Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Bei den durch das Fehlen einer Ohrmuschel, die verkürzten, sozusagen im Leibe steckenden Gliedmaßen, die behaarten Sohlen und Schwimmhäute, die von innen nach außen an Größe abnehmenden Zehen der Vorderfüße und die merklich verkürzten Mittelzehen der außen zu beiden Seiten verlängerten, in der Mitte aber ausgeschnittenen Hinterflossen ausgezeichneten Seehunden oder Robben in engerem Sinne, den Mitgliedern der ersten Familie (Phocidae), besteht das Gebiß aus den 4 Eckzähnen, aus 4 Lückenzähnen und einem Mahlzahne jederseits in Ober- und Unterkiefer und aus einer wechselnden Anzahl von Schneidezähnen; dem Schädel fehlt der hintere Augenhöhlenfortsatz. Dichtstehende, mehr oder min= der lange, niemals aber zu einer Mähne entwickelte Grannenhaare, seltener auch von ihnen überdeckte, spärlich stehende Wollhaare bilden das Kleid, welches bei den meisten Arten in der wohl allgemein bekannten eigentümlichen Weise gefleckt und nur bei wenigen Seehunden einfarbig ist oder größere Farbenfelder zeigt.
Die Alten haben die Seehunde zwar gekannt, aber doch herzlich schlecht beschrieben. Gesner stellt ihre Angaben zusammen und fügt ihnen die Berichte zu, welche das Mittel-alter über die Robben geliefert hat: „Das Meerkalb“, sagt er, „wird unter die Wallfisch gezehlt, dieweil es zu mercklicher Grösse kompt, und hat Lungen oder Löcher, durch welche er die Lufft an sich zeucht, auch seine natürliche Glieder wie andere Wallfische, mag sonst weder ohn Wasser, noch ohn Erdreich seyn, und ob es zwar eine lange Zeit ohne Wasser leben kan, sein Speiß und Nahrung aber auß dem Meer hat, hält es sich mehr in dem Wasser als auff der Erde auff, und wird billich derowegen unter die Wasserthier gerechnet. „Das Meerkalb schläffet, und gebieret auff dem Land und Ufer, schläfft stärcker dann kein ander Thier mit schnarchen, wegen des Wulsts und Schleims, so es stetig in der Lungen hat, kreucht den mehrertheil gegen dem Abend an das Ufer und Felsen herauß zu schlaffen, zu zeiten auch bey hellem Tag, dann in dem es kreucht oder gehet, jo braucht es seine Fischfedern, vorauß die hintern an statt der Füssen, kan sich außstrecken und zusammen ziehen
nach Gefallen. So es getödet wird, so sol es ein Stimm führen gleich einem Stier, sol sonst auch ein andere eigene Stimm haben. — Das Meerkalb ist das allerfrässigste Thier, frist im Wasser und auff Erden, Fisch, Fleisch, Kraut und alles was es kriegen kan, verschont auch der Menschen nicht, auß welcher Ursach es auch den Fischern nachstellen sol, sol sich sonst nicht weit an das Ufer herauß lassen, sondern ohne Verzug wieder zurück kehren, ist gantz beissig, jaget den Fischen scharweiß nach, sie zu bekriegen. — In der Zeit ihrer Brunst hangen sie an einander wie die Hunde pflegen, gebären und erziehen erstlich ihre lebendig gebohrne Jungen an dem truckenen Ufer, allezeit ihrer zwey säugen, und gewehnen sie nach und nach in das Wasser. In dem Scythischen Meer sollen sie ihre Jungen auff dem Eyß säugen, nach Art anderer vierfüssigen Thieren. — Ein grosse Lieb sol dieses Thier, so es jung ist gegen seine Eltern tragen und erzeigen, mit helffen, tragen und versorgen, derohalben mehrentheils die jungen mit den alten gefangen werden. Es sol Damis, von welchem Philostratus schreibet, in der Insel Agit ein Meerkalb gesehen haben, so von den Fischern gefangen, welches eines seiner Jungen, so es in dem Gefängnuß tod gebohren, dermassen mit solchem Trauren sol beweinet haben, daß es drey Tage ohne Essen verharret, ob es gleich für das aller frässigste Thier sonsten gehalten wird, sie sollen zu zeiten auch mit einander spielen. Aristoteles schreibet, daß, wo diese Fisch eines Orts gewohnet seyn, kämpfen und streiten sie mit fremden Fischen, so dahin kommen, Mann mit Mann, Weib mit Weib, Jung mit Jungem, und