Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Ganz jung eingefangene Eisbären lassen sich zähmen und bis zu einem gewissen Grade abrichten. Sie erlauben ihrem Herrn, sie in ihrem Käfige zu besuchen, balgen sich auch wohl mit ihm herum, doch behagt ihnen die Gefangenschaft gar nicht. Schon in ihrem Vaterlande fühlen sie sich auch in frühester Jugend unter Dach und Fach nicht wohl, und man kann ihnen keine größere Freude machen, als wenn man ihnen erlaubt, sich im Schnee und auf dem Eise herumzuwälzen. In größeren Räumen mit tiefen und weiten Wasserbecken, wie solche jetzt in Tiergärten für ihn hergerichtet werden, befindet ein Eisbär sich ziemlich wohl und spielt stundenlang im Wasser mit seinen Mitgefangenen oder auch mit Klötzen, Kugeln und dergleichen. Hinsichtlich der Nahrung hat man keine Not mit ihm. In der Jugend gibt man ihm Milch und Brot und im Alter Fleisch, Fische oder auch Brot allein, von welchem 3 kg täglich vollkommen hinreichen, um ihn zu erhalten. Er schläft bei uns in der Nacht und ist bei Tage munter, ruht jedoch ab und zu, ausgestreckt auf dem Bauche liegend oder wie ein Hund auf dem Hintern sitzend. Mit zunehmendem Alter wird er reizbar und heftig. Gegen andere seiner Art zeigt er sich, sobald das Fressen in Frage kommt, unverträglich und übellaunig, obwohl nur selten ein wirklicher Streit zwischen zwei gleichstarken Eisbären ausbricht, der gegenseitige Zorn vielmehr durch wütendes Anschnauzen bekundet wird. Bei sehr guter Pflege ist es möglich, Eisbären mehrere Jahre lang zu erhalten: man kennt ein Beispiel, daß ein jung eingefangener und im mittleren Europa
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aufgezogener 22 Jahre in der Gefangenschaft gelebt hat. Zur Fortpflanzung im Käfige schreitet er seltener als der Landbär und wohl auch nur dann, wenn er alle Bequemlichkeiten zur Verfügung hat. Im Laufe von 20 Jahren haben die Eisbären des Londoner Tiergartens dreimal Junge gebracht. An Krankheiten leiden die Gefangenen wenig, ver: lieren jedoch oft ihr Augenlicht, wahrscheinlich aus Mangel an hinreichendem Wasser zum Baden und Reinigen ihres Leibes.
Fleisch und Speck des Eisbären werden von allen Bewohnern des hohen Nordens gern gegessen. Auch europäische Fangschiffer genießen es, nachdem sie es vom Fette gereinigt haben, und finden es nicht unangenehm; doch behaupten sie, daß der Genuß des Fleisches häufig Unwohlsein errege. Zumal die Leber des Tieres soll recht schädlich wirken und wird von manchen schlechthin als giftig bezeichnet. „Wenn Schiffer“, jagt Scoresby, „unvorsichtigerweise von der Leber des Eisbären gegessen haben, sind sie fast immer krank geworden und zuweilen gar gestorben; bei anderen hat der Genuß die Wirkung gehabt, daß sich die Haut von ihrem Körper schälte.“ Auch Kane bestätigt diese Angabe. Er ließ sich die Leber eines frisch getöteten Eisbären zubereiten, obgleich er gehört hatte, daß sie giftig sei, und wurde, nachdem er kaum die Speise genossen hatte, ernstlich krank. Nach Pechuel— Loesche folgt auf den Genuß einer sogenannten giftigen Leber sehr bald heftige Kolik, Erbrechen und Durchfall; aber nicht jede Leber bewirkt Erkrankungen und auch nicht bei jedem, der davon gegessen. Von einem und demselben Stücke kann sich mancher vollständig sättigen, ohne üble Folgen zu verspüren, während ein anderer, der bloß einige Bissen davon verzehrte, schwer zu leiden hat. Er hält es deswegen für rätlich, die Leber überhaupt nicht auf den Tisch zu bringen. Unter den Schiffern besteht der Glaube, daß man durch den Genuß des Eisbärenfleisches, obgleich es sonst nicht schade, wenigstens frühzeitig ergraue. Die Eskimos haben fast dieselben Ansichten, wissen auch, daß die Leber schädlich ist, und füttern deshalb bloß ihre Hunde damit. Das Fett benutzt man auch zum Brennen.
Das Fell unseres Tieres steht in seinem Werte allen Bärenfellen voran: je nach Größe und Schönheit wird es, nach Lomer, mit 200— 500 Mark bezahlt. Es kommen jährlich 10001200 Stück in den Handel. |
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In Gestalt und Wesen auffallend verschieden von den bisher betrachteten eigentlichen Bären erscheint der eine besondere Gattung bildende Lippenbär, der Slothbear der Engländer, in Indien Adamsad, Aswal, Yerid, Bana ꝛc., auf Ceylon Usa genannt (Melursus labiatus, M. und Bradypus ursinus, Ursus und Prochilus labiatus, P. ursinus und M. Iybius, Ursus inornatus). Ihn kennzeichnen ein kurzer, dicker Leib, niedere Beine, ziemlich große Füße, deren Zehen mit ungeheueren Sichelkrallen bewehrt sind, eine vorgezogene, stumpfspitzige Schnauze mit weit vorstreckbaren Lippen und langes, zottiges Haar, welches im Nacken eine Mähne bildet und auch seitlich tief herabfällt. Alle angegebenen Merkmale verleihen der Art ein so eigentümliches Gepräge, daß sie mit Recht als Vertreter einer besonderen Gattung gilt. Wie merkwürdig das Tier sein muß, sieht man am besten daraus, daß es zuerst unter dem Namen des bärenartigen Faultieres (Bradypus ursinus) beschrieben, ja in einem Werke sogar „das namenlose Tier“ genannt wurde. In Europa wurde der Lippenbär zu Ende des vorigen Jahrhunderts bekannt; Anfang dieses Jahrhunderts kam er auch lebend dahin. Da stellte sich nun freilich heraus, daß er ein echter Großbär ist, und somit erhielt er seinen ihm gebührenden Platz in der Tierreihe angewiesen. Die Länge des Lippenbären beträgt, einschließlich des etwa 10—12 em langen Schwanzstumpfes, bis zu 1,s m, die Höhe am Widerriste bis zu 85 em; fein Gewicht ist bis zu
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Lippenbär.
plattstirnige Kopf verlängert sich in eine lange, schmale, zugespitzte und rüsselartige Schnauze von höchst eigentümlicher Bildung. Der Nasenknorpel nämlich breitet sich in eine flache und leicht bewegbare Platte aus, auf welcher die beiden in die Quere gezogenen und durch eine schmale Scheidewand voneinander getrennten Nasenlöcher münden. Die Nasenflügel, welche sie seitlich begrenzen, sind im höchsten Grade beweglich, und die langen, äußerst dehnbaren Lippen übertreffen sie noch hierin. Sie reichen schon im Stande der Ruhe ziemlich weit über den Kiefer hinaus, können aber unter Umständen so verlängert, vorgeschoben, zusammengelegt und umgeschlagen werden, daß sie eine Art Röhre bilden, welche fast vollständig die Fähigkeiten eines Rüssels besitzt. Die lange, schmale und platte, vorn abgestutzte Zunge hilft diese Röhre mit herstellen und verwenden, und so ist das Tier im stande, nicht bloß Gegenstände aller Art zu ergreifen und an sich zu ziehen, sondern förmlich an sich zu saugen. Der übrige Teil des Kopfes zeichnet sich durch die kurzen, stumpf zugespitzten und aufrecht stehenden Ohren sowie die kleinen, fast schweineartigen, schiefen Augen aus; doch sieht man vom ganzen Kopfe nur sehr wenig, weil selbst der größte Teil der kurz behaarten Schnauze von den auffallend langen, struppigen Haaren des Scheitels verdeckt wird. Dieser Haarpelz verhüllt auch den Schwanz und verlängert sich an manchen Teilen des Körpers, zumal am Halse und im Nacken, zu einer dichten, krausen und struppigen Mähne. In der Mitte des Rückens bilden sich gewöhnlich zwei sehr große, wulstige Büsche aus den hier sich verwirrenden Haaren und geben dem Bären das Aussehen, als ob er einen Höcker trüge. So gewinnt der ganze Vorderteil des Tieres ein höchst unförmliches Aussehen, und dieses wird durch den plumpen und schwerfälligen Leib und die kurzen und dicken Beine noch wesentlich erhöht. Sogar die Füße sind absonderlich, und die außerordentlich langen, scharfen und gekrümmten Krallen durchaus eigentümlich, wirklich faultierartig. Im Gebisse fallen die Schneidezähne in der Regel frühzeitig aus, und der Zwischenkiefer bekommt dann ein in der That in Verwirrung setzendes Aussehen. Die Färbung der groben Haare ist ein glänzendes Schwarz; die Schnauze sieht grau oder schmutzig weiß, ein hufeisenförmig gestalteter Brustflecken dagegen weiß aus. Bisweilen haben auch die Zehen eine sehr lichte Färbung. Die Krallen sind in der Regel weißlich hornfarben, die Sohlen aber schwarz. Geringere Ausbildung der Mähne an Kopf und Schultern und die deshalb hervortretenden, verhältnismäßig großen Ohren sowie die dunkleren Krallen unterscheiden die Jungen von den Alten; auch ist bei ihnen gewöhnlich die Schnauze bis hinter die Augen gelblichbraun und die Hufeisenbinde auf der Brust gelblichweiß gefärbt.
Die Heimat des Lippenbären ist ganz Vorderindien, fast vom Fuße des Himalaja an bis zur Südspitze, und Ceylon; westwärts geht er nicht bis zum Indus, ob er sich ostwärts bis über Bengalen hinaus verbreitet, ist noch unentschieden. Er liebt hügelige und dschangelreiche Gebiete und ist, obwohl er viel gejagt wird, auch heute noch eins der häufigsten großen Tiere Indiens, das freilich in einzelnen Gegenden bereits so gut wie ausgerottet ist. Auf Ceylon verbirgt er sich, wie Sir Emerson Tennent berichtet, in den dichtesten Wäldern der hügeligen Landschaften an der nördlichen und südöstlichen Küste und wird ebenso selten in größeren Höhen wie in den feuchten Niederungen angetroffen. Im Gebiete von Karetschi war er während einer länger anhaltenden Dürre so gemein, daß die Frauen ihre beliebten Bäder und Waschungen in den Flüssen gänzlich aufgeben mußten, weil ihnen nicht nur auf dem Lande, sondern auch im Wasser Bären in den Weg traten, — hier oft gegen ihren Willen; denn fie waren beim Trinken in den Strom gestürzt und, konnten infolge ihres täppischen Wesens nicht wieder aufkommen. Während der heißesten Stunden des Tages liegt unser Bär in natürlichen oder selbstgegrabenen Höhlen, besonders zwischen Felsblöcken an Hügelhängen und in Schluchten, manchmal aber auch einfach 17*
im Grase oder Gestrüppe. Trotz seines dichten und dunkeln Pelzes ist er nicht so empfindlich gegen Hitze, wie man ihm nachgesagt hat, denn es sind Bären beobachtet worden, die frei liegend ganz behaglich in der Mittagssonne schliefen. Gewöhnlich aber verbringt der Bär die heißen Tagesstunden, besonders während der Regenzeit, wenn das Ungeziefer ihn quält, in irgend einem kühlen Verstecke und kommt erst des Nachts zum Vorschein, wird aber oft auch in den Morgen- und Abendstunden gesehen. In der Regel sieht man ihn einzeln oder paarweise, zu dreien aber, wenn eine Mutter mit ihren Jungen, die auch nahezu vollwüchsig sein mögen, umherzieht. Seine Sinne sind, bis auf den Geruch, gar nicht scharf; er hört und sieht so schlecht, daß es durchaus nicht schwer fällt, ganz nahe an ihn heranzuschleichen. Er macht auf den Beschauer unter allen Umständen einen höchst seltsamen Eindruck. „Infolge seines langzottigen, rauhen Pelzes“, schreibt Blanford, „seines jonder: bar geformten Kopfes mit der beweglichen Schnauze und seiner kurzen Hinterbeine ist er wohl die wunderlichste Erscheinung unter allen Bären, und sein Gebaren ist ebenso komisch wie sein Aussehen. Seine gewöhnliche Gangweise ist ein rascher Schritt, wenn er aber flüchtet, verfällt er in einen plumpen Galopp, derart unbehilflich, daß, wenn er in größter Eile von einem in gerader Richtung fortläuft, es fast aussieht, als würde er von hinten vorwärts getrieben und schlüge dabei lauter Purzelbäume. Er klettert übrigens recht gut im Gefelse und pflegt sich nicht selten, wie es auch andere Bären thun, wenn er erschreckt oder beschossen wird, einen Steilhang Hals über Kopf hinabzurollen.“
Die Nahrung des Lippenbären besteht fast ausschließlich in Pflanzenstoffen und kleineren, zumal wirbellosen Tieren, nur gelegentlich soll er, nach Tickell, auch Eier und kleine Vögel verzehren. Alle Gewährsmänner versichern aber übereinstimmend, daß er sich nicht an größeren Tieren vergreife, um sie zu fressen, und bloß Sanderson sowie Me Master berichten je einen Fall, daß Bären geludert, einmal einen geschossenen kleinen Hirsch, ein andermal einen vom Tiger getöteten Ochsen angefressen hätten. In Gefangenschaft aufgezogene Junge nehmen jedoch gern rohes wie gekochtes Fleisch. Verschiedene Wurzeln und
Früchte aller Art, die vielbegehrten fleischigen Blüten des Mouabaumes (Bassia latifolia), Immennester, deren Waben mit Jungen oder deren Honig er gleich hochschätzt, Raupen, Schnecken und Ameisen bilden die hauptsächliche Nahrung, und seine langgebogenen Krallen leisten ihm bei Aufsuchung und Ausgrabung verborgener Wurzeln oder aber bei Eröffnung der Ameisenhaufen sehr gute Dienste. Selbst die festen Baue der Termiten zerstört er und richtet dann unter der jüngeren Brut arge Verwüstungen an. Dabei kommt ihm seine Fähigkeit, Luft mit großer Gewalt sowohl einzuziehen als auch auszublasen, sehr zu statten. „Wenn er auf einen Termitenbau stößt“, sagt Tickell, „kratzt er mit seinen Vorderbranten so lange daran, bis er das Innere erschlossen hat. Darauf bläst er mit heftigem Pusten Staub und Erdkrümelchen heraus und saugt dann die Insassen mit so starkem und lautem Einziehen der Luft in sein Maul, daß es an 200 m weit zu hören tft. Ebenso saugt er auch ziemlich tief in der Erde steckende Engerlinge hervor.“ Um Früchte und Kerfe zu erlangen, besteigt erBäume, weiß sich auch im Gezweige ganz gut zu bewegen, ist aber doch im ganzen ein schwerfälliger Kletterer. Sanderson erzählt auch, daß die Lippenbären in manchen Gegenden Besucher der Haine von wilden Dattelbäumen sind, von denen man Palmwein zapft. Sie besteigen die 6—8 m hohen Schäfte bis zu den Wipfeln, wo die Gefäße hängen, in denen man den Saft auffängt, und kippen die gefüllten mit einer Brante über, bis sie den Inhalt schlürfen können. Man würde ihnen wohl einige Liter gönnen, wenn sie nur bei ihren plumpen Diebereien nicht so viele Gefäße zerbrechen wollten. Die geschädigten Leute versichern übrigens allgemein, daß die Mosträuber sich nicht die Mühe machen, wieder hinabzuklettern, sondern sich einfach zu Boden fallen lassen, ferner auch, daß sie sich häufig genug einen tüchtigen Rausch antrinken.