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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Für die nordischen Völkerschaften sind die Seehunde die wichtigsten aller Tiere. Dem Grönländer ermöglichen die Robben das Leben; er nützt jeden Teil ihres Leibes. Jedoch auch wir Europäer wissen das glatte, schöne, wasserdichte Fell wohl zu schätzen und den Thran, ja selbst das Fleisch zu würdigen. Kein Wunder daher, daß die Seehunde eigentlich in allen Meeren aufs eifrigste verfolgt werden. Jagd und Fang sind meist dasselbe; das Feuergewehr wenigstens wird selten, auf hoher See gar nicht angewandt, weil der getötete Seehund untergeht wie Blei. Anders ist es an bestimmten Lieblingsplätzen der Tiere am Strande. An der Ostküste der Insel Rügen befindet sich, wie Schilling erzählt, mehrere 100 Schritt von der äußersten Spitze des hohen Vorlandes ein Haufen Felsblöcke, welcher bei gewöhnlichem Wasserstande mehr als 1 m über den Wasserspiegel emporragt. Auf

dieser Klippe liegen oft 40—50 Seehunde, find aber gewißigt genug, um ein Boot nicht an sich herankommen zu lassen. „Einer meiner Freunde“, erzählt Schilling, „welcher mir Gelegenheit verschaffen wollte, diese Tiere näher zu beobachten und zugleich zu jagen, ließ auf jenem Riffe eine Tonne befestigen und sie so stellen, daß ein Mann ohne Mühe darin sitzen konnte. Nach Verlauf von einer Woche hatte man Gewißheit erlangt, daß die Seehunde sich nicht mehr vor dem Anblicke der ausgesetzten Tonne scheuten und wie zuvor das Riff besuchten. Nun segelten wir, mit hinreichenden Lebensmitteln auf 8 Tage versehen, nach der unbewohnten Küste, erbauten uns dort eine Hütte und fuhren von hier aus nach dem Riffe hinüber. Einer von uns Jägern saß beständig in der Tonne verborgen, der andere hielt sich inzwischen am Strande auf. Das Boot wurde immer weit entfernt. Der Anstand war höchst anziehend, aber auch sehr eigentümlich. Man kam sich in dem kleinen Raume des engen Fasses unendlich verlassen vor und hörte mit unheimlichen Gefühlen die Wogen der See rings um sich herum branden. Ich bedurfte einiger Zeit, um die notwendige Ruhe wiederzufinden. Dann aber traten neue, nie gesehene Erscheinungen vor meine Augen. In einer Entfernung von ungefähr 400 Schritt tauchte aus dem Meere ein Seehund nach dem anderen mit dem Kopfe über die Oberfläche auf. Ihre Anzahl wuchs von Minute zu Minute, und alle nahmen die Richtung nach meinem Riffe. Anfangs befürchtete ich, daß sie beim Näherkommen vor meinem aus der Tonne hervorragenden Kopfe sich scheuen und unsere Anstrengungen zu nichte machen würden, und meine Furcht wuchs, als sie fast alle vor dem Steinhaufen senkrecht im Wasser sich emporstellten und mit ausgestrecktem Halse das Riff, die darauf befindliche Tonne und mich mit großer Neugier zu betrachten schienen. Doch wurde ich wegen meiner Befürchtung beruhigt, als ich bemerkte, daß sie bei ihrer beabsichtigten Landung sich gegenseitig drängten und bissen und besonders die größeren sich anstrengten, so schnell wie möglich auf das nahe Riff zu gelangen. Auch unter ihnen schien das Recht des Stärkeren zu herrschen; denn die größeren bissen und stießen die kleineren, welche früher auf die flachen, bequemeren Steine gelangt waren, herunter, um letztere selbst in Besitz zu nehmen. Unter abscheulichem Gebrüll und Geblöke nahm die Gesellschaft nach und nach die vorderen größeren Granitblöcke ein. Immer neue Ankömmlinge krochen noch aus dem Wasser heraus, wurden jedoch von den ersteren, welche sich bereits gelagert, nicht vorbeigelassen und mußten suchen, seitwärts vom Riffe das Feste zu gewinnen. Deshalb suchten sich einige in unmittelbarer Nähe meiner Tonne einen Rastplatz. „Die Lage, in welcher ich mich befand, war äußerst sonderbar. Ich war gezwungen, mich ruhig und still wie eine Bildsäule zu verhalten, wenn ich mich meiner außergewöhnlichen Umgebung nicht verraten wollte. Das Schauspiel war mir aber auch so neu und so großartig, daß ich nicht im stande gewesen wäre, mein bereits angelegtes Gewehr auf ein ganz sicheres Ziel zu richten. Das Tosen des bewegten Meeres, das vielstimmige Gebrüll der Tiere betäubte das Ohr, die große Anzahl der in unruhigen, höchst eigentümlichen Bewegungen begriffenen größeren und kleineren Seehunde erfüllte das Auge mit Staunen... Endlich ersah ich mir einen der größten Seehunde zu meinem Ziele, und der gut gerichtete Schuß auf die Seite seines Kopfes traf mein Wild so sicher und tödlich, daß das Kind des Meeres keine Kraft mehr besaß, von seinem Lager sich herabzuschwingen. Den zweiten Schuß empfing sein Nachbar, welcher ebenfalls nach wenigen Zuckungen leblos auf seinem Steine liegen blieb. „Die übrigen Seehunde gerieten erst nach dem zweiten Schusse in eine allgemeine, hastige Bewegung und glitten hierauf mit großer Behendigkeit in das nahe Wasser: der erste Knall schien sie nur in Erstaunen gesetzt zu haben. Während das herbeigerufene Boot sich aufmachte, um mich und meine Beute abzuholen, hatte ich Zeit, Betrachtungen über das

