Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
beschrieben hat. Seine vorherrschende Färbung ist ein düsteres Gelblichweiß oder Stroh: gelb, welches auf dem Rücken bis zum Lohfarbenen dunkelt, aber bald mehr ins Rötliche, bald mehr ins Bläuliche und selbst ins Dunkelgraue spielt, und auf der Unterseite dieselbe Färbung wie beim Männchen zeigt; von der leierförmigen Rückenzeichnung bemerkt man nichts: höchstens finden sich an ihrer Stelle einzelne eiförmige dunkle Flecken in verschiedener Anzahl und Größe, welche von dem gelblich- oder rötlichbraunen Grunde sich abheben. Das schneeweiße Kleid der jungen Sattelrobben geht im Laufe mehrerer Jahre allmählich in das ihrer Eltern über. Das Verbreitungsgebiet der Sattelrobbe beschränkt sich auf die höchsten Breitengrade des Nordens, reicht aber vielleicht durch die Beringstraße bis in das nördliche Stille Welt: meer hinüber. Einzelne Stücke sind zwar wiederholt an den Küsten Lapplands und Norwegens, selbst Großbritanniens und Deutschlands beobachtet worden, immer aber als ver: schlagene anzusehen, da die südliche Grenze des Verbreitungsgebietes kaum diesseits des 67. Breitengrades angenommen werden darf. Von hier aus nach Norden hintrifft man fie überall im Eismeere an, je nach der Jahreszeit aber bald in diesem, bald in jenem Teile desselben in besonderer Häufigkeit. Im Gegensatze zum Seehunde meidet sie das feste Land und hält sich fast ausschließlich nur am Eise auf. Hier sieht man sie oft in außerordentlicher Menge gelagert, zuweilen, so weit das bewaffnete Auge reicht, die Eisfelder bedeckend, Hunderte neben Hunderten, Tausende neben Tausenden; niemals aber begegnet man ihr weit entfernt vom Rande des Eises, vielmehr stets an den Rändern der krystallenen Decke, welche der Winter alljährlich über einen großen Teil ihres heimischen Meeres breitet. Während der Fortpflanzungszeit sucht sie mit Vorsicht dicke Eisschollen auf, um ihre in der ersten Jugend unbehilflichen Jungen nicht zu gefährden. |
Mehr als die meisten Verwandten wird die Sattelrobbe durch die Wahl ihres Aufenthaltes zum Wandern gezwungen: wenn im Sommer das Eis südwärts treibt und schmilzt, zieht sie sich nach Norden zurück, mit dem im Winter sich bildenden geht sie wieder nach Süden; ebenso aber unternimmt sie auch Wanderungen in westlicher und östlicher Richtung. So verläßt sie die grönländischen Küsten zweimal im Laufe des Jahres, das erste Mal im März, das zweite Mal im Juli, wandert bis in die nördlichsten Teile der Davisstraße und erscheint im Mai wieder in sehr abgemagertem Zustande, treibt es wie zuvor, tritt eine neue Wanderung an und kehrt im September zurück, um den Winter an der grönländischen Küste zu verbringen. Die Frühlingswanderung entführt in der Regel sämtliche Stücke, wogegen bei der Herbstwanderung einzelne von ihnen zurückzubleiben pflegen, ohne daß man dafür einen Grund anzugeben vermöchte. Wie weit hinauf nach Norden die wandernden Tiere sich wenden, weiß man nicht, ebensowenig, als es bis jetzt hat gelingen wollen, die tieferen Ursachen der Wanderungen zu ergründen. Einzelne Schiffer haben sie mitten im Meere in zahlreichen Scharen dahinschwimmen sehen, eine ziemlich gerade Linie bildend, welche eilfertig in gleicher Richtung sich weiterbewegte, andere sie gänzlich unerwartet an Küstenteilen oder auf Eisfeldern getroffen, welche sie sonst nicht zu besuchen pflegen. Die Wanderungen ändern mannigfaltig ab, je nach der herrschenden Wärme der Jahreszeit, in welcher sie stattfinden, dürften also durch jene wenigstens teilweise bestimmt werden, ebenso wie das zeitweilige Auftreten gewisser Seetiere, welche ihnen zur Nahrung dienen, Einfluß ausüben mag. Für letzteres scheint zu sprechen, daß die Sattelrobben, wie schon bemerkt, das erste Mal in außerordentlich magerem Zustande ankommen, wogegen sie beim zweiten Erscheinen im September feister sind als je: sie haben sich also offenbar in der Zwischenzeit reicher Beute erfreut und gemästet. Vielleicht hängen auch ihre Wanderungen mit der Fortpflanzungszeit zusammen. Die Geburt der Jungen fällt in die ersten Frühjahrs monate, von Mitte März an bis Mitte April, je nachdem der Winter milder oder strenger war.
