Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Waschbär. Krabbenwaschbär. Nasenbären. ZU:
Haacke fügt dieser Schilderung noch hinzu, daß gefangene Waschbären in Anfällen von besonders guter Laune an den Zweigen ihres Kletterbaumes mit dem Körper nach unten hängend entlang zu hüpfen pflegen.
Der auf der Jagd erlegte Waschbär gewährt einen nicht unbedeutenden Nutzen. Sein Fleisch wird nicht nur von den Urbewohnern Amerikas und von den Negern, sondern auch von den Weißen gegessen, und sein Fell findet eine weite Verbreitung: Schuppenpelze sind allgemein beliebt. Die Grannenhaare geben gute Pinsel, aus den Wollhaaren macht man Hüte, die ganzen Schwänze benutzt man zu Halswärmern. Es kommen, nach Lomer, in neuerer Zeit jährlich 6—800,000 Felle in den Handel und werden mit 4—8 Mark das Stück bezahlt; schön dunkelbraune, die nur in geringer Anzahl darunter. erzielen höhere Preise und zwar 12— 25 Mark.
Ein zweiter Waschbär, der Krabbenwaschbär, Krabbendago, Aguara (Procyon cancrivorus), vertritt die Gattung in Südamerika, wo er besonders in den östlichen Küstengebieten vorkommt. Er ist etwas höher gestellt als sein Verwandter, von grauschwarzer oder gelblichgrauer Farbe, an der Unterseite heller, mit gelblich geringeltem, buschigem Schwanze und dunklem Gesichte; über den Augen befindet sich je ein heller Flecken.
Nach Kappler ist er in Guayana, namentlich in der Nähe der Küsten, sehr häufig und zieht des Nachts auf Raub aus. Seine Nahrung besteht in Vögeln, Eiern, Eidechsen, Früchten; mit Vorliebe soll er aber den Krabben am Strande und in den Küstensümpfen nachstellen. Gleich dem nordamerikanischen Waschbären wird er sehr zahm, hat jedoch einen übeln Geruch, der selbst die Indianer abhält, sein Fleisch zu verzehren.
de
An den Schupp und Genossen reihen fi naturgemäß die Nasenbären (Nasua). Ihr gestreckter, schlanker, fast marderähnlicher Leib mit kurzem Halse und langem, spitzem Kopfe, dicht behaartem, körperlangem Schwanze und kurzen, kräftigen, breittatzigen und nacktsohligen Beinen unterscheiden sie leicht. Das bezeichnendste Merkmal ist die Nase. Sie verlängert sich rüsselartig weit über den Mund hinaus und hat scharfkantig aufgeworfene Ränder. Die Ohren sind kurz und abgerundet, die klaren Augen mäßig groß, die fünf fast ganz verwachsenen Zehen mit langen und spitzigen, aber wenig gebogenen Krallen bewehrt. Das Gebiß ähnelt dem der Waschbären; die Zähne sind jedoch etwas schlanker.
Unter den von verschiedenen Naturforschern aufgestellten Arten von Nasenbären läßt man gegenwärtig nur zwei gelten. Die Tiere ändern nicht allein ab, sondern führen auch, wie Hensel überzeugend nachgewiesen hat, je nach dem Alter eine verschiedene Lebensweise. Prinz von Wied unterschied in Brasilien zwei Arten, den geselligen und den einsamen Nasenbären, beide aber bilden nach Hensels Untersuchungen nur eine und dieselbe Art; denn die einsamen Nasenbären sind nichts anderes als griesgrämige alte Männchen, welche sich von den Trupps der geselligen getrennt haben. Anders verhält es sich wohl mit den beiden hier unterschiedenen Arten.
