Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
vor sich hinsieht, stöhnt, mit den Vorderflossen arbeitet und mit großem Lärm taucht, ist sie die „Plätschernde“ und kann leicht von dem Fänger überrumpelt werden, während die Aufgerichtete gewöhnlich zur „Lauschenden, Betrachtenden und Genausehenden“ wird, d. h. wenig Erfolg für die Jagd verspricht. Dasselbe ist dann der Fall, wenn sie unter Wasser frißt, ihren Platz kaum verändert, sondern bloß die Nasenspitze aus dem Wasser streckt, Luft nimmt und die Nasenlöcher wieder schließt, wogegen sie zu anderen Zeiten, wenn fie bewegungslos auf dem Rücken liegt und den Kopf und die Füße zusammengebogen hat und ruht oder schläft, den Fänger so nahe an sich kommen läßt, daß man sie mit den Händen greifen könnte. Unter solchen Umständen erweckt sie nicht einmal lautes Geräusch, und es kann geschehen, daß fie, wie Brown erfuhr, von Dampfschiffen überfahren wird.
Wallace hat die sehr richtige, von Brown bestätigte und auch von mir geprüfte Beobachtung gemacht, daß der Seehund nicht selten mit regelmäßigen Unterbrechungen schläft, indem er etwa 3 Minuten lang wacht und ebenso lange in Schlaf versinkt. „Ein an Bord unseres Schiffes befindlicher junger Seehund“, so erzählt Brown, „welchen ich längere Zeit aufmerksam beobachtete, schien in der That in dem angegebenen Zeitraume abwechselnd zu schlafen und zu wachen. Störte man ihn, so versuchte er sich zu verteidigen, ließ man ihn einige Minuten in Frieden, so zog er seine Flossen dicht an den Leib, schloß, nachdem er ein Weilchen schläfrig geradeaus gesehen hatte, seine Augen und atmete
eine oder zwei Minuten lang so tief, daß man nicht an seinem Schlafe zweifeln konnte; de plötzlich aber öffnete er, auch ohne irgendwie behelligt zu sein, die dunklen, glänzenden Augen wieder, streckte den Hals aus, warf einen Blick in die Runde, um sich zu überzeugen, ob noch alles in erwünschter Ordnung sei, fiel hierauf von neuem in Schlaf und verfuhr so—.TeN dann wie vorher. Wenn Seehunde in größerer Anzahl auf dem Eise oder am Strande liegen, . übernehmen stets einige von ihnen, und zwar gewöhnlich weibliche Stücke, die Wache; sie aber verfahren genau ebenso wie unser junger Seehund an Bord.“ Man kann dieselbe Beobachtung an allen Gefangenen unserer Tiergärten anstellen, wenn man nur eine geraume Zeit an ihrem Becken verweilen und abwarten will, bis ringsum zeitweilig alles ruhig geworden ist; denn jeder Seehund verbringt den größten Teil des Tages schlafend und gibt sich, wie alle übrigen Robben, als Nachttier zu erkennen.
Obgleich die Seehunde tage- und wochenlang im Meere leben und alle ihre Geschäfte im Wasser abmachen können, begeben sie sich doch, wenn sie ruhen, schlafen und sich sonnen wollen, gern an das Land. Dies geschieht, wie jede Ortsveränderung außerhalb des Wassers, in anscheinend mühseliger Weise. Um zu gehen, erhebt sich der Seehund zuerst auf seine Vorderfüße und wirft den Leib ruckweise nach vorn, zieht hierauf die Vorderglieder an, legt sich auf die Brust, biegt den Rücken und fördert dadurch den Hinterteil, stemmt diesen auf die Erde, wirft sich wiederum nach vorn und verfährt wie vorher, bewegt seinen Leib also in beständigen Schlangenlinien. Drehungen geschehen einzig und allein durch seitliche Bewegungen des Vorderleibes und zwar mit Hilfe der Füße. Aus dem Wasser wirft er sich mit einem einzigen Rucke weit auf das Land heraus, indem er seine ausgebreiteten Hinterfüße heftig und rasch zusammenschlägt. Bei einzelnen Arten bemerkt man die Eindrücke der Vorderfüße zu beiden Seiten der Bahn, welche er gerutscht ist, als eine schwache Fährte, gewöhnlich vier kleine, schief von vorn nach hinten und auswärts gerichtete Punkte. Bei Angst oder Gefahr pflegen alle Seehunde beständig Wasser auszuspucken, vielleicht um die Bahn zu glätten. So schwerfällig solcher Gang erscheint, so rasch fördert er: ein laufender Mensch muß sich fait anstrengen, wenn er einen auf dem Lande dahingleitenden Seehund einholen will. Der hintere Teil des Robbenkörpers ist ebenso beweglich wie der Hals. Der Seehund kann sich so drehen, daß er vorn auf dem Rücken und hinten auf der Unterseite liegt, oder umgekehrt, und ist ebenso im stande, den Kopf nach allen Seiten hin zu wenden.
