Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
„Der Maschinist Krauschner, ein Wiener, war der Lieferant des Schneebedarfs für die Küche und hatte deshalb täglich zweimal mit seinem Schlitten den Verkehr mit dem nächsten Gletscher zu unterhalten. Einmal geschah es, daß sich ihm ein Bär plötzlich zugesellte. Der Bär schritt würdevoll als Eskorte hinter dem Schlitten des zum Schiffe zurückkehrenden Maschinisten einher, und erst hier angelangt, verstimmte ihn der Lärm, welchen wir erhoben, um Krauschner auf seinen zweifelhaften Freund aufmerksam zu machen.“
Tiere von solchem sonderbaren und täppisch-drolligen Wesen können nicht wohl als Schreckgestalten des Eismeeres und auch nicht als dem Menschen furchtbare Räuber betrachtet werden; doch darf deshalb nicht schlechterdings behauptet werden, daß Begegnisse oder Jagden mit schlimmem Ausgange nicht vorgekommen wären und nicht noch vorkämen, obwohl es dabei immer noch, man möchte fast sagen, bärenmäßig gemütlich zugeht. So erfuhr der Astronom der zweiten deutschen Polarexpedition, Börgen, vor zwei Jahrzehnten zu seinem Schrecken, daß ein verhungernder Eisbär sich auch einmal über einen Menschen hermachen kann. Bei einem Rundgange nach seinen Instrumenten wurde er unversehens von einem Bären gepackt und fortgeschleppt. „Eine Viertelstunde vor 9 Uhr“, jo schildert Börgen sein Erlebnis, „war ich hinausgegangen, um eine Sternbedeckung, deren Austritt kurz vor 9 Uhr sich ereignen sollte, zu beobachten und zugleich die meteorologischen Ablesungen zu besorgen. Eben als ich im Begriffe war, ans Land zu gehen, kam Kapitän Koldewey aufs Eis; wir sprachen noch einen Augenblick, worauf der eine ans Land, der andere in die Kajüte ging. Als ich auf dem Rückwege vom Observatorium bei dem Thermometerkasten, 50 Schritt vom Schiffe, angelangt war, vernahm ich ein Geräusch links neben mir und gewahrte einen auf mich eindringenden Bären. Es blieb keine Zeit zum Besinnen, um die Flinte, ohne die niemand ausging, zu gebrauchen. Der Angriff geschah so plötzlich und so rasch, daß ich nachher nicht einmal zu sagen im stande war, wie derselbe ausgeführt wurde, ob sich der Bär aufgerichtet und mich mit den Tatzen zu Boden geschlagen oder mich umgerannt habe; die Art einiger Verletzungen (eine Quetschung und ein tiefer Riß am linken Ohre) läßt jedoch auf ersteres schließen. Das nächste, was ich fühlte, war das Eindringen des Gebisses in die Kopfhaut, die nur mit einer dünnen Tuchkapuze bedeckt war, bei dem Bemühen des Bären, wie er es mit Seehunden gewohnt ist, den Schädel zu zerbrechen, an welchem jedoch die Zähne nur knirschend abglitten. Ein Hilferuf, den ich erhob, verscheuchte das Tier für einen Augenblick, es kehrte aber sofort zurück und biß mich noch mehrmals in den Kopf. Die Hilferufe waren indes vom Kapitän, der seine Absicht, zur Koje zu gehen, noch nicht ausgeführt hatte, gehört worden; er eilte auf Deck, überzeugte sich davon, daß es ein Hilferuf sei, alarmierte die Besatzung und eilte aufs Eis, dem bedrängten Gefährten beizustehen. Dem Bären mochte der entstehende Lärm Angst einflößen, er machte sich auf den Weg, um sein Opfer, das er am Kopfe gefaßt hielt, und das durch ohnmächtige Rippenstöße sich bemühte, ihn zu bewegen, es loszulassen, an einem anderen Orte in Sicherheit zu bringen. Ein Schuß, in der Absicht abgefeuert, das Tier zu erschrecken, erreichte seinen Zweck insofern, als es mich losließ und ein paar Schritte zur Seite sprang, doch packte es gleich darauf meinen Arm, und da es diesen nicht gut gefaßt hatte, die rechte Hand, die in einem Pelzhandschuhe steckte. Zum Glücke hatte dieser Aufschub den Verfolgern ermöglicht, die schon durch die Geschwindigkeit des Bären verlorene Strecke einzuholen und sich ihm zu nähern. Dieser hatte den Weg zum Lande genommen und wäre wohl mit seiner Beute entwischt, wenn er das Ufer erklettert hätte; als er jedoch an den Eisfuß kam, wandte er sich längs der Küste und blieb in dem rauhen, unebenen und zerbrochenen Eisfuße, wodurch seine Geschwindigkeit erheblich verzögert wurde, während die Verfolger auf dem ebenen Eise sich ihm rasch näherten. Nachdem ich auf diese Weise etwa 300 Schritt weit fortgeschleppt und durch den Shawl, dessen Ende der Bär mitgefaßt hatte, halb erdrosselt worden war, ließ mich
