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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Mit dem Ende der Landzeit, welche an der kalifornischen Küste etwa 4 Monate währt, kehrt, wie erwähnt, die Mehrzahl der zahlreichen Herde, Männchen sowohl wie Weibchen, nach dem Meere zurück und durchschwimmt es jetzt wieder jagend und fischend nach allen Richtungen, da immer nur wenige im stande sind, sich in der Nähe der Küste genügend zu ernähren. Fische, Weich- und Krebstiere sowie Wasservögel verschiedener Art bilden das tägliche Brot unserer Robben, welche jedoch niemals versäumen, einige Kiesel oder kleine Steine, einzelne bis zu 500 g an Gewicht, zu verschlingen. Nach Scammons Beobachtungen gebrauchen sie eine besondere List, um sich der Seevögel zu bemächtigen; sie tauchen angesichts einer Möwe tief in das Wasser, schwimmen unter den Wellen fort, erscheinen vorsichtig an einer anderen Stelle wieder an der Oberfläche, strecken jedoch nur die Nasenspitze aus dem Wasser heraus und bringen nun, wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Schnurrhaare, das Wasser hier in eine drehende Bewegung, in der Absicht, die Aufmerksamkeit der fliegenden Möwe auf sich zu lenken. Diese glaubt irgend ein Wassertier zu sehen, stürzt sich herunter, um. es zu fangen, und ist einen Augenblick später von dem Seelöwen gepackt und unter das Wasser gezogen, bald darauf auch zerrissen und verschlungen. Elliott, der die Seelöwen 4 Jahre lang auf den Pribylowinseln beobachtete, hat dagegen niemals bemerkt, daß die Tiere auf Geflügel jagten, obwohl sie sich im Meere zwischen zahllosen umherschwimmenden Seevögeln bewegten, die wiederum gar keine Furcht vor ihnen bekundeten.

Noch vor einigen Jahrzehnten wurden alljährlich allein an der Küste von Ober- und Niederkalifornien so viele Seelöwen erlegt, daß man Tausende von Fässern mit dem aus ihrem Fette geschmolzenen Thrane füllen konnte. Die Anzahl der vernichteten Tiere stieg ins Fabelhafte; denn man muß bedenken, daß es zu den Seltenheiten gehörte, wenn während einer Jagd so große Seelöwen erlegt wurden, daß das Fett von dreien oder vieren genügte, um ein Faß mit Thran zu füllen. Infolge der sehr merklichen Abnahme des gewinnbringenden Geschöpfes erlegt man gegenwärtig hauptsächlich Männchen und zwar meist mit dem Feuergewehre, seltener mit der Lanze. Da eine auf den plumpen Leib gerichtete Kugel in den meisten Fällen nur geringe Wirkung übt, schießt man stets nach dem Kopfe und nimmt das Ohr zum Zielpunkte. Mit Keule und Lanze betreibt man die Jagd da, wo die Beschaffenheit des Strandes gestattet, die Tiere landeinwärts zu treiben, was bei ihrer Angstlichkeit in der Regel keinen Anstand hat. Unmittelbar nach einer solchen Schlächterei beraubt man die erlegten Seelöwen ihrer Schnurrborsten, häutet sie sodann ab und schält die dicke Fettlage, welche sich zwischen Fell und Muskel befindet, ab, um fie später auf dem Schiffe in-viereckige kleine Stückchen zu zerschneiden und auszukochen. Das Fell wurde in früheren Zeiten einfach weggeworfen, bis man fand, daß es zur Leimbereitung tauglich ist und verhältnismäßig ebenso großen Gewinn abwirft wie das Fett.

