Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Ihre Sinnesfähigkeiten sollen wenig entwickelt sein. Auf dem Lande sehen sie deutlich nur in der Nähe; das Gehör ist sehr schlecht; das Gefühl wird durch die dicke Fettlage auf dem Körper abgestumpft; der Geruch endlich soll auch nicht besonders fein oder scharf sein. Sie sind träge, geistesstumpfe Tiere, welche nur selten aus ihrer faulen Ruhe sich aufstören lassen. Man nennt sie sanft und verträglich, weil man nie gesehen hat, daß sie, ungereizt, auf andere Tiere oder auf einen Menschen losgegangen wären. Kleine Robben einer anderen Gattung oder friedlich badende Menschen schwimmen sicher unter ihnen herum. Pernetty versichert, daß seine Matrosen auf ihnen wie auf Pferden geritten wären, und sie bei zu langsamem Gehen durch Messerstiche zu hurtigerem Gange angetrieben hätten. Ahnliches berichten neuerdings die Gelehrten, welche zur Beobachtung des Venusdurchganges die Kerguelen erwählt hatten. Vier Schritt entfernt von zwei Elefantenrobben ließ sich Weinek nieder, um jene zu zeichnen, ohne daß die Tiere ihm die geringste Aufmerksamkeit gewidmet hätten. Beide Robben schienen fest zu schlafen, und nur zuweilen hob die größere von ihnen die Flossen, krümmte sie gegen den Bauch, um sich zu kratzen oder auch, was am hübschesten
aussah, um eine Hand mit der anderen zu schaben. Dabei schnaufte und pustete sie ununterbrochen, um ihr Wohlbehagen auszudrücken. Die jüngere Robbe erwachte, wandte den Kopf zur Seite, erblickte jedenfalls etwas ganz Ungewöhnliches, richtete wiederholt halb ängstliche, halb verwunderte Blicke auf den Fremdling, schmiegte sich, Hilfe suchend, an die Mutter und konnte die Ruhe nicht wiederfinden. Endlich erwachte auch das ältere Tier, schaute unseren Gewährsmann ebenfalls fragend an, überlegte jedoch nicht lange, sondern wälzte sich langsam dem Meere zu. Am Abend desselben Tages lag die kleinere Elefantenrobbe wiederum auf der alten Stelle, ließ sich, ohne vorher zu fliehen, ergreifen und als Reittier mißbrauchen, strebte aber doch mit solcher Kraft dem Meere zu, daß zwei Leute nicht im stande waren, sie festzuhalten. Trotzdem suchte auch sie, nachdem sie das Meer erreicht hatte, nicht das Weite, sondern verfolgte neugierig gutmütig ihre Störenfriede, solange sie konnte.
Pernetty erzählt noch, daß ein englischer Schiffer eins der Tiere liebgewonnen und vor den Nachstellungen seiner Kameraden geschützt habe. Verschont von der Schiffsmannschaft, lebte diese Elefantenrobbe längere Zeit in Frieden und ohne Sorge um andere ihrer Art, welche in ihrer Nähe nach und nach getötet wurden. Der Schiffer näherte sich ihr täglich, um sie zu liebkosen, und hatte sie in wenig Monaten so weit gezähmt, daß er sie zu sich rufen, ihr den Rücken streicheln und den Arm ins Maul stecken konnte. Zum Unglücke bekam er selbst einmal Streit mit seinen Genossen, und diese waren boshaft genug, sein Lieblingstier zu töten. „Gewöhnlich stierten uns die Männchen“, schildert K. von den Steinen das Gebaren der Tiere, „mit aufgesperrtem Rachen an, rührten sich aber nicht von der Stelle. Ein wundervoll komisches Mienenspiel stand ihnen zu Gebote, wenn sie uns so in dummem Staunen anstarrten und dabei unzufrieden die dicken Nasenwülste auf und nieder runzelten — auch der schwarzgalligste Hypochonder würde sich beim Anblicke der schnurrigen Physiognomie besonders eines krummnasigen alten Gesellen eines schmerzlichen Lächelns nicht haben erwehren