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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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gejagte Kugel sein Leben, oder eine in das Maul gestoßene Lanze hält es auf und zwingt es, sich auf den hinteren Teil seines Leibes niederzulassen, worauf zwei Mann mit ihren schweren eichenen Keulen herbeieilen und es durch wiederholte Schläge auf den Kopf betäuben oder töten. Nachdem alle kampflustigen Männchen abgethan worden sind, wendet man sich mit voller Macht der gesamten Herde zu. Das Niedermetzeln ihrer Gefährten verursacht solchen Schrecken unter den Tieren, daß sie alle Besinnung verlieren und übereinander weg klettern, rollen und taumeln, falls es ihnen sonstwie unmöglich scheint, sich zu flüchten. Nach Scammons Versicherung geschah es in Kalifornien, daß sie sich unter solchen Umständen massenhaft aufeinander warfen und die unten liegenden buchstäblich erstickten. Unmittelbar nach der Niedermetzelung beginnt das Abspecken der Tiere. Mit einem scharfen Messer wird das Fell längs der ganzen Oberseite des Körpers aufgeschlitzt und soweit wie thunlich nach beiden Seiten hin abgestreift, hierauf die zwischen 2— 18 cm dicke Speckschicht abgeschält und in größere Stücke bis zu 40 em Länge und halb so viel Breite zerschnitten, jedes einzelne mit einem Loche versehen und vorläufig mittels eines starken Strickes zusammengebunden. Nachdem man den oberen Teil abgestreift hat, dreht man das Tier um und verfährt in gleicher Weise wie vorher, das Fell immer als Schlachtmulde benutzend. Die verschiedenen Speckbündel werden zusammengeschnürt, an starke Taue befestigt und so nach dem Schiffe geschleppt, woselbst man sie zerkleinert und in besonderen Kesseln auskocht, um einen Thran zu erhalten, welcher als Schmiermittel höher denn der von Walen geschätzt wird. Das schwarze, thranige, fast ungenießbare Fleisch des Tieres hat wenig Wert, schon das Herz aber wird von den Matrosen gern gegessen und die Leber von diesen nicht eben verwöhnten Leuten sehr geschätzt, obgleich ihr Genuß eine unüberwindliche, mehrere Stunden anhaltende Schläfrigkeit verursachen soll. Als wahrer Leckerbissen gilt die eingesalzene Zunge.

Das frische Fett gilt in den Augen der Schiffer als ein treffliches Heilmittel, und weil die Wunden, welche die Robben erleiden, erfahrungsmäßig schnell vernarben, wenden es die Leute hauptsächlich als Arznei gegen die Schnittwunden an. Die kurzhaarige, steife Haut liefert vortreffliche Überzüge großer Koffer und ebenso Pferde- und Kutschgeschirre, würde aber noch viel ausgedehntere Verwendung finden, wenn die größten Felle wegen der vielen Narben nicht auch die schlechtesten wären. Burmeisters Angabe, daß die Häute in Chile auch zu Balsas (Schlauchflößen) verwendet würden, ist durch Philippi widerlegt worden. Doch kommen Fleisch und Haut dem Specke gegenüber kaum in Betracht. Der Speck von einem alten Tiere kann einen recht hübschen Ertrag liefern: nach Scammon ergab in Kalifornien der von einem sehr starken und sehr fetten Männchen von 5,5 m Länge 210 Gallonen (954 Liter) Thran. Die See⸗Elefanten werden die Erde nicht mehr lange beleben. Sie können sich vor ihrem grausamen Feinde nicht einmal in die unzugänglichen Teile des Meeres zurückziehen, wie die Wale: sie müssen ausharren, bis das letzte Stück der Vertilgungswut des unersättlichen Raubtieres, Mensch genannt, erlegen fein wird.

Die zweite Familie der Ordnung (Trichechidae) besteht nur aus einer einzigen Gattung (Trichechus) und Art, dem Walrosse oder Morse, Seahorse der englischen, Rosmar der norwegischen Robbenschläger, Morsk der Lappen, Awuk der Grönländer, Diud der Sibirier (Trichechus rosmarus, T. obesus und divergens, Rosmarus arcticus und obesus, Odobaenus rosmarus), wohl der ungeheuerlichsten aller Robben. Vollkommen erwachsen, erreicht dieses gewaltige Tier eine Länge von 4,25 m, in seltenen Fällen vielleicht bis 5 m, bei einem Umfange von 2,5—3 m und manchmal 4 m, und bei einem Gewichte, das bis zu 1000 Kg geschätzt wird. Diese Maße find im Beringmeer und nordwärts von 2