Während der Europäer den Seelöwen seines Fettes und seiner Haut halber erlegt, verjorgt sich der Bewohner Alaskas, der Aléuten und Pribylowinseln durch die Jagd dieses Seetieres mit Nahrung und mit den unentbehrlichsten Gegenständen seines Haushaltes. Der hauptsächlichste Landungsplatz der Seelöwen auf der St. Paulinsel befindet sich auf der nordöstlichsten Spitze; zu diesem Platze ziehen die Eingeborenen während der Landzeit, um sich bei günstiger Gelegenheit einen Fang zu sichern. Die Seelöwen sind sehr scheu, liegen gewöhnlich hart am Wasser und sind schwierig zu beschleichen. Wenn der Mond scheint, aber treibendes Gewölk ihn vielfach bedeckt und der Wind vom Lande weht, so schildert Elliott den Vorgang, stehlen sich kundige Eingeborene einer hinter dem anderen am Strande entlang, und zwar auf Händen und Füßen in solcher Haltung, daß die wachenden Seelöwen sie in dem unsicheren Lichte für ihresgleichen ansehen. Glauben sie eine Herde vom Meere abgeschnitten zu haben, so springen alle Jäger plötzlich unter lautem Lärmen auf, schreien, klappern, feuern Pistolen ab, entzünden Feuerwerkskörper und suchen damit ihre

erwählten Opfer landeinwärts zu scheuchen. Diejenigen der Tiere, welche mit dem Kopfe seewärts lagen, streben eiligst, das Wasser zu erreichen, und lassen sich nicht zurückschrecken, auch wenn ihnen die Jäger entgegentreten wollten; sie gehen regelmäßig verloren. Diejenigen aber, welche mit dem Kopfe landwärts lagen, flüchten auch in dieser Richtung und werden nun mit allen Schreckmitteln unbarmherzig weitergetrieben bis zu dem Lagerplatze der Eingeborenen. Hier werden sie zunächst eingelappt, d. h. rings um den Trupp, der gewöhnlich 20 —30, selten 40 Tiere zählt, werden in Abständen von 3—6 m Stangen in die Erde gestoßen, mit einigen Leinen verbunden und daran allerhand Zeugfetzen gehängt. Diese leichte Umfriedigung genügt vollständig, um die gefangenen am Ausbrechen zu verhindern. Das Abschneiden einzelner Trupps vom Wasser, das Treiben zum Lagerplatz und das Einlappen wird nun manchmal, je nach Gunst des Wetters, 2 und 3 Wochen lang fortgesetzt, bis die Leute ihren vollen Fang, etwa 200- 300 Tiere, beisammen haben. Nun beginnt der Trieb, d. h. man zwingt die Seelöwen, ihre Leiber selbst zu der Stelle zu schaffen, wo man sie schlachten will, bis zu der Ortschaft, die 11 englische Meilen entfernt liegt. Bei feuchter und kalter Witterung vermögen die gefangenen diese Strecke in 5—6 Tagen zurückzulegen, bei warmer und trockener Witterung aber brauchen sie dazu 2 und 3 Wochen, manchmal noch mehr Zeit.

Beim Treiben werden allerhand Schreckmittel angewendet, es wird geschrieen, geschossen, geklappert, überhaupt auf alle mögliche Weise gelärmt, Tücher und Flaggen werden geschwenkt und in neuerer Zeit mit trefflichem Erfolge gewöhnliche blaue Regenschirme be nutzt, die man widerspenstigen Tieren gegenüber plötzlich aufspannt und wieder zusammenklappt. Da die jungen Seelöwen und die schwächlichen Weibchen schneller vorwärts kommen als die alten fetten Bullen, zieht sich die Karawane sehr in die Länge, und es ist sehr mühsam, die ermatteten und nicht selten recht grimmigen Nachzügler vorwärts zu drängen. Aber der Regenschirm in kundiger Hand erweist sich immer wieder wirksam; auch das wütendste alte Männchen weicht vor ihm. Unterwegs kommt man an einen See, und nun wird der Wasserweg benutzt, um etwa 2 englische Meilen der ganzen Strecke in kürzester Zeit zu durchmessen. Die nach und nach am Ufer ankommenden Seelöwen werden wieder eingelappt, bis auch die letzten heran sind; dann wird die ganze Herde in den See getrieben und legt nun, von ein paar Kähnen in Ordnung gehalten, dicht am Ufer entlang schwimmend, den Wasserweg in kaum 20 Minuten zurück. So seltsam es klingt: keines der Tiere wagt auszubrechen und sich nach der Mitte des Sees zu retten. Dann geht es wieder mühsam über Land, noch durch ein paar kleinere Seen, bis endlich die längst hoffnungsvoll erwartete merkwürdige Karawane an der Ortschaft anlangt. Jetzt holt man die Waffen herbei: Gewehre und Lanzen. Auch der beherzteste Eingeborene wagt es nicht, alte Bullen mit der Lanze anzugreifen; das Unterfangen wäre zu gefährlich. Diese werden daher zuerst aus unmittelbarer Nähe durch den Kopf geschossen, darauf die Weibchen und Jungen mit sicherem Lanzenstoße durch das Herz getötet. Von der Beute wird fast alles benutzt: das Fleisch und Fett zur Nahrung, die Sehnen zum Nähen und Binden, die Häute zur Herstellung der leichten Kähne, die Eingeweide zur Anfertigung von ausgezeichneten wasserdichten Überkleidern. Selbst die langen, biegsamen Schnurrborsten des Bartes werden sorgfältig gesammelt, denn sie sind sehr begehrt und werden gut bezahlt von Chinesen, die sie unter anderem auch zum Reinigen der Opiumpfeifen verwenden.

