbst wenn sie verwundet wurden, nur überrascht sich umsehen und bald darauf wieder zur Ruhe niederlegen sollen. Allerdings lassen sie sich, wenn sie einmal auf dem Lande oder dem Eise liegen und schlafen, ungern stören, und es kann nach dem,

*was von anderen Robben bekannt geworden ist, nicht überraschen, daß sie sich zeitweilig wirklich tage- oder wochenlang nicht von der Stelle rühren: die Mehrzahl der Nordpolfahrer, Walfänger und Robbenschläger stimmt jedoch darin überein, daß sie eine ernstere Behelligung jederzeit mit ebensoviel Mut wie Nachdruck von sich abzuweisen suchen.

Hinsichtlich ihrer Bewegungen scheinen sie am meisten mit den Ohrenrobben übereinzustimmen, beziehentlich der übrigen Begabungen kaum eine tiefere Stelle als letztere und andere Robben einzunehmen. Auf dem Lande fördert sich das Walroß schwerfällig und ungeschickt, aber doch noch gehend, nicht kriechend, indem es die Füße gleichzeitig übers Kreuz bewegt und sich nur darin von anderen, ebenso gehenden Tieren unterscheidet, daß es am Vorderfuße die Zehen, am Hinterfuße aber die Ferse nach vorn richtet. Beim Erklettern steiler Eisblöcke soll es stets seine beiden langen Eckzähne zu Hilfe nehmen, mit ihnen in Klüfte und Spalten sich einhaken, den schweren Leib nachziehen, hierauf den Hals von neuem ausstrecken und so fortfahren, bis es die gewünschte Lagerstelle erklommen hat. Als notwendige Hilfsmittel zum Gehen kann man besagte Zähne jedoch kaum betrachten, da die nicht minder schwerleibigen Ohren- und Rüsselrobben auch ohne solche ähnliche Wege zurücklegen und ebensogut wie jenes Höhen von 10— 15 m und darüber erklimmen, um hier im Strahle der Sonne sich zu recken und zu dehnen. Eher noch halte ich es für wahrscheinlich, daß es sich mit Hilfe der Hauzähne einen Weg durch das Treibeis bahnt und jene dabei

zuweilen ausbricht oder doch stark beschädigt; aber auch einer solchen Ausnutzung der Zähne scheint eine Angabe unserer Nordpolfahrer zu widersprechen. Sie heben wohl die außerordentliche Kraft des Tieres hervor und behaupten, auf ihre Beobachtungen gestützt, daß es, von unten aufstoßend, bis 15 em dickes Eis zu zertrümmern vermöge, gedenken jedoch der Mithilfe der Zähne bei solchem Unternehmen mit keiner Silbe. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß es sich durch derartige Kraftanstrengungen auch die Atemlöcher bildet, welche es ebensogut wie die anderen Robben benutzt und offen hält: Brown wenigstens bemerkte im Eise um diese Löcher herum mehr strahlenförmig auslaufende Sprünge, als man bei den Atemlöchern der übrigen Robben wahrzunehmen pflegt. Dagegen benutzt es die Hauzähne sicherlich zum Aufwühlen des Grundes, wenn es nach Nahrung sucht, und wendet sie auch bei der Verteidigung an, wobei es sogar manchmal mit ihnen die Planken eines Bootes durchschlägt. Vom Lande ins Wasser begibt sich das Walroß, indem es über abschüssige Stellen gleitend rutscht, oder aber, indem es sich, wie andere Robben auch, mit einem Sprunge in die Fluten stürzt. Hier nun schwimmt es nach Art seiner ganzen Verwandtschaft ebenso rasch und behende dahin, wie es sich auf dem Lande oder Eise langsam förderte, taucht in beträchtliche Tiefen hinab und ist im stande, sicherlich mehrere Minuten unter Wasser zu verweilen. Im Schwimmen überbietet das Tier jedes Ruderboot und bethätigt dabei auch eine kaum ermattende Ausdauer. Die Stimme gleicht bald dem Blöken einer Kuh, bald dem tiefen, rauhen Bellen eines Hundes, geht aber im Zorne in ein förmliches Gebrüll über. Während der Paarungszeit vernimmt man die Stimme so weit, daß Kapitän Cook und seine Leute bei Nacht und Nebel dadurch immer auf die Nähe der Küste aufmerksam gemacht wurden und das Schiff vor einem Zusammenstoße mit dem Eise sichern konnten.

