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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Gegenwärtig wissen wir, daß der Wickelbär weit verbreitet ist. Er findet sich im ganzen nördlichen Brasilien, in Peru und nordwärts bis nach Mexiko, ja noch im südlichen Louisiana und Florida. Er lebt in den Urwäldern, zumal in der Nähe von großen Flüssen, und zwar auf Bäumen. Seine Lebensweise ist eine vollkommen nächtliche; den Tag verschläft er in

hohlen Bäumen, des Nachts aber zeigt er sich sehr lebendig und klettert außerordentlich gewandt und geschickt in den hohen Baumkronen umher, seiner Nahrung nachgehend. Dabei leistet ihm fein Wickelschwanz vortreffliche Dienste. Er gibt kaum einem Affen an Kletter: gewandtheit etwas nach. Alle seine Bewegungen sind äußerst behende und sicher. Er kann sich mit den Hinterfüßen oder mit dem Wickelschwanze an Asten und Zweigen festhalten und so gut an einen Baum klammern, daß er mit dem Kopfe voran zum Boden herabzusteigen vermag. Beim Gehen tritt er mit der ganzen Sohle auf. „Eines Nachts“, erzählt Bates, „schliefen wir vor dem Hause einer eingeborenen Familie, welche mitten in den Wäldern sich angesiedelt hatte, uns aber wegen einer Festlichkeit

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nicht in der Hütte selbst beherbergen konnte. Als nach Mitternacht alles till geworden war, lenkte Geräusch meine Blicke auf eine aus den Wäldern kommende Gesellschaft von schlanken, langgeschwänzten Tieren, welche, im klaren Mondlichte gegen den reinen Himmel deutlich erkennbar, mit flugähnlichen Sprüngen von einem Zweige zum anderen setzten. Viele von ihnen hielten sich auf einer Papunhapalme auf, und bald bewies das Drängen, Zwitschern und Kreischen sowie das Fallen von Früchten, mit was sie hier beschäftigt waren. Ich hielt die Tiere zuerst für Nachtaffen, bis mich am nächsten Morgen der Hauseigentümer durch ein von ihm gefangenes Junge der nächtlichen Gesellen belehrte, daß ich es mit Wickelbären zu thun gehabt hatte.“ Obwohl vorzugsweise Pflanzenfresser, verschmäht der Wickelbär doch auch kleine Säugetiere, Vögel und deren Eier oder Kerbtiere und deren Larven nicht. Dem Honig soll er mit besonderer Liebhaberei nachstellen und viele wilde Bienenstöcke zerstören. Zur Ausbeutung der Bienenstöcke soll er seine merkwürdig lange und vorstreckbare Zunge, mit welcher er in die schmalste Ritze, in das kleinste Loch greifen und die dort befindlichen Gegenstände herausholen kann, benutzen, sie durch die Fluglöcher der Bienen bis tief in den Stock stecken, mit ihr die Waben zertrümmern und dann den Honig auflecken.

Über die Fortpflanzung des sonderbaren Gesellen wissen wir noch gar nichts; doch schließt man aus seinen zwei Zitzen, daß er höchstens zwei Junge werfen kann. In der Gefangen: schaft hat er meines Wissens sich noch nirgends fortgepflanzt.