Um diese Zeit gerade sammeln fie sich auf einzelnen Eisfeldern zu jenen ungeheuern Scharen, welche selbst die an Massen gewöhnten Robbenschläger in Erstaunen versetzen. Nachdem die Weibchen passende Eisfelder ausgesucht, geworfen und sich wieder begattet haben, werden sie von den Männchen verlassen. Diese treiben sich anfänglich längs der Eisränder im Meere umher, kommen dem Beobachter aber bald aus dem Auge, weil sie allmählich von hier verschwinden und sich unbekannten Gegenden zuwenden. Die Trächtigkeitsdauer der Sattelrobbe beträgt 11 Monate. Nach Angabe Browns soll das Weibchen in der Regel ein, nicht selten aber zwei Junge, nach Versicherung erfahrener Robbenschläger zuweilen sogar deren drei zur Welt bringen; letzteres erscheint jedoch sehr unwahrscheinlich und wird sich, wenn überhaupt begründet, möglicherweise auf einen Beobachtungsfehler zurückführen und dadurch erklären lassen, daß ein und dasselbe Weibchen mehrere verwaiste Jungrobben bemutterte. Die Jungen werden ebenso wie die Verwandten in sehr entwickeltem Zustande geboren und sind die niedlichsten und hübschesten Mitglieder ihrer Familie. Ihr erstes weißes Jugendkleid wetteifert an Reinheit der Farbe mit dem fleckenlosen Schnee der höheren Breiten, nimmt aber bald eine wundervolle gelbliche Färbung an, welche ihm jedoch leider ebenfalls nicht lange bleibt. Wie so viele andere Seehunde, sind die jungen Sattelrobben in den ersten Tagen ihres Lebens sehr hilflos und vollkommen unfähig, in das Wasser zu gehen, liegen deshalb saugend und schlafend auf dem schneebedeckten Packeise und genießen durch ihr Kleid denselben Schutz wie andere Schneetiere, indem sie den Augen ihrer Feinde entrückt werden. Ihre Mütter behandeln sie mit größter Zärtlichkeit, verteidigen sie auch mutig gegen die Seehundsjäger, welche gerade derartige Junge eifrig verfolgen. Wenn nicht ein besonderes Unheil sie heimsucht, beispielsweise, wie es im Jahre 1862 geschah, ein schwerer Sturm sie von den Eislagern herab in das Meer fegt, in welchem sie sich nicht zu bewegen verstehen und jämmerlich ertrinken müssen, wachsen sie rasch heran und tauschen bald das erste Jugendkleid mit einem zweiten gefleckten und gesprenkelten um, welches die Robbenschläger veranlaßt hat, sie mit Hasen zu vergleichen und so zu nennen. Sobald sie besagtes Kleid erhalten haben, werden sie von der Mutter in das Wasser geführt und nach und nach in allen Leibesübungen unterrichtet und ausgebildet. Im Laufe des ersten Sommers ändert sich das zweite Jugendkleid wiederum, insofern die Grundfärbung in ein dunkles Blau auf dem Rücken und ein dunkles Silberweiß auf Brust und Bauch übergeht. In dieser Tracht werden sie von den Grönländern „Aglektok“ genannt. Der nächste Wechsel des Kleides nähert dieses nunmehr der Alterstracht, welche die Sattelrobbe im dritten oder, wie andere wollen, im vierten bis fünften Jahre anlegt.