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Betragen der geflüchteten Seehunde anzustellen. Sie setzten ihre Flucht nicht eben weit fort, sondern kamen in einer Entfernung von wenigen hundert Schritt oftmals über der Oberfläche zum Vorschein, näherten sich dem Riffe sogar, so daß es schien, als ob sie dort wieder landen wollten. Die endliche Annäherung des Fahrzeuges verscheuchte sie jedoch, und sie zogen sich weiter in die See hinaus.“

Manchmal gelingt es, laut Schilling, auch vom Schiffe aus nach Seehunden zu feuern, wenn man in einem kleinen Boote mit halbem Winde lautlos an die auf Steinen schlafenden Tiere heransegelt. Eine andere, namentlich an der Nordsee gebräuchliche Jagdweise rechnet mit der großen Neugierde des begehrten Wildes, das sich leicht täuschen läßt. Man schleicht sich an die Stellen, wo Seehunde gern liegen, legt sich platt nieder und macht nun, wenn die Tiere auftauchen, allerhand Mätzchen: man nickt mit dem Kopfe, schlägt mit den Beinen kreuzweise aus, schnellt sich platt ausgestreckt vor und zurück. Dieses für den Zuschauer allerdings hochkomische Treiben verfehlt seine Wirkung nicht; die auftauchenden Tiere nähern sich, kommen dicht ans Land und können nun von dem im Anschlage liegenden Schützen erlegt werden. Bei anhaltendem Frostwetter ist auch die Jagd auf dem Eise zuweilen ergiebig, niemals aber zuverlässig und stets gefährlich. Wenn auch die Stromstellen der Ostsee zugefroren sind, halten die Seehunde hier künstliche Löcher im Eise offen, um durch diese mit der äußeren Luft in Verbindung zu bleiben und durch sie hindurch auf das Eis zu kriechen und dort zu schlafen. Jeder Seehund bildet sich gewöhnlich eine solche Offnung, manchmal aber auch einige zu seinem alleinigen Gebrauche. An diese Wuhnen schleicht man nachts mit Filzschuhen heran, um das Geräusch der Schritte zu dämpfen, muß aber sorgfältig auf Wind und Wetter achten und stets auf seiner Hut sein.