dergleichen, so lang biß ein Theil getödet oder sonst vertrieben wird. Dann solches sol ihnen angebohren seyn, daß sie nicht bald das Ort ändern, sondern verbleiben in ihrem Sitz. — Gegen dem Menschen tragen sie eine solche Zuneigung, daß sie leichtlich zahm gemacht, und zu lieblicher, schimpflicher Zucht gebracht werden, daß sie mit Stimm, und Gesicht die Menschen grüssen, und so man sie mit ihrem Namen nennet, sollen sie schimpfliche Antwort geben. „In diesem Thier sol viel verborgen stecken: dann sein Mäglin, so in die Artzney kompt, ist dienlich wider die fallende Sucht, und weilen ihm bewust ist, daß ihm derohalben nachgestellet wird, speyet er dasselbige auß Mißgunst auß. — Sein Haut sol sonderbare Krafft haben wider die Straal, Donner, Blitz und Hagel, auß welcher Ursach sollen die Schiffleut des Meers, das oberste des Segelbaums damit bedecken. Palladius der Bauersmann schreibet, so sein Haut umb einen Acker oder Weingarten getragen, oder mitten an ein Stecken gehenckt werde, daß dieselbe Güter vor dem Hagel, und andern Plagen wohl versichert bleiben. — Seine Haar sollen eine wunderbarliche Beschaffenheit haben, also, daß wo in dem Meer solche Haut oder Gürtel von solcher Haut getragen wird, die Haar davon zur Zeit des Ungewitters, Ungestümme und Bewegnuß des Meers, oder sonst so es anfleust, sich auffrichten und streussen sollen: So es aber still und mild worden, sol sich auch solch Haar glatt niederlegen, welches bey kurtzer Zeit durch etliche glaubwürdige Männer in der Insel, Hispaniola genannt, erfahren worden. „Von etlichen irrdischen Thieren hat das Meerkalb ein Abscheuen, absonderlich aber an dem Bären, von welchem es bekrieget wird. Dergleichen sol es in dem Meer förchten den grossen Wallfisch Ziphius genannt, von welchem es verschlucket wird.... Die Meerkälber werden nicht ohne Arbeit von den Fischern gefangen und bekrieget: dann so sie an dem Ufer angegriffen, sollen sie viel Sand mit den hintern Füssen herauß werffen, daß niemand darbey sicher, sondern männiglich geschändet wirt: auch so sie mit den Garnen umbgrieffen, so zerzerren sie auch die allerstärcksten Garn: können auch nicht leicht zu todt geschlagen werden, wegen ihrer mercklichen Fettigkeit und Härte der Haut, so von Pfeil oder Geschütz kaum verletzet wird. Derohalben die Fischer, so sie ein Meerkalb in dem Garn vermercken, schleiffen sie es ohn Verzug, mit grosser Geschwindigkeit und Ungestümme an das Land, schlagen das Thier mit Rudern und Kolben an die Schläffe, an welchen Orten es gar leicht zu todt
geschlagen wird.... Dem Meerkalb wird meistentheils wegen seiner Haut und Mäglin der jungen nachgejaget, sonst ist der Schad, so man von solchen Thieren hat, grösser dann der Nutz. Etliche Völcker, Massageti genannt, werden von ihren Häuten bekleidet. — Deßgleichen in Scythia, so gegen Mitternacht gelegen, brauchen sie solche zu dem Karrengeschirr, Täschen: Sein Feiste zu schmieren, und Leder zu bereiten.... Das Meerkalb ist auß dem Geschlecht der Wallfische, derowegen es ein hart unverdaulich Fleisch hat. Den Speck von solchem Thier nennen die Sachsen Salspeck. „Der Speck der Meerkälber heylet den bösen Grind oder Räude, wann es auffgeschmiert wird, es sey an Menschen oder Viehe, heylet auch und vertreibet allen Geschwulst, wird auch gebraucht zu dem Glatzkopff: Deßgleichen zu der Verruckung des langwirigen Schlaffs, und Beermutter der Weiber, in welchem Stück es absonderlich gerühmet wird. — Zu dem Podagra wird gelobet die äsche und Fett von dem Meerkalb. — Sein Fleisch gessen, und sein gedörrt Blut in Wein getruncken: Deßgleichen sein Leber, Lungen, Miltz und das Mäglin der jungen sampt seinem Blut, wird gelobet zu der fallenden Sucht, Tobsucht, Schwindel, Schlag und andern Kranckheiten des Hirns. — Von seinem Mäglin einer Erbß groß getruncken, sol das viertägige Fieber vertreiben, auch zu der Bräune, nebenst etlichen andern stücken gelobet werden. — Der Geruch von den gebrannten Beinen treibet die Geburt. — Sein Galle wird gebraucht zu allen schmertzen und Trieffen der Augen. — Sein Haut umbgegürtet, ist den Nieren und Hüfften gut: Schuch davon bereitet, vertreibet das Podagra. — Solch Thier schläfft gantz starck, wie zuvor gehört: deßwegen seine rechte Floßfeder unter den Kopff gelegt, den Schlaaff bringet.“