Die bekannteste Art der Gattung ist der Coati, in Guayana Kuassi genannt, welchen wir Nasenbär schlechthin nennen wollen (Nasua rufa, Viverra nasua), mit weitem, vom Norden Südamerikas bis Paraguay reichendem Verbreitungsgebiete. Seine Gesamtlänge beträgt 100— 105 em, wovon etwa 45 cm auf den Schwanz kommen, die Höhe am Widerriste 27 —30 cm. Die dichte und ziemlich lange, jedoch nicht zottige Behaarung besteht aus straffen, groben, glänzenden Grannen, welche sich am Schwanze verlängern, und kurzem, weichem, etwas krausem Wollhaare, welches namentlich auf dem Rücken und an den Seiten
ERITREA RT
278 Vierte Ordnung: Raubtiere; sechste Familie: Bären.
dicht steht. Starke Schnurren und lange Borstenhaare finden sich auf der Lippe und über dem Auge; das Gesicht ist kurz behaart. Die auf dem Rücken zwischen Rot und Graubraun wechselnde Grundfärbung geht auf der Unterseite ins Gelbliche über; Stirn und Scheitel sind gelblichgrau, die Lippen weiß, die Ohren hinten bräunlichschwarz, vorn gräulichgelb. Ein runder, weißer Flecken findet sich über jedem Auge, ein anderer am äußersten Winkel und zwei, oft zusammenfließende, stehen unter dem Auge, ein weißer Streifen läuft längs der Nasenwurzel herab. Der Schwanz ist abwechselnd braungelb und schwarzbraun geringelt.
Als bestimmt verschiedene Art bezeichnet Hensel, nach Untersuchung der Schädel, den
Weißrüsselbären (Nasua narica) aus Mittelamerika. In der Größe kommt er dem Coati gleich, und auch die allgemeine Färbung erinnert an diesen. Die Oberseite des Pelzes ist mehr oder weniger dunkel, je nachdem die lichte Färbung der Haarspitzen zurüd-tritt oder sich bemerklich macht. Das einzelne Haar sieht an der Wurzel rötlich- oder fahlbraun, in der Mitte heller oder dunkler braun, an der Spitze fahl- oder braungelb aus; es entsteht daher eine mehr oder minder ausgesprochene Farbenmischung von Braun, Fahlbraun und Gelbbraun. Ein Ring ums Auge, ein über dem Auge beginnender, gegen die Nasenspitze verlaufender Streifen, die Vorderschnauze oben und unten sind gelblichweiß, Halsseiten und Kehle etwas dunkler, die übrigen Unterteile bräunlich, die Füße ausgesprochen braun, die Ohren innen und am Ende hell fahlgelb. Bei den meisten Stücken herrscht die lichtere Färbung vor; einzelne dagegen sehen sehr dunkel aus.
Wir verdanken Azara, Hensel, Rengger und dem Prinzen von Wied ausführliche Schilderungen der freilebenden Nasenbären. Nach dem Prinzen von Wied sollen sich der gesellige und einsame Coati dadurch unterscheiden, daß der eine beständig in Gesellschaften von 8—20 Stück lebt und herumschweift, der zweite aber einzeln in einem bestimmten Gebiete verweilt und nur während der Brunftzeit sich mit anderen seiner Art vereinigt. Der einsame Nasenbär soll mehrere bestimmte Lager anlegen und bald in diesem, bald in jenem die Nacht zubringen, je nachdem er den einen oder den anderen Teil des Waldes durchstreift, der gesellige dagegen weder ein Lager noch ein bestimmtes Gebiet haben, sondern ein echtes Zigeunerleben führen, den Tag über im Walde umherlaufen und da, wo ihn die Nacht überfällt, sich in einem hohlen Baume oder unter Baumwurzeln verkriechen, auch wohl in einer von mehreren Asten gebildeten Gabel niederlegen, um hier bis zum nächsten Morgen zu schlafen. Seine Gesellschaften ziehen zerstreut umher und lassen dabei beständig eigentümlich rauhe, halb grunzende, halb pfeifende Töne hören, welche man viel eher vernimmt, als man die Bande selbst gewahrt. Dabei wird der mit Laub und Fallholz bedeckte Boden gründlich untersucht, jede Spalte, jeder Ritz durchstöbert, eine um die andere Nase schnuppernd in dieses oder jenes Loch gesteckt; aber niemals hält sich die Gesellschaft lange bei einem Gegenstande auf. Der Einsiedler dagegen zieht still und langsam dahin, untersucht ebenfalls jeden Gegenstand, jedoch äußerst bedächtig, und nimmt sich ordentlich Zeit zu allen seinen Verrichtungen, jedenfalls deshalb, weil er keine Gewerbsbeeinträchtigung von seiten seiner Artgenossen zu befürchten hat. Zuweilen sieht man die ganze Gesellschaft plötzlich einen Baum besteigen, welcher dann schnell durchsucht und ebenso schnell verlassen oder aber mit einem anderen vertauscht wird. Der Einsiedler ist zu solchen Kletterjagden viel zu faul und bleibt unten auf dem Boden. Bei den gesellig lebenden bemerkt man übrigens niemals eine besondere Übereinstimmung in den Handlungen der verschiedenen Mitglieder einer Bande; jedes handelt für sich und bekümmert sich nur insofern um seine Begleiter, als es bei dem Trupp bleibt, welcher, wie es scheint, von alten Tieren angeführt wird.
