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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Während bei den Raubtieren, infolge der Bildung der Gliedmaßen zu Bewegungsund gleichzeitig zu Greif- und Fangwerkzeugen, das Gebiß hauptsächlich zur Zermalmung

und Zerkleinerung der von den Vorderbeinen festgehaltenen Nahrung dient, ist bei den Robben durch die flossenförmige, für andere als Bewegungsleistungen untaugliche Bildung der Glieder die Verrichtung des Ergreifens und Festhaltens der Nahrung vorzüglich den Zähnen übergeben. Die Schneidezähne sind meist klein, die oberen zahlreicher als die unteren, die äußeren oben oft eckzahnartig verlängert, die Eckzähne ragen, mit einer einzigen Ausnahme, verhältnismäßig weniger als bei den Raubtieren vor, eine Unterscheidung der Backenzähne in Lücken⸗ und Mahlzähne ist schwierig, weil sie sämtlich entweder einfach spitzkegelig oder platt, oder seitlich zusammengedrückt, gelappt, mit mehreren kleinen oder einem größeren Haupt⸗ und vorderen und hinteren kleinen Nebenzacken versehen sind. Der Zahnwechsel findet häufig schon während der Keimlingszeit statt, wie die Jungen überhaupt sehr entwickelt geboren werden. Der Schädel zeichnet sich durch die sehr starke Einschnürung im Stirnteile aus, wodurch der mehr oder weniger gewölbte Hirnteil scharf vom fast ebenso großen Gesichtsteile abgesetzt wird. Die kleinen Flügel des Keilbeines sind zuweilen so nahe aneinander gerückt, daß die Sehlöcher fast zusammenfallen; die Augenhöhlen sehr groß, die Jochbogen weit abstehend und aufwärts gerichtet. Ein hinterer Augenhöhlenfortsatz des Stirnbeines findet sich nur bei einer Familie, wie sich ebenso einzig und allein hier der Zitzenfortsatz deutlich erkennen läßt. Die Wirbelsäule erinnert an die der Raubtiere; die Halswirbel sind deutlich geschieden und mit sehr entwickelten Fortsätzen versehen. 14— 15 Wirbel bilden den Brustteil, 5—6 den Lendenteil, 2— 7 und zwar verwachsene das Kreuzbein, 9— 15 endlich den Schwanzteil. Schlüsselbeine fehlen. Die Knochen der Glieder zeichnen sich durch große Kürze aus; Vorderarm- und Unterschenkelknochen bleiben stets getrennt, Hand⸗ und Fußwurzeln sind regelmäßig gebildet, die Vorder- und Hinterzehen bei den einzelnen Gattungen verschieden lang. Das verhältnismäßig entwickelte Gehirn hat zahlreiche, ähnlich wie bei den Raubtieren angeordnete Windungen. Der Magen ist einfach, fast darmartig, der Blinddarm sehr kurz. Die Gefäße endlich zeigen in den wundernetzartigen Adergeflechten der Glieder sowie an der unteren Fläche der Wirbelsäule besondere Eigentümlichkeiten; auch macht sich, wie bei anderen tauchenden Tieren, eine Erweiterung der unteren Hohlader bemerklich. Die Gebärmutter ist zweihörnig. Die Anzahl der Zitzen beträgt zwei oder vier. Die Robben verbreiten sich über alle Meere der Erde, haben ebensowohl im höheren Süden wie im Norden ihre Vertreter und finden sich sogar in großen Binnenseen Asiens, in welche sie teils in den von diesen ausgehenden Flüssen gekommen sind, teils aber zurückgeblieben sein mögen, als die Wasserverbindung unterbrochen wurde. Im Norden leben die meisten, im Süden die auffallendsten Arten. Gewöhnlich lieben sie die Nähe der Küsten, und viele unternehmen zeitweilig Wanderungen von einem Teile derselben zum anderen, wie sie auch oft in den Flüssen emporsteigen. Auf dem Lande halten sie sich nur bei besonderen Gelegenheiten, namentlich während der Fortpflanzungszeit und als kleine Junge, auf; denn ihre eigentliche Wohnstätte ist und bleibt das Wasser. Dort erscheinen sie als sehr unbehilfliche Tiere, hier bewegen fie sich mit der größten Leichtigkeit. Mühsam Elim-men sie vom Strande aus an den Klippen oder an dem schwimmenden Eise empor und strecken sich dort behaglich auf den festen Boden, um sich zu sonnen; bei Gefahr flüchten sie so rasch wie möglich wieder in die ihnen so freundliche Tiefe des Meeres. Sie schwimmen und tauchen mit größter Meisterschaft. Es gilt ihnen gleich, ob ihr Leib mit der Oberseite nach oben oder nach unten liegt; sie bewegen sich sogar, wie ich nach eigenen Beobachtungen verbürgen kann, rückwärts. Jede Wendung und Drehung, jede Ortsveränderung überhaupt führen sie im Wasser mit größter Gewandtheit aus. „Zur Bewunderung wird man hingerissen“, schreibt Haacke, „wenn man Gelegenheit hat, Robben beim Fischfange genau zu beobachten. In einem geräumigen Becken des Frankfurter Aquariums sieht man die Seehunde 19 *