Über das geistige Wesen läßt sich nach den bis jetzt vorliegenden Beobachtungen schwer ein Urteil fällen, wohl aber annehmen, daß die Walrosse nicht minder klug als andere Robben sind. Von der Schärfe ihrer Sinne sagt Pechuel-Loesche: „Das Gesicht ist schlecht, das Gehör schon weit besser, aber ausgezeichnet entwickelt ist ihr Geruchssinn, denn fie wittern den Menschen unter günstigen Umständen mindestens auf mehrere hundert Schritt, wenn nicht noch weiter; man muß deshalb, will man sie beschleichen, sehr sorgfältig auf den Wind achten“. So gleichgültig es sich beim ersten Zusammentreffen mit dem Menschen zeigt, so bald ändert das Walroß, infolge gesammelter Erfahrungen, sein Betragen, und so thatkräftig und verständig tritt es alsdann dem Gebieter der Erde entgegen. Unter den hervorragenden Eigenschaften ist nicht allein die allen Robben eigene Neugier, sondern auch ein für Flossenfüßer ungewöhnlicher Mut zu verzeichnen. Von jener bleichen Furcht, welche die riesenhaften See-Elefanten beschleicht, wenn ihr furchtbarster Feind, der Mensch, sich ihnen gegenüberstellt, wissen die Walrosse nichts, nehmen es vielmehr ohne Besinnen auch mit wohlbewaffneten Leuten auf und achten den Tod ihrer Genossen höchstens insofern, als sie durch ihn zu wilderer Wut entflammt werden. Wie mit ihren Feinden kämpfen sie auch unter sich auf das heftigste, jedoch nur während der Paarungszeit, welche in die letzten Frühlingsmonate zu fallen pflegt. Um diese Zeit brüllen und toben die Männchen 1 1 nicht allein zu jeder Stunde des Tages, sondern greifen sich auch gegenseitig an und reißen mit den Zähnen so tiefe Schrammen in das Fell des Gegners, daß sie zuweilen einen kaum weniger abschreckenden Anblick gewähren als andere infolge ihrer Zweikämpfe zerfetzte Robben. 5

Nach etwa zwölfmonatiger Tragzeit bringt das Weibchen sein einziges Junge zur Welt und gibt sich demselben nunmehr mit treuester Mutterliebe hin, sorgt in aufopfernder.* Weise für seine Ernährung und Erziehung und verteidigt es bei Gefahren mit allem Mute und Ingrimme, dessen sein Geschlecht fähig ist. Solange wie möglich sucht es sich und sein Kind allerdings der Gefahr zu entziehen, packt, wenn es eine solche wahrnimmt, das Kleine

mit der Vorderflosse und stürzt sich mit ihm ins Meer, nimmt es hier auf den Rücken, um es in dieser Weise bestmöglichst zu sichern, und tritt nunmehr jedem Feinde mit Todesverachtung gegenüber. Das Kleine hängt mit innigster Zärtlichkeit an seiner Mutter und verläßt sie auch im Tode nicht. Tötet man das Junge, so hat man auf den zähesten Widerstand und unsühnbaren Rachedurst seitens der Alten zu rechnen. Selbst wenn eine Herde weiblicher Walrosse in die Flucht geschlagen werden sollte, tauchen die Mütter von Zeit zu Zeit unter Gebrüll aus der Tiefe auf, schwimmen nach ihren getöteten, auf den Wellen treibenden Jungen hin, erfassen sie und verschwinden mit ihnen unter dem Wasser. Erlegt man eine mit ihrem Sprößlinge getrennt von der Herde schwimmende Walroßmutter, so ergibt sich das Junge widerstandslos seinen Feinden, kann sich wenigstens nicht entschließen, die Alte zu verlassen. Kapitän Williams, ein alter, wohlerfahrener Walfänger und Robbenschläger, tötete ein weibliches Walroß und schleppte es am Boote dem an 4 km entfernten Schiffe zu. Das Junge folgte dem Leichname bis zum Fahrzeuge und gab sich, als man die Beute an Bord bringen wollte, die größte Mühe, auch dahin zu gelangen. Als man ihm eine Schlinge um den Leib gelegt und es ebenfalls an Bord gebracht hatte, watschelte es augenblicklich auf seine tote Mutter zu, erkletterte deren Rücken und verweilte hier, bis man es zwang, sich wiederum ins Meer zu stürzen. Aber auch jetzt noch blieb es, laut klagend über den Verlust seiner Erzeugerin, in der Nähe des Schiffes.

Continue reading
Page 86 of 185