Obwohl unfere Robbe in ihren Sitten und Gewohnheiten ihren Verwandten sehr ähnelt, unterscheidet sie sich doch in mehr als einer Hinsicht und namentlich durch ihre Bewegungen von ihnen. Ihr Gang ist, wie gefangene des Londoner Tiergartens gelehrt haben, gewissermaßen ein Mittelding zwischen dem Watscheln der Ohrenrobbe und dem Bauchkriechen des Seehundes, da sie, obschon in vielen Fällen ebenfalls nach Art des letzteren sich fördernd, beim Gehen regelmäßig die Vorderflossen zu Hilfe nimmt und als Gehfüße benutzt. Ihre Bewegungen im Wasser zeichnen sich durch eine überraschende Schnelligkeit und besondere Gewandtheit, insbesondere aber durch rasch nacheinander wiederholte Sprünge aus, welche ihren ganzen Körper über das Wasser schleudern und die Seeleute berechtigen, sie „Springer“ zu nennen. Newton glaubt, daß man die von Zeit zu Zeit immer wieder auftauchenden Berichte über riesenhafte Seeschlangen, welche Schiffer mit Bestimmtheit gesehen haben wollen, wohl auf sie zurückführen dürfe. Wie bereits oben bemerkt, ordnen sich die Gesellschaften, denen man auf hohem Meere begegnet, fast regelmäßig in einer geraden Linie, indem eine Sattelrobbe hinter der anderen herschwimmt und alle einem Leittiere folgen. Wenn nun das letztere, wie es gern zu thun pflegt, sich einmal um sich selbst dreht oder einen
Luftsprung ausführt, welcher es über die Oberfläche des Wassers wirft, verfahren alle übri: gen, wenn sie an derselben Stelle angekommen sind, genau in gleicher Weise. Der Gedanke an die Seeschlange drängte sich Newton mit unwiderstehlicher Gewalt auf, so oft er Sattelrobben dahinschwimmen sah, und es schien ihm durchaus begreiflich, daß ein gegen alle Romantik nicht so wie er abgestumpfter Beobachter fest überzeugt sein könne, in der vor seinen Augen dahinziehenden Schlangenlinie das vielbesprochene fabelhafte Ungeheuer des Meeres zu erkennen. Durch dieses spielende Treiben und seine wundervolle Beweglichkeit kennzeichnet sich der Springer, bestimmter noch als durch seinen eiförmigen Kopf, in jeder Entfernung von anderen Verwandten. Seine höheren Begabungen stehen mit denen des Seehundes annähernd auf gleicher Stufe: so wenigstens läßt das Betragen der freilebenden wie der gefangenen schließen.
Hinsichtlich der Jagd und Nutzung der Sattelrobbe gilt dasselbe, was bei Schilderung des Seehundes bemerkt wurde. Für die Grönländer ist gerade sie von besonderer Bedeutung. Ein erwachsenes Männchen wiegt, nach Brown, 115 kg, wovon 50 kg auf Fell und Fettschicht, 45—48 Kg auf das Fleisch, das übrige auf Knochen, Blut und Eingeweide zu rechnen sind. Fell und Haut werden in Grönland nicht so hoch geschätzt wie die des gemeinen Seehundes und selbst das Fleisch dem des letzteren nachgestellt; gleichwohl wirft der Fang dieser Robbe, des Thranes wegen, immer noch einen ziemlich erheblichen Gewinn ab. Innerhalb der dänischen Niederlassungen in Grönland werden alljährlich etwa 36,000 Sattelrobben erbeutet, im übrigen Eismeere vielleicht die doppelte Anzahl, keineswegs aber so viele, daß der Bestand dieser Tiere sich dadurch in besorgniserregender Weise vermindern könnte.
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Aus der Reihe der übrigen Gattungen der Robben verdient als zweite die der Blasenrobben (Cystophora) hervorgehoben zu werden und zwar hauptsächlich wegen der eigentümlichen Schmuckzeichen, welche die alten Männchen in Gestalt von absonderlichen Haut-blasen tragen. Das Gebiß besteht aus 2 spitzkegelförmigen Schneidezähnen in jedem Ober: und einem einzigen in jedem Unterkiefer, dem sehr entwickelten Eckzahne, 4 Lückenzähnen und 1 Mahlzahne in jedem Kiefer oben und unten.