Tieren genommen, die unter vielen die allergrößten waren; ob Ungetüme von 6—7 m Länge und 1500 Kg Gewicht vorkommen oder in früherer Zeit vorgekommen sind, beziehentlich ob solche Maße in sorgfältiger Weise gewonnen worden sind, erscheint sehr fraglich. Eins der größten während der zweiten deutschen Nordpolarfahrt von Copeland erlegten Walrosse maß 3,7 m in der Länge und 3 m im Umfange. Das Gewicht der frischen, zolldicken Haut eines großen Walrosses bestimmten Kükenthal und A. Walter zu 230 kg, doch sollen bis 300 kg schwere Häute vorkommen. Wie bei den Seehunden ist der langgestreckte Leib in der Mitte am dicksten, spitzt sich jedoch von hier an nicht so stark nach hinten zu wie bei anderen Robben. Aus diesem mächtigen Leibe ragen die Gliedmaßen wie große Lappen nach außen und unten hervor, so daß sowohl das Ellbogen- als das Kniegelenk zu erkennen ist. Alle Füße haben fünf Zehen und diese kurze, stumpfe Krallen, welche hinter jeder Zehen-spitze liegen. Der Schwanz erscheint als ein unbedeutender Hautlappen. Allein nicht der Leib, sondern der verhältnismäßig kleine, runde und durch zwei kugelig aufgetriebene Zahnhöhlen am Oberkiefer unförmlich verdickte Kopf kennzeichnet das Walroß. Die Schnauze ist

Gerippe des Walrosses. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

sehr 1 breit und stumpf, die Oberlippe fleischig, nach den Seiten zu bogig, die untere Lippe dagegen wulstig. Zu beiden Seiten der Schnauze stehen in Querreihen von schwankender Anzahl runde, abgeflachte, hornige, von vorn nach rückwärts an Länge zunehmende Schnurrborsten, von denen die stärksten Rabenkieldicke und bis 10 em Länge haben; ihre Zahl mag etliche hundert betragen. Die Nasenlöcher find halbmondförmig, die weit zurückliegenden Augen klein, glänzend, durch vorragende Lider geschützt. Die Ohren, denen jede äußere Muschel fehlt, liegen weit hinten am Kopfe.

Das merkwürdigste ist das Gebiß. Am vorderen Teile der Schnauze verdrängen 2 mächtige Eckzähne, welche weit aus dem Maule hervorragen, die 6 Vorder- und die 2 Eckzähne, welche bei sehr jungen Tieren vorhanden sind. Diese Hauzähne werden manchmal an 80 em, sehr selten wohl auch 90 em lang und wiegen dann durchschnittlich je 2,5—3 Kg, sogar 3,5 kg, sollen aber schon bis zu 7 und 8 kg schwer vorgekommen sein. Schon in den e ersten Lebenstagen des Walrosses gehen die unteren Schneidezähne verloren, dann folgen die oberen bis auf die äußersten, und nur die Eckzähne bilden sich fort; auch im Unter- Srο kiefer wird der erste bleibende als Eckzahn gedeutet, weil er durch seine Gestaltung von den übrigen Backenzähnen abweicht. Von letzteren besitzt das junge Walroß in jedem Oberkiefer 4 Lückenzähne und 1 Mahlzahn; es fallen jedoch die kleinsten hinteren zeitig aus, so daß bei sehr alten Tieren an der Innenseite des großen Hauzahnes gewöhnlich nur noch 3 Backenzähne vorhanden sind. Der Unterkiefer trägt in der Jugend jederseits nur 4 Lückenzähne,

Gerippe des Walroſſes. (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.)

von denen der letzte, kleinste ebenfalls früh verschwindet. Die gewöhnlich nach außen und etwas nach innen gekrümmten Hauzähne sind anfangs hohl, füllen sich aber bei zunehmendem Alter bis zur Wurzel aus. Die Wirbelsäule besteht aus 7 sehr beweglichen Halswirbeln,

