Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Gefangene Nasenbären pflanzen sich seltener fort, als man von vornherein annehmen möchte. Von mir gepflegte Weibchen brachten nur zweimal Junge, welche zu meinem Be= dauern beide Male zu Grunde gingen. Die Alte erwählte sich zum Wochenbette regelmäßig den Schlafkasten und baute sich in ihm aus Stroh und Heu ein hübsches Nest zusammen. In ihrem Betragen bekundete sie nicht die geringste Veränderung, was vielleicht darin seinen Grund haben mochte, daß die Jungen nach wenigen Tagen wieder starben. Glücklicher als ich war mein Berufsgenosse Schlegel, welcher bereits zweimal junge Nasenbären aufzog. Die Trächtigkeitsdauer konnte auch von ihm nicht bestimmt werden, und ebensowenig war über die erste Jugendzeit der Tierchen viel zu beobachten. Die Jungen wurden im finsteren Verließe geboren und rührten sich anfänglich nicht von der Stelle; eines von ihnen, welches Schlegel nach der Geburt der Mutter abnahm, zeigte ein spaltförmig geöffnetes Auge, während das andere noch geschlossen war. Fünf Wochen nach der Geburt verließen vier von den fünf Jungen, soviel beobachtet werden konnte, zum ersten Male ihr Lager, aber in so jämmerlich unbeholfenem Zustande, daß Schlegel vermutete, die Alte habe den Versuch veranlaßt, beziehentlich ihre Jungen am Genicke herausgeschleppt, wie sie diese in gleicher Weise wieder nach dem Lager zurückbrachte. Die Färbung der Jungen ist keine gleichmäßige, vielmehr eine sehr verschiedene, bei den einen heller, bei den anderen dunkler. Die Farbenzeichnungen am Kopfe und Schwanze find nur angedeutet und treten erst nach der fünften Woche stärker hervor. ne Fünf Wochen später, in der zehnten Woche des Lebens also, beobachtete Mützel beim =9 Zeichnen die Nasenbärenfamilie des Breslauer Tiergartens und berichtete mir hierüber das 7*I Nachstehende: „Der erste Eindruck der Gesellschaft war ein höchst eigentümlicher. In tiefster Ruhe pflegte die Mutter ihre Kleinen. Sie saß oder richtiger lag auf der Breite des Kreuzbeines, die gespreizten Hinterbeine mir entgegenstreckend, auf ihrem Strohlager, stützte den Rücken an die Wand und beschnupperte und beleckte ihre Kinder, welche, den Bauch der Alten bedeckend, eifrig saugten. Von der Alten sah man nur das Gesicht und die Vorderbeine, während die fünf geringelten Schwänze der Kleinen, jeder von einem braunen Haarballe entspringend, strahlenartig die Mutter umkränzten. Doch bald änderte sich die Szene. Meine Gegenwart lenkte die Teilnahme der Mutter von ihren Kleinen ab. Neugierig erhob sie sich vom Lager und versuchte jene zum Loslassen der Zitzen zu bewegen; die aber hielten fest bis auf einen, und so schleppte sie ihre beharrliche Nachkommenschaft auf dem Boden entlang dem Drahtgitter zu, das eine, welches losgelassen hatte, aber noch schlaftrunken vor
ihr umhertaumelte, einfach beiseite schiebend. Erst nach längerer Zeit, während dem die Mutter mich gründlich besichtigt hat, kommen auch die Jungen zum Bewußtsein des Außer: gewöhnlichen, hören auf, die Alte zu belästigen und machen nun ihrerseits meine Bekanntschaft, mir dadurch Gelegenheit gebend, sie von allen Seiten zu betrachten. Trotz ihrer durchaus jugendlichen Formen tragen sie vollständig die Farbe der Alten, und ihre Gesichter erhalten gerade dadurch den Ausdruck des Hochkomischen. Die glänzend schwarze Nase, welche