können. So muß ich auch erwähnen, daß uns die Gesichtsmimik der See-Elefantin mit ihren runden, glasig-trüben Glotzaugen, mit dem bläulich fleischfarbenen Maule, in dem die kleinen niedrigen Zähne am Kieferrande kaum sichtbar werden, mit ihrer verschrumpelten, trockenen Haut unwiderstehlich an das Antlitz alter, häßlicher Weiber erinnerte, daß nichts drolliger sein konnte, als wenn sich das schlafende Tier behaglich mit den wohlgebildeten schwärzlichen Fingern auf dem Kopfe oder dem schwer zugänglichen Rücken kratzte, und nur das brauchte ich wohl nicht zu berichten, wie ich einst mit Vergnügen gesehen habe, daß eine übrigens ausnahmsweise wenig altweiberhafte See⸗ Elefantin mit klaren schwarzen Augen und frisch rosafarbener Zunge bei meinem Anblicke nicht nur auf das gemütlichste gähnte, sondern sich dabei auch höchst manierlich jene schöne menschliche Hand vor das offene Maul hielt. Zur Versöhnung mit dem strengen Leser will ich sofort hinzufügen, daß ich bei demselben Stücke am Halse den Puls zu zählen Gelegenheit hatte; er betrug in der Minute 60 Schläge.“
Die Brunstzeit, welche etwa in die Monate September bis Februar fällt, bringt etwas Leben unter die Tiere. Wütend kämpfen die Männchen um die Weibchen, obgleich diese in größerer Anzahl vorhanden sind als jene. Unter eigentümlichem Grunzen und gurgelnden Lauten, den Rüssel lang aufgeblasen, das Maul weit geöffnet, rücken die Kämpfer aufeinander los und versuchen nach Möglichkeit sich gegenseitig zu verletzen. Unempfindlich gegen empfangene Wunden, auch wenn fie ein Auge verloren oder andere Verstüm—⸗ melungen erlitten haben sollten, streiten sie bis zur äußersten Erschöpfung. Die Wunden heilen übrigens schnell, und nur selten erliegt einer der Streiter den Zweikämpfen. Alte Männchen sind über und über mit Narben bedeckt: unter Tausenden findet man kaum eins, dessen Fell nicht durch Bisse zerrissen wäre. Die Weibchen schauen scheinbar teilnahmslos den Kämpfen zu und folgen dem Sieger ohne Widerstreben in das Meer hinab, woselbst
er sich durch Liebkosungen vollends die Gunst seines Harems erwirbt. Etwas anders schildert von den Steinen derartige Vorgänge: „Den 10. Dezember 1882 besuchten wir den Roßgletscher. Seitlich von diesem war im Gebiete der alten Moräne ein hübscher kleiner See, der nur wenige Schritte vom Meere entfernt ist, gerade eisfrei geworden. An seinem grünen Uferhange lagen neun Elefanten geringerer Größe, und eine Strecke abseits sonnte sich, die muntere Jugend nicht beachtend, ein altes Männchen. Unter den neun konnte ich vier Männchen und zwei Weibchen unterscheiden. Acht von ihnen, alle 1,5— 1,75 m lang, glaubte ich, wenigstens die männlichen, auf 1 Jahr schätzen zu sollen, das neunte, ein Männchen, hatte gut 2 m, so daß ich ihm entsprechend ein Alter von 2 Jahren gab. Zwei Tiere waren zweifellos schon im Besitze ihres Sommerpelzes; bei dem einen war er elefantengrau mit schönem silberigen Glanze, bei dem anderen fast löwenfarbig, bei beiden der Rücken dunkler als die Unterseite. Die anderen, zwischen schmutzigem Grau und Gelbbräunlich schwankend, erschienen noch im Wechsel begriffen, und ihre Haut war in breiten Fetzen wie mit Moosboden besetzt. Die Männchen rutschten liebevoll um die Weibchen herum, während sich diese ziemlich kalt oder der Ruhe bedürftiger erwiesen. Besonders einer der Liebhaber schien auf ernstliche Abneigung zu stoßen: mit der aufgestülpten Hand versuchte er vergeblich, immer wieder schnaufend und ausruhend, sich an seiner Erwählten emporzurichten und tätschelte sie, vertraulich anklopfend, ohne sie aber günstig zu stimmen, während seiner Erholungspausen. Zwei andere begaben sich in den Moränensee und durchschwammen ihn kreuz und quer unter verliebtem Getändel.“
