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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Es ist höchst wahrscheinlich, daß die meisten Eisbären keinen Winterschlaf halten. Ein geringerer oder größerer Kältegrad ist ihnen gleichgültig; es handelt sich für sie im Winter bloß darum, ob das Wasser dort, wo sie sich befinden, offen bleibt oder nicht. Einige Beobachter jagen, daß die alten Männchen und jüngeren oder nichtträchtigen Weibchen nie= mals Winterschlaf halten, sondern beständig umherschweifen. So viel ist sicher, daß man sie den ganzen Winter hindurch sieht und jagt, mit Ausnahme trächtiger Weibchen. Allerdings leben die Tiere während des Winters an der See, meistens am Rande des Eises. Die trächtigen Bärinnen dagegen ziehen sich gerade im Winter zurück und bringen in den kältesten Monaten ihre Jungen zur Welt. Bald nach der Paarung, welche in den Juli fallen soll, bereitet sich die Bärin ein Lager unter Felsen oder überhängenden Eisblöcken oder gräbt sich wohl auch eine Höhlung in dem Schnee und läßt sich hier einschneien. Bei der Menge von Schnee, welche in jenen Breiten fällt, währt es nicht lange, bis ihre Winterwohnung eine dicke und ziemlich warme Decke erhalten hat. Ehe sie das Lager bezog, hatte sie sich eine tüchtige Menge von Fett gesammelt, und von ihm zehrt sie während des ganzen Winters; denn sie verläßt ihr Lager nicht eher wieder, als bis die Frühlingssonne bereits ziemlich hoch steht. Mittlerweile hat fie ihre Jungen geworfen. Man weiß, daß diese nach 6—7 Monaten ausgetragen sind, und daß ihre Anzahl zwischen eins und drei schwankt, gewöhnlich aber zwei beträgt; genauere Beobachtungen sind nicht gemacht worden. Nach Aussage der nördlichen Völkerschaften sollen die jungen Eisbären kaum größer oder nicht einmal so groß als Kaninchen sein, Ende März oder Anfang April aber bereits die Größe kleiner Pudel erlangt haben. Weit eher als die Kinder des Landbären begleiten sie ihre Alte auf deren Zügen. Sie werden von ihr auf das sorgfältigste und zärtlichste gepflegt, genährt und geschützt. Die Mutter teilt auch dann noch, wenn sie schon halb oder fast ganz erwachsen sind, alle Gefahren mit ihnen; schon in der ersten Zeit der Jugend lehrt sie ihnen das Gewerbe betreiben, nämlich schwimmen und Fischen nachstellen. Die kleinen, niedlichen Gesellen

begreifen das eine wie das andere bald, machen sich die Sache aber so bequem wie möglich und ruhen z. B. auch noch dann, wenn sie bereits ziemlich groß geworden sind, bei Ermüdung behaglich auf dem Rücken ihrer Mutter aus.

Entdecker und Fangschiffer haben uns rührende Geschichten von der Aufopferung und Liebe der Eisbärenmutter mitgeteilt. „Eine Bärin“, erzählt Scoresby, „welche zwei Junge bei sich hatte, wurde von einigen bewaffneten Matrosen auf einem Eisfelde verfolgt. Anfangs schien sie die Jungen dadurch zu größerer Eile anzureizen, daß sie voranlief und sich immer umsah, auch durch eigentümliche Gebärden und einen besonderen, ängstlichen Ton der Stimme die Gefahr ihnen mitzuteilen suchte; als sie aber sah, daß ihre Verfolger ihr zu nahe kamen, mühte sie sich, jene vorwärts zu treiben, zu schieben und zu stoßen, entkam auch wirklich glücklich mit ihnen.“ Eine andere Bärin, welche von Kanes Leuten und deren Hunden aufgefunden wurde, schob ihr Junges immer etwas weiter, indem sie es mit dem Kopfe zwischen Hals und Brust klemmte oder von oben mit den Zähnen packte und fortschleppte. Abwechselnd hiermit trieb sie die sie verfolgenden Hunde zurück. Als sie erlegt worden war, trat das Junge auf ihre Leiche und kämpfte gegen die Hunde, bis es, durch einen Schuß in den Kopf getroffen, von seinem Standpunkte herabfiel und nach kurzem Todeskampfe verendete. Berichte aus neuerer Zeit bestätigen diese Beobachtungen; anders aber steht es mit der Wildheit und Furchtbarkeit, die man früher dem Eisbären als hervorragende Eigenschaften zuerkannt hat.

