Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
sondern muß mehr und mehr von dem Seile ausziehen. Hier ist nun keine Zeit zu verlieren; der Fänger muß im Gegenteile, wenn er den Seehund getroffen sieht, sogleich die Blase aus dem Boote werfen; denn dieses würde sonst, wenn die Leine abgelaufen wäre, von dem Seehunde mit Gewalt angezogen und leicht umgeworfen werden können. Dies sind die beiden Ursachen, warum ein Grönländer oft sein Leben verliert; denn schleppt der Seehund ihn erst mit sich fort, und ist kein anderer Fänger in der Nähe, welcher ihm zu Hilfe kommen kann, so ist selten Rettung für ihn. Wird er aber hingegen die Blase gut los, so ist die größte Gefahr vorbei. Doch trifft man zuweilen einen Seehund an, welcher so mutig ist, daß er sich gegen das dünne, aus Fellen gemachte Boot wendet und ein Loch hinein beißt, wodurch der Fänger in Gefahr gerät, zu sinken. Man kann dies daher in vieler Hinsicht einen gefährlichen Fang nennen, zu welchem sich auch viele Grönländer nicht ohne Bedenklichkeit erdreisten. „Schleppt aber der getroffene Seehund die Blase, welche er selten unter das Wasser zu ziehen vermag, mit sich fort, so gibt man acht, wohin sich die Blase wendet, folgt dahin nach und sucht den Seehund mit Lanzen vollends zu töten; denn die Lanzen haben keine Widerhaken, sondern gleiten aus der Wunde aus und schwimmen auf dem Wasser, so oft man sie auf den Seehund wirft. Durch diese häufigen Wunden und durch das Fortschleppen der großen, mit Luft gefüllten Blase wird er abgemattet. Wenn man ihm dann endlich ganz nahe kommt, gibt man ihm den letzten, tödlichen Schlag mit der geballten Faust über die Nase, wodurch er betäubt wird, sticht ihn, wenn es nötig sein sollte, auch wohl mit dem Fang: messer tot. Nun bereitet man ihn vor, um ihn nach Hause schleppen zu können. Erst ver: stopft man alle Wunden mit Holzpfröpfchen, damit das Blut nicht verloren gehen soll; sodann bläst man ihm Luft zwischen Haut und Fleisch, damit er desto besser oben schwimmt. Ist der Seehund nur klein, so legt man ihn hinten aufs Boot, nachdem man ihn ungefähr in der Gegend des Nabels mit einer kleinen Blase versehen hat, an der er oben schwimmen muß, wenn er etwa herabfallen sollte. Ist er aber groß, so muß man ihn im Wasser an der Seite des Bootes herschleppen lassen und eine so große Blase an ihm befestigt haben, daß man ihn ohne Gefahr von sich lassen könnte, wenn sich etwa noch ein Seehund zeigen sollte. Fängt man mehrere, so werden diese an die vorigen befestigt, und ein glücklicher Fänger kann 4—5 Seehunde auf einmal nach Hause schleppen.“
Alle Seehunde sind ungemein zählebig und bleiben nur dann auf dem Platze liegen, wenn eine Kugel in das Innere des Gehirnes eindringt oder das Herz trifft. Außer dem Menschen haben die Seehunde einen Feind in dem sehr gewandten Mörderwale, vor welchem alle kleineren Robben in höchster Angst flüchten. Gejagt von dem gefräßigen Ungeheuer, springen sie in rasch sich folgenden Sätzen hoch über das Wasser empor, wenden alle Schwimm- und Taucherkünste an, versuchen kleine Meerengen und seichte Stellen zu gewinnen, eilen auf das Land und überwinden in ihrer Todesangst selbst die Furcht vor dem Menschen. Auch der Eisbär verfolgt sie unablässig und weiß sich ihrer, wie wir schon oben sahen, recht