Ein am Lande ruhender Seehund gewährt das ausdrucksvollste Bild ebenso großer Faulheit wie Behäbigkeit. Namentlich wenn die Sonne scheint, liegt er überaus behaglich und auf lange Zeit hin vollkommen regungslos am Strande. Es sieht aus, als wäre er viel zu faul, um auch nur eine einzige Fortbewegung auszuführen. Bald wendet er den Unterleib, bald den Rücken, bald die rechte, bald die linke Seite der Sonne zu, zieht die Vorderflossen an oder läßt sie schlaff vom Leibe herabhängen, schlägt die Augen auf oder schließt sie wohlgefällig, blinzelt oder starrt gedankenlos ins Weite, öffnet nur zuweilen die verschließbaren Hörgänge und Nasenlöcher und zeigt überhaupt keine andere Bewegung als die durch das Atemholen bedingte. So kann er stundenlang liegen, abgestumpft gegen äußere Eindrücke, gänzlich in seiner Faulheit versunken. Jede Störung dieses ihm offenbar höchst wohlthuenden Zustandes ist ihm aufs tiefste verhaßt, und es muß arg kommen, ehe er sich wirklich bewegen läßt, eine andere Lage anzunehmen. Ich habe Gefangene durch das Gitter ihres Behältnisses hindurch mit Strohhalmen an der Nase gekitzelt und sie anderweitig belästigt, ohne sie aus der einmal gewählten Stellung vertreiben zu können. Die Störung war ihnen höchst unangenehm: sie knurrten sehr ärgerlich, schnappten wohl auch einmal nach dem Halme, blieben aber liegen. Anders ist es freilich, wenn sie wiederholte Neckereien erfahren haben; denn dann flüchten sie gewöhnlich bald in das Wasser, falls sie dieses als zu ersprießlichem Rückzuge geeignet erkannt haben.
Auf günstig gelegenen Klippen entsteht oft heftiger Streit um die besten Plätze unter den Seehunden selbst. Der stärkere wirft den schwächeren hinab, nur um sich so bequem wie möglich recken und dehnen zu können.
In höheren Breiten wählen die Tiere, auch wenn sie nicht dazu gezwungen sind, mit Vorliebe Eisschollen zu ihren Schlafplätzen und verweilen hier, ruhig hingestreckt, ebenso lange wie im Süden auf dem von der Sonne beschienenen Strande. Die Möglichkeit, stundenlang auf einer so kalten Fläche zu liegen, ohne allzuviel Wärme abzugeben oder gar sich zu erkälten, gewährt ihnen die Speckschicht, welche zwischen Haut und Muskeln sich ausbreitet. Das Eis, auf welchem Seehunde stundenlang geruht haben, zeigt niemals einen von den Tieren hinterlassenen Eindruck, wie es der Fall fein müßte, wenn die Robbe von ihrer bedeutenden innern Wärme etwas abgäbe, oder mit anderen Worten, wenn sie Wärme auszustrahlen vermöchte. Haut und Fettschicht erweisen sich als so schlechte Wärmeleiter, daß die äußere Haut kaum einen höheren Wärmegrad zeigt als die umgebende Luft. Wenn nun aber die Robbe den Einwirkungen der Kälte ohne irgendwie ersichtliche Beschwerde oder Unbehaglichkeit zu widerstehen im stande ist, zeigt sie sich doch keineswegs unempfindlich dagegen, wie einfach daraus hervorgeht, daß sie die Wärme liebt und sich ihr, wie geschildert, mit dem größten Behagen hingibt. Es scheint also bei ihr sich ähnlich zu verhalten wie bei Lurchen und Kriechtieren, welche bekanntlich ebenfalls sehr geringe Wärmegrade ertragen und doch kein größeres Behagen kennen, als stundenlang den heißesten Sonnenstrahlen sich auszusetzen. Bei ihnen sinkt und steigt der Blutumlauf mit der äußeren Wärme, sie sind wechselwarm, bei den Robben scheint er von dieser unabhängig zu sein, weil die Speckschicht fie schützt.