dieser endlich los, und gleich darauf beugte sich Koldewey mit einem, Gottlob, er lebt noch!“ über den daliegenden Körper. Wenige Schritte abseits stand der Bär, offenbar überlegend, was zu thun sei, bis ihn eine Kugel belehrte, daß es die höchste Zeit für ihn sei, sich davonzumachen. „An Verfolgung dachte niemand, da es zunächst galt, den Verwundeten an Bord zu schaffen....; die Hauptverletzungen waren am Kopfe, wo außer zahlreichen kleineren Bißwunden namentlich zwei 10—15 em lange Risse, deren Ränder /— 1 em von dem an einer Stelle bloßliegenden Schädel gelöst waren, die Kopfschwarte durchsetzten. Alle anderen Wunden, deren im ganzen etwa 20 vorhanden waren, und die wohl größtenteils nur von Stößen gegen die scharfen Ränder der Eisklumpen beim Hinschleppen über die rauhe, zerrissene Fläche herrührten, waren im Vergleiche hierzu unbedeutend. Es ist noch erwähnenswert, daß ich weder beim Empfangen noch später beim Heilen der Wunden, welches, dank unserer guten Verpflegung und der unbeschränkten Anwendung von Eis, sehr gut von La ging, Ba einen Schmerz empfand.” Ein zweiter Fall, wobei es freilich bloß demBären,a aber dem angegriffenen Men: schen übel erging, ereignete sich während des Sommers 1889 auf Spitzbergen. Augenzeugen waren Kükenthal und A. Walter, deren Expedition allein 18 Eisbären erlegte und 2 junge lebend heimbrachte. „Im Gebiete der Ostküste von Spitzbergen“, schreibt uns Kükenthal, „an der Festeiskante, welche sich zum Nordostlande hinaufzog, trafen wir eine außerordentliche Menge von Eisbären an, von denen wir im Laufe von 6 Wochen 18 erlegten und 2 lebend fingen. Die Tiere erschienen entweder einzeln oder in Familie oder truppweise. Die Familie bestand stets aus Mutter und 1 oder 2 Jungen; letztere folgen der Mutter auch noch als vorjährige Junge. In der Südmündung der Hinlopenstraße sahen wir nicht weniger als 17 Bären auf einmal auf dem Eise umherwandern, darunter einen Trupp von 6 Stück. Dem Menschen gegenüber zeigt sich der Eisbär harmlos. Er flieht ihn, wo er nur kann, auch wenn er verwundet wird. Nur einmal haben wir erlebt, daß er den Menschen ohne weiteres annahm. Unser Harpunier war mit ein paar nur mit Eispickel bewaffneten Fangleuten auf ein nicht weit vom Schiffe befindliches großes Eisfloß gegangen, um einen mächtigen Bären zu erlegen. Die Leute verteilten sich und marschierten gegen das Tier, um es, wie üblich, ins Wasser zu treiben und dort mühelos zu töten. Der Bär blieb plötzlich stehen, witterte und rannte spornstreichs auf einen der Fangleute zu. Dieser sprang aus dem weichen Schnee auf einen festen Eisblock und empfing den heranstürmenden Burschen, dem die Zunge lang aus dem Halse hing, mit einem tüchtigen Hiebe. Der Bär wich ein paar Schritte seitwärts, begann aber wieder aufs neue einzudringen. Trotz einiger wohlgezielten Hiebe auf den Schädel ließ er nicht ab und rückte unserem Manne so nahe auf den Leib, daß derselbe die Eisaxt gegen ihn anstemmen mußte. In diesem kritischen Augenblicke war der Harpunier endlich herangesprungen und verwundete den Bären durch eine Kugel, ohne daß derselbe von seinem täppischen Vordringen abgelassen hätte. Erst der nächste Schuß war tödlich. Beim Abfellen zeigte es sich, daß der Magen des Tieres absolut leer und auch der sonst ein paar Finger dicke Speck unter der Haut verschwunden war. Das Tier war jedenfalls vom äußersten Hunger getrieben. Dies zeigte das ganze Gebaren. Auffällig war uns auch der feste Schlaf der Eisbären. Einen auf dem Eise eingeschlafenen Bären mußten wir erst durch laute Zurufe erwecken, um ihn dann besser schießen zu können.“
Der Eisbär wird seines Fleisches, Fettes und seines Felles wegen gejagt, wo immer man ihn trifft. Man stellt ihm mit Schußwaffen, Lanzen und Fallen nach; manche Jäger sollen sich auch, wie Seemann berichtet, folgender List bedienen. Sie biegen ein etwa 10 cm breites und 60 em langes Stück Fischbein sprenkelförmig zusammen, umwickeln es mit Seehundsfett und lassen dieses gefrieren. Dann suchen sie den Bären auf, necken ihn
