Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Kein Nasenbär verlangt in der Gefangenschaft eine sorgfältige Behandlung. Ohne Umstände fügt er sich in jede Lage und übersteht auch, falls er nur einen einigermaßen dichten Schlafkasten hat, unseren Winter vortrefflich im Freien. Er schließt sich dem Menschen an, zeigt aber niemals eine besondere Vorliebe für seinen Wärter, so zahm er auch werden mag. Nach Affenart spielt er mit jedermann und ebenso mit seinen tierischen Hausgenossen, als mit Hunden, Katzen, Hühnern und Enten. Nur beim Fressen darf man ihn nicht stören, denn auch der zahmste beißt Menschen und Tiere, wenn sie ihm seine Nahrung entreißen wollen. In seinem Wesen hat er viel Selbständiges, ja Unbändiges. Er unterwirft sich keineswegs dem Willen des Menschen, sondern gerät in Zorn, wenn man ihm irgend einen Zwang anthut. Nicht einmal durch Schläge läßt er sich zwingen, setzt sich vielmehr herzhaft zur Wehr und beißt tüchtig, wenn er gezüchtigt wird, seinen Wärter ebensowohl wie jeden anderen. Erst, wenn er so geschlagen wird, daß er die Übermacht seines Gegners fühlt, rollt er sich zusammen und sucht seinen Kopf vor den Streichen zu schützen, indem er denselben an die Brust legt und mit seinen beiden Vorderpfoten bedeckt; wahrscheinlich fürchtet er am meisten für seine empfindliche Nase. Während der Züchtigung pfeift er stark und anhaltend (sonst vernimmt man bloß Laute von ihm, wenn er Hunger, Durst oder Langeweile hat), achtet dabei aber auf jede Gelegenheit, seinem Gegner eins zu versetzen. Gegen Hunde, welche ihn angreifen, zeigt er gar keine Furcht, sondern verteidigt sich gegen sie noch mutvoller als gegen den Menschen. Auch unbehelligt geht er zuweilen auf fremde Hunde los.
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Von einem so reizbaren, unbiegsamen Wesen läßt sich nicht viel Gelehrigkeit erwarten. Man kann den Nasenbären kaum zu etwas abrichten. Rengger sah zwar einen, welcher auf Befehl seines Herren wie ein Pudel aufwartete und auf den nachgeahmten Knall eines Gewehres wie tot zu Boden fiel: aber so gelehrige Stücke sind Ausnahmen von der Regel. Gewöhnlich bemerkt man bald, daß es nicht viele andere Säugetiere seiner Größe gibt, welche weniger Verstand besitzen als er. In seinen Handlungen nimmt man keinen Zusammenhang wahr; sein Gedächtnis ist schwach, und er erinnert sich weder an Beleidigungen noch an Wohlthaten, welche er erfahren, und ebensowenig an Unfälle, welche er sich zugezogen hat. Deshalb kennt er keine Gefahr und rennt nicht selten zu wiederholten Malen in die nämliche.
Wenn man ihn frei herumlaufen läßt, wird er im Hause höchst unangenehm. Er durchwühlt alles mit der Nase und wirft alle Gegenstände um. In der Nase besitzt er beträchtliche Kraft, in den Vorderpfoten bedeutende Geschicklichkeit, und beides weiß er zu verwenden. Nichts läßt er unberührt. Wenn er sich eines Buches bemächtigen kann, dreht er alle Blätter um, indem er abwechselnd beide Vordertatzen unglaublich schnell in Bewegung setzt; gibt man ihm eine Zigarre, so rollt er sie durch dieselbe Bewegung gänzlich auf; sieht er etwas stehen, so versetzt er dem ihn sofort fesselnden Gegenstande erst mit der rechten, dann mit der linken Tatze einen Schlag, bis er zu Boden stürzt. Dazu kommen noch andere Unannehm-lichkeiten. Der Nasenbär ist keinen Augenblick ruhig, er gibt einen starken, unangenehmen, moschusähnlichen Geruch von sich und läßt seinen stinkenden Kot überall fallen. Bemerkenswert erscheint, daß er sich mit letzterem, so sorgfältig er sich auch sonst vor ihm in acht nimmt, seinen Schwanz beschmiert, wenn ihn Flöhe peinigen oder er an einem juckenden Ausschlage leidet. Bennett beobachtete, daß er nicht bloß seinen Kot, sondern auch Leim und irgend einen anderen klebrigen Stoff zwischen die Haare seiner buschigen Standarte einrieb. Später vergnügte er sich dann damit, den Schwanz wieder abzulecken oder ihn durch Waschen im Wasser zu reinigen.