Zehn Monate nach der Paarung, gewöhnlich im Juli und August, in Kalifornien, laut Scammon, der schon im Juni Junge sah, auch zu unbestimmter Zeit, in Patagonien Anfang November, etwa einen Monat nach Ankunft auf den Eilanden, erfolgt der Wurf der Jungen. Diese, große, schon 1,3— 1,5 m lange und 40 kg schwere Geschöpfe, werden etwa 8 Wochen lang von der Mutter gesäugt und sorgfältig gehütet. Während dieses Zeitraumes bleibt die ganze Familie auf dem Lande, ohne irgend etwas zu fressen, härt sich, das Weibchen und jüngere Tier früher als das alte Männchen, und bereitet sich so auf die Paarungszeit und ihre Kämpfe vor. Schon nach 8 Tagen find die Säuglinge um 1 m länger und um die Hälfte schwerer geworden, nach 14 Tagen brechen die ersten Zähne durch, nach 4 Monaten ist das Gebiß vollständig. Je stärker und feister sie werden, um so mehr magern die Alten ab, welche nur von ihrem Fette zehren. In der siebenten oder achten Woche ihres Alters werden die Jungen in das Meer geführt. Der ganze Haufe entfernt sich langsam vom Ufer und rudert täglich weiter und weiter in das Meer hinaus. Hier verweilt er bis zur nächsten Paarung und tritt dann eine neue Reise an. Die Jungen folgen der Hauptmasse auf allen diesen Wanderungen, werden aber schon nach wenigen Monaten von der Alten verstoßen. Im dritten Jahre ihres Lebens entwickelt sich beim Männchen der Rüssel; von dieser Zeit an wächst es nur wenig in die Länge, um so mehr aber in die Dicke. Mit 20— 25 Jahren soll das Tier in das Greisenalter eintreten, und die Schiffer behaupten, daß man keins fände, welches älter als 30 Jahre wäre.
Der Mensch stellt dem See-Elefanten überall nach, wo er ihn findet. Früher waren diese Robben auf ihren wüsten Inseln vor allen Feinden sicher; seitdem aber der europäische Robbenschläger, ungefähr seit Anfang dieses Jahrhunderts, ihnen nachzieht, nehmen sie sehr schnell ab. Die Fangschiffer räumen rücksichtslos auf unter den wehrlosen Geschöpfen. „Um 12 Uhr mittags“, berichtet Coreal, „ging ich mit 40 Mann ans Land. Wir umringten die Meerwölfe, und in einer halben Stunde hatten wir 400 von ihnen erschlagen.“ Mortimers Leute töteten binnen 8 Tagen an 1200 Elefantenrobben, hätten aber leicht einige tausend erbeutet, wenn sie die Schlächterei fortgesetzt haben würden. Diese Angaben gelten für Jagden, welche zu Anfang unseres Jahrhunderts angestellt wurden; gegenwärtig
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find die Tiere schon derart zusammengeschmolzen, daß man sich mit viel geringerer Ausbeute begnügen muß. Laut Scammon lieferte der Fang an der Küste von Kalifornien vor zwei Jahrzehnten kaum noch Ertrag, und man betrachtet daher diese Ortlichkeit gegenwär⸗ *Dtig nicht mehr als ein Jagdgebiet. Um auf sichere Beute rechnen zu können, muß man die einsamen Inseln an der südlichen Grenze des Verbreitungsgebietes aufsuchen und daselbst monate-, ja sogar jahrelang verweilen. Die Ufer dieser vom Menschen nicht bewohnten Inseln, unter denen die Kerguelen als der wichtigste aller Fangplätze gelten, starren von wild zerbrochenen, teilweise unter Wasser versteckten Felsenmassen, welche die Landung erschweren, auf weite Strecken hin auch dem kleinsten