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14 Rüden, 6 Lenden-, 4 Kreuzbein⸗ und 18 Schwanzwirbeln; 9 wahre und z falsche Rip: pen umschließen die Brust. Das Schulterblatt ist schmal, die Arm- und Schenkelknochen aber sind sehr stark und kurz. Das Weibchen trägt vier Zitzen in denWeichen. Die fast gänzlich nackte, sehr dicke Haut ist nicht allein faltig, sondern förmlich knorrig, zeigt auch häufig aussatzähnliche Erhöhungen, welche vielleicht nichts anderes sind als Narben, herrührend

von Kämpfen zwischen zwei Walrossen selbst oder solchen mit dem Eisbären, ihrem Hauptfeinde, oder endlich von Schrammen, welche scharfe Eiskanten eingeritzt haben. Ein mehr oder minder lebhaftes Leder- oder Hautbraun ist die vorherrschende Färbung der Alten wie der Jungen, obwohl man bei ersteren nicht selten bemerkt, daß das Braun einigermaßen in Grau übergeht. Nach Browns Untersuchungen vieler Walrosse beiderlei Ge— 1 und aller Altersstufen gleicht das Weibchen dem Männchen und das Junge beiden Alten. Zwar ist gelegentlich behauptet worden, daß das weibliche Walroß keine Hauzähne habe, und es finden sich in der That auch solche, für welche die Angabe Gültigkeit hat; Brown aber hat andere gesehen, bei denen die Hauzähne wohl entwickelt waren. Ebenso ist früher gesagt worden, daß die Muffel, die Handteller und Sohlen bei Jungen behaart wären und die Behaarung mit zunehmendem Alter verschwände; aber auch diese Angabe hat nach den Untersuchungen unseres Gewährsmannes sich als hinfällig erwiesen. Im allgemeinen sind die Hauzähne des Weibchens zwar dünner, aber häufig länger und schöner als die meist abgenutzten des Männchens.

Wir kennen das Walroß seit Jahrhunderten durch Bild und Wort, aber freilich ee in feiner wahren Gestalt noch hinfichtlich feiner Lebensweise. Die alten Bilder, mit denen uns Gesner, Dlaus Magnus, Martens und Buffon beglüdt haben, find entweder Ausgeburten einer mehr als lebhaften Einbildungskraft oder erbärmliche Darstellungen zusammengedorrter Häute. Einzelne dieser Abbildungen, namentlich das „Seeroß“ und die „Seekuh“ Gesners, das „ungeheuerliche Schwein des deutschen Meeres“ von Olaus Magnus, sind wahrhaft ergötzliche Erzeugnisse, und selbst die offenbar nach getrockneten Häuten gezeichneten Abbildungen, ja sogar das in Buffons Werk befindliche Bild ermöglichen kaum eine Vorstellung von dem Tiere. Gleichwohl findet sich schon lange Zeit vor Buffon und Martens eine von Hessel nach dem Leben gezeichnete, im Jahre 1613 veröffentlichte Abbildung, welche unter Berücksichtigung der damaligen Verhältnisse wenig oder nichts zu wünschen übrigläßt. Den Bildern entsprechen die Beschreibungen der älteren Berichterstatter, welche ebenfalls weit zurückreichen. Bereits Albertus Magnus gibt eine mit vielen Sagen und Märchen gewürzte Beschreibung, welcher Olaus Magnus 30 Jahre später kaum noch etwas hinzuzufügen weiß. Der erstere sagt, daß in den nordischen Meeren ein großer Walfischelefant lebe, welcher 2—3 Fuß lange, nach unten gerichtete Hauzähne habe, mit denen er sich an die Felsen hänge, um sich emporzuhelfen, und welche er auch zum Kampfe zu benutzen wisse. Die Fischer nähern sich dem schlafenden Tiere, lösen am Schwanze das Fell vom Specke ab, stecken ein Seil durch, binden dieses an einen Felsblock und werfen nun mit Steinen nach dem Tiere. Wenn es entfliehen will, zieht es das Fell über Schnauze und Kopf und läßt es liegen und stürzt ins Meer, wo es jedoch bald schwach und halb leblos gefunden wird. Aus seinem Leder verfertigt man Riemen, welche auf dem Markte zu Köln beständig zu verkaufen sind. Olaus Magnus gibt dem Walroß bereits den noch heute gültigen Namen „Mors“ und erzählt, daß es mittels seiner Zähne auf die Gipfel der Felsen wie auf einer Leiter emporsteige und sich von der Höhe wieder ins Meer wälze, falls es nicht, vom Schlafe überrascht, an den Felsen hängen bleibe. Ein Bischof von Drontheim ließ den Kopf eines Walrosses einsalzen und sandte ihn im Jahre 1520 an den Papst Leo X. nach Rom. Dieser Kopf wurde in Straßburg abgebildet, und der alte Gesner hat nach ihm eine ziemlich richtige Beschreibung geliefert. Inzwischen gaben auch ein Russe und der Freiherr von Herberstein, welcher zu Anfang des 16. Jahrhunderts kaiserlicher Gesandter in Moskau war, eine leidliche Beschreibung. Sie erwähnen z. B. schon, daß die Walroßherden Wachen ausstellen, daß die Tiere ihrer Zähne wegen verfolgt werden, und daß aus diesen Zähnen die Türken, Tataren und Russen geschätzte Degen- und Dolchhefte verfertigen. Endlich liefert Martens aus Hamburg, welcher Ende des 17. Jahrhunderts