Manche Nasenbären zeigen das lebhafteste Vergnügen, wenn sich jemand mit ihnen abgibt. Gegen Liebkosungen außerordentlich empfänglich, lassen sie sich gern streicheln und noch lieber hinter den Ohren krauen, beugen dabei den Kopf zur Erde nieder, schmiegen sich nach Katzenart an den Pfleger an und stoßen ein vergnügliches Gezwitscher aus. Weinland beobachtete, daß Nasenbären ohne eigentlich erklärlichen Grund manche Leute hassen und andere lieben. Letztere fordern sie durch ihr eigentümliches Grunzen auf, ihnen zu schmeicheln und sie in den Haaren zu krauen, nach den ersteren hauen sie wütend mit den Klauen und zeigen ihnen die weißen Eckzähne, sobald jene dem Käfige zu nahe kommen. Sie sind zwar schwach, aber klug genug, auch von denen, welche sie hassen, Futter anzunehmen, lassen sich aber nicht einmal durch ihre Lieblingsspeise vollständig versöhnen. Bennett erzählt, daß sein Gefangener, welcher wie ein Hund auf seinen Namen hörte, jedem Rufe Folge leistete und gewöhnlich gar nicht daran dachte, von seinen Zähnen Gebrauch zu machen, zuweilen wie unsinnig in seinem Käfig, und zwar immer im Kreise, umherlief und dabei heftig nach seinem Schwanze biß. Dann konnte sich niemand dem Käfige nähern, ohne mit Fauchen, Knurren oder lautem und mißtönendem Geschreie empfangen und mit Bissen bedroht zu werden. Setzte man ihnin Freiheit, jo war er der beste Gesell von der Welt und jedermanns Freund. „Mein zahmer Coati“, sagt Saussure, „begleitete mich monatelang auf meiner Reise. Er war an einer dünnen Schnur befestigt und versuchte niemals, diese zu durchbeißen. Wenn ich ritt, hielt er sich den ganzen Tag lang auf dem Pferde im Gleichgewichte. Zu entfliehen trachtete er nicht und verursachte auch sonst keine Störung. Abends befestigte ich ihn an irgend einem Gegenstande oder ließ ihn auch wohl im Hofe frei umherlaufen. Trotz seiner Sanftheit hatte er doch Anwandlungen von Zorn und suchte zu beißen; eine einfache Strafe
aber brachte ihn zur Ruhe. Ein weibliches Tier, welches ich mir in demselben Jahre verschaffte, besaß ein noch sanfteres Wesen als das Männchen. Beide wuchsen außerordentlich schnell heran. Das Männchen zeigte schon vor seiner völligen Ausbildung Neigung zum Beißen. Sei es aus Langerweile oder sei es, daß es scherzen wollte, es suchte die Finger zu erhaschen, welche man durch die Luftlöcher steckte, und bei meiner Ausschiffung in Frankreich wurde einem Zollbeamten, welcher allzu neugierig die an einem der Löcher erscheinende fleischige Nase untersuchen wollte, der Finger blutig gebissen. „Mehrere Monate behielt ich meine Nasenbären auf dem Lande nicht weit von Genf. Sie schienen Gefallen an der Gesellschaft des Menschen zu haben und folgten mir selbst auf Spaziergängen, indem sie sich immer rechts und links wendeten, um auf Bäume zu klettern oder Löcher in die Erde zu graben. Sie hatten ein munteres, scherzhaftes Wesen und liebten Affenstreiche. Sobald sie auf ihrem Wege einen Vorübergehenden begegneten, stürzten sie auf ihn los, kletterten ihm an den Beinen hinauf, waren in einer Sekunde auf seiner Schulter, sprangen wieder auf die Erde zurück und flohen blitzschnell davon, entzückt, eine Eulenspiegelei ausgeführt zu haben. Da nun aber ein solches Abenteuer den meisten Vorübergehenden mehr lästig als angenehm war, so sah ich mich bald genötigt, meinen