vom dunkeln Besucherraume aus hinter Glas ihrer aus lebenden Fischen bestehenden Nah: rung nachjagen. Man staunt über die Sicherheit und Schnelligkeit, mit welcher sie durch zweckmäßiges, genau abgemessenes Drehen, Wenden und Biegen jeder einzelnen Flosse, durch Verlängern und Verkürzen des Halses jede Wendung des geängstigt durchs Wasser schießenden Fisches mitzumachen wissen, der nach wenigen Augenblicken — hineingesogen wie es scheint — in dem Maule des Seehundes verschwindet. Groß ist auch dieGeschicklichkeit, mit welcher unsere Seehunde, im Wasser aufrecht stehend und nach dem futterspendenden Wärter ausschauend, durch sanftes Spiel der Hinterflossen sich auf einer Stelle zu halten vermögen.“ Auf dem Lande dagegen humpeln auch diejenigen Arten, welche wirklich noch gehen, mühselig dahin, während alle übrigen in höchst eigentümlicher, nur ihnen zukommender Weise sich forthelfen. Es geschieht dies fast ebenso, wie manche Raupenarten sich bewegen. Der Seehund, welcher sich auf dem Lande von einer Stelle zur anderen begeben will, wirft sich auf die Brust, krümmt den Leib in einem Katzenbuckel nach oben, stemmt sich dann auf den Hinterteil, also etwa auf die Weichen, und streckt hierauf rasch den Leib, wodurch er den Vorderteil desselben wieder vorwärts wirft. So kommt er durch wechselseitiges Aufstemmen des Vorderund Hinterleibes, durch Krümmen und Strecken des ganzen Körpers verhältnismäßig noch immer rasch von der Stelle. Die Beine leisten dabei eigentlich gar keine Dienste: sie werden nur in Anspruch genommen, wenn das Tier bergauf klimmt. Auf ebenem Boden stemmt es sie zwar manchmal auf, immer aber jo leicht, daß die Hilfe, welche sie leisten, eigentlich mehr eine scheinbare als wirkliche ist. Ich habe die Spuren der Seehunde sehr genau untersucht und gefunden, daß man auf große Strecken hin in dem reinen und weichen Sande keine Eindrücke der Vorderfüße findet, was doch der Fall sein müßte, wenn das Tier wirklich auf seinen Flossen ginge. Manchmal legt der Seehund beide Ruder an den Leib und humpelt ebenso rasch vorwärts, als wenn er sie gebrauchen wollte: kurz, zum Gehen sind seine Flossenbeine nicht eingerichtet. Dagegen benutzt er sie, und zwar in sehr geschickter Weise, nach Art der Affen oder Katzen, um sich zu putzen, zu kratzen, zu glätten, auch wohl, um etwas mit ihnen festzuhalten, z. B. das Junge an die Brust zu drücken.