Als Vertreter der Blasenrobben schildern wir die Klappmütze der Robbenschläger, Bladdernase oder Bladder der Engländer, Kiknebb der Finnen, Avjor oder Fattenuorgo und Oado der Lappen, Neitersoak und Kakortak der Grönländer (Cystophora cristata, Phoca cristata, mitrata, leucopla, cucullata, dimidiata und isidori, Stemmatopus cristatus und mitratus, Cystophora borealis), eine der größten Robben des Eismeeres, vor allem kenntlich an einer Hautblase, welche sich von der Nase an über die ganze Schnauzendecke und den größten Teil des Oberkopfes erstreckt und willkürlich mit Luft gefüllt oder entleert werden kann, in ersterem Falle einen Schlauch von 25 em Länge und 20 em Höhe bildet und dann wie eine über den Vorderkopf gezogene Mütze aussieht, zugeklappt aber sich einem Kiele vergleichen läßt, welcher die Nase in zwei Teile scheidet. Der Kopf ist groß, die Schnauze dick und stumpf, der Leib dem anderer Robben durchaus ähnlich gebaut, auch das vordere Flossenpaar, in welchem die Zehen von der ersten an an Länge abnehmen und deshalb scharf abgesetzt erscheinen, wenig von dem der Verwandten verschieden, das hintere, fünflappige außen merklich verlängert, in der Mitte bedeutend verkürzt, das vordere Paar mit stark gekrümmten, spitzigen, unten ausgehöhlten, das hintere mit geraden, stumpfen und seitlich zusammengedrückten Nägeln bewehrt, der Schwanz breit und kurz. Alte und Junge tragen ein verschiedenes, die beiden Geschlechter ein übereinstimmendes, aus langen, etwas aufrecht stehenden Grannen- und dicken, pelzigen Wollhaaren gebildetes
Kleid, welches in der Regel auf der oberen Seite dunkel nußbraun oder schwarz gefärbt und mit größeren oder kleineren, runden oder eiförmigen Flecken von noch tieferer Farbe gezeichnet, unten aber dunkelgrau oder rostig silberfarben gefärbt und fleckenlos ist; Kopf und Flossen sind dunkler als der übrige Leib; die von der Mütze bedeckte Stelle des Kopfes und die Flossen haben gewöhnlich dieselbe Färbung wie die dunkeln Flecken des Felles. Ausgewachsene Männchen erreichen eine Länge von 2,3— 2,5 m; die Weibchen, denen die Hautblase fehlt, bleiben merklich hinter diesen Maßen zurück.
Unter den Seehunden des nördlichen Eismeeres scheint die Klappmütze ein wenig ausgedehntes Gebiet zu bewohnen und nirgends in großer Menge aufzutreten. Wie Fabricius
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Klappmütze (Cystophora cristata). ½bo natürl. Größe.
berichtet und Brown bestätigt, ist sie in der Nähe von Grönland und Neufundland am häufigsten, an der Westküste von Island seltener, weiter im Süden ein nur dann und wann erscheinender, wohl verirrter Gast. Bei Nowaja Semlja soll sie niemals gesehen werden. Man kann sie nirgends als gemeines Tier bezeichnen. An den Küsten Grönlands trifft man sie hauptsächlich in der Nähe großer Eisfelder an, welche ihr überhaupt weit öfter als das Land zum Ruhe- und Schlafplatze dienen. Hier bevorzugt sie gewisse Plätze und erscheint auf ihnen regelmäßiger als anderswo. Auch sie unternimmt Wanderungen, welche sie weit von den Küsten entfernen und bis in die nördlichsten Teile des Eismeeres führen, wird daher an ihren gewöhnlichen und bekannten Aufenthaltsorten nur zu gewissen Zeiten des Jahres beobachtet. In Grönland trifft sie mit Beginn des Aprils ein und verweilt hier bis