Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Ende Juni oder Anfang Juli, um sich zu hären, ihr Junges zu werfen und dasselbe jo weit zu erziehen, daß es den älteren auf ihrer Wanderung folgen kann, wahrscheinlich auch, um sich wiederum zu begatten, worauf fie ihre Wanderung nach Norden antritt. Vom September bis zum März begegnet man ihr häufig in der Davisstraße und der Baffinbai; hierauf wandert sie südlich, und im Juli kehrt sie einzeln wieder zurück.
Nach übereinstimmenden Angaben verschiedener Berichterstatter ist die Mützenrobbe einer der mutigsten und kampflustigsten aller Seehunde, ihre Jagd deshalb nicht immer ungefährlich. Brown bezeichnet fie als den Löwen der nördlichen Meere, welcher das Reich der Polar-gewässer nur mit dem mächtigen Walrosse teilt. Zwar macht sie, wenn sie auf dem Eise lagert und behaglicher Ruhe sich hingibt, den Eindruck einer stumpfen Gleichgültigkeit gegen alle äußeren Verhältnisse und schaut mit ihren großen schwarzen Augen ziemlich geistlos ins Weite, greift auch ungereizt kein anderes Wesen an, gerät jedoch leicht in lebhafte Erregung und ist dann zum Widerstande geneigt. Anstatt bei Ankunft des Robbenschlägers zu fliehen, erwartet sie die drohende Gefahr, indem sie sich nach dem Mittelpunkte der von ihr aufgesuchten Eisscholle begibt, bläst ihren Hautsack auf, schnaubt wie ein wütender Stier und versucht sich des andringenden Gegners, so gut es gehen will, zu erwehren. Gefährlicher als ein solches Zusammentreffen auf dem Eise ist die Jagd, wie sie von kleinen Booten aus betrieben wird, weil die angeworfene Mützenrobbe sich nicht allzu selten auf das Boot stürzt und den in ihm sitzenden Mann zu beißen sucht. Aus diesem Grunde wagen es nur die erfahrensten grönländischen Robbenschläger, sie im Kajak, dem bekannten leichten Jagdkahne, anzugreifen, und man zieht es im allgemeinen vor, sie auf dem Eise aufzusuchen und die etwa zur Wehr sich stellenden durch einen Kugelschuß in den Kopf zu töten.
Wie unter allen Seehunden, finden auch unter den männlichen Mützenrobben während der Paarungszeit die heftigsten Kämpfe statt. Unter lautem Gebrülle, welches bei ruhigem Wetter weithin vernommen werden soll, die Hautblase mit Luft gefüllt, greifen sich die eifer-süchtigen Männchen gegenseitig an und bringen sich oft sehr lange und verhältnismäßig tiefe, kaum jemals aber wirklich gefährliche Wunden bei. Während dieser Kämpfe behaupten die Klappmützen stets ein besonderes Gebiet, da sie die Gesellschaft ihrer Verwandten überhaupt nicht zu lieben scheinen, namentlich mit der viel häufigeren Sattelrobbe bloß in sehr seltenen Fällen zusammengefunden werden. Über die Dauer der Trächtigkeit finde ich keine Angabe und kann deshalb, auf die Angabe von Fabricius mich stützend, nur sagen, daß das Weibchen im April ein, in seltenen Fällen zwei Junge gebiert, welche nach Browns Untersuchungen in einem reinweißen Jugendkleide zur Welt kommen. Im Laufe des ersten Jahres wird dieses mit dem zweiten vertauscht, welches anfänglich grau aussieht, allmählich aber eine immer tiefere Färbung annimmt; im zweiten oder dritten Jahre geht letzteres Kleid nach und nach in das der Alten über, indem sich die Farben immer mehr dunkeln und die rundlichen oder eiförmigen Flecken hervortreten.