in J
256 Vierte Ordnung: Raubtiere; sechste Familie: Bären.
durch einen Pfeilschuß, werfen den Fettklumpen hin und flüchten. Der Bär beriecht diesen, findet, daß er verzehrt werden kann, verschluckt ihn und holt sich damit seinen Tod; denn in dem warmen Magen taut das Fett auf, das Fischbein schnellt auseinander und zerreißt ihm die Eingeweide. Ob derartige verdächtige Fettstücke von den mißtrauischen und „geneckten“ Tieren wirklich im ganzen verschlungen werden, bleibe dahingestellt. Immerhin aber genießen sie, wo sie sich sicher glauben, die verschiedenartigsten und merkwürdigsten Dinge und haben auch eine ganz besondere und keineswegs erfreuliche Vorliebe dafür, die Vorräte, welche Polarfahrer hier und da in den eisigen Einöden für spätere Zeiten niederlegen, zu untersuchen und sich anzueignen. Als bestes Schutzmittel gegen ihre Räubereien hat sich Sand erwiesen, mit dem man das Warenlager überdeckt, während man gleichzeitig Wasser darauf gießt, bis das Ganze von einer genügend dicken gefrorenen Schicht umhüllt ist. Holzhäuser erbrechen die Bären, Steinhaufen, Kisten, Fässer ꝛc. reißen sie nieder und auseinander und verzehren dann von den freigelegten Schätzen alles Denkbare, das sie hinunterwürgen können. Kane erzählt, daß ihm die Plünderer außer Fleisch und Schiffszwieback auch Kaffee, Segel und die amerikanische Flagge fraßen, überhaupt bloß mit den ganz eisernen Behältern nicht fertig werden konnten. Tobiesen wurden von ihnen zwei Fässer mit gesalzenen Fischen, die er in einem Winterhause zurückgelassen hatte, rein ausgeleert. Ein Eisbär, welcher von Me Clures Leuten während einer der zur Errettung Franklins ausgesandten Expeditionen getötet wurde, hatte seinen Magen vollgestopft mit Rosinen, Pökelfleisch, Tabak und Heftpflaster, eine Mahlzeit, die er nur an einer irgendwo zerstörten Niederlage im hohen Norden zu sich genommen haben konnte. Unseren deutschen Nordpolfahrern verschleppten die Eisbären die Meßapparate zur Bestimmung der Basislänge und die Steigeisen, fraßen ihnen während einer Schlittenreise den Zucker und die Stearinkerzen, zerkauten sogar die Kautschukflaschen, Tabakspäckchen und zogen den Kork aus der Spiritusflasche; ein wichtiges Tagebuch hatten sie glücklicherweise erst angebissen, als man den Unfug gewahr wurde und sie verjagte.