Man erzählt sich viele Unglücksfälle, welche durch ihn herbeigeführt worden sind, und gar mancher Walfänger soll die Tollkühnheit, einen Eisbären bekämpfen zu wollen, mit seinem Leben bezahlt haben. „Wenn man den Bären im Wasser antrifft“, sagt Scoresby, „kann man ihn gewöhnlich mit Vorteil angreifen; wenn er aber am Ufer oder auf beschneitem oder glattem Eise, wo er mit seinen breiten Tatzen noch einmal so schnell fortzukommen vermag als ein Mensch, sich befindet, kann er selten mit Sicherheit oder gutem Erfolge bekämpft werden. Bei weitem die meisten Unglücksfälle wurden durch die Unvorsichtigkeit solcher Angriffe herbeigeführt. Ein trauriger Vorfall ereignete sich mit einem Matrosen eines Schiffes, welches in der Davisstraße vom Eise eingeschlossen war. Wahrscheinlich durch den Geruch der Lebensmittel angelockt, kam ein dreister Bär endlich bis dicht an das Schiff heran. Die Leute waren gerade mit ihrer Mahlzeit beschäftigt, und selbst die Deckwachen nahmen daran teil. Da bemerkte ein verwegener Bursche zufällig den Bären, bewaffnete sich rasch mit einer Stange und sprang in der Absicht auf das Eis hinaus, die Ehre davonzutragen, einen so übermütigen Gast zu demütigen. Aber der Bär achtete wenig auf das elende Gewehr, packte, wohl durch Hunger gereizt, seinen Gegner sofort mit den furchtbaren Zähnen im Rücken und trug ihn mit solcher Schnelligkeit davon, daß Raubtier und Matrose schon weit entfernt waren, ehe die Gefährten des Unglücklichen ihm zu Hilfe kommen konnten.“ Ein andermal rettete sich ein Seemann, der einen Bären mit der Lanze angreifen wollte, aber schließlich den Mut verlor, vor dem ihm nachsetzenden Bären dadurch, daß er nach und nach Lanze, Handschuhe und Hut hinwarf, deren genaue Untersuchung den Verfolger immer wieder so lange aufhielt, daß der Seemann mittlerweile seine Gefährten erreichen konnte.

Derartige Erzählungen von wirklichen Unglücksfällen und mancherlei weniger ernsthaften Abenteuern enthalten häufig Reiseberichte aus älterer, selten aber solche aus neuerer Zeit. Um die teilweise recht schroffen Widersprüche zu erklären, hat man die Wahl, anzunehmen, daß damals die Gefährlichkeit des Eisbären recht sehr überschätzt worden ist, oder daß er seitdem, vielleicht infolge einer besseren Bekanntschaft mit dem Menschen, sein grimmiges Wesen bedeutend geändert hat. Jedenfalls ist die Vorstellung, die man, mit Vernachlässigung seines sonstigen Wesens, von seiner Gefährlichkeit durch allzu eifrige

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252 Vierte Ordnung: Raubtiere; sechste Familie: Bären.

Verallgemeinerung vereinzelter und nicht immer klar dargelegter Unglücksfälle gewonnen hat, nicht zutreffend. Die Gesamterfahrung derjenigen, die ihn in den letzten Jahrzehnten viel beobachtet und gejagt haben, spricht durchaus dagegen. Lamont, der im eigenen Lustschiffe Jagdreisen auch nach dem hohen Norden unternommen hat, schreibt darüber: „Ich halte den Eisbären für das stärkste Raubtier der Erde; gleich allen übrigen wilden Tieren wird er aber, sehr seltene Fälle ausgenommen, dem Menschen nicht entgegentreten, solange er ihm auszuweichen vermag; und ich glaube, die Geschichten von feiner Wildheit und Bösartigkeit, welche uns von den früheren Befahrern des Eismeeres überliefert worden sind, beruhen auf grober Übertreibung, wenn nicht auf bloßer Erfindung.“ Und Nordenskiöld faßt seine eigenen und vieler ihm bekannter Fangschiffer Erfahrungen in folgenden Sätzen zusammen: „Begegnet man unbewaffnet einem Eisbären, so genügen gewöhnlich einige heftige Bewegungen und Schreien, um ihn zu verscheuchen, flieht man aber selbst, so kann man sicher sein, ihn bald hinter sich auf den Fersen zu haben. Wird der Bär verwundet, so flieht er stets. Oft legt er mit der Tatze Schnee auf die Wunde, und mitunter gräbt er im Todeskampfe mit den Branten ein Loch in den Schnee, um seinen Kopf darin zu verbergen. Wenn man vor Anker liegt, schwimmt ein Bär mitunter nach dem Fahrzeuge hin- |