fortwährend in schnüffelnder Bewegung ist, das lange Gesicht, die anstatt der weißen Nasenstreifen von 3—4 durch Braun unterbrochenen, lichten Flecken umgebenen, glänzenden, harmlosen, schwarzen Perlaugen und die mehrzackig braun und weiß gezeichneten Backen, der gewölbte Scheitel mit den mittelgroßen, weißen, vielbewegten Ohren, der bärenartig rundliche Körper, der lange, buschige, mit Ringen gezeichnete, hoch getragene Schwanz bilden ein absonderlich belustigendes Ganze, zumal wenn die Tiere laufen oder klettern. Alle Bewegungen sind tölpelhaft, halb bedächtig und halb flink, daß der Anblick den Beschauer auf das lebhafteste fesseln und bei dem unendlich gutmütig und gemütlichen Gesichtsausdrucke der Kleinen zur herzlichsten Teilnahme hinreißen muß. „Doch ich wollte neues sehen und hielt deshalb der Alten eine Maus vor. Wie der Wind war sie dabei, biß zuerst heftig in den Kopf, als ob die bereits Tote noch einmal getötet werden sollte, legte sie vor sich auf den Boden und begann, die Beute mit den Vorderfüßen haltend, am Hinterteile zu fressen. Dies fiel mir auf. Der Wärter aber sagte mir, daß solches Gewohnheit der Nasenbären sei, und sie immer, anstatt wie andere Tiere vom Kopfende, vom Schwanzende her begönnen. Beim zweiten Gerichte, einer toten Ratte, fand ich diese Angabe vollständig bestätigt. Auch der Ratte wurde der Biß in den Kopf versetzt, sie hierauf berochen und nunmehr mit dem Verzehren des Schwanzes angefangen, nach ihm folgten die Schenkel, sodann der übrige Leib, bis der Kopf den Beschluß machte. War die Maus nach wenigen Sekunden verschwunden, jo währte das Verzehren der Ratte längere Zeit, und es wünschten, wie mir sehr begreiflich, an der Mahlzeit auch die Jungen teilzunehmen. Doch die Mutter versagte ihnen die Gewähr. Ob sie die Fleischnahrung noch nicht dienlich für die Kinder erachtete oder, was wahrscheinlicher, ob sie nur an sich dachte, genug, sie schnarrte ärgerlich auf, stieß nach rechts und links die Jungen weg und warf sie, als deren Zudringlichkeit nicht nachließ, mit den Vorderfüßen seit- und rückwärts fort. Die Jungen rafften sich flink auf und umstanden nun die schmausende Alte, voller Teilnahme und Begierde zusehend, die schnüffelnde Nase in ewiger Bewegung, sämtliche fünf Schwänze in die Höhe gereckt, nur zuweilen nach Katzenart mit den Spitzen derselben kleine Kreise beschreibend — ein köstliches Bild jugendlicher Begehrlichkeit. Endlich war der saftige Braten verzehrt, bis auf ein kleines Stück, welches aber auch noch nicht den Jungen zukommen sollte, vielmehr in ein diesen unerreichbares Loch, ungefähr einen halben Meter über den Boden, aufgehoben und mittels der langen, beweglichen Nase so gut wie möglich verborgen wurde. Gesättigt und in höchst behaglicher Stimmung trollte nunmehr die Mutter nach ihrem Lager und streckte sich hier zur Ruhe nieder, während im Vordergrunde sich folgender lebendige Vorgang entwickelte. „Unbeachtet von der Alten waren zwei Stückchen Rattenhaut übriggeblieben, und über diese dürftigen Reste der Mahlzeit fielen die Kleinen her mit einem Eifer und einer Gier, wie ich etwas Ahnliches nie gesehen. Es gab eine Balgerei, welche mir die Thränen in die Augen lockte infolge eines nicht zu stillenden Lachens. Die fünf bunten Gesichter,die fünf wolligen Körper, die fünf ragenden Schwänze verwirren, überkugeln, verwickeln sich, die tölpelhaften Gesellen laufen, fallen und purzeln über- und durcheinander, kollern auf den Dielen dahin, überklettern die geduldige Alte, steigen an dem Kletterbaume auf und nieder, und das alles mit solcher Eilfertigkeit, daß man die größte Mühe hat, einen von ihnen mit