Versuchen wir ein von allen diesen Fabeln und falschen Deutungen nach Möglichkeit gereinigtes Lebensbild der Seehunde insgemein zusammenzustellen, so läßt sich etwa das Nachstehende über die teilnamswerten und wichtigen Tiere sagen. |
Weit mehr verbreitet als sämtliche übrigen Robben, bevölkern die Seehunde nicht allein die Meere der Erde, sondern auch große Binnenseen, welche mit jenen durch Flüsse in Verbindung stehen oder in längst vergangener Zeit Teile von ihnen bildeten, wie z. B. den Baikal und den Kaspischen See. Sie bewohnen alle Gürtel der Erde, in besonderer Häufigkeit aber doch die kalten, und treten namentlich im nördlichen Polarkreise in einer erheblichen Anzahl von Arten auf. Von den Ohrenrobben unterscheiden fie sich hinsichtlich des Aufenthaltes darin, daß sie mehr oder weniger an die Küsten gefesselt sind. Nur wenige entfernen sich weit vom Lande; die meisten suchen unbelebte Stellen der Küsten auf und treiben sich hier bald im Wasser, bald auf dem Lande umher. Im allgemeinen kann man annehmen, daß das Land höchstens noch 30 Seemeilen entfernt ist, wenn man Seehunde bemerkt. An manchen Küsten sind die vielfach verfolgten Tiere noch sehr häufig und im allgemeinen nirgends selten, obwohl eine stetige Abnahme sich nicht verkennen läßt.
In ihrem Wesen ähneln sie, in ihren Bewegungen auf dem Lande unterscheiden sie sich nicht unwesentlich von den Ohrenrobben, weil sie nicht im stande sind, wie diese zu gehen, sondern einzig und allein rutschend sich forthelfen müssen. Nur im Wasser zeigen sie sich jenen ebenbürtig und in ihrer vollen Beweglichkeit; denn sie schwimmen und tauchen meisterhaft. Mit den Vorderflossen arbeitend, wie die Fische mit ihren Flossen, bewegen sie die beiden Hinterbeine bald gegeneinander, hierdurch das zwischen ihnen gesammelte Wasser ausstoßend und sich somit vorwärts treibend, bald aber seitlich hin und her schwingend und dadurch ungefähr die gleiche Wirkung erzielend. Es gilt ihnen vollständig gleich, ob sie auf dem Bauche oder auf dem Rücken liegen, und ob sie sich nahe oder tief unter der Oberfläche bewegen. Sie durcheilen das Wasser mit der Schnelligkeit eines Raubfisches und wälzen sich blitzschnell um sich selbst herum, sind auch im stande, solange es ihnen beliebt, auf einer und derselben Stelle zu verweilen. Zu diesem Ende ziehen sie ihre
Vorderflossen dicht an den Leib, krümmen ihn, so daß der Hinterteil senkrecht steht, während Kopf und Oberkörper wagerecht gerichtet sind, und verharren so halbe Stunden lang in dieser Lage, den Kopf zur Hälfte, den Rücken ein wenig über die Oberfläche des Wassers erhoben. Wenn sie weite Strecken zurücklegen wollen, schwimmen sie mit großer Schnelligkeit geradeaus, nicht aber immer mit nach unten gekehrter Brust, häufig vielmehr auch auf dem Bauche oder auf einer Seite. Wenn sie sich unterhalten wollen, beschreiben sie Kreise, springen dann und wann mit vollem Leibe aus dem Wasser heraus, jagen und necken sich oder spielen auch allein wie trunken im Wasser umher, kommen bald mit dem Bauche in die Höhe, schieben sich auf dem Rücken fort, drehen und wenden sich, kollern sich um und um und benehmen sich überhaupt im höchsten Grade sonderbar, vergessen sich auch dabei nicht selten so vollständig, daß ein geschickter Jäger oder Fänger, ohne von ihnen bemerkt zu werden, bis in die Wurfweite einer Harpune an sie herankommen und sie erlegen kann.