In Grönland oder im Norden überhaupt nutzt man die Mützenrobbe ini derselben Weise wie ihre Verwandten; derFang steht jedoch hinter der Jagd anderer Robben wesentlich zurück, da man in den dänischen Niederlassungen Grönlands, selbst wo die meisten erbeutet werden, kaum mehr als jährlich 2000 oder 3000 Stück erlegt.
Dampier war der erste Reisebeschreiber, welcher uns, und zwar Anfang des vorigen Jahrhunderts, mit den Elefantenrobben (Macrorhinus) bekannt machte; später berichten Auron, Pernetty, Molina, Peron und endlich Scammon sowie K. von den Steinen und andere mehr oder minder ausführlich über diese riesigsten aller Robben, so daß wir gegenwärtig ziemlich genau unterrichtet sind. Die Gattung ist durch den kurzen, ausdehnbaren
Rüssel ausgezeichnet, zu welchem die Nase des Männchens verlängert ist. Zahl und Anordnung der Zähne sind dieselben wie bei den Blasenrobben.
Die Elefantenrobbe, von einzelnen Schiffern auch wohl Meerwolf, von den Chinesen Sameh, von den Südseeinsulanern Morunga genannt (Macrorhinus leoninus, Phoca leonina, Phoca und Morunga elephantina, Macrorhinus elephantinus und angustirostris 2c.), stimmt zwar hinsichtlich der Gestalt im allgemeinen mit den übrigen Robben überein, übertrifft aber alle an Größe: ihre Länge, welche von verschiedenen Seefahrern und Robbenschlägern noch merklich überschätzt worden zu sein scheint, ist laut Scammon, wenigstens bei den an der kalifornischen Küste, bis zu 6,7 m gemessen worden, obgleich sie in den meisten Fällen nicht mehr als 5 m beträgt. Das Weibchen erreicht etwa
Elefantenrobbe (Macrorhinus leoninus). ½ o natürl. Größe.
die Hälfte der angegebenen Länge, aber noch nicht einmal ein Drittel des Gewichtes, welches bei alten Männchen auf mehr als 3000 kg geschätzt wird; K. von den Steinen bestimmte in neuerer Zeit auf Südgeorgien die Länge des ausgewachsenen Männchens zu durchschnittlich 5 m, die des größten Weibchens zu reichlich 3 m. Der Kopf ist groß, breit und etwas gestreckt, die Schnauze mäßig lang, ziemlich breit, nach vorn zu etwas verschmälert und fast gerade abgestutzt, die Oberlippe mit 35—40 starken, bis 15 em langen, dunkelbraunen, in sechs Reihen geordneten Schnurrborsten besetzt, das Auge verhältnismäßig groß, rund, kugelig vorstehend, das Augenlid wimperlos, der Augenbrauenbogen jedoch mit 8 oder 10 borstenähnlichen Haaren bekleidet, welche die Brauen vertreten, das außerordentlich kleine, in geringer Entfernung hinter und unterhalb des Auges stehende Ohr, eigentlich nur ein rundliches Loch, welches nicht einmal von einem Hautsaume umgeben wird, die Nase endlich je nach dem Geschlechte wesentlich verschieden. Während dieser bezeichnende Teil beim Weibchen keine ungewöhnliche Bildung zeigt, verlängert er sich beim Männchen zu einem Rüssel, welcher am Mundwinkel beginnt und von hier aus etwa um 40 cm fich vorstreckt, bei Erregung des Tieres aber fast um das Doppelte verlängert werden kann. Der Rüssel zeigt im