geschickt zu bemächtigen. Jungen Seehunden werden auch wohl große Raubfische gefährlich. Die nordischen Völkerschaften verbrauchen den ganzen Seehund, nicht bloß Thran und Fell, wie wir, und außerdem noch das Fleisch, wie die Schweden und Norweger. Die Gedärme werden gegessen oder, nachdem sie vorher höchst mühselig gereinigt und geglättet worden sind, zu Fenstern, Kleidern und Vorhängen verbraucht. Besonders hoch schätzt man ein aus ihnen zusammengeflicktes Obergewand, den Kapisad der Grönländer, weil es ganz ausgezeichnet wasserdicht ist. Das mit Seewasser vermischte Blut wird gekocht und als Suppe oder, nachdem man es frieren ließ, als Leckerei genossen, auch nach dem Kochen in runde Kugeln geformt, an der Sonne getrocknet und für Zeiten der Not aufbewahrt. Die Rippen
SEEHUND
dienen als Spreizstäbe für die Felle oder werden zu Nägeln verarbeitet; die Schulterblätter gebraucht man als Spaten; aus den Sehnen verfertigt man Zwirn ꝛc. Fell, Thran und Fleisch bilden jedoch auch für die Grönländer den Hauptgewinn, welchen die Seehundsjagd abwirft. Die Felle stehen, weil sie zu Kleidungsstücken, insbesondere zu Frauenhosen, verwendet werden, im hohen Norden in fo großem Werte, daß man, laut Brown, einer jun gen Grönländerin kein angenehmeres Geschenk als ein Seehundsfell verehren kann. „Ebenso wie der europäische Pyramus seiner Thisbe Juwelen und Schmucksachen bietet, bringt der nicht minder zärtliche Pingatock in Grönland der Geliebten die Früchte seiner Jagd in dem eisumstarrten Fjorde in Gestalt eines Seehundes dar, welcher auch in den dänischen Niederlassungen mit 3—4 Rigsdalern oder 7—9 Mark unseres Geldes bezahlt wird. Der hauptsächlichste Grund, welcher segel- und ruderkundige Grönländerinnen bewog, mit Graah die denkwürdige Reise längs der östlichen Küste von Grönland zu unternehmen, war die Hoffnung, einige Seehundsfelle aus den höchsten Breiten zu gewinnen.“ Selbst unter den Fischern der Orkneyinseln hat ein solches Fell, welches hauptsächlich zu Westen verwendet wird, seinen Wert. Das Fleisch, seiner dunkeln Färbung und seines wilden Geschmackes halber dem deutschen Gaumen nicht behagend, gilt schon unter den Schweden als schmackhaft und wird von allen nordischen Völkerschaften ebenso gern gegessen wie das ihrer wenigen Haustiere, also der Fischnahrung entschieden vorgezogen. Nur die Leber verschmäht man hier und da, weil man ihr giftige Eigenschaften zuschreibt, welche sie in Wirklichkeit nicht besitzt. Aus dem Specke endlich kocht man einen sehr guten, leichtflüssigen Thran, welcher zuweilen mehr einbringt als Fell und Fleisch zusammengenommen. Nach Nilson lieferte ein zwischen Malmö und Skanör in Schweden erlegter Seehund 90 schwedische Potts Thran im Werte von 67 schwedischen Thalern oder 80 Mark unseres Geldes: ein Ertrag, welcher die eifrige Verfolgung des Tieres sehr erklärlich macht.
Im Rauchwarenhandel unterscheidet man Fur-seals: Pelzseehunde, und Hair-seals: Haarseehunde; zu den letzteren gehören die hier zunächst in Betracht kommenden Robbenarten. Von diesen gelangen, nach Lomer, jährlich etwa 0,5—1 Million Felle im Werte von 2—4 Millionen Mark in den Handel und werden teils gefärbt, teils ungefärbt verwendet, die gewöhnlichsten zu Kofferbezügen, Tornistern ꝛc. sowie auch zur Lederbereitung.
