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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Es scheint, daß Seehunde gegen alle Tiere, welche nicht Fische, Weichtiere oder Krebse heißen, ziemlich gleichgültig sind; doch dürfte man wohl irren, wenn man dies als einen Beweis ihrer Gutmütigkeit ansehen wollte. Hunden gegenüber benehmen sich die Gefangenen regelmäßig heftig, schnauben sie ärgerlich an oder suchen sie durch Zusammenklappen der Zähne zu verscheuchen. Dabei bethätigen sie keineswegs besonderen Mut, sondern eher grollende Furchtsamkeit, und wenn es ihnen irgendwie möglich ist, suchen sie sich einer derartigen Begegnung zu entziehen. Die von mir gepflegten Seehunde waren immer aufs äußerste entrüstet, wenn ich junge Bären in demselben Becken, welches jene bewohnten, baden ließ: sie schnaubten, knurrten, klappten die Kinnladen zusammen und schlugen zornig mit den Vorderflossen auf das Wasser, gingen aber niemals zum Angriffe über. Unter dem Wassergeflügel kann man sie ziemlich unbesorgt umherschwimmen lassen; sie vergreifen sich wenigstens nicht an denjenigen Vögeln, welche sie selbst nicht behelligen. Mit Gänsen, Enten und anderen Zahnschnäblern leben sie gewöhnlich im tiefsten Frieden, wenn auch gelegentlich, wie in Düsseldorf, das Gegenteil vorkommen mag; gegen die Fischfresser zeigen sie sich weniger freundlich. So wurde einer meiner Reiher, welcher sich anschicken wollte, dem See: hunde seine Fische wegzunehmen, von der darüber erbosten Robbe am Beine gepackt und durch Abbeißen des letzteren bestraft.

Besondere Zärtlichkeit beweisen sie, wie alle Robben, gegen ihre Jungen. Mit ihnen treiben sie mancherlei Spiele, verteidigen sie auch, wenn Gefahr droht, mutig, selbst gegen stärkere Feinde. So vorsichtig sie im allgemeinen dem Menschen ausweichen und so ängstlich sie, wenn sie üble Erfahrungen gesammelt haben, dem Jäger zu entrinnen trachten, so hat man doch beobachtet, daß sie, selbst hart bedrängt, bei ihren Jungen zurückbleiben und deren Geschick teilen. Anderseits versichert man, gesehen zu haben, wie sie unter Umständen das Junge mit einem ihrer vorderen Flossenfüße packen, es fest an die Brust drücken und es in dieser Weise so eilig wie möglich dem Wasser zuschleppen.

Je nach der Gegend, in welcher die Seehunde leben, fällt die Paarungszeit in verschiedene Monate. In unserer nördlichen Erdhälfte findet sie im Herbste statt, in den südlichen Gegenden zwischen April und Juni. Die alten Männchen sollen sehr erregt sein, heftig untereinander streiten und für nichts anderes als für ihre Liebe Sinn haben. Es wird gesagt, daß dieses Gefühl sie vollständig in Anspruch nehme und die ihnen eigene Scheu