Nach Elliott, dem wir in dieser Schilderung gefolgt sind, bietet die Insel St. Paul, wo alljährlich etwa 10 — 12,000 Seelöwen landen, wegen ihrer Küstenform besonders günstige Gelegenheit, diese Jagdweise anzuwenden. Nicht so die Nachbarinsel St. Georg, wo überdies die Seelöwen gegenwärtig selten sind. Unser Gewährsmann hörte von den Bewohnern, daß noch zu Anfang dieses Jahrhunderts etliche hunderttausend Seelöwen auf der Insel gelandet seien. Da sie aber wegen ungünstiger Strandverhältnisse kaum zu erbeuten waren,

zudem die hochgeschätzten Seebären vom Landen abhielten, hätten die Altvorderen alle Mittel aufgeboten, die für sie nicht nutzbaren oder richtiger nicht erlegbaren Seelöwen zu vertreiben, und zwar mit dem Erfolge, daß diese sich mehr und mehr weggewöhnten, während an ihre Stelle allmählich die Seebären traten, die leichter zu erbeuten sind und großen Gewinn bringen.

An der Küste Sibiriens, Kamtschatkas und Sachalins betreibt man den Fang der Ohren: robben wie den ihrer Verwandten wiederum in anderer Weise. Alle Buchten und Flüsse des nordasiatischen Küstenlandes wimmeln während der Monate Juni bis September von Lachsen, welche in dieser Zeit des Laichens halber aufsteigen, und ihnen folgen jagend die Robbenarten nach. Um letztere zu fangen, sperrt man gewisse Stellen der Ströme und Baien durch weitmaschige Netze, welche wohl den Fischen, nicht aber den Robben Durchgang gestatten. Diese verwickeln sich im Gemasche und ersticken entweder in der Tiefe des Flusses, oder werden von den herbeieilenden Fischern getötet. So bilden sich in den verschiedenen Gegenden des Verbreitungsgebietes unseres Tieres mancherlei Jagdweisen aus; keine einzige von allen aber würde den Bestand an Seelöwen mit völliger Vernichtung bedrohen, thäte der habsüchtige Europäer auch in diesem Falle es nicht allen übrigen Völkerschaften zuvor.

Seelöwen halten sich leicht in Gefangenschaft, lassen sich in hohem Grade zähmen und bekunden, wenn sie jung erbeutet wurden, schließlich eine außerordentliche Zuneigung zu ihrem Wärter. Neuerdings sind mehrere Stücke auch in deutsche Tiergärten gelangt, und in Köln haben sich die Seelöwen des dortigen Gartens (O. gillespii), die von der geschilderten Art nicht wesentlich verschieden sind, wiederholt fortgepflanzt.