Alle Robben sind im hohen Grade gesellig. Einzelne sieht man fast nie. Je einsamer die Gegend, um so zahlreichere Herden oder Familien bilden sich; je weniger der Mensch 8 mit ihnen zusammenkommt, um so behäbiger, ich möchte sagen gemütlicher, zeigen sich die in bewohnten Gegenden überaus scheuen Geschöpfe. Der Mensch ist offenbar derfurcht⸗

N barste und blutdürstigste Feind der wehrlosen Wasserbewohner; denn die wenigen Raubtiere, welche ihnen gefährlich werden können, wie der Eisbär, welcher vorzugsweise die kleineren Arten bedroht, und der freßgierige, schnelle Mörderwal, welcher auch stärkere anfällt, wüten weniger unter ihnen als der Beherrscher der Erde, und so erklärt es sich, daß man Robben nur da wirklich beobachten kann, wo sie fern von dem Erzfeinde der Schöpfung sich aufhalten oder von ihm geschützt werden.

Die Lebensweise der Robben ist eine nächtliche. Den Tag bringen sie am liebsten auf dem Lande zu, schlafend und sich sonnend. Hier erweisen sie sich in jeder Hinsicht als das gerade Gegenteil von dem, was sie im Wasser waren. Von der Behendigkeit und Schnelligkeit, welche sie in ihrem eigentlichen Elemente bethätigen, bemerkt man am Lande nichts; sie erscheinen uns vielmehr als das vollendetste Bild der Faulheit. Jede Störung ihrer bequemen Lage ist ihnen höchst verhaßt: manche Arten lassen sich kaum zur Flucht bewegen. Mit Wonne dehnen und recken sie sich auf ihrem Lager und bieten bald den Rücken, bald die Seite, bald den Unterleib den freundlichen Strahlen der Sonne dar, kneifen die Augen zu, gähnen und zeigen sich überhaupt mehr toten Fleischmassen als lebenden Geschöpfen gleich; nur die regelmäßig sich öffnenden und schließenden Nasenlöcher geben Kunde von ihrem Leben. Wenn sie sich vollkommen wohl befinden und zur Fortpflanzungszeit

vergessen fie wochenlang das Fressen; endlich treibt sie der Hunger aber doch auf und in das Meer, wo sie ihren inzwischen abgemagerten Leib bald wieder runden, glätten und mit Fett auspolstern. Nach Haackes Beobachtungen in Frankfurt können sie den Hunger wenigstens 6 Wochen lang aushalten. Je älter die Tiere werden, um so fauler benehmen sie sich. Die Jungen sind lebhafte, spiellustige und fröhliche Geschöpfe, die Alten hingegen oft höchst mürrische, in ihrer Trägheit förmlich verkommene Tiere. Freilich muß man zu ihrer Entschuldigung sagen, daß ihre Unbehilflichkeit auf dem Lande sie noch fauler erscheinen läßt, als sie wirklich sind. Wenn sie sich gefährdet sehen, gehen sie, wie bemerkt, sehr eilig und schnell in das Wasser; kommt ihnen die Gefahr aber plötzlich über den Hals, so überfällt sie die Angst und der Schreck in so hohem Grade, daß sie seufzen und zittern und vergeblich alle möglichen Anstrengungen machen, um dem Verderben zu entrinnen. Gilt es dagegen, Weibchen und Junge zu verteidigen, so bekunden manche hohen Mut. Auf den einsamsten Eilanden sind gewisse Arten so gleichgültig gegen fremde Besucher, daß sie diese ruhig unter sich herumgehen lassen, ohne zu flüchten; sie werden aber sehr vorsichtig, wenn sie den Menschen, diesen Verderber der Tierwelt, erst kennen gelernt haben.

Unter ihren Sinnen ist das Gehör, trotz der fehlenden oder doch kleinen Ohrmuscheln, vorzüglich, Gesicht wie Geruch dagegen weniger entwickelt. Die Stimme besteht in heiseren Lauten, welche bald dem Gebelle eines Hundes, bald dem Blöken eines Kalbes oder dem Brüllen eines Rindes ähneln.