den Augen zu verfolgen. Einmal in Bewegung, versuchen die Kleinen sich auch in Künsten, denen sie unbedingt nicht gewachsen sind, klettern an dem Mittelstamme ihres Käfigs empor, fallen schwerfällig herab, versuchen sich von neuem, laufen auf wagerechten Asten hinaus, kippen um, kommen nochmals in Gefahr, herabzufallen, halten sich mühsam an der Unterseite des Astes fest und setzen von hier den Weg bis zu Ende des Astes fort. Hier angekommen, ist guter Rat teuer. Auf dem schmalen Steige umzukehren, erlaubt die Ungeschicklichkeit noch nicht, verschiedene Versuche fallen auch äußerst unbefriedigend aus, und jo bleibt nichts anderes übrig als springen: der kühne Kletterer läßt also die Vorderfüße los, und die Zehenspitzen reichen fast bis zum Boden herab; aber noch zaudert er lange vor dem Sprunge, endlich wagt er ihn doch. In demselben Augenblicke rennt zufällig einer seiner Brüder unter ihm durch; er fällt diesem auf den Rücken und schreit auf, ein dritter, welcher jenen verfolgt, bleibt erschreckt zurück, und die beiden durch Zufall verbundenen setzen nun die Hetze ihrerseits fort. In dieser Weise trieb sich das junge Volk im Käfige umher, bis schließlich alle ermatteten und nur die beiden flinksten im Besitze der Hautstückchen verblieben. Die anderen gingen bei Frau Mutter zu Tische und gewährten mir durch wechselnde Gruppierungen eine Reihe reizender Familienbilder.“
Rüsselbärinnen, deren Junge schon einigermaßen herangewachsen find, säugen die Kleinen, nach Haackes Beobachtungen, gespreiztbeinig stehend; wie sie es mit neugeborenen Jungen machen, konnte nicht beobachtet werden.
Die weißen Bewohner Südamerikas und Mexikos jagen die Nasenbären hauptsächlich des Vergnügens wegen. Man durchstreift mit einer Meute Hunde die Waldungen und läßt durch diese eine Bande aufsuchen. Beim Anblicke der Hunde flüchten die Nasenbären unter Geschrei auf die nächsten Bäume, werden dort verbellt und können nun leicht herabgeschossen werden. Doch verlangen sie einen guten Schuß, wenn man sie wirklich in seine Gewalt bekommen will; denn die verwundeten legen sich meist in eine Astgabel nieder und müssen dann mühselig herabgeholt werden. Zuweilen springen verfolgte Coatis wieder auf den Boden herab und suchen laufend zu entfliehen oder einen anderen Baum zu gewinnen, werden hierbei aber von den Hunden leicht eingeholt und trotz alles Widerstandes getötet. Ein einzelner Hund freilich vermag gegen einen Nasenbären nicht viel auszurichten. Zumal der Einsiedler weiß sich seiner scharfen Zähne gut zu bedienen, dreht sich, wenn ihm der Hund nahekommt, mutig gegen diesen, schreit wütend und beißt tüchtig um sich. Jedenfalls verkauft er feine Haut teuer genug und macht manchmal 5—6 Hunde kampfunfähig, ehe er der Übermacht erliegt. Das Fleisch wird nicht allein von den Eingeborenen, sondern auch von den Europäern gern gegessen. „Junge Nasenbären“, sagt Hensel, „liefern, namentlich wenn sie fett sind, einen vortrefflichen Braten, und auch das Fleisch der Alten ist immer noch wohlschmeckend.“ Aus dem Felle verfertigen die Indianer kleine Beutel.