Die Robbe, deren Lebensbild dem vorstehenden zur Grundlage gedient hat, ist der Seehund der Deutschen, der Seal der Engländer, das Seekalb der Franzosen, von den Schotten Selkin, Selach und Tangfish, in Schweden Kubbsäl, Algar, Laggar und Skältokar, in Dänemark und Norwegen Kobbe, in Finnland Hylje, in Lappland Nuorjo, in Grönland Kassigiak und Tupalo genannt (Phoca vitulina, Ph. communis, canina, variegata, littorea, linnei, Calocephalus vitulinus), Vertreter der gleichnamigen Gattung (Phoca), ein weit über die nördlichen Meere verbreitetes und auch in unseren deutschen Gewässern häufiges Tier. Die Merkmale der von ihm vertretenen Gattung liegen zunächst in dem Gebisse, welches aus 3 Schneidezähnen im Ober-, 2 im Unter- je 1 Edzahne, 4 Lückenzähnen und 1 Mahlzahne in jedem Kiefer besteht und noch dadurch ausgezeichnet ist, daß die ersten Backenzähne einwurzelig, die übrigen zweiwurzelig sind. Die Länge des erwachsenen Tieres, von der Schnauze bis zur Schwanzspitze gemessen, schwankt zwischen 1,0 und 1,9 m, und zwar pflegen die Weibchen auffallenderweise größer zu sein als die Männchen. Der Kopf ist eirund, die Schnauze kurz, das Auge groß, dunkel und von klugem Ausdrucke, das Ohr einzig und allein durch eine kleine dreieckige Erhöhung angezeigt, die mit steifen, etwas gewellten Schnurrborsten besetzte Oberlippe dick, aber sehr beweglich, der Hals kurz und dick, der Körper von der Schultergegend an bis zum Schwanze fast gleichförmig verschmächtigt, der Vorderfuß sehr kurz, der Hinterfuß breit und wohl entwickelt, der Schwanz
wie immer ein kurzer Stummel. Das Haarkleid besteht aus steifen und glänzenden Grannenhaaren, welche eine sehr spärliche Unterwolle bedecken; seine allgemeine Färbung ist ein gelbliches Grau; die Zeichnung wird gebildet durch unregelmäßige, aber über die ganze Oberseite verteilte, bräunliche bis schwarze,auf dem Kopfe kleine rundliche und dicht stehende, auf dem Rücken verhältnismäßig große, mehr eckige und spärlicher auftretende Flecken.
Der Seehund verbreitet sich über alle nördlichen Teile des Atlantischen Weltmeeres, einschließlich des ganzen Eismeeres. Vom Mittelmeere an, in welches er durch die Straße von Gibraltar zuweilen eindringt, bewohnt er alle atlantischen Küsten Europas, Westspanien und Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland, Großbritannien, Skandinavien und Island, ebenso die Ostsee, findet sich im Bottnischen und Finnischen Meerbusen kaum minder häufig als im Sunde und im Großen und Kleinen Belt, kommt noch im Weißen Meere, nach einzelnen Angaben sogar an der Küste von Nordsibirien und von der Beringstraße an bis nach Kalifornien vor, ist bestimmt auf Spitzbergen, an beiden Küsten Grönlands, in der Davis: straße, Baffin- und Hudsonbai beobachtet worden und wandert längs der nordamerikanischen
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Gerippe des Seehundes. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
Ostküste oft ziemlich weit nach Süden hinab, keineswegs selten den Meerbusen von Mexiko, in einzelnen Fällen sogar die Nordküste Südamerikas besuchend. Vom Meere aus steigt er nicht selten sehr weit in Flüsse empor und wird daher oft tief im Inneren des Landes angetroffen. Im Süden seines Verbreitungsgebietes unternimmt er wahrscheinlich nur kurze Streifzüge, im Norden dagegen, wenn auch vielleicht nicht regelmäßig, ausgedehnte Wan: derungen von einem Meeresteile zum anderen.