|aus, und schlägt man in entlegenen Gegenden sein Zelt auf, so findet man häufig des Mor— 1

gens einen Bären in der Nachbarschaft, welcher während der Nacht das Zelt umschnuppert hat, ohne einzudringen zu wagen. Früher erregte der Anblick eines Eisbären Schrecken bei den Polarfahrern, jetzt aber zögern die Fangmänner nicht, sofort mit der Lanze angriffsweise selbst gegen eine größere Schar Bären vorzugehen. Auf das Gewehr verlassen sie sich weniger. Sie haben manchmal in kurzer Zeit bis zu zwölf Stück mit der Lanze getötet. Chydenius schoß innerhalb weniger Minuten drei Bären dicht bei seinem Zelte. Ich kenne nur eine einzige Gelegenheit, bei welcher ein norwegischer Fangmann von einem Bären ˙C»ai ernstlich beschädigt wurde.“

Nicht anders zeigt sich das verrufene Tier im fernen Nordwesten, südlich und nördlich von der Beringstraße. H. Elliott, einer der sehr wenigen Menschen, welche die St. Matthäusinsel überhaupt betraten, der zudem daselbst Hunderte von Bären angetroffen hat, berichtet darüber: „Während der neuntägigen Vermessung der Insel gab es auch nicht einen Augenblick, daß wir nicht Bären in unserem Gesichtskreise gehabt hätten. Sei es nun, daß sie vollkommen gesättigt waren, sei es, daß das Sommerwetter sie mild gestimmt hatte, jedenfalls konnten wir kein einziges der Tiere dazu bewegen, uns feindlich gegenüberzutreten. Ihr erstes und letztes Bestreben war Fliehen — Männchen, Weibchen, Junge — sie alle, wenn wir ihnen zu Leibe gingen, liefen in allen Richtungen davon, über die Hügel und weit hinweg. Nachdem wir ein halbes Dutzend geschossen, vernichteten wir keinen mehr, denn sie waren im Haarwechsel begriffen und ihre Felle demzufolge wertlos.“ Pechuel— Loesche schließlich hat sein Urteil über das Wesen der Eisbären in den höheren Breiten jener Gebiete folgendermaßen abgegeben: „Wo Seehunde und Walrosse lagern, da ist der Eisbär unvermeidlich. Uns machte es stets viel Vergnügen, die Bewegungen dieser Räuber zu verfolgen, wie sie hier und da zwischen den Unebenheiten des Packeises auftauchten, bald

a ein Wasserloch durchschwammen, bald eine Erhöhung bestiegen, um von ihr aus bedächtig 3 Umschau zu halten, immer berechnend, wie ein argloser Seehund am besten zu beschleichen sei. Man findet sie in der Nähe der Küsten, oft auch Tagereisen weit davon im offenen Meere, meistens aber auf dem Eise. Unermüdlich durchstreifen fie ihr weites Reich, alles fressend, was sie erlangen und bezwingen können, und zwar keineswegs bloß Fleisch, sondern am Lande auch Beeren, Gras und Kräuter. Gesättigt, treiben sie mitunter Allotria, jagen und balgen sich auf dem Eise im lustigen Durcheinander. Auf solchen Spielplätzen ist der Schnee zertrampelt und zerwühlt, geneigte Flächen scheinen sogar als Rutschbahnen