Die Jagd auf den Bären, wenn auch kaum gefährlich oder irgendwie besonders aufregend zu nennen, hat doch für den Unerfahrenen insofern ihre Schwierigkeiten, als das vorsichtige Tier sich vor dem nahenden Menschen beharrlich zurückzieht, wenn es nicht überhaupt gleich davonläuft. Nordenskiölds Leute jagten anfangs meist vergeblich auf die Eisbären, deren Fleisch und Speck für die ganze Gesellschaft von großer Wichtigkeit war. Sie schlichen ohne besondere Vorsicht den Bären nach, welche sich zeigten, und erzielten damit nur, daß die wachsamen Tiere zurückwichen. Infolge dieser Erfahrungen änderten sie die Jagdweise. „Sobald ein Bär in Sicht kam und wir Zeit hatten, uns ihm zu widmen“, schildert Nordenskiöld, „erhielten sämtliche Leute Befehl, sich im Zelte oder hinter dem Schlitten zu verstecken. Nun kam der Bär neugierig und voll Eifers, zu sehen, welche Gegenstände — vielleicht Seehunde! — sich auf dem Eise bewegten, herangetrabt, und wenn er so nahe war, daß er die fremdartigen Gegenstände beschnuppern konnte, empfing er 5 wohlgezielte Kugel.“ Gestellte Fallen weiß der Eisbär mit Klugheit und Geschick zu vermeiden. „Der gapitän eines Walfischfängers“, erzählt Scoresby, „welcher sich gern einen Bären verschaffen wollte, ohne die Haut desselben zu verletzen, machte den Versuch, ihn in einer Schlinge zu fangen, welche er mit Schnee bedeckt und vermittelst eines Stück Walfischspeckes geködert hatte. Ein Bär wurde durch den Geruch des angebrannten Fettes bald herbeigezogen,sah 1 die Lockspeise, ging hinzu und faßte sie mit dem Maule, bemerkte aber, daß sein Fuß in die ihm gelegte Schlinge geraten war. Deshalb warf er das Fleisch wieder ruhig hin, streifte mit dem anderen Fuße bedächtig die Schlinge ab und ging langsam mit feiner Beute davon. Sobald er das erste Stückchen in Ruhe verzehrt hatte, kam er wieder. Man hatte inzwischen
die Schlinge durch ein anderes Stück Speck geködert; der Bär war aber vorsichtig geworden, schob den bedenklichen Strick sorgfältig beiseite und schleppte den Köder zum zweiten Male weg. Jetzt legte man die Schlinge tiefer und die Lockspeise in eine Höhlung ganz innerhalb der Schlinge. Der Bär ging wieder hin, beroch erst den Platz ringsumher, kratzte den Schnee mit seinenTatzen weg, schob den Strick zum dritten Male auf die Seite und bemächtigte sich nochmals der dargebotenen Mahlzeit, ohne sich in Verlegenheit zu setzen.“
Auch junge Eisbären zeigen ähnliche Überlegung und versuchen es auf alle mögliche Weise, sich aus den Banden zu befreien, mit denen der Mensch sie umstrickte. Der eben genannte Berichterstatter erzählt auch hiervon ein Beispiel. „Im Juni 1812 kam eine Bärin mit zwei Jungen in die Nähe des Schiffes, welches ich befehligte, und wurde erlegt. Die Jungen machten keinen Versuch zu entfliehen und konnten ohne besondere Mühe lebendig gefangen werden. Sie fühlten sich anfangs offenbar sehr unglücklich, schienen sich nach und nach aber doch mit ihrem Schicksale auszusöhnen und wurden bald einigermaßen zahm. Deshalb konnte man ihnen zuweilen gestatten, auf dem Verdecke umherzugehen. Wenige Tage nach ihrer Gefangennahme fesselte man den einen mit einem Stricke, den man ihm um den Hals gelegt hatte, und warf ihn dann über Bord, um ihm ein Bad im Meere zu gönnen. Das Tier schwamm augenblicklich nach einer nahen Eisscholle hin, kletterte an ihr hinauf und wollte entfliehen. Da bemerkte es, daß es von dem Stricke zurückgehalten wurde, und versuchte sofort, sich von der lästigen Bande zu befreien. Nahe am Rande des Eises fand sich eine lange, aber nur schmale und kaum metertiefe Spalte. Zu ihr ging der Bär, und indem er über die Offnung hinüberschritt, fiel ein Teil des Strickes in die Spalte hinein. Darauf stellte er sich quer hinüber, hing sich an seinen Hinterfüßen, welche er zu beiden Seiten auf den Rand der Spalte legte, auf, senkte seinen Kopf und den größten Teil des Körpers in die Schlucht und suchte dann mit beiden Vorderpfoten den Strick über den Kopf zu schieben. Er bemerkte, daß es ihm auf diese Weise nicht gelingen wollte, frei zu werden, und sann deshalb auf ein anderes Mittel. Plötzlich begann er mit größter Heftigkeit zu laufen, jedenfalls in der Absicht, das Seil zu zerreißen. Dies versuchte er zu wiederholten Malen, indem er jedesmal einige Schritte zurückging und einen neuen Anlauf nahm. Leider glückte ihm auch dieser Befreiungsversuch nicht. Verdrießlich brummend legte er sich auf das Eis nieder.“