In allen Ländern des Verbreitungskreises der Nasenbären hält man sie sehr oft gefangen. Saussure sagt, daß sie unter allen Vierfüßlern einer gewissen Größe diejenigen sind, deren man am leichtesten habhaft werden kann. Bei den Indianern sind gefangene eine gewöhnliche Erscheinung. Auch nach Europa werden sie sehr häufig gebracht. Es kostet nicht viel Mühe sie aufzuziehen, selbst wenn sie noch sehr jung sind. Mit Milch und Früchten lassen fie sich leicht ernähren; später reicht man ihnen Fleisch, welches sie ebenso gern gekocht wie roh verzehren. Rindfleisch scheinen sie allen anderen Fleischsorten vorzuziehen. Aus großem Geflügel und kleinen Säugetieren machen sie sich nichts, obwohl sie auch diese Nahrung nicht verschmähen. Sie sind durchaus nicht fleischgierig, sondern gern mit Pflanzennahrung zufrieden. Ganz gegen die Art anderer Raubtiere, versuchen sie niemals, dem Hausgeflügel nachzustellen, und beweisen damit, daß sie sich im freien Zustande mehr von Pflanzennahrung und Kerbtieren als von dem Fleische der Wirbeltiere ernähren. An Wasser
darf man die gezähmten nicht Mangel leiden lassen, sie nehmen es oft und in Menge zu sich. Der junge Nasenbär wird selten in einem Käfig gehalten. Gewöhnlich legt man ihm ein Lederhalsband an und bindet ihn mit einem Riemen im Hofe an einen Baum; bei anhaltendem Regenwetter bringt man ihn unter Dach. Dabei hat man nicht zu befürchten, daß er den Riemen, welcher ihn fesselt, zu zernagen sucht. Den größten Teil des Tages über ist er in unaufhörlicher Bewegung; nur die Mittagsstunde wie die Nacht bringt er schlafend zu. Wenn die Hitze groß ist, ruht er der Länge nach ausgestreckt, sonst aber rollt er sich, auf der Seite liegend, zusammen und versteckt den Kopf zwischen den Vorderbeinen. Wirft man ihm seine Nahrung vor, so ergreift er diese erst mit den Zähnen und entfernt sich von seinem Wärter damit, soweit ihm seine Fesseln erlauben. Fleisch zerkratzt er vor dem Verzehren mit den Nägeln der Vorderfüße, Eier zerbeißt er oder zerbricht sie durch Aufschlagen gegen den Boden und lappt dann die auslaufende Flüssigkeit behaglich auf. In der Regel zerbeißt er auch Melonen und Pomeranzen, steckt jedoch zuweilen eine seiner Vorderpfoten in die Frucht, reißt ein Stück ab und bringt es mit den Nägeln zum Munde. Zucker und hartes Brot wird nach Haackes Beobachtungen von einem Weißrüsselbärweibchen des Frankfurter Tiergartens erst waschbärartig durch Einweichen genießbar gemacht, der erstere aber nicht länger als ratsam im Wasser gelassen. Ein Nasenbär, welchen Bennett hielt, trank leidenschaftlich gern Blut und suchte sich an den Tieren, welche ihm zur Nahrung vorgeworfen wurden, jedesmal die blutigste Stelle aus. Außer dem Fleische fraß er sehr gern Feigen und besuchte deshalb bei seinen Ausflügen regelmäßig die Bäume, welche diese Leckerei trugen, schnupperte dann nach den reifsten von den abgefallenen herum, öffnete sie und saugte das Innere aus. Die ihm vorgeworfenen Tiere rollte er, nachdem er sie von dem Blute rein geleckt hatte, zuerst zwischen seinen Vorderhänden hin und her, riß sodann die Eingeweide aus der inzwischen geöffneten Bauchhöhle heraus und verschlang davon eine ziemliche Menge, ehe er die eigentlich fleischigen Teile seines Opfers berührte. Bei seinen Lustwandelungen im Garten wühlte er wie ein Schwein in der Erde und zog dann regelmäßig einen Wurm oder eine Kerflarve hervor, deren Vorhandensein ihm unzweifelhaft sein scharfer Geruch angezeigt hatte. Beim Trinken stülpte er die bewegliche Nase soviel wie möglich in die Höhe, um mit ihr ja nicht das Wasser zu berühren.