benutzt worden zu sein, und die breiten Fährten sowie Flocken vom Pelze verraten, wer daselbst gehaust hat. Der Polarbär wird seiner riesigen Kraft und Größe, seiner Vielseitigkeit wegen nicht mit Unrecht König des Eismeeres genannt. Er besitzt außerordentliche Schärfe der Sinne und zeigt in seinen Anschlägen eine erstaunliche Schlauheit, verliert aber, in der Nähe besehen, wie die meisten reißenden Tiere, sehr viel von seiner Schrecklichkeit. Auch ihm ist es ergangen wie seinem Vetter, dem grauen Bären: Erzählungen von einzelnen grausigen Abenteuern haben die ganze Art in Verruf gebracht. Er wehrt sich seiner Haut, wenn es unbedingt sein muß, doch flieht er den Menschen, solange er kann, und selbst gereizt oder gar verwundet, greift er sehr selten an. Sollte er es aber doch einmal thun, dann ist er freilich ein achtungswerter Gegner, dem gegenüber nur kaltes Blut und ein zuverlässiges Gewehr die Gefahr beseitigen. Die Jagd im Wasser, wobei man mit dem Boote dicht an das schnell schwimmende und geschickt tauchende Tier heranfährt, ist ein bloßes Abschlachten. Des erschossenen muß man sich sogleich bemächtigen, weil nicht feiste Bären manchmal überraschend schnell versinken. Feig möchte ich übrigens die Eisbären nicht nennen, sondern bloß bedächtig, vorsichtig und schreckhaft, zugleich aber täppisch neugierig. Auch unter ihnen mag hier und da ein wirklich bösartiger Bursche, ein echter Raufbold vorkommen, und ein vom Hunger gepeinigter mag auch einmal seine Scheu vor dem Menschen ablegen und sich an ihm vergreifen; aber die meisten der schlimmen Geschichten, die über sie verbreitet worden sind, beruhen wohl auf irrtümlicher Auffassung mancher Vorgänge. Die Bären sind neugierig und freßlustig; irgend etwas Lebendiges auf den weiten Schnee- und Eiswüsten reizt sie zur Untersuchung. So nähern sie sich auch dem Menschen und kommen manchmal ganz dreist selbst eiligen Laufes recht dicht heran. Wer nicht Jäger und mit ihrem Wesen nicht vertraut ist, mag sich dann für angegriffen halten, und wer flieht, mag die Tiere auch zum Nachtrollen verlocken, aber einer ernsthaften Gefahr wird er unter hundert Fällen kaum einmal ausgesetzt sein.“ In Ostgrönland zeigt der Eisbär dasselbe Verhalten. „Begegnungen mit Eisbären“, schreiben Copeland und Payer, „haben den ungleichartigsten Ausgang. Es geschieht nicht selten, daß eine Abteilung Schlittenreisender, wenn sie durch Zeitmangel und dringende Umstände genötigt wird, auf die Jagd zu verzichten, an einem oder mehreren Eisbären vorbeizieht, die sich oft in einer Entfernung von wenigen Schritten befinden und durch ihre Haltung kein anderes Gefühl als das der Neugierde und des Staunens verraten. Oder aber sie begnügen sich damit, den Schlitten, den Kopf beständig nach demselben hingewendet, zu umgehen. Eine Situation, die dagegen ebenso gefährlich wie komisch war, erlebte Klentzer, einer unserer Matrosen, im Winterhafen. Klentzer schritt unbewaffnet an den Abhängen des Germaniaberges hin, als er, an 2000 Schritt vom Schiffe entfernt, nahe hinter sich einen Bären gewahrte. Die unglaubliche, jeden Fluchtversuch vereitelnde Schnelligkeit dieser Tiere war ihm bekannt, ebenso die schon oft erfolgreich angewandte List, ihre Aufmerksamkeit durch fortgesetztes Fallenlassen von Gegenständen abzulenken, während man durch unbeschleunigtes Fortschreiten und Hilferufen dem schützenden Bereiche des Schiffes näher zu kommen trachtet. Also warf er nach und nach Kapuze, Handschuhe, Stock ꝛc. von sich, welche Gegenstände der Bär einzeln zerzauste. Doch stand derselbe endlich neben ihm und beroch, gleich einem Hunde, seine Hand. Da faßte der Mann, welcher unausgesetzt um Hilfe rief, den ebenso verzweifelten wie ohnmächtigen Entschluß, seinen Feind mittels des abgenommenen Leibriemens zu erwürgen, falls er ihn angriff. Sein durchdringender Hilferuf wurde beim Schiffe gehört. Wir machten uns eilig bewaffnet, doch war der schlimmste Ausgang zu befürchten. Die große Entfernung gewährte dem Bären Muße, sein Opfer zehnmal zu vernichten, aber er überlegte so lange, bis ihn unsere Annäherung, Rufe und Schüsse zur Flucht trieben. Diese führte über scharf abfallende Felsgruppen, — er war wie weggeblasen.

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