zusammengezogenen Zustande zahlreiche Querfalten, hängt bogig nach unten herab und trägt an seiner Spitze die dann nach unten sich öffnenden Nasenlöcher, wogegen er, aufgeblasen, sich gerade richtet, so daß alle Falten verschwinden und die Nasenlöcher an dem vorderen abgestutzten Teile zu sehen sind. Der verhältnismäßig lange, aber dicke Hals geht ohne merklichen Absatz in den massigen Leib über. Die Vorderfüße sind nicht besonders lang, jedoch sehr stark und kräftig; unter den fünf durch Schwimmhäute untereinander verbundenen Zehen ist die Innenzehe kürzer als die zweite längste, von welcher ab die übrigen allmählich an Länge abnehmen; die sehr starken und ziemlich langen fünfzehigen Hinterfüße teilen sich in zwei große und lange seitliche und drei kleinere und kürzere Mittellappen, bilden also, da der mittelste dieser Lappen auch der kürzeste ist, tief ausgeschnittene Ruder. An den Vorderzehen sitzen nicht sehr lange, aber starke, stumpfspitzige Krallen, wogegen die Zehen der Hinterfüße keine Spur davon zeigen. Der Schwanz endlich ist wie bei den meisten Robben sehr kurz und spitzig. Die Färbung des ausschließlich aus kurzen, straffen, ziemlich steifen und glänzenden, aber nicht glatt anliegenden Grannen bestehenden Haarkleides ändert nicht allein je nach Alter und Geschlecht, sondern auch nach der Jahreszeit ab. Unmittelbar nach der Härung herrscht ein bläuliches Grau, ähnlich der Hautfärbung des Elefanten, vor; später, wenn das Haar feine volle Länge erreicht hat, geht diese Färbung in Lichtbraun über. Die Unterseite ist immer heller als die obere, dieser jederzeit aber ähnlich gefärbt. Weibliche Tiere sehen oberseits dunkel olivenbraun, an den Seiten gelbbraun, unten lichtgelb, junge im ersten Jahre oben dunkel, seitlich hell silbergrau, unten gelblichweiß aus; die Schnurren und die Wi der Schwimmhäute haben dunklere Färbung als die übrige Behaarung. Das Verbreitungsgebiet der Elefantenrobbe umfaßt die südlichen Teile der Weltmeere, jetzt etwa noch vom 50. Grade südlicher Breite an bis vielleicht über den südlichen Polar-kreis hinaus. Früher fand sie sich an der Südspitze Amerikas und den vorliegenden Inseln, an der Robinsoninsel Juan Fernandez und an den südlichen chilenischen Küsten, wo sie vereinzelt noch vor drei Jahrzehnten bemerkt wurde, ebenso auf Neuseeland, Tasmanien und vielen anderen in diesen Breiten liegenden Inseln, ist aber an den meisten dieser nordwärts vorgeschobenen Ortlichkeiten bereits gänzlich oder doch nahezu ausgerottet oder erscheint dort bloß noch so selten und unregelmäßig, daß sich ihre Verfolgung nicht mehr lohnt. Auch wo sie jetzt noch in ihrem beschränkteren Verbreitungsgebiete landet: auf den Inseln Kerguelen, Südgeorgien, Herd (Heard) und vielleicht Crozet, erscheint sie in einer gegen früher kaum noch nennenswerten Anzahl. „Gegenwärtig“, schreibt K.von den Steinen von Südgeorgien, „könnte ein Robbenschläger kein schlechteres Unternehmen aussinnen, als sich zur Elefantenjagd in unsere Royalbai zu begeben.“ Auffallenderweise kam unser Tier noch um die Mitte des jetzigen Jahrhunderts in Menge auch an einer Stelle der nördlichen Halbkugel vor, und zwar im Stillen Ozean, an der kalifornischen Küste zwischen dem 24. und 38. Grade nördlicher Breite, also bis jenseits von San Francisco, und zugleich in dem Gebiete, bis wohin sich der Seeotter von Norden her am weitesten südwärts verbreitet. Aber die unablässige Verfolgung hat in diesem Gebiete nicht bloß bewirkt, daß die Tiere bald sehr unregelmäßig erschienen und ihre Landungsplätze stetig wechselten, sondern hat auch ihre Anzahl rasch verringert. Vor zwei Jahrzehnten wurden sie bereits sehr selten, und jetzt sind fie wahrscheinlich schon jo gut wie gänzlich verschwunden; vielleicht tauchen hier und da noch etliche an versteckten und von Menschen nicht besuchten Stellen auf.