Jede Robbengesellschaft ist eine Familie. Das Männchen verbindet sich immer mit mehreren Weibchen, und mancher dieser Seesultane besitzt einen Harem von etlichen Dutzend Sklavinnen. Blinde Eifersucht gegen andere Bewerber seiner Art steht hiermit im Einklange. Jede Robbe kämpft der Weiber halber auf Tod und Leben; doch bilden das dicke Fell und die Fettlagen unter ihm den besten Schild beider Kämpen gegen die Bisse und Risse, welche sie in der Hitze des Gefechts sich gegenseitig beibringen. Etwa 6—12 Monate nach der Paarung bringt das Weibchen ein, seltener zwei Junge zur Welt. Die Kleinen sind zierliche und muntere Geschöpfe. Von Reisenden wird angegeben, daß sie Schwimmund Tauchkünste erst allmählich erlernen und deshalb zunächst in Gesellschaft ihrer Mutter auf dem Lande bleiben müssen, bis etwa das erste Haarkleid gewechselt ist; diese Angabe darf nicht verallgemeinert werden: so wenigstens schließe ich nach eigenen Beobachtungen, welche weiter unten ihre Stelle finden werden.

Alte und Junge lieben sich mit gleicher Zärtlichkeit, und die Mutter schützt ihren Sprößling mit Aufopferung ihres Lebens gegen jede Gefahr. Der Vater, erfreut an seinen lustigen Spielen, gibt sein Wohlgefallen durch vergnügliches Brummen und Knurren zu erkennen und folgt, weil seine Leibesbeschaffenheit ihm thätige Mithilfe am Spiele verbietet, dem rasch hin- und hergleitenden und Purzelbäume werfenden Kleinen wenigstens mit den Augen. Nach höchstens 2 Monaten sind die jungen Robben so weit entwickelt, daß sie entwöhnt werden können. Das Wachstum geht schnell vor sich; bereits nach Verlauf von 3 Monaten haben die Jungen der Sattelrobbe die halbe Größe der Mutter erreicht. Nach 2—6 Jahren find die Robben erwachsen, im Alter von 25—40 Jahren abgelebt und greisenhaft geworden. Tierische Stoffe aller Art, zumeist aber Fische, Schal- und Krustentiere, bilden die Nah: rung der Robben. Einzelne Arten sollen auch verschiedenen Seevögeln, welche die kleineren Flossenfüßer nicht behelligen, oder selbst anderen Robben gefährlich werden. In Düffel-dorf hat man beobachtet, daß Seehunde plötzlich alle Enten, mit denen sie eine Zeitlang friedlich einen Weiher bewohnten, unter Wasser zogen und töteten. Um ihre gesegnete Ber: dauung zu befördern, verschlucken einige Robben, wie die Vögel es thun, Steine; andere füllen den bellenden Magen im Notfalle mit Tangen an.

Alle Robbenjagd ist eine erbarmungslose Schlächterei. Deshalb wird auch der Ausdruck „Jagd“ vermieden: man spricht von Schlächterei und Schlägerei, nicht aber von edlem Weidwerke. Alt und jung, groß und klein wird oder wurde doch ohne Unterschied vertilgt. So ist es gekommen, daß fast alle Robbenarten bereits sehr vermindert worden sind und einzelne ihrem gänzlichen Untergange entgegengehen. Von den Herden, welche im vorigen Jahrhunderte einsame Inseln bedeckten, sind jetzt oft nur noch Überbleibsel zu sehen. Thran und Fett, Zähne und Haut der Robben sind gesuchte Gegenstände und erklären den Verfolgungseifer des Menschen.

Fast alle Robben lassen sich zähmen, und manche werden fast zu Haustieren. Sie gehen aus und ein, fischen im Meere und kehren freiwillig wieder nach der Wohnung ihres Pflegers zurück, lernen diesen kennen und folgen ihm nach wie ein Hund. Einzelne sollen sogar zum Fischfange abgerichtet werden können.

Die Ordnung der Robben zerfällt naturgemäß in drei Familien. Obenan stehen die Seehunde, bei denen die Ohrmuscheln und das Vermögen, auf den Hinterfüßen zu gehen, völlig verloren gegangen sind, die somit sich dem Leben im Wasser am vollkommensten angepaßt haben. Den Gegensatz zu ihnen bilden die am wenigsten umgebildeten Ohrenrobben, die noch Ohrmuscheln und Schreitfähigkeit der Hinterbeine besitzen. In der Mitte stehen die Walrosse, bei denen zwar die Ohren fehlen, die aber noch die Hinterbeine nach vorn unter den Leib setzen können und sich auch in Bezug auf gewisse Eigentümlichkeiten des Schädels den Ohrenrobben anschließen.

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