Alle, welche den Wickelbären bis jetzt beobachteten, stimmen darin überein, daß er dem Menschen gegenüber sanft und gutmütig ist und sehr bald sich ebenso zutraulich und schmeichelhaft zeigt wie ein Hund, Liebkosungen gern annimmt, die Stimme seines Herrn erkennt und dessen Gesellschaft aufsucht. Er fordert seinen Pfleger geradezu auf, mit ihm zu spielen oder sich mit ihm zu unterhalten, und gehört deshalb in Südamerika zu den beliebtesten Haustieren der Eingeborenen. Auch in der Gefangenschaft schläft er fast den ganzen Tag. Er deckt dabei seinen Leib, vor allem aber den Kopf, mit dem Schwanze zu. Legt man ihm Nahrung vor, so erwacht er wohl, bleibt aber bloß so lange munter, als er frißt. Nach Sonnenuntergang wird er wach, tappt anfangs mit lechzender Zunge unsicheren Schrittes umher, späht nach Wasser, trinkt, putzt sich und wird nun lustig und aufgeräumt, springt, klettert, treibt Possen, spielt mit seinem Herrn, läßt das sanfte Pfeifen ertönen, aus welchem seine Stimme besteht, oder knurrt kläffend wie ein junger Hund, wenn er erzürnt wird. Oft sitzt er auf den Hinterbeinen und frißt wie die Affen mit Hilfe der Pfoten, wie er überhaupt in seinem Betragen ein merkwürdiges Gemisch von den Sitten der Bären, Hunde, Affen und Zibethtiere zur Schau trägt. Auch seinen Wickelschwanz benutzt er nach Affenart und zieht mit ihm Gegenstände an sich heran, welche er mit den Pfoten nicht erreichen kann. Gegen das Licht sehr empfindlich, sucht er schon beim ersten Tagesdämmern einen dunkeln Ort auf, und sein Augenstern zieht sich zu einem kleinen Punkte zusammen. Reizt man das Auge durch vorgehaltenes Licht, so gibt er sein Mißbehagen durch eine eigentümliche Unruhe in allen seinen Bewegungen zu erkennen. Er frißt alles, was man ihm reicht: Brot, Fleisch, Obst, gekochte Kartoffeln, Gemüse, Zucker, eingemachte Sachen, trinkt Milch, 4 Kaffee, Wasser, Wein, sogar Branntwein, wird von geistigen Getränken betrunken und :*mehrere Tage krank. Ab und zu greift er auch einmal Geflügel an, tötet es, saugt ihm das Blut aus und läßt es liegen. Nach recht lebhafter Bewegung niest er zuweilen öfters hintereinander. Im Zorne zischt er wie eine Gans und schreit endlich heftig. So zahm er | auch wird, so eifrig ist er bedacht, seine Freiheit wiederzuerlangen. Ein alter Wickelbär, welchen Humboldt besaß, entfloh während der Nacht in einen Wald, erwürgte aber noch vorher zwei Felsenhühner, welche zu der Tiersammlung gehörten, und nahm sie gleich als 3 Nahrungsmittel für die nächste Zeit mit sich fort. Kappler, der den Wickelbären in Guayana 4

ubeobachtete, sagt von ihm: „Er lebt bloß von Früchten und wird äußerst zahm. Ich bekam 4 von Indianern einen jungen, der ganz frei herumlief. Niemand wußte, wo er am Tage sich aufhielt. Sobald wir uns abends zu Tische setzten, kam Wawa, wie wir ihn hießen, und ergötzte uns durch seine possierlichen Liebkosungen, worunter auch gehörte, daß er mir sein langes Züngelchen in Mund, Ohren und Nase zu strecken suchte. Er fraß reife Bananen und andere Früchte. Wenn man das Haus schloß, wurde Wawa vor die Thür gesetzt und bestieg dann die Brotfrucht-, Kokos- oder Avogatobäume, denn auf dem Boden hielt er sich nicht gern auf. Ich hatte ihn über ein Jahr, als er plötzlich starb.“

Der Wickelbär kommt neuerdings nicht gerade selten lebend zu uns herüber, und ich habe vielfach Gelegenheit gehabt, ihn zu beobachten. Beim Schlafen liegt er zusammengerollt auf der Seite, den Rücken nach dem Lichte gekehrt. Gegen Abend, immer ungefähr zu derselben Zeit, wird er munter, dehnt und reckt sich, gähnt und streckt dabei die Zunge lang aus dem Maule heraus. Dann tappt er geraume Zeit bedächtig und sehr langsam im Käfige umher. Sein Gang ist eigentümlich und entschieden ungeschickt. Er setzt seine krummen Dachsbeine so weit nach innen, daß er den Fuß der einen Seite beim Ausschreiten fast, oft wirklich, über den der anderen wegheben muß. Den Wickelschwanz benutzt er