Nasenbären das freie Umherlaufen zu versagen. Übrigens wurde dies Tag für Tag nötiger; denn je mehr sie die Freiheit kennen lernten, um so weniger schienen sie sich um ihren Herrn zu bekümmern. Sie gingen überaus gern spazieren, aber je weiter sie sich entfernt hatten, desto weniger wollte ihnen die Rückkehr gefallen, und ich war oft genötigt, sie aus einer Entfernung von einer Viertelmeile holen zu lassen. „Man hielt sie nun an langen Schnuren auf einer Wiese, und sie belustigten sich damit, die Erde aufzukratzen und nach Kerfen zu suchen, dachten aber auch jetzt nicht daran, die Schnur zu durchbeißen. Dies war im Sommer, und sie hatten also nichts von der Kälte zu leiden. Leider hörten Kinder und Neugierige nicht auf, sie mit Stöcken zu reizen, und so zerstörten sie in ihnen das wenige Gute, welches überhaupt noch vorhanden war. Nachdem die Tiere 2 Monate in freier Luft gelebt hatten, begannen sie, uns erst recht zu schaffen zu machen. Manchmal rissen sie sich doch los und liefen davon; nun mußte man sie suchen. Am häufigsten fand man sie auf den großen Bäumen der benachbarten Dörfer. Einige Male verwickelte sich die Schnur, welche sie nachschleppten, schnürte ihnen den Hals ein und man fand sie dann halb ohnmächtig oben hängen. Noch immer waren sie gegen ihre Wärter leidlich zahm. So verbrachten sie oft mehrere Stunden mit Schlafen und Spielen auf dem Schoße einer Frau, welche vor ihnen keine Furcht hatte und sie auch nicht mit Drohungen erschreckte, ihnen überhaupt sehr gewogen war. Nach und nach nahm das Männchen aber einen immer schlimmeren Charakter an: sowie man es angriff, biß es. Da man nun sah, daß dies gefährlich werden konnte, sperrte man es mit seinem Weibchen in ein leeres und vollkommen abgeschlossenes Zimmer ein. Am nächsten Morgen war kein Coati zu sehen, noch zu hören: sie waren in den Kamin geklettert und vom Dache aus an einem kanadischen Weinstocke heruntergestiegen. Nachdem sie im Dorfe herumgelaufen waren, begegneten sie noch vor Tagesanbruch einer alten Frau, welcher sie auf den Rücken sprangen. Die Arme, welche nicht wußte, wie ihr geschah, stieß sie, indem sie sich von ihnen befreien wollte. Sie sprangen nun zwar weg, brachten ihr aber doch in aller Schnelligkeit noch mehrere bedeutende Bisse bei. Am Morgen fand man sie in einem Gebüsche. Das Männchen, nicht damit zufrieden, auf den Ruf seines Wärters nicht gekommen zu sein, leistete sogar beim Fangen noch großen Widerstand. Es wurde mit jedem Tage schwieriger, sie frei laufen zu lassen, und ich beschloß klüglich, sie in einen großen Käfig zu setzen, um neuen Unglücksfällen vorzubeugen.“ *
Den Beschluß der Bären bilden zwei andere Kleinbärengattungen Amerikas, von denen die wahrscheinlich in zwei Arten vorkommende Gattung Bassaricyon bis jetzt nur durch zwei Schädel und einen wickelbärähnlichen Balg bekannt geworden ist, dieselbe Anzahl und Verteilung der Zähne hat wie Wasch- und Rüsselbär und sich vielleichtandas von uns zu den
Schleichkatzen gestellte Katzenfrett (Bassaris astuta, Bd. I, S. 583) anschließt, während die allein von uns näher zu schildernde zweite Gattung, deren Gebiß gegenüber dem der vorhergehenden Gattungen einen Mangel von je einem Lückenzahn links und rechts und oben und unten aufweist, durch den Wickelbären als einzigen Vertreter gebildet wird.