An der schwedischen Ostseeküste wird die Jagd regelmäßiger und häufiger, gewöhnlich aber nur mit der Harpune, seltener mit der Büchse betrieben. Einzelne schwedische Seejäger richten sich Hunde ab, welche auf dem Eise die Robben aufspüren und sie so lange beschäftigen, bis ihre Herren herbeikommen. Auf den Faröerinseln jagt man hauptsächlich wäh: rend der Zeit, in welcher die Seehunde mit ihren Jungen auf dem Lande verweilen. Man nennt die Orte, an denen die Tiere gebären, den Later und die Jagdmonate dem entsprechend die Laterzeit. Solch eine Jagd beschreibt Graba. „Als wir in die Bucht kamen, wurden wir sogleich von unzähligen Seehunden umringt, welche uns mit neugierig emporgereckten Köpfen anstarrten. Kein Schuß fiel, damit die auf den Klippen schlafenden nicht geweckt würden. Wir stiegen aus und schlichen uns einem Klumpen von Seehunden an, in dem man nicht unterscheiden konnte, wo Kopf oder Schwanz der einzelnen Tiere sei. Sobald es knallte, wälzte sich die glitzernde Masse in die See. Nun bestiegen wir unsere Fahr: zeuge wieder und fuhren langsam in die Bucht hinein. Die ganze Schar der Seehunde, bestimmt über 50 an der Zahl, folgte uns, voller Neugier, zu sehen, was in dem Boote vorgehe. Bald tauchten sie unter, bald auf; kam einer zufällig ganz dicht bei dem Boote auf, und man erhob das Gewehr zum Schusse, so beeilte er sich mit großem Geplätscher, wieder unter die Oberfläche des Wassers zu kommen. Sobald ein Schuß fiel, verschwanden alle Köpfe, kamen aber sogleich wieder dicht bei uns empor. Eswurden alte, zweijährige und einjährige Meerhunde erlegt. „Nach Beobachtungen von alters her darf man nie über die Hälfte der auf dem Later befindlichen Tiere, besonders aber nicht alle Männchen, erschlagen. Sind drei Männchen auf dem Later, so kann man den größten und kleinsten töten; den, welcher in der Mitte steht, muß man am Leben lassen. Von den Weibchen, ‚Apner‘ genannt, erlegt man die fettesten; neugeborene Junge und deren Mütter bleiben am Leben. In den Latern, wo man eine Leuchte braucht, blendet und verwirrt der unvermutete Anblick des Lichtes die Seehunde, in den Latern hingegen, deren Offnungen das Tageslicht nicht gänzlich verdecken,