fortwährend. Zuweilen hält er sich mit ihm und den beiden Hinterfüßen frei an einem Aste, den Leib wagerecht vorgestreckt. Er frißt alles Genießbare, am liebsten Früchte, gekochte Kartoffeln und gesottenen Reis. Wenn ich ihm einen kleinen Vogel vorwerfe, naht er sich höchst bedächtig, beschnuppert ihn sorgfältig, beißt dann zu und hält den erfaßten beim Fressen mit beiden Vorderfüßen fest. Er frißt langsam und, ich möchte so sagen, liederlich, zerreißt und zerfetzt die Nahrung, beißt auch, anscheinend mit Mühe, immer nur kleine Stücke von ihr ab und kaut diese langsam vor dem Verschlingen. Eigentlich blutgierig ist er nicht, obgleich er seine Raubtiernatur nicht verleugnet.

Schwer dürfte es halten, einen gemütlicheren Gesellen als ihn zum Hausgenossen zu finden. Er ist hingebend wie ein Kind. Liebkosungen machen ihn glücklich. Er schmiegt sich zärtlich dem an, welcher ihm schmeichelt, und scheint durchaus keine Tücke zu besitzen. Unwillig wird er nur dann, wenn man ihn ohne weiteres aus seinem süßesten Schlafe weckt. Ermuntert man ihn durch Anrufen und läßt ihm Zeit zum Wachwerden, so ist er auch bei Tage das liebenswürdige Geschöpf wie immer.

Mehrere Wickelbären vertragen sich ausgezeichnet zusammen. Von den ewigen Streitigkeiten, wie sie unter Nasenbären an der Tagesordnung sind, bemerkt man bei ihnen nichts. Männchen und Weibchen behandeln einander ungemein zärtlich. Zu einem Weibchen, welches ich pflegte, ließ ich ein neuerworbenes, noch etwas ängstliches Männchen bringen. Jenes war, unter meiner Pflege wenigstens, mit keinem anderen Tiere vereinigt gewesen, schien daher sehr überrascht zu sein, Gesellschaft zu erhalten. Eine höchst sorgfältige, anfangs etwas ängstliche Beschnupperung unterrichtete es nach und nach von dem ihm bevorstehenden Glücke. Sobald es den Genossen erkannt hatte, überhäufte es ihn verführerisch mit Zärtlichkeiten. Der Ankömmling schien noch unerfahren zu fein und bekundete anfänglich mehr Furcht als Entgegenkommen, kreischte auch heiser auf, so oft sich das Weibchen liebkosend ihm näherte. Dieses aber ließ sich nicht abweisen. Es begann zunächst den spröden Schäfer zu belecken, drängte sich zwischen ihn und das Gitter, an welchem er sich angeklammert hatte, rieb sich an ihm, umhalste ihn plötzlich und leckte ihn küssend am Maule. Noch immer benahm sich der Geliebkoste zurückhaltend, wehrte zumal die Küsse ab, indem er den Kopf nieder, mit dem Gesicht gegen die Brust bog, und bot dem Weibchen so nur das Ohr, welches dieses, sich vorläufig begnügend, leckte. Das Männchen ließ solches gutwillig geschehen, änderte sein Benehmen aber nicht. Endlich riß dem Weibchen der Geduldsfaden: es packte plötzlich den Kopf des Genossen, krallte die Pfotenhand fest ein in das rauhsamtene Haar, zog ihn in die Höhe, legte ihm den anderen Arm umhalsend in den Nacken und liebkoste ihn nunmehr so lange, bis er alle Scheu verloren zu haben und sich gutwillig in das Unvermeidliche zu fügen schien. Dieser Hergang wurde durch Pausen unterbrochen, welche nach jeder Abweisung seitens des Männchens eintraten. Dann verließ das Weibchen manchmal den Genossen, durchkletterte rasch den Käfig, stieg an dem in ihm befindlichen Baumstamme in die Höhe und sprang sodann geraume Zeit auf einem wagerechten Aste hin und her, wie Marder zu thun pflegen. Als das Einvernehmen endlich hergestellt worden war, umschlangen sich beide Tiere, sich förmlich verknäuelnd, und nahmen die wunderlichsten Stellungen ein. Am nächsten Tage wurde das Lager noch nicht geteilt; wenige Tage später aber schliefen beide nur in inniger Umarmung zusammen. Bald begannen auch anmutige Spiele, bei denen sie sich derartig umwanden, daß man den einen von dem anderen nicht zu unterscheiden vermochte. Kugelnd wälzten sie sich auf dem Boden umher, umfaßten und umhalsten sich, bissen sich spielend und benutzten den Wickelschwanz in ausgiebigster Weise, bald als Angriffs-, bald als Befestigungswerkzeug. Meine Hoffnungen, sie zur Paarung schreiten zu sehen, erfüllten sich jedoch nicht.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 19