Schiffe nirgends gestatten, zwischen ihnen mit Sicherheit zu ankern und die im Boote landenden Robbenschläger selbst beim ruhigsten Wetter zwingen, in das Wasser zu springen und das Boot festzuhalten, damit es nicht gegen die Felsen geschleudert werde. Eine wütende Brandung umtoft jederzeit die eisigen, felsenstarrenden Küsten und überschüttet sie bei jeder Brise bis zu einer bedeutenden Höhe mit ihrem Schwalle. Nicht umsonst nannte Cook Kerguelenland die Insel der Trostlosigkeit, und doch verdient Herdeiland noch mehr als jenes diesen Namen. Auf Kerguelenland gibt es wenigstens Häfen, in denen ein Schiff einlaufen kann; vor dem Herdeilande, einem sehr ergiebigen Jagdgebiete, muß das Schiff, welches Robbenschläger aussetzt, gerüstet sein, allen, auch den furchtbarsten Stürmen auf der wild bewegten See zu trotzen. Das Schiff, welches die angeworbenen Fangleute an ihren Bestimmungsort bringt, wird stets mit doppelter Besatzung versehen und in der Regel begleitet von einem kleineren Fahrzeuge, welches als Tender dient. Bei Ankunft vor der Insel legt man es vor schweren Ankern fest, nimmt alle Segel ab, birgt sogar die Rahen im Raume und bereitet sich so gut wie möglich vor, auch den schwersten Stürmen Widerstand zu leisten. Nunmehr erst läßt sich ein Teil der Mannschaft an das Land setzen, um hier mit der Jagd zu beginnen. In erbärmlichen Hütten, deren Wände aus losgebrochenem Gestein und deren Dächer aus übergebreiteten Segeln bestehen, haust hier die Mannschaft wochen- und monatelang in Sturm und Regen, Frost und Schnee, harrt auf die ankommenden See-Elefanten, tötet so viele von ihnen, wie sie kann, schlachtet sie aus, verpackt den Speck in Fässer und wartet günstige Tage ab, um diese im Schiffe zu bergen. In den meisten Fällen bleibt auch nach der Landungszeit der Rüsselrobben noch ein Teil der Mannschaft zurück, wohl versehen zwar mit allen notwendigen Bedürfnissen zum Leben, aber doch allen Unbilden der Witterung preisgegeben, um während des Winters die Jagd fortzusetzen. Landen mehrere Schiffe Robbenschläger unter denselben Bedingungen, so grenzen sich die verschiedenen Gesellschaften bestimmte Teile des Eilandes ab und überwachen die ihnen zugesprochenen Strecken mit demselben Eifer wie ein Hochgebirgsjäger sein Gemsgebiet, helfen sich jedoch in den meisten Fällen gegenseitig beim Erlegen und Zerwirken der innerhalb ihrer Grenzen gelandeten Tiere.
Auf diesen entlegenen Eilanden liefert die Jagd noch heutigestags leidlichen Ertrag, der freilich je nach den Jahren in weiten Grenzen schwanken kann. So wurden auf zwei Inseln der Crozetgruppe im Jahre 1866 fast 2000, ein Jahr später nur 346 Rüsselrobben erbeutet. Die meisten erlegte man in den Monaten Oktober bis Januar, die wenigsten im August.
Zur Jagd der See-Elefanten bedient man sich schwerer Keulen und etwa 5 m langer Lanzen mit starken, langen, vorn spatelförmig verbreiterten, aber scharfen Spitzen. So ausgerüstet und außerdem mit schweren Hinterladern versehen, versucht man zwischen die gelandete Herde und das Wasser zu gelangen, verursacht hierauf durch Schreien, Schießen und sonstiges Lautgeben einen möglichst tollen Lärm und bewegt sich, Gewehre, Keulen und Lanzen schwingend, langsam auf die Herde zu, welche, erschreckt durch das ungewohnte Getöse, sich in der Regel zurückzieht. Sollte, wie es nicht selten geschieht, ein Männchen sich zur Wehre setzen oder durch die Linie zu brechen suchen, so endet eine ihm in das Hirn