gänzlich vergessen lasse. Ebenso heftig wie ihre Liebe ist auch ihre Eifersucht. Wer ihre grunzenden und brüllenden Töne nachzumachen versteht, lockt sie sicher zu sich heran. „Mit einem Jagdgenossen“, erzählt Schilling, „traf ich auf einem kleinen, einsamen Eilande 10—12 brüllende und grunzende paarungslustige Seehunde an. Bei unserer Landung begaben sie sich, gegen ihre sonstige Gewohnheit, nur lässig in das Wasser, und ich war fast versucht, zu glauben, in ihnen eine ganz andere Art von Tieren vor mir zu haben. Wir beschlossen, auf diese Seehunde anzustehen, und gruben uns zu diesem Ende im Sande eine Vertiefung aus. Kaum war unser Boot etwa 500 Schritt weit gesegelt, da erschienen in geringer Entfernung im Wasser die sämtlichen Seehunde wieder, lauschten neugierig mit scheinbarem Wohlgefallen den von uns nachgeahmten Tönen, richteten sich fast bis zur halben Körperhöhe über die Wasseroberfläche empor und näherten sich, merkwürdig genug, in diesen Körperstellungen dem Ufer der Insel immer mehr. Als wir nun die höheren, schwächeren Töne nachahmten, welche gewöhnlich die Männchen hören lassen, kamen die viel größeren Weibchen zuerst an das Land gekrochen und naheten sich bald darauf unserem Lager, den Locktönen folgend, obgleich sie unsere hervorragenden Köpfe gewißlich sehen konnten. Wir suchten uns jeder einen Seehund aus, legten auf ihn an und entluden unsere Gewehre zu gleicher Zeit; jeder sah auch, als der Pulverdampf sich verzogen hatte, den erwählten Seehund regungslos vor sich liegen. Aber die übrigen, welche sämtlich gelandet waren, gebärdeten sich, als wären sie gleichfalls von unseren Schüssen getroffen worden. Wir hätten, wären wir ruhiger und mehr vorbereitet gewesen, sehr gut noch unsere beiden übrigen Schüsse auf die nicht getroffenen abfeuern können. Erst, als wir aufsprangen, kam Be: wegung in diese wie vom Blitze getroffenen Körper.“

Ungefähr 97 Monate nach der Paarung, in den Monaten Mai, Juni und Juli, wirft das Weibchen eins, seltener zwei Junge auf öden, unbewohnten Inseln, am liebsten an sandigen Stellen des Strandes, in Höhlen, sonst auch auf Felsblöcken und endlich auf Eisfeldern. Die Jungen kommen in vollkommen ausgebildetem Zustande zur Welt, sind aber mit einem dichten, weißen, zarten Pelze bedeckt, welcher fie am Schwimmen und noch mehr am Tauchen hindert, jedoch bald mit dem glatt anliegenden und steifen Jugendkleide vertauscht wird. Bis zu dieser Zeit bleiben die Weibchen auf dem Lande bei den Jungen.

Gelegentlich eines Besuches bei einem Tierhändler sah ich einen weiblichen Seehund, dessen Umfang zu frohen Hoffnungen berechtigte. Obgleich nun dieses Tier durch zwei Wunden, welche es beim Einfangen erhalten hatte, entstellt und als Schaustück wertlos war, beschloß ich doch, es zu kaufen, weil ich annehmen durfte, Gelegenheit zu mir wichtigen Beobachtungen zu finden. So viel ich wußte, hatten trächtige Seehunde schon wiederholt in der Gefangenschaft geboren; die Jungen waren aber immer sofort nach ihrer Geburt gestorben. Ich sollte glücklicher fein, vielleicht nur deshalb, weil ich der trächtigen Seehündin einen kleinen Teich zum Aufenthaltsorte anweisen konnte.

Die Geburt des wohlausgetragenen Jungen erfolgte am 30. Juni in früher Morgen stunde; denn der Wärter, welchem ich den Seehund in Pflege gegeben hatte, sah bei seiner Ankunft am Morgen das Junge bereits neben der Alten im Wasser spielen. Auf dem Lande fand ich neben einer ziemlichen Menge von Blut und dem Mutterkuchen auch das ganze Jugendkleid des Neugeborenen, einen nicht unbedeutenden Haufen seidenweicher, kurzer, aber gewellter Haare, welche sämtlich auf einer Stelle von geringem Umfange lagen und bereits im Mutterleibe abgestreift worden zu sein schienen. Das Junge hatte keine Spur des Wollkleides mehr an sich; seine Färbung ähnelte vollständig der seiner Mutter; nur waren die einzelnen Farben frischer und glänzender. Die Augen schauten klar und munter in die Welt. Selbst die Bewegungen des jungen Weltbürgers waren schon gänzlich die seiner Eltern: im Wasser genau ebenso meisterhaft, auf dem Lande ebenso ungeschickt. Er schien

in den ersten Stunden seines Lebens außerhalb des Mutterleibes bereits alle Fertigkeiten seines Geschlechtes sich angeeignet zu haben, schwamm auf dem Bauche wie auf dem Rücken, tauchte leicht und lange, gebärdete sich mit einem Worte durchaus wie ein Alter. Aber es war auch als ein merkwürdig ausgebildetes und auffallend großes Tier zur Welt gekommen. Noch am Tage seiner Geburt gelang es uns, den kleinen, bereits wehrhaften Gesellen zu wiegen und zu messen: das Gewicht betrug 8,75 kg, die Länge 85 cm.