Um auch während des Winters, welcher in hohen Breiten weite Strecken der See vollständig mit Eis belegt, auf letzteres gelangen, beziehentlich die unter ihm liegende Wasserschicht ausbeuten zu können, hält jeder einzelne Seehund ein oder mehrere sogenannte Atemlöcher offen, und zwar thut er dies unzweifelhaft vom Beginne der Eisbildung an und ist im Verlaufe des Winters fortwährend bedacht, durch oft wiederholtes Ein- und Ausschlüpfen festes Zufrieren besagter Löcher zu verhindern. Diese so einfach zu erklärende Thatsache hat zu verschiedenen Mutmaßungen Anlaß gegeben, unter denen diejenige, nach welcher der Seehund die Schlupflöcher mittels seiner warmen Nase auftauen soll, wohl als
die wunderlichste bezeichnet werden darf. Wenn auch wärmer als das Eis, ist diese Nase doch so kalt, daß sie ebensowenig wie der ausgehauchte Atem im stande sein dürfte, die während des Winters fort und fort in den Atemlöchern sich bildende Eisdecke zu schmelzen, zugleich aber auch viel zu schwach und empfindlich, als daß mit ihrer Hilfe der Seehund im stande wäre, besagte Decke zu zertrümmern, und es bleibt somit nur die gegebene Erklärung übrig.
Die Stimme der Seehunde ist bald ein heiseres Gebell, bald ein Plärren; im Zorne knurren sie wie die Hunde; während der Fortpflanzung sollen sie ein lautes Gebrüll ausstoßen.
Bereits die Alten haben die Seehunde als hochbegabte Tiere geschildert. Ihre Sinne scheinen gut und ziemlich gleichmäßig entwickelt zu sein. Nase und Ohren sind verschließbar und erscheinen im Leben bald als dreieckige, rundliche Löcher, bald nur als schmale Ritzen. Die Nasenlöcher werden bei jedem Atemzuge geöffnet, hierauf sofort wieder geschlossen und bleiben, auch wenn das Tier auf dem Lande ruht, bis zum nächsten Luftwechsel zusammengekniffen, die Ohren werden nur im Wasser und selbst hier nicht fortwährend zugeklappt. In dem großen, wenig gewölbten Auge füllt die licht- bis dunkelbraune Regenbogenhaut fast den ganzen von den Lidern freigelassenen Raum; das Weiße sieht man selten. Der Stern ist nicht rundlich oder länglich, sondern vierstrahlig. Es will mir scheinen, als sei dies nur von Fabricius beobachtet, von den anderen Naturforschern aber übersehen oder nicht für möglich gehalten worden, weil ich ausschließlich bei ihm hiervon eine Andeutung gefunden habe. Allerdings nimmt man diese eigentümliche Bildung nur unter der günftig-sten Beleuchtung wahr, und auch dann muß man das Auge sehr nahe vor sich haben. Höchst wahrscheinlich gestattet diese Einrichtung jene außerordentliche innere Beweglichkeit des Auges, welche man bei Seehunden beobachtet hat, und befähigt dadurch die letzteren, nicht allein in verschiedenen Tiefen des Wassers, sondern auch bei Tage und bei Nacht in annähernd gleicher Schärfe zu sehen. Bemerkenswert ist der geistige Ausdruck des Seehundauges, bemerkenswert ebenso, daß er, wie andere Robben, bei Erregungen irgend welcher Art, namentlich aber im Gefühle des Schmerzes Thränen vergießt. Wenn wir, und wohl mit Recht, das Gesicht als den am höchsten entwickelten Sinn ansehen, dürfen wir wahrscheinlich das Gehör als den zweitbesten betrachten. Im Verhältnis zur geringen Größe der äußeren Ohröffnung