Es ist noch nicht allzulange her, daß ein Tierführer in Paris mit Fug und Recht erklären konnte, er zeige ein den Naturforschern noch unbekanntes Tier, welches er aus Amerika erhalten habe. Um dieselbe Zeit, im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts, kam dasselbe Tier auch nach London und beschäftigte hier die Naturforscher ebenso eifrig wie in Paris. Dieses rätselhafte Geschöpf war ein Wickelbär, welchen man damals wirklich so gut wie gar nicht kannte. Oken glaubt zwar, daß schon Hernandez den Wickelbären meint, wenn er von seinem Baumwiesel oder „Quauh-Tenzo“ spricht; doch sind die Angaben zu dürftig, als daß wir sie mit Sicherheit benutzen könnten. Erst Alexander von Humboldt hat uns genauere Nachrichten gegeben. Vor der Zeit seiner Forschungen hat kein Tier den Naturforschern so viel Schwierigkeiten verursacht wie gerade unser Wickelbär. Einige sahen ihn für einen Lemuren an und nannten ihn deshalb Lemur flavus; andere glaubten in ihm, das von den Halbaffen gänzlich abweichende Gebiß beachtend, eine Schleichkatze zu erblicken und gaben ihm den Namen mexikanisches Wiesel (Viverra caudivolvula); doch f wollte auch hier der Wickelschwanz nicht recht passen und zeigte das Gebiß, welches sich namentlich durch die stumpfen Kauzähne auszeichnet und auf gemischte Nahrung deutet, wenig Übereinstimmendes. Endlich brachte man ihn mit anderen, nicht minder eigentümlichen Geschöpfen in der Bärenfamilie unter.
Der Wickelbär, Kinkaju, Hupura, Manaviri oder Cuchumbi, wie das Tier in seiner Heimat, dem nördlichen Brasilien, genannt wird (Cercoleptes caudivolvulus, Viverra, Ursus und Potos caudivolvulus, C. brachyotus, Caudivolvulus und Lemur flavus), erscheint als weiteres Mittelglied zwischen Bär und Schleichkatze. Der sehr gestreckte, aber plumpe Leib steht auf niederen Beinen; der Kopf ist ungemein kurz, dick und sehr kurzschnauzig; die Augen sind mäßig groß, die Ohren klein, die fünf Zehen halb verwachsen und mit starken Krallen bewehrt, die Sohlen nackt. Der mehr als körperlange Schwanz ist ein ebenso vollkommener Wickelschwanz wie der mancher Beuteltiere oder der Brüllaffen. Erwachsen, mißt der Wickelbär 90 cm, wovon 47 cm auf den Schwanz kommen, bei 17 cm Schulterhöhe. Die sehr dichte, ziemlich lange, etwas gekrauste, weiche, samtartig glänzende Behaarung ist auf der Ober- und Außenseite licht gräulichgelb mit einem schwachrötlichen Anfluge und schwarzbraunen Wellen, welche namentlich am Kopfe und am Rücken deutlich hervortreten, das einzelne Haar an der Wurzel grau, sodann gelblichrötlich und an der Spitze schwarzbraun. Vom Hinterhaupte zieht sich ein breiter und sicher begrenzter, dunkler Streifen längs des Rückgrates bis zur Schwanzwurzel. Die Unterseite ist rötlichbraun, gegen den Bauch hin lichter, die Außenseite der Beine schwarzbraun. Auch über die Mitte des Bauches verläuft ein dunkel rostbrauner Streifen. Der Schwanz ist an der Wurzel braun, in der letzten Hälfte fast schwarz.