Alle diese Angaben werden von Hensel nicht bestritten, die Abweichungen im Betragen der Tiere nur anders gedeutet. „Der Nasenbär“, sagt er, „ist in Brasilien so häufig,
— I 22 02 Be =) 02) an U. m AR *
daß ich nicht weniger als 200 Schädel in meinen Besitz bringen konnte. Aus den Vergleichungen dieser Schädel wie aus vielfältiger Beobachtung des Coati im Freien hat sich ergeben, daß die alten Männchen, welche als besondere Art betrachtet worden sind, einsiedlerisch leben. Sie verlassen in einem bestimmten Lebensalter, wenn die langen Eckzähne anfangen abgeschliffen zu werden, den Trupp, welchen sie bisher mit den Weibchen gebildet hatten, und kehren nur in der Paarungszeit zu ihm zurück. Man bemerkt niemals einsiedlerische Weibchen; wird aber einmal ein einzelnes Coatiweibchen gefunden, so ist es vielleicht durch eine Jagd vom ganzen Trupp versprengt worden, oder der Jäger hat diesen, welcher ganz in der Nähe war, nicht bemerkt... Den deutschen Ansiedlern des Urwaldes von Rio Grande do Sul, welche mit besonderer Leidenschaft die Jagd auf Coatis betreiben, war die Naturgeschichte dieser Tiere sehr wohl bekannt. Sie alle wußten, daß die Einsiedler nur die Männchen der geselligen Coatis seien, und betrachteten es als eine unzweifelhafte Thatsache, daß man niemals einsiedlerische Weibchen findet. Die Nasenbären sind Tagtiere. Sie ruhen des Nachts, zeigen dagegen vom Morgen bis zum Abend eine rastlose Thätigkeit. Während des Tages scheinen sie auf einer fortwährenden Wanderung begriffen zu sein, wobei sie keinen ihnen zugänglichen Raum undurchsucht lassen. Ihre Nahrung besteht ohne Zweifel aus allem Genießbaren des Tier- und Pflanzenreiches. Gern gehen sie auch in die Pflanzungen, um den Mais zu plündern, besonders solange die Körner noch weich sind.“
Kleine Tiere aller Art werden ihnen zur Beute, Kerbtiere und deren Larven, Würmer und Schnecken scheinen Leckerbissen für sie zu sein. Wenn sie einen Wurm im Boden, eine Käferlarve im faulen Holze ausgewittert haben, geben sie sich die größte Mühe, dieser Beute auch habhaft zu werden, scharren eifrig mit den Vorderpfoten, stecken von Zeit zu Zeit die Nase in das gegrabene Loch und spüren, wie unsere Hunde es thun, wenn sie auf dem Felde den Mäusen nachstellen, bis sie endlich ihren Zweck erreicht haben. Unter Lärmen und Pfeifen, Scharren und Wühlen, Klettern und Zanken vergeht der Morgen; wird es heißer im Walde, so schickt die Bande sich an, einen passenden Platz zur Mittagsruhe zu finden. Jetzt wird ein gut gelegener Baum oder ein hübsches Gebüsch ausgesucht, und jeder streckt sich hier auf einem Zweige behaglich aus und hält sein Schläfchen. Nachmittags geht die Wanderung weiter, bis gegen Abend die Sorge um einen guten Schlafplatz sie von neuem unterbricht. Bemerken Coatis einen Feind, jo geben sie ihren Gefährten sofort durch laute, pfeifende Töne Nachricht und klettern eiligst auf einen Baum; alle übrigen