das Walroß im Eismeere selbst zu sehen bekam, einen guten und ausführlichen Bericht, und von nun an mehren sich die Beschreibungen und vervollständigt sich unsere Kenntnis des Tieres durch die genauen Schilderungen der Lebensweise und der Jagdarten, welche wir Scoresby, Cook, Parry, Kane, Brown, Scammon, Elliott, Nordenskiöld, unseren deutschen Nordpolfahrern und Fangschiffern verdanken.

Wie so viele andere Tiere, ist auch das Walroß durch den Menschen allmählich weiter gegen den Nordpol hin gedrängt worden und vermag sich bloß da noch zu halten, wo nur in einzelnen Jahren zu überwindende Schwierigkeiten das Vordringen der Fangschiffer hindern. Gewichtige Gründe sprechen dafür, daß zuzeiten der Römer das Tier die Küsten von Schottland bevölkerte, und daß von ihnen die aus Elfenbein gefertigten Schmuck- und Gebrauchsgegenstände herrührten, welche die ersten Besucher Großbritanniens bei den alten Briten vorfanden. Der schottische Geschichtschreiber Hector Boethius (Boece) führt das Walroß noch zu Ende des 15. Jahrhunderts als einen regelmäßigen Bewohner oder doch Besucher der schottischen Küsten auf, und spätere Berichte gedenken wiederholt verirrter Walrosse, welche an den Küsten Norwegens oder Großbritanniens beobachtet wurden; Brown hält es sogar für möglich, daß die etwas fabelhaften „Seerosse“ und „Seekühe“, welche dann und wann die Fischer der von wilder Brandung umtosten Küsten des nordwestlichen Schottland beobachtet haben wollen, auf hier noch heutigestags sich zeigende Walrosse zurückzuführen sind, da solche erwiesenermaßen in den Jahren 1817 und 1825, ja sogar noch im Jahre 1857 an der Küste von Harris (Hebriden) und auf den Orkneyinseln erlegt wurden. Für ein so schwimmfähiges Tier, wie das Walroß es ist, würde die verhältnismäßig kurze Seereise von Spitzbergen bis Finnmarken, Island, den Faröerinseln und Großbritannien wenig Schwierigkeiten bereiten, wäre es seiner Nahrung halber nicht mehr als alle übrigen Ordnungsgenossen an die Küsten gebunden. Dem entsprechend gehört ein Überschreiten seiner heutigen Verbreitungsgrenzen zu den Seltenheiten, und ebenso steht es im Einklange mit seiner geringen Wanderlust, daß es überall, wo es ausgerottet wurde, für immer verschwindet. Gegenwärtig zerfällt der Verbreitungskreis nicht allein in eine östliche und westliche Hälfte, sondern auch in verschiedene, oft auf weithin unterbrochene Aufenthaltsorte. Im allgemeinen kann man sagen, daß es in allen rings um den Nordpol gelegenen Gewässern noch heutigestags vorkommt, keineswegs aber überall auftritt. Man begegnet ihm während des ganzen Jahres in den nördlichen Teilen Oft: und Westgrönlands, in der Baffinbai und allen mit ihr in Verbindung stehenden Straßen, Sunden und Buchten bis zur Beringstraße hin, welche sein östliches und westliches Verbreitungsgebiet verbindet; ebenso findet es sich mit Bestimmtheit um Nowaja Semlja und Spitzbergen und längs der ganzen Nordküste Sibiriens. In der Beringstraße und im Beringmeere tritt es verhältnismäßig noch häufig auf, geht hier auch weiter nach Süden herab. Bis etwa Mitte dieses Jahrhunderts war es noch gar nicht selten an den Alséuten, verbreitete sich jedoch nicht weiter nach Süden; jetzt wird es kaum noch an den genannten Inseln vorkommen, ist dagegen in den seichten und darum den Fangschiffern bedenklichen Gewässern der Bristolbai, an der Nordseite der Halbinsel Alaska, noch sehr gemein. H. Elliott ist der Ansicht, daß es dort kaum ausgerottet werden könne.

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