vernimmt der Seehund scharf genug; sein Gehörssinn ist jedoch nicht so fein, daß ihm laute Klänge unangenehm werden könnten. Wie schon die Alten wußten, liebt er Musik und Gesang, wie neuere Beobachter erfuhren, lauscht er mit Teilnahme Glockenklängen oder anderen lauten Tönen. Ebenso wie die Alten nach seinem Bilde und seinem Auftreten und Erscheinen sich ihre Tritonen und Sirenen schufen, hat er, nicht aber der Delphin, die Arionsage ins Leben gerufen. Brown versichert, oft gesehen zu haben, daß Seehunde ihre Köpfe aus dem Wasser erhoben und aufmerksam lauschten, wenn die Matrosen beim Aufwinden des Ankers sangen, und Bell erwähnt, daß sie in gleicher Weise sich angezogen fühlen, wenn fie Glockenklang vernehmen. Die Kirche zu Hoy auf den Orkneyinseln liegt in der Nähe einer schmalen, sandigen Bucht, welche oft von Seehunden besucht wird, wie es scheint, aber nicht allein ihrer Lage, sondern auch der Kirchenglocken halber eine besondere Anziehungskraft auf sie äußert; denn oft hat man beobachtet, daß sie beim Geläute der Glocken geradeswegs auf die Küste zuschwimmen, ihre Augen starr nach der Gegend richten, aus welcher ihnen die Glockentöne zukommen, und auf diese entzückt und verwundert lauschen, solange die Glocken geläutet werden. Es mag sein, daß sich mit dem Wohlgefallen an derartigen Klängen auch rege Neugier der Tiere paart; immerhin aber erscheint ihr Betragen auffallend und erwähnenswert. Wo sie vertraut sind, lockt sie bei ruhigem Wetter auch Pfeifen und Klopfen am Bootsrande an die Oberfläche. Von der Schärfe der übrigen Sinne geben unsere Robben bei anderen Gelegenheiten Kunde. Obgleich ihre
Nase bereits mehr zur Atmung als zum Riechen dient, darf ihr Geruch doch als gut bezeichnet werden, da man mit Bestimmtheit beobachtet hat, daß sie beim Sichern auch durch Wittern über eine etwaige Gefahr sich zu vergewissern suchen. Geschmack erweisen sie durch eine verständige Auswahl in der Nahrung, und Gefühl bekunden sie bei der leisesten Berührung, welche niemals spurlos an ihnen vorübergeht.
Über die geistigen Fähigkeiten der Seehunde ein Urteil zu fällen, ist schwer. Daß sie klug sind, unterliegt keinem Zweifel; dennoch zeigen sie sich oft sodumm und ungeschickt, daß man an ihnen irre werden möchte. In menschenleeren Gegenden dreist, pflegen sie sich da, wo sie ihre schlimmen Feinde kennen gelernt haben, nur mit höchster Vorsicht zu benehmen. Sicher ist, daß die Warnung älterer von den jüngeren beachtet und befolgt wird. Die Gefangenen befreunden sich bald mit ihrem Wärter, und einzelne werden sehr zahm, hören auf den ihnen beigelegten Namen, kommen aus ihrem Wasserbecken hervorgerutscht, nehmen Fische aus der Hand des Pflegers und beweisen ihm auch in anderer Hinsicht Teilnahme und Anhänglichkeit. Es wird erzählt, daß man einzelne Seehunde an das Aus- und Eingehen gewöhnt habe, daß sie für ihren Herrn gefischt, ihn in Gefahr verteidigt hätten ꝛc.: ich vermag die Wahrheit dieser Mitteilungen weder zu bestätigen noch zu bestreiten. Sicher ist, daß einzelne sich von ihrem Wärter betasten und streicheln lassen, ihm die Pfote geben, ja selbst erlauben, daß ihr Freund ihnen eine Faust in den Rachen schiebt ꝛc.