Sie steigen in bedeutende Tiefen hinab und verweilen unter Umständen geraume Zeit unter Wasser, keineswegs aber so lange, als von einzelnen behauptet worden ist. Wenn sie nicht verfolgt werden, steigen sie durchschnittlich alle Minuten an die Oberfläche empor, um Luft zu schöpfen. Nach eigenen, mit der Uhr in der Hand angestellten Beobachtungen atmen fie im Wasser in Zwischenräumen von 15— 125 Sekunden, auf dem Lande alle 5—8 Sekunden einmal. Nun mag es geschehen, daß verfolgte Seehunde auch das Dreiund Vierfache der angegebenen Zeit unter Wasser aushalten; in keinem Falle aber dürften sie im stande sein, halbe Stunden lang hier zuzubringen, wie dies wiederholt behauptet und geglaubt worden ist. Auch Fabricius, welcher die bei Grönland vorkommenden Seehunde sehr ausführlich beschreibt, glaubt nicht, daß eine Robbe länger als 7 Minuten unter Wasser verweilen könne. Brown, welcher eigens zu dem Zwecke nach Grönland gereist ist, um die Seetiere zu beobachten, setzt als äußerste Zeit, welche ein Seehund unter Wasser zubringen kann, 15 Minuten fest, bemerkt jedoch ausdrücklich, daß er regelmäßig nicht länger als 8 Minuten tauche. Meiner Ansicht nach sind selbst 15 Minuten zu hoch gegriffen. Die Beobachtung eines im Meere sich bewegenden und jagenden Seehundes ist schwierig und wird dies um so mehr, je tiefer er taucht und je längere Zeit er im Wasser zubringt. Bei längerem Tauchen durcheilt er jagend weite Strecken, erscheint, wenn er in Eifer gerät, nur auf Augenblicke an der Oberfläche, einzig und allein zu dem Zwecke, um Atem zu holen, streckt dabei in den meisten Fällen auch bloß seine Nasenspitze aus dem Wasser und kann also sehr leicht übersehen werden und zu Beobachtungsfehlern Anlaß geben. Die von mir gepflegten Gefangenen haben nach vielfachen Beobachtungen von mir nie mehr als 5—6 Minuten unter Wasser zugebracht, und dies auch nur, wenn sie schliefen. Die See: hunde schlafen nämlich wirklich im Wasser, wenn auch möglicherweise bloß im seichteren. Vermittelst einiger Flossenschläge kommen sie von Zeit zu Zeit mit geschlossenen Augen bis zur Oberfläche empor, schöpfen Atem, sinken hierauf wieder bis auf den Grund hinab und wiederholen dies bei jedem Luftwechsel. Ihre Bewegungen hierbei scheinen bewußtlos zu geschehen. Daß sie auch auf der Oberfläche liegend schlafen können, geht aus sogleich zu erwähnenden Beobachtungen hervor. Die Grönländer, welche die für sie unendlich wichtigen Tiere äußerst genau kennen, haben jede ihrer Stellungen im Wasser mit einem besonderen Ausdrucke bezeichnet, weil sie aus den verschiedenen Stellungen schließen, ob sie einem schwimmenden Seehunde nahekommen werden oder nicht. Wenn die Robbe einfach nach oben steigt, um Luft zu schöpfen, unbesorgt ist, bis zu den Vorderflossen aus dem Meere herauskommt, sodann mit weit geöffneten Nasenlöchern Atem holt und sich langsam wieder in das Wasser zurückzieht, ohne daß dieses sich bewegt, ist sie eine „Aufgerichtete“, während sie „Umstürzende“ heißt, falls sie lärmend wieder in die Tiefe versinkt; wenn sie der Fischjagd eifrig obliegt, mit emporgehobenem Kopfe über dem Wasser schwimmt, gerade