Es war im höchsten Grade anziehend, die beiden Tiere zu beobachten. Die Alte schien sichtlich erfreut über ihren Sprößling zu sein und offenbarte in jeder Hinsicht die größte Zärtlichkeit, wogegen das Junge, altklug, seine Mutter zu verstehen schien. Bereits in den ersten Tagen spielte diese in täppischer Weise mit ihm, zuerst im Wasser, später auch auf dem Lande. Beide rutschten mehrmals auf das Land hinauf; die Alte lud dazu das Junge durch ein heiseres Gebrüll ein oder berührte es sanft mit ihren Vorderflossen. Beim Spielen wurde die gegenseitige Anhänglichkeit jedermann ersichtlich. Von Zeit zu Zeit tauchten beide Köpfe im Wasser auf, dicht nebeneinander; dann berührten sie sich mit den Schnauzen, als wollten sie sich küssen. Die Alte ließ das Junge stets vorausschwimmen und folgte ihm bei jeder Bewegung nach, trieb es auch wohl ab und zu durch sanfte Schläge nach der von ihr beabsichtigten Richtung hin. Nur wenn es auf das Land gehen sollte, gab sie den zu nehmenden Weg an. Schon abends saugte das Junge unter hörbarem Schmatzen kräftig an der Mutter, welche sich zu diesem Ende auf die Seite legte und durch Knurren den Säugling herbeirief. Später kam es, 6—10mal täglich, zu der Alten gekrochen, um sich Nahrung zu erbitten. Im Wasser saugte es nie; wenigstens habe ich es nicht gesehen.

Überraschend schnell nahm das Junge an Größe und Umfang zu; auch seine Bewegungen wurden mit jedemTage freier, kühner, seine Teilnahme und sein Verständnis für die Umgebung größer. Ungefähr 8 Tage nach der Geburt nahm es auf dem Lande alle Seehundsstellungen an: die behagliche, faule Lage auf den Seiten und auf dem Rücken, die gekrümmte, wobei es die Hinterflossen gefaltet hoch emporhob und mit ihnen spielte, und ähnliche mehr. In der dritten Woche seines Alters war es vollkommen zum Seehunde geworden. Dem Wärter gegenüber zeigte es sich scheu und ängstlich, und so gelang es mir erst in der sechsten Woche seines Lebens, es zum zweitenmal auf die Wage zu bringen. Um diese Zeit hatte es gerade das Doppelte seines Gewichtes erlangt, ungeachtet es bis dahin nur gesaugt und noch keine Fischkost zu sich genommen hatte.

Zu meinem großen Bedauern verlor ich das muntere Tierchen in der achten Woche seines Lebens. Es war unmöglich, es an Fischkost zu gewöhnen, und der Alten ging nach und nach die Milch aus. Zwar versuchte sich jenes an den ihm vorgeworfenen Fischen; doch schien ihm die Nahrung schlecht zu bekommen. Es magerte mehr und mehr ab und lag eines Morgens tot auf seinem Ruheplatze.

Im hohen Norden verlieren die jungen Seehunde das dichte Haarkleid, mit welchem sie geboren werden, später als im Süden und sind deshalb anfänglich außer stande, zu schwimmen oder mindestens zu tauchen. Dies dürfte der Grund sein, daß nach übereinstimmenden Beobachtungen die alten Weibchen hier, nach Art der Ohrenrobben, wochenlang am Lande bei ihren Jungen verweilen und diese erst nach und nach an das Wasser gewöhnt, beziehentlich zum Schwimmen angelernt werden. Zu diesem Behufe führen sie die Alten zunächst in kleine und schmale Teiche zwischen dem Eise und erst später, nachdem sie hier heimisch geworden sind und ihr Kleid abgeworfen haben, in das freie Meer. Bei ihrem raschen Wachstume haben sie um diese Zeit schon eine beträchtliche Größe und die Fähigkeit erlangt, ihre Nahrung selbst zu erbeuten. Sie befassen sich nunmehr, anfänglich immer noch unter Leitung der Mutter, mit dem Fange der verschiedenen Tiere, welche ihnen zur Nahrung dienen, und nehmen binnen kürzester Frist gänzlich die Lebensweise alter Robben an.