In ihrer Lebensweise erinnert die Elefantenrobbe an die Seebären und Seelöwen. Auch sie unternimmt alljährlich Wanderungen in ihrem südlichen Verbreitungsgebiete; kranke und schwache müssen zurückbleiben, die gesunden reisen sämtlich. In Patagonien kommen sie im September und Oktober, oft schon im Juni, scharenweise an und reisen Ende
Dezember wieder in südlicher Richtung ab; an der Küste Kaliforniens hielten sie sich mehr oder weniger das ganze Jahr hindurch auf, ihre Hauptzeit aber umfaßte die Monate von Februar bis Juni. Am Lande selbst bevorzugen sie sandige und kiesige Strecken, treiben sich aber auch im süßen Wasser umher. Aus der großen Masse sondern sich Familien, welche 2—5 Glieder zählen; sie trifft man stets dicht nebeneinander gedrängt, gewöhnlich im Schlamme oder im Schilfe schlafend an. Bei großer Hitze kühlen sie sich, wie Scammon in Kalifornien beobachtete, durch feuchten Sand, in welchen sie sich einwühlen, und welchen sie auch mit den Vorderfüßen auf den Oberteil ihres Körpers werfen; manchmal ähneln sie mehr Erdhaufen als lebenden Tieren, erinnern also auch in dieser Hinsicht an die Dickhäuter.
Ihre Bewegungen auf dem Lande sind sehr unbeholfen und ermüden sie in hohem Grade. Um sich fortzubewegen, verfahren sie nach Art der Seehunde, krümmen und strecken sich wechselseitig und werfen sich bald vorn, bald hinten auf. Wenn sie sehr fett find, schlottert bei jeder ruckweisen Bewegung der Leib wie eine mit Gallerte angefüllte große Blase. Nur eine kurze Strecke arbeiten sie sich vorwärts, dann sind sie ermüdet und müssen sich ausruhen; dennoch rutschen sie in Kalifornien auf 5— 10 m hohe Dünen hinauf und erreichen selbst über sehr unebenen Boden hinweg an 20 m über dem Meere gelegene Plätze. Von unserem Tiere in Südgeorgien sagt K. von den Steinen: „Den Elefanten, der sich der kräftigsten Beihilfe der platt aufgesetzten Hände bedient, strengt schon die geringste Bewegung ungemein an; 3—4 Nude vorwärts, und die gallertartig erzitternde Fettmasse sinkt in sich zusammen, ruht sich ein Weilchen aus und rutscht ächzend weiter, eine tiefe und breite Spur im Kiesgrunde zurücklassend. Es ist kein Wunder, daß alte Rißnarben massenhaft über den Körper zerstreut sind. Im Wasser freilich, wo sie ziemlich oberflächlich schwimmen, tummeln sich die Tiere in freiester Gewandtheit, und es ist ein anziehender Anblick, wenn solch ein Ungetüm, den mächtigen Kopf hoch aufgerichtet, nach einem Landungsplatze Umschau hält.“ Beharrlichkeit und Geduld ersetzen die ihnen fehlende Behendigkeit. Aus dem Meere aufsteigend, krabbeln sie mühselig bis zur höchsten Flutmarke empor, ruhen hierauf aus, schlafen wohl auch ein wenig, setzen dann aber ihren Weg weiter fort und scheinen zuletzt mit keinem Ruheplatze mehr zufrieden zu sein. Im Wasser zeigen sie sich gänzlich anders. Sie schwimmen und tauchen vortrefflich, führen rasche Wendungen aus, legen sich zum Schlafen ruhig auf die Wellen, lassen sich treiben und jagen eifrig und geschickt ihrer Nahrung, hauptsächlich Kopffüßern und Fischen, nach. Tange und Steine verschlingen auch sie. So fand Forster in dem Magen einer Elefantenrobbe zwölf runde Steine, jeder zwei Fäuste groß, welche so schwer wogen, daß er kaum begreifen konnte, wie die Magenwände die Last hatten aushalten können.