All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 64 of 185

gelegentlich an einzelnen Menschen vergreifen mag; Sterndale nimmt an, daß solche Angriffe nur von überraschten Müttern, die ihre Jungen bedroht glauben, gewagt werden. Eine Reihe von Fällen, die Mason als Belege für die Gefährlichkeit des malayischen Bären anführt, haben sich, laut Blanford, als irrtümlich herausgestellt: nicht von diesem, sondern von dem Kragenbären wurden die Übelthaten begangen.

Er soll in seiner Heimat nicht selten gefangen gehalten werden, weil man ihn als einen ebenso drolligen wie gutmütigen und harmlosen Gesellen selbst Kindern zum Spielgenossen

Biruang (Ursus malayanus). ½2 natürl. Größe.

geben und nach Belieben im Gehöfte umherstreifen lassen dürfe. Sir Stamford Raffles, welcher einen dieser Bären besaß, konnte ihm den Aufenthalt in der Kinderstube gestatten und war niemals genötigt, ihn durch Anlegen an die Kette oder durch Schläge zu bestrafen. Mehr als einmal kam er ganz artig an den Tisch und bat sich etwas zu fressen aus. Dabei zeigte er sich als ein echter Gutschmecker, da er von den Früchten bloß Mangos verzehren und nur Schaumwein trinken wollte. Der Wein hatte für ihn einen unendlichen Reiz, und wenn er eine Zeitlang sein Lieblingsgetränk vermissen mußte, schien er die gute Laune zu verlieren. Aber dieses vortreffliche Tier verdiente auch ein Glas Wein. Es wurde im ganzen Hause geliebt und geehrt und betrug sich in jeder Hinsicht musterhaft; denn es that nicht einmal dem kleinsten Tiere etwas zuleide. Mehr als einmal nahm es sein Futter mit dem Hunde, der Katze und dem kleinen Papagei aus einem und demselben Gefäße. Auch Me Master berichtet in ähnlicher Weise von einem Lieblinge, den er in Barma erhalten hatte, und der mit einem zahmen Otter sowie mit einem großen weißen Pudel in bester Freundschaft lebte. Dieser Bär war nicht zu bewegen, Fleisch in irgend welcher Gestalt oder Zubereitung zu sich zu nehmen; ein zweiter zahm gehaltener liebte es ungemein, Kirschbranntwein zu trinken. Noch ein anderer Biruang war gewöhnt worden, ebensogut tierische wie Pflanzennahrung zu sich zu nehmen. Letztere behagte ihm jedoch immer am besten, und Brot und Milch bildeten entschieden seine Lieblingsspeise. Davon konnte er in einem Tage mehr als 5 kg verbrauchen. Die Speisen nahm er auf sehr eigentümliche Weise zu sich, indem er sich auf die Hinterfüße setzte, die lange Zunge unglaublich weit herausstreckte, den Bissen damit faßte und durch plötzliches Einziehen in den Mund brachte. Während dies geschah, führte er die sonderbarsten und auffallendsten Bewegungen mit den Vordergliedern aus und wiegte seinen Körper mit unerschöpflicher Ausdauer von der einen Seite zur anderen. Seine Bewegungen waren auffallend rasch und kräftig und ließen vermuten, daß er im Notfalle einen umfassenden und wirksamen Gebrauch feiner starken Glieder machen könne.

Ganz anders, wenigstens soweit meine Erfahrungen reichen, zeigt sich der Biruang bei uns als Käfiggefangener. Als solchen habe ich ihn mehrfach gesehen und wiederholt gepflegt: er erscheint dumm, aber nichts weniger als gutmütig, eher verstockt und tückisch. Der besten Pflege ungeachtet befreundet er sich selten mit seinem Wärter. Er nimmt das ihm vorgehaltene Brot scheinbar mit Dank an, zeigt aber durchaus keine Erkenntlichkeit, sondern eher Lust, dem Nahenden gelegentlich einen Tatzenschlag zu versetzen. Strafen fruchten gar nichts. Sehr widerlich ist feine Unreinlichkeit, nicht minder unangenehm feine un-bezähmbare Sucht, alles Holzwerk seiner Käfige zu zernagen. Er zerfrißt Balken und dicke Eichenstämme und arbeitet dabei mit einer Unverdrossenheit, welche einer besseren Sache würdig wäre. Auch von diesem Bären wird das Herz und namentlich die Galle als Arznei geschätzt und, laut Bock, auf Sumatra von chinesischen Kaufleuten gut bezahlt. Auf Borneo verwenden die Dajaken das Fell zur Anfertigung von Kopfbedeckungen.

Wenn nach der Ansicht einiger Naturforscher die ziemlich geringen Unterschiede in der Gestalt und Lebensweise unserer Landbären schon hinreichend erscheinen, um sie eigenen

Arten einzureihen, erklärt es sich, daß man den Eisbären (Ursus maritimus, U. marinus, polaris und albus, Thalassarctos maritimus und polaris) als Vertreter einer selbständigen Gattung betrachtet hat. Die ersten Seefahrer, welche von ihm sprechen, glaubten in ihm freilich bloß eine Abart unseres Meister Petz zu entdecken, dessen Fell der kalte Norden mit seiner ihm eigentümlichen Schneefarbe begabt habe; dieser Irrtum währte jedoch nicht lange, weil man sehr bald die wesentlichen Unterschiede wahrnahm, welche zwischen dem Land⸗ und dem Eisbären bestehen. Letzterer unterscheidet sich von den bis jetzt genannten

Arten der Familie durch den gestreckten Leib mit langem Halse und kurzen, starken und kräftigen Beinen, deren Füße weit länger und breiter sind als bei den anderen Bären, und deren Zehen starke Spannhