Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Sir Emerson Tennents Mitteilungen über das Wesen des Lippenbären werden neuerdings nicht durchweg bestätigt. „Einer meiner Freunde“, sagt Tennent, „welcher eine Waldung in der Nähe von Jaffea durchzog, wurde durch unwilliges Gebrumm auf einen Bären aufmerksam gemacht, welcher hoch oben auf einem Zweige saß und mit einer Brante die Waben eines Rotameisennestes zum Munde führte, während er die andere Tatze notwendig gebrauchen mußte, um seine Lippen und Augenwimpern von den durch ihn höchlichst erzürnten Kerfen zu säubern. Die Veddah in Bintenne, deren größtes Besitztum ihre Honigstöcke ausmachen, leben in beständiger Furcht vor diesem Bären, weil er, angelockt durch den Geruch seiner Lieblingsspeise, keine Scheu mehr kennt und die erbärmlichen Wohnungen jener Bienenväter rücksichtslos überfällt. Den Anpflanzungen fügt er oft empfindlichen Schaden zu; namentlich in den Zuckerwaldungen betrachtet man ihn als einen sehr unlieben Gast. Allein unter Umständen wird er auch größeren Säugetieren oder Vögeln gefährlich und fällt selbst Herdentiere und Menschen an. Man erzählt sich in Ostindien, daß er die Säugetiere und somit auch den Menschenauf das grausamste martere, bevor er sich zum Fressen anschicke. Er soll seine Beute fest mit seinen Armen und Krallen umfassen und ihr nun gemächlich und unter fortwährendem Saugen mit den Lippen Glied für Glied zermalmen. Gewöhnlich weicht er dem sich nahenden Menschen aus; allein seine Langsamkeit verhindert ihn nicht selten an der Flucht, und nun wird er, weniger aus Bösartigkeit als vielmehr aus Furcht und in der Absicht, sich selbst zu verteidigen, der angreifende Teil. Seine Angriffe werden unter solchen Umständen so gefährlich, daß die Singalesen in ihm das furchtbarste Tier erblicken. Kein einziger dieser Leute wagt es, unbewaffnet durch den Wald zu gehen; wer kein Gewehr besitzt, bewaffnet sich wenigstens mit dem Kadelly, einer leichten Axt, mit welcher man dem Bären zum Zweikampfe gegenübertritt.“ Er zielt seinerseits immer nach dem Gesichte seines Gegners und reißt diesem, wenn er ihn glücklich niederwarf, regelmäßig die Augen aus. Sir Emerson Tennent versichert, viele Leute gesehen zu haben, deren Gesicht noch die Belege solcher Kämpfe zeigte: grell von der dunkeln Haut abstechende, lichte Narben, welche besser als alle Erzählungen den Grimm des gereizten Tieres bekundeten.
Nicht so schlimm lauten die Angaben von Jerdon, Sterndale, Sanderson, Blanford, Forsyth und anderen, auch erscheinen deren Urteile darum zuverlässiger, weil sie sorgfältiger abgefaßt sind. Die amtlichen Nachrichten über den in Indien durch Tiere verursachten Menschenverlust führen an, daß in den Jahren 1878—86 im ganzen 957 Mens schen von Bären getötet, dagegen 13,049 dieser Tiere zur Strecke gebracht worden seien, wobei freilich die Art nicht festgestellt ist. Sanderson schreibt: „Lippenbären sind nicht ungefährlich für einen unbewaffneten Menschen. Holzfäller und andere Leute, die ihrem Berufe in Wald und Dschangel nachgehen, werden von ihnen häufig übel behandelt. Gleich allen wilden Tieren sind sie am gefährlichsten, wenn man überraschend mit ihnen zusammentrifft, weil sie dann aus Schrecken und Furcht angreifen mögen. Bei solchen unerwarteten Begegnungen ereignen sich wahrscheinlich weniger Unglücksfälle durch Tiger und Panther als durch irgend welche andere Tiere, denn jene sind von Natur geistesrasch und werden nicht so leicht außer Fassung gebracht. Das täppische Zufahren eines aufgeschreckten Bären ist jedoch keineswegs als Bösartigkeit zu betrachten. Denn Bären sind sehr friedlich gesinnt, wenn man sie in Ruhe läßt, und zeigen sich häufig selbst dann nicht kampflustig, wenn sie verwundet oder hart in die Enge getrieben worden sind.“ Auch Blanford nennt den Lippenbären furchtsam, nur gelegentlich geneigt, sich zu wehren, und fügt hinzu, daß die meisten Angriffe wohl von Müttern ausgehen, welche ihre Jungen bedroht glauben. Nach ihm läuft ein schlecht geschossener Bär in der Regel eiligst davon, ohne daran zu denken, sich zu verteidigen oder zu rächen. Auch die vielverbreitete Annahme, daß der angreifende
Verl. nr? X
262 Vierte Ordnung: Raubtiere; sechste Familie: Bären.
Bär sich auf die Hinterbeine erhebe, wird als durchaus unbegründet erklärt, ebenso auch die andere, daß er einen Gegner umarme und zu erdrücken suche. Ein überraschter Bär richtet sich wohl manchmal auf, aber bloß, um besser ausblicken zu können, und erniedrigt sich dann wieder. Wer ihm die Flucht verlegt, den wirft er im Notfalle um und versetzt ihm wohl auch einen Schlag mit der Brante; im Kampfe aber sucht er den Gegner mit den Vorderbranten niederzuhalten und ihn dann wiederholt und gefährlich zu beißen.
Eine Winterruhe hält unser Tier nicht. Die Bärzeit fällt durchschnittlich in den Juni, scheint sich aber auf mehrere Monate zu erstrecken; die Trächtigkeitsdauer ist nicht sicher bekannt, wird aber auf 7 Monate veranschlagt. Junge gibt es vom Oktober bis Februar, hauptsächlich aber im Dezember und Januar; gewöhnlich sind es zwei, in seltenen Fällen, laut Sanderson, auch drei; nach MeMaster öffnen sich ihre Augen erst nach 18 Tagen. Etwa nach 2—3 Monaten folgen die Kleinen der Mutter, und es unterliegt jetzt gar keinem Zweifel mehr, daß sie von ihr wirklich auf dem Rücken getragen werden. Diese Art zu reisen wird beibehalten, selbst wenn die Jungen schon recht straff geworden sind und nicht mehr zu zweien auf dem Rücken der Alten Platz finden; dann pflegen sie abwechselnd zu reiten und nebenher zu laufen. D. Elliot erzählt, wie eine scharf verfolgte Bärin ihre zwei Jungen auf dem Rücken an Z englische Meilen weit trug, bis fie erlegt wurde. Nach Sanderson soll es ein höchst anziehendes Schauspiel sein, zu beobachten, wie die behaglich reitenden Bärlein an einem Futterplatze absteigen und bei Anzeichen von Gefahr sich ängstlich abmühen, wieder auf ihren Sitz zu gelangen. „Lippenbären“, fährt er fort, „sind einander außerordentlich zugethane Tiere und auch fähig, vollkommen gezähmt zu werden, wenn man fie jung erhält. Unter allen Umständen ist ihr ausdrucksvolles und lächerliches Gebahren höchst belustigend. Obwohl zählebig, sind sie doch sehr empfindlich, und ein angeschossener Bär erhebt stets ein greuliches Klagegeschrei, in welches seine unverwundeten Gefährten einstimmen. Weidmänner haben angeführt, daß der verwundete sogleich über seine Genossen herfalle, im Glauben, sie hätten ihm die Verletzungen irgendwie beigebracht; aber mich will bedünken, daß derartige Vorgänge, wenigstens in den meisten Fällen, nicht richtig aufgefaßt seien. Nach meinen Beobachtungen eilen die nicht getroffenen zu einem verwundeten Bären, mehr um die Ursache seines Jammers zu erkunden, während sie mit in sein Geschrei einstimmen; er aber macht sich in seiner gereizten Stimmung über sie her, und so beginnt eine allgemeine Balgerei und Beißerei, die lediglich durch die zwar liebreiche, aber unzeitige Sucht der Freunde, den Genossen zu trösten und ihm beizustehen, hervorgerufen wird.“
Die Jagd auf unser Tier wird in mancherlei Weise betrieben. Man birscht nach ihm, indem man am Morgen seiner im betauten Grase und Gestrüppe deutlich erkennbaren Fährte nachzieht; man setzt sich an seinem ausgekundschafteten Verstecke an und erwartet seine Rückkehr von den nächtlichen Streifereien; man läßt schließlich Strecken des Dschangel, wo man Bären vermutet oder bestätigt hat, regelrecht abtreiben und sucht sie beim Hervorbrechen zu schießen. Einige Jäger haben sich, um der Jagd einen neuen Reiz abzugewinnen, eine Meute zur Bärenhatz angeschafft und pflegen das von den Hunden gedeckte Tier mit dem Weidmesser abzufangen. Elefanten werden kaum verwendet, denn sie bekunden meistens eine wunderliche Scheu vor Bären; selbst diejenigen, welche den Angriff eines Tigers unentwegt erwarten, sind geneigt, vor einem der ungeschlachten schwarzen Gesellen wie sinnlos davonzulaufen. In der Gefangenschaft hat man den Lippenbären öfters beobachten können und zwar ebensowohl in Indien wie in Europa. In seinem Vaterlande wird seine Gelehrigkeit von Gauklern und Tierführern benutzt und er gleich unserem Meister Petz zu allerlei Kunststückchen abgerichtet. Die Leute ziehen mit ihm in derselben Weise durch das Land wie
früher unsere Bärenführer und gewinnen durch ihn ihren kärglichen Lebensunterhalt. In Europa hat man ihn hauptsächlich in England längere Zeit, einmal sogar 19 Jahre hindurch, am Leben erhalten können; in Indien soll einer 40 Jahre lang in Gefangenschaft gelebt haben. Man füttert ihn mit Milch, Brot, Obst und Fleisch und hat in Erfahrung gebracht, daß er Brot und Obst dem übrigen Futter entschieden vorzieht. Er wälzt sich, wie ein schlafender Hund zusammengelegt, von einer Seite zur anderen, springt umher, schlägt Purzelbäume, richtet sich auf den Hinterfüßen auf und verzerrt, wenn ihm irgendwelche Nahrung geboten wird, sein Gesicht in der merkwürdigsten Weise. Dabei erscheint er verhältnismäßig gutmütig, zuthulich und ehrlich. Er macht niemals Miene, zu beißen, man kann ihm also, wenn man ihn einmal kennen lernte, in jeder Hinsicht vertrauen. Gegen andere seiner Art ist erwomöglich noch anhänglicher als manche seiner Familienverwandten. Zwei, welche man im Tiergarten von London hielt, pflegten sich auf die zärtlichste Weise zu umarmen und sich gegenseitig dabei die Pfoten zu belecken. In recht guter Laune stießen sie auch ein bärenartiges Knurren aus; dagegen ließen sie rauhe und kreischende Töne hören, wenn man sie in Zorn gebracht hatte.
Ich habe den Lippenbären oft in Tierschaubuden und in Tiergärten gesehen. Die Gefangenen liegen gewöhnlich wie ein Hund auf dem Bauche und beschäftigen sich stundenlang mit Belecken ihrer Tatzen. Gegen Vorgänge außerhalb ihres Käfigs scheinen sie höchst gleichgültig zu sein. Überhaupt kamen mir die Tiere gutartig, aber auch sehr stumpfgeistig vor. Wenn man ihnen Nahrung hinhält, bilden sie ihre Lippenröhre und versuchen, das ihnen Dargereichte mit den Lippen zu fassen, ungefähr in derselben Weise, in welcher die Wiederkäuer dies zu thun pflegen. Ihre Stimme schien mir eher ein widerliches Gewimmer als ein Gebrumm zu sein. Der erlegte Bär scheint keinen sonderlichen Wert zu besitzen. So viele auch über ihn berichten, so ist doch kaum eine Angabe zu finden, was mit der Beute geschieht. Forsyth nennt das Fell kaum des Aufhebens wert und betrachtet das Fleisch nicht als Nahrungsmittel. Newall führt bloß an, daß zu seiner Zeit das Fett von englischen Damen, die davon eine wohlthätige Wirkung auf das Wachstum des Haares erwarteten, begehrt wurde. Die Inder sollen das Fett als ein Heilmittel gegen Gliederschmerzen schätzen.
Drei merkwürdige Tiere Ostasiens vereinigen wir zur zweiten Unterfamilie der Bären, deren Mitglieder wir Katzenbären (Ailurinae) nennen wollen. Diese bilden eine Stufen: folge von den Großbären zu den Schleichkatzen und sind ausgezeichnet durch ihre mehr oder minder katzenartigen Füße, deren Sohlen behaart oder deren Krallen ein wenig zurückziehbar find. Im vollständigen Gebisse der Katzenbären finden wir 38 —40 Zähne. Jede der drei hierher gehörigen Arten vertritt eine eigene Gattung.
Den ersten Platz innerhalb der Unterfamilie nimmt der vor etwa zwei Jahrzehnten von
David entdeckte Prankenbär (Ailuropus melanoleucus, Ursus melanoleucus) ein, der sich einerseits an die Großbären, anderseits an die folgende Gattung anschließt. Er ist kleiner als unser gemeiner Landbär und mißt von Schnauzen- bis Schwanzspitze etwa 1,5 m. Seine breiten, abgerundeten, mit behaarten Sohlen versehenen Füße sind kurz und treten nicht, wie bei den Großbären, mit voller Sohle auf. Der kurzschnauzige Kopf ist verhältnismäßig breiter als bei irgend einem anderen Raubtiere; der stummelhafte Schwanz ist kaum sichtbar. In dem 40zähnigen Gebisse finden wir oben 4 und 2, unten je 3 Lücken⸗ und Mahlzähne. Der Prankenbär hat einen dichten, bärenartigen Pelz von durchweg weißer,
nur an einem Augenringe, den Ohren, den Vorderbeinen bis hinauf zum Widerriste, den Hinterfüßen und der Schwanzspitze schwarzer Färbung.
Über das Freileben des Prankenbären ist kaum etwas bekannt. Er bewohnt die unzugänglichsten Gebirgswälder Osttibets, von denen er mitunter Verwüstungszüge in die Ebenen unternimmt, um seine aus Bambuswurzeln und anderen Pflanzenstoffen bestehende Nahrung zu beschaffen. E
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Der Vertreter der zweiten Gattung der Unterfamilie, der Panda, der rote Katzenbär oder Himalaja Raccoon der Engländer, in Nepal Wah und Ye, in Bhutan Wakdonka, von den Leptschas Sankam genannt (Ailurus fulgens, A. ochraceus), nimmt gewissermaßen eine Mittelstellung zwischen Prankenbär und Binturong ein. Sein Leib erscheint wegen des dichten und weichen Pelzes plumper, als er ist; der lang behaarte Kopf ist sehr breit und kurz, die Schnauze desgleichen, der lange Schwanz schlaff und buschig behaart, daher sehr dick; die Ohren sind klein und gerundet, die Augen klein; die niederen Beine haben dicht behaarte, nur halb auftretende Sohlen und kurze Zehen mit stark gekrümmten Krallen. Das Gebiß besteht aus 38 Zähnen; im Oberkiefer befinden sich jederseits 3 und 2, im Unterkiefer 4 und 2 Lücken-, beziehentlich Mahlzähne. In der Größe kommt der Panda ungefähr einem starken Hauskater gleich: seine Leibeslänge beträgt 50, die des Schwanzes 35 und die Höhe am Widerriste 25 em. Die Behaarung ist dicht, weich, glatt und sehr lang, auf der Oberseite lebhaft und glänzend dunkelrot gefärbt, auf dem Rücken licht goldgelb angeflogen, weil hier die Haare in gelbe Spitzen enden; die Unterseite und die Beine mit Ausnahme einer dunkel kastanienroten Querbinde über Außen- und Vorderseite sind glänzend schwarz, die Kinn- und die langen Wangenhaare weiß, nach rückwärts rostgelblich; Stirn und Scheitel spielen ins Rostgelbe; eine rostrote Binde verläuft unterhalb der Augen zum Mundwinkel und trennt die weiße Schnauze von den Wangen; die Ohren sind außen mit schwarzroten, innen mit langen weißen Haaren besetzt; der Schwanz ist fuchsrot, mit undeutlichen, lichteren, schmalen Ringen.