Übrigens ist unser gemeiner Seehund keineswegs die einzige an den deutschen Küsten vorkommende Robbenart. Es finden sich neben ihm auch noch ziemlich regelmäßig der graue
Seehund (Halichoerus grypus) und die Ringelrobbe (Phoca foetida), selten dagegen der Seemönch oder die Mönchsrobbe (Stenorhynchus albiventer, Pelagius monachus), vorzugsweise im Mittelmeere heimisch, und die Klappmütze (Cystophora cristata), die dem hohen Norden angehört. Ganz ausnahmsweise, gewissermaßen vom hohen Norden verschlagen, ist auch dann und wann einmal die Sattelrobbe (Phoca groenlandica) in der Nähe unserer deutschen Küsten aufgetaucht. |
Ein unserem gemeinen Seehunde nahestehender, der kaspische Seehund (Phoca caspica), lebt, wie schon der Name besagt, abgeschlossen von der Verbindung mit dem Weltmeere im Kaspisee.
Vom Seehunde unterscheidet sich die Sattelrobbe durch den längeren und schmäleren Kopf mit flacherer Stirn und gestreckterer Schnauze sowie den Bau der Hand, welche kürzer
Seehund. Sattelrobbe. | aa!
als beim Seehunde ift und eine andere Zehenbildung zeigt, indem hier nicht die erste Zehe die längste ist, sondern die zweite alle übrigen überragt.
Die Sattelrobbe, Sattelrücken oder Harfenseehund der Engländer, Schwarzseite der Norweger und Dänen, Blaudruselur der Isländer, Ka dolik und Neitke der
Eskimos (Phoca groenlandica, Ph. oceanica, semilunaris, dorsata, lagura, albicauda, muelleri, desmarestii, pilayi, Pagophilus groenlandicus, Calocephalus groenlandicus und oceanicus), erreicht kaum die Größe des Seehundes, da die Länge des Männchens nur in seltenen Fällen 1,9 m beträgt und gewöhnlich merklich hinter diesen Maßen zurückbleibt. Die Färbung des dichten, kurzen, groben, glatt anliegenden und glänzenden
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Sattelrobbe (Phoca groenlandica). Yıs natürl. Größe.
Felles, welchem die Unterwolle gänzlich fehlt, unterscheidet sich nicht allein je nach dem Geschlechte, sondern auch nach dem Alter. Beim alten Männchen ist ein bald lichteres, bald dunkleres lohfarbenes Grau, welches zuweilen in das Stroh- oder Ledergelbe, zuweilen in das Rötlichbraune übergeht, die vorherrschende Färbung der Oberseite, wogegen Brust und Bauch eine verschossene, rostig silbergraue Färbung zeigen; hiervon heben sich das dunkel schokolade- bis schwarzbraun gefärbte Vordergesicht, Stirn, Wangen und Schnauze in sich begreifend, und ebenso die mehr oder weniger scharf begrenzte und dunklere, länglich hufeisen⸗ oder leierförmige Rückenzeichnung lebhaft ab. Diese Zeichnung, auf welche sich der englische und deutsche Name begründet, beginnt unterhalb des Nackens, schweift seitlich und rückwärts aus, zieht sich längs der Seite bis zu den Hinterschenkeln hinab und wendet sich hier wieder etwas nach innen, zwei Spitzen gegeneinander kehrend. Bei einzelnen Stücken ist der Sattel bandartig schmal, bei anderen merklich verbreitert, bei einzelnen auch wohl in der Mitte durch ein mehr oder minder scharf ausgesprochenes Querband verbunden, bei anderen erscheint er eben nur angedeutet. Das kleinere Weibchen unterscheidet sich auch in der Färbung so erheblich vom Männchen, daß man es als besondere Art angesehen und