Höchst wahrscheinlich fressen die jungen Seehunde anfänglich keine Fische, sondern nähren sich ausschließlich von Krebs- und anderen niederen Seetieren, namentlich auch von verschiedenen Muscheln, welche die alten ebenfalls nicht verschmähen. Nach Browns Untersuchungen leben in den grönländischen Gewässern fast alle dort vorkommenden Seehunde je nach der Jahreszeit von sehr verschiedenen Seetieren, indem sie sich einfach diejenigen Monate zu nutze machen, in denen die eine oder andere Art ihrer Beute sich in größerer Menge zeigt. Während der Sommermonate bilden allerlei Krebstiere, welche jetzt die nördlichen Meere mit ihrer Menge erfüllen, insbesondere die überaus häufigen, vielartigen Garneelen, die bevorzugte Nahrung der Seehunde, und neben diesen Mollusken, Seesterne ꝛc., doch jagen fie, und zu manchen Zeiten vielleicht überwiegend, auch auf Fische. Unter diesen wählen sie sich mit einer gewissen Leckerhaftigkeit, welche ihrem Geschmacke zur Ehre gereicht, möglichst diejenigen Arten aus, welche auch wir als vortreffliche Speise ansehen. In manchen Gegenden beklagen sich die Fischer über ihre Raublust und Näscherei, da fie an Nachtangeln gefangene geschätzte Fische, besonders Lachse, bis auf den Kopf abfressen oder, wenn sie reiche Auswahl haben, von vielen bloß die leckersten Bissen nehmen. Die bekannten Seehundsjäger der Nordsee, Altmanns, Vater und Sohn, haben über 500 Seehundsmagen geöffnet und darin hauptsächlich Krabben und Garneelen, nebenbei auch Schollen und Butten gefunden. Nach Nehrings Untersuchungen scheint es mindestens zweifelhaft, ob der durch die Seehunde der Fischerei verursachte Schade so groß ist, daß ihre unnachsichtige Vertilgung gerechtfertigt wäre. Gefangene verzehren notgedrungen auch Flußfische, halten sich aber, wenn man ihnen ausschließlich solche reicht, immer nur kurze Zeit in Gefangenschaft, während sie, wenn sie mit Seefischen gefüttert werden, viele Jahre lang ausdauern. Eine Folge ihrer Fischnahrung ist, daß sie von Eingeweidewürmern arg heimgesucht werden und an den von diesen Schmarotzern herrührenden Zerstörungen ihrer Eingeweide nicht allzu selten sterben. Nach Browns Beobachtungen nehmen sie im Meere dann und wann auch einen schwimmenden Vogel weg; H. Elliott hat sich davon nicht überzeugen können und ist darum geneigt, die Thatsache zu bezweifeln, von den Steinens Untersuchungen haben sie jedoch wenigstens in einem Falle vollständig erwiesen. In dem Magen eines auf Sübd-georgien getöteten Seeleoparden (Stenorhynchus leptonix) fand von den Steinen zwei kleine Sturmvögel, „die sich noch ohne Schwierigkeit als Pelecanoides urinatrix erkennen ließen, gewiß glänzende Beweisstücke für die außerordentliche Gewandtheit des Seeleoparden in der Kunst des Schwimmens und Tauchens“. Nach meinen Erfahrungen nehmen Seehunde in der Gefangenschaft keine Vögel, weisen sogar das Fleisch abgehäuteter mit demselben Widerwillen von sich wie das unserer Haussäugetiere, weshalb es sehr schwer hält, sie an solches zu gewöhnen. Wie alle Fischfresser bedürfen sie eine erstaunliche Menge von Nahrung, wenn fie erwachsen find, mindestens 5 Kg Fische täglich, zeigen sich aber auch dann noch immer hungrig oder doch geneigt, sofort nach gehaltener Mahlzeit annähernd dieselbe Menge von Futter noch einmal zu verschlingen.

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