folgen diesem Beispiele, und im Nu ist die ganze Gesellschaft in dem Gezweige des Wipfels verteilt. Steigt man ihnen nach oder schlägt man auch nur heftig mit einer Axt an den Stamm, so begibt sich jeder weiter hinaus auf die Spitze der Zweige, springt von dort herab auf den Boden und nimmt Reißaus. Ungestört, steigen die Tiere kopfunterst den Stamm hinab. Sie drehen dabei die Hinterfüße nach außen und rückwärts und klemmen sich mit ihnen fest an den Stamm an. Auf den Zweigen klettern sie vorsichtig weiter, und auf Sätze, wie Affen sie ausführen, etwa von einem Baume zum anderen, lassen sie sich nicht ein, obwohl sie es könnten; denn an Gewandtheit geben sie den Affen oder Katzen kaum etwas nach. Auf ebenem Boden sind ihre Bewegungen viel schwerfälliger als im Geäste der Bäume. Sie gehen hier entweder im Schritt mit senkrecht gehobenem Schwanze oder springen in kurzen Sätzen und berühren dabei immer bloß mit der halben Sohle den Boden. Nur wenn sie stehen oder sich auf die Hinterbeine setzen, ruhen die Füße auf ganzer Sohle. Der Lauf sieht unbehilflich aus, ist aber ein sehr fördernder Galopp. Vor dem Wasser scheinen sie sich zu fürchten und nehmen es nur im höchsten Notfalle an; doch verstehen sie das Schwimmen gut genug, um über Flüsse und Ströme setzen zu können.
Unter den Sinnen steht der Geruch unzweifelhaft obenan, auf ihn folgt das Gehör, während Gesicht, Geschmack und Gefühl verhältnismäßig schwach sind. Bei Nacht sehen sie
BT Ta a U RT, u a a €
280 Vierte Ordnung: Raubtiere; sechste Familie: Bären.
nicht, bei Tage wenigstens nicht besonders gut, und das Gefühl scheint fast einzig und allein auf die rüsselförmige Nase, zugleich auch das hauptsächlichste Tastwerkzeug, beschränkt zu sein. Gegen Verletzungen find die Nasenbären ziemlich unempfindlich wie auch gegen Einflüsse der Witterung. Man begegnet zuweilen kranken, welche am Bauche mit bösartigen Geschwüren bedeckt sind, weiß auch, daß sie gerade dieser Krankheit häufig unterliegen.
Wenn der an eine bestimmte Zeit gebundene Geschlechtstrieb sich regt, kehrt, laut Hensel, der Einsiedler zu seinem Trupp zurück, und es finden nunmehr zwischen den alten Männchen die heftigsten Kämpfe statt. Mit ihren riesenhaften und stets messerscharfen Eckzähnen bringen sie einander tüchtige Wunden bei; erst nachdem ein Männchen als Sieger hervorgegangen ist, genießt es dieser Kämpfe Lohn. Die Begattung geschieht, nach meinen Beobachtungen an gefangenen, wie bei den Hunden. Wie Rengger angibt, wirft das frei lebende Nasenbärweibchen im Oktober 3—5 Junge in eine Baum- oder Erdhöhle, einen mit dichtem Gestrüppe bewachsenen Graben oder in einen anderen Schlupfwinkel. Hier hält es die Brut so lange versteckt, bis sie ihm auf allen seinen Streifereien folgen kann. Dazu bedarf es nicht viel Zeit; denn man trifft öfters ganz junge Tiere, welche kaum ihre Schneidezähne erhalten haben, unter den Trupps der älteren an.