sehen die Seehunde besser als die Leute, und dann hört man bei der Ankunft des Bootes ein starkes Brüllen und Brummen. Der größte Brimmil (wahrscheinlich Brummer), welcher deswegen auch ‚Latu-Verjar (Verteidiger des Later) genannt wird, erhebt sich sogleich, will den Leuten den Eingang verwehren und springt vor ihnen mit geöffnetem Rachen auf den Klippen vor- und rückwärts. Da der Seehund höher steht und den ersten Mann überragt, so glückt es diesem selten, ihn zu erschlagen, falls er nicht zurückspringt und jenem zur Seite oder in den Rücken kommt. Das Richtigste ist, wenn der Vordermann dem Seehunde die erhobene Keule entgegenhält, sollte dieser ihm auch die Vordertatzen auf die Schultern legen; währenddessen achtet der Latu-Verjar nicht auf den Hintermann, welcher ihm den Schlag gibt. Kann der Seehund den Schlag mit dem Maule auffangen, so ist kein Mensch so stark, ihm die Keule zu entreißen oder zu entwinden. Wird der Latu-Verjar mehrere Male getroffen und entkommt dennoch, so verläßt er diesen Later und begibt sich nach anderen Höhlen, welches die Ursache sein soll, daß so viele Later jetzt verlassen sind. Handfeste Leute sagen, daß sie ebenso gern gegen einen erbosten Stier angehen wollen wie gegen einen Latu— Verjar, besonders, wenn der zweite Mann dem ersten nicht schnell genug folgen kann. Mittelgroße Seehunde scheinen Nebenbuhler des Latu-Verjar zu sein, welche, wenn sie geschont werden, den Later bestimmt wieder besuchen, ja sogar fremde Weibchen mit sich bringen. Ist das Junge so groß, daß die Mutter es bei dem Lärme, welchen die Ankunft des Bootes verursacht, in die See stoßen kann, so thut sie es und sucht mit ihm zu entkommen. Ist dies nicht der Fall, so bleibt sie bei dem Jungen oder kehrt doch gleich zu demselben zurück, falls sie es auch im ersten Augenblicke verlassen haben sollte, so daß man die Jungen befühlen kann, ob sie fett sind, ohne daß sie von der Stelle wiche, es sei denn, daß man sie durch Geschrei und Lärm wegschrecke.“

Unter allen Völkern scheinen die Grönländer diejenigen zu sein, welche nicht nur am geschicktesten Seehunde zu jagen verstehen, sondern ihre Beute auch am mannigfaltigsten zu verwenden wissen. „Die Grönländer“, sagt Fabricius, „sind große Meister darin, die Ruder leicht und nett zu gebrauchen, so daß man kaum einen Laut davon hört. Wenn nun ein Seehund auftaucht, so gibt man auf sein Gebaren acht, um daraus auf die Art, ihn anzugreifen, zu schließen. Ister sicher, so strebt man aus aller Macht danach, so nahe wie möglich zu kommen, um nicht fehlzuwerfen. Das einzige, was hierbei zu beachten, ist, daß weder die Bewegung des Ruders noch das Fortschießen des Bootes bedeutenden Lärm verursachen; denn dies würde den Seehund in seiner Ruhe stören. Indessen gehört hierzu nicht wenig Behendigkeit und Übung, teils durch lange und tiefe Ruderschläge, teils auch, indem man das Boot mit dem Körper selbst fortbewegt, und viele sind hierin so ausgelernt, daß sie den Seehund an die Seite des Bootes bekommen können, ohne daß er es merkt. Ist er dagegen einer von den vorsichtigen, welcher sich umsieht, so verursacht es größere Schwierigkeiten; doch verliert man nicht alle Hoffnungen, sondern gibt acht, wenn er untertaucht, und eilt dann vorwärts. Wenn der Kopf dagegen über dem Wasser ist, hält man sich stille und bückt sich nieder oder legt sich aufs Boot zurück, um für etwas Totes, auf dem Wasser Treibendes gehalten zu werden. Plätschert der Seehund im Wasser, und befindet er sich bei seinem Spiele in Verwirrung, in welcher er zuweilen den Fänger ansieht, so pfeift dieser mit dem Munde, um ihn noch sicherer zu machen. Sollte er gleichwohl untertauchen, ehe man ihn in Wurfweite hatte, so gibt man acht darauf, wohin er seinen Lauf richtet, verändert in etwas den Ort und sieht sich beständig nach der Stelle um, wo er wieder aufkommt, und jo fort; denn es würde zu weitläufig sein, hier alles zu beschreiben. Wenne. man dann endlich in rechte Nähe gekommen ist, wirft man die Harpune nach ihm, und die Leine folgt mit. Da die Harpune Widerhaken hat, so zeigt es sich gleich, ob der Seehund getroffen ist oder nicht; denn dieser kann im ersten Falle nicht leicht davonkommen, 20*

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