Fünfte Ordnung.

Die Robben oder Tlossenfüßer (Pinnipedia).

In den Robben sehen wir Bewohner des Meeres vor uns, welche gegenüber den Walen auch dem Laien als Säugetiere erscheinen. Noch sind alle vier Beine vorhanden, schleppende zwar, aber doch deutlich von dem Leibe abgesetzte, deren Füße ziemlich klar die Gliederung in Finger und Zehen erkennen lassen. Bei den meisten Robben sind letztere vollkommen beweglich und nur durch Schwimmhäute miteinander verbunden, bei wenigen dagegen ganz von der Körperhaut umhüllt und unbeweglich, dann aber meistens noch durch die außen angehefteten kleinen Nägel erkenntlich. Eigentlich fremd erscheinen uns nur die Füße. Ihr Zehenbau ist ein anderer, als wir bisher beobachteten: die Mittelzehe ist nicht mehr die längste und stärkste, sondern alle Zehen liegen in einer gleichen Ebene. Im übrigen unterscheidet sich der Leibesbau der Robben zwar merklich von dem aller uns bisher bekannt gewordenen Säugetiere, läßt sich jedoch recht wohl mit dem der Raubtiere, namentlich der Fifch-otter und Bären, vergleichen, und demgemäß ist es gerechtfertigt, daß einzelne Forscher die Flossenfüßer mit den Raubtieren vereinigen. Der verhältnismäßig kleine Kopf ist ziemlich deutlich vom Halse abgesetzt und erinnert an den des Fischotters und Bären, obwohl bei genauerer Vergleichung seine Eigentümlichkeiten sofort hervortreten. Der Hirnteil ist breit und flach, der Schnauzenteil kurz und vorn breit gerundet, das Maul tief gespalten, die Oberlippe mit starken, federnden Borsten besetzt, welche von den Schnurrhaaren der Raubtiere sich sehr unterscheiden; die Nase zeichnet sich durch ihre schief gestellten, schlitzförmigen und verschließbaren Löcher aus; das Auge ist groß, ziemlich flach und mit einer Nickhaut versehen, der Stern groß, das ebenfalls verschließbare äußere Ohr endlich bei nur einer Familie einigermaßen entwickelt, indem bei den meisten Robben die äußere Ohrmuschel gänzlich fehlt. Der kurze und dicke Hals geht unmittelbar in den mehr oder weniger walzigen, nach hinten allmählich sich verjüngenden Leib über; der Schwanz ist zu einem Stummel herabgesunken. Die Geschlechtsteile liegen mit der Afteröffnung in einer schlitzförmigen Grube. Die dicke und feste Haut ist meist nur mit einfachen, gleichmäßig langen Grannen bekleidet, die sich manchmal mähnenartig verlängern, oder trägt darunter ein mehr oder minder dichtes Wollhaar. Vorherrschende Färbung des Felles ist ein mehr oder weniger in das Gelbliche oder Rötliche spielendes Grüngrau, welches durch gruppenweise zusammenstehende, dunkelspitzige Haare eine gemarmelte Zeichnung erhält; doch gibt es auch einfarbige und ebenso gescheckte Robben. Gebiß und innerer Leibesbau zeigen, trotz vielfacher Ahnlichkeit mit den betreffenden Teilen der Raubtiere, ein sehr bestimmtes Gepräge.

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