Der Seebär oder die Bärenrobbe, der Fur-seal englischer Robbenschläger (Otaria ursina, Phoca ursina, Arctocephalus und Callorhinus ursinus 2c.), steht an Größe hinter dem Seelöwen zurück, da selbst die größten Männchen von der Schnauzen- bis zur Schwanzspitze bloß 2— 2,5 m messen und die Weibchen selten mehr als die Hälfte dieses Maßes erreichen; jene werden beiten Falls an 200-250 kg, diese bloß 50—60 kg schwer. Der Leib ist zwar kräftig, aber doch sehr gestreckt gebaut, der Kopf länger und spitzer als bei den Robben insgemein, der Hals kurz, aber deutlich vom Rumpfe abgesetzt, der Schwanz kurz und spitzig, das Maul ziemlich klein, das Nasenloch schlitzförmig, das Auge sehr groß, 4 dunkel und von lebhaften Ausdrucke, die Oberlippe mit einigen 20 steifen, höchstens 16 cm * langen Schnurrborsten besetzt; die Vorderfüße find flossenartig gestaltet und mit einer weichen, äußerst biegsamen, haarlosen, schwarzen Haut bekleidet, die hinteren sehr verbreitert und verlängert, da die fünf Zehen, von denen drei oben Nägel tragen, mindestens 10 em vor der äußeren Spitzenkante endigen. Das am Halse und an der Vorderseite merklich, längs der Rückenlinie einigermaßen verlängerte Fell besteht aus nicht allzu steifen Grannen und ungemein weichen und zarten, seidenartigen Wollhaaren, welche die Haut dicht bekleiden. Seine Grundfärbung ist ein dunkles Braun, welches bei einzelnen Stücken in Braunschwarz übergeht, auf dem Kopfe, Halse und dem vorderen Teile des Leibes aber durch weißspitzige Haare gesprenkelt erscheint und auf der Unter- und Innenseite der Glieder sich lichtet. Die einzelnen Haare sind an der Wurzel schwarz, sodann rötlich gefärbt und zeigen vor der Spitze einen graulichen Ring. Altere Weibchen unterscheiden sich von den Männchen ziemlich regel-mäßig durch silbergraue Färbung; sehr alte aber tragen ebenfalls ein auf Rücken und Seiten dunkelbraunes, jedoch überall mit weißen Haaren gesprenkeltes, unten rötlichbraunes Kleid. Junge Tiere beiderlei Geschlechtes haben ein silberfarbenes Fell, weil ihre Haare durchschnittlich in lichte Spitzen endigen.

Wenige Robben bewohnen — falls die Bewohner der entlegensten Gebiete der nämlichen Art angehören — ein so ausgedehntes Verbreitungsgebiet wie unser Seebär, welcher ebensowohl an den Küsten Patagoniens und Südwestafrikas, auf den Falklandinseln, auf

Neusüdschottland und Südgeorgien wie auf dem St. Pauleilande im Indischen Weltmeere und den Pribylowinseln im Beringmeere gefunden wird, ebenso wie er in den Gleicherländern kaum seltener auftritt als in den höchsten Breiten des Südens und Nordens. Auch seine Naturgeschichte, das anziehende Lebensbild, welches uns Steller entwarf, hat in der Neuzeit wesentliche Bereicherungen erfahren.

Aus den Wahrnehmungen aller Schiffer, welche die Seebären kennen, geht hervor, daß sie einzig und allein zum Zwecke der Fortpflanzung auf die verschiedenen von ihnen

Seebär (Otaria ursina). ½ natürl. Größe.

regelmäßig besuchten Inseln oder Scheren kommen, während der übrigen Monate aber ausschließlich auf hoher See leben und dabei sehr weite Wanderungen unternehmen. Gleichwohl kehren sie, wie jahrelang fortgesetzte Beobachtungen erwiesen haben, immer wieder zu den bekannten Rookeries zurück. Wenn ihre Landzeit herannaht, bemerkt man zuerst einige alte Männchen, welche Kundschafterdienste zu thun scheinen. Ihnen folgen dann allmählich die übrigen nach. Von den höchsten Stellen einzelner südlicher Inseln aus hat man, laut Scammon, beobachtet, daß sie bei ihrer Rückkehr zum Lande, in ungemein zahlreiche Gesellschaften vereinigt, gemeinschaftlich reisen und erst an der Küste sich in verschiedene Herden teilen. Bei der Wahl der von ihnen besuchten Stellen verfahren sie mit großer Umsicht, vielleicht erst, seitdem sie durch Erfahrung die Notwendigkeit erkannt haben, sich vor ihrem schlimmsten Feinde, dem Menschen, so viel wie möglich zu schützen. Im allgemeinen suchen sie sich Eilande oder auf größeren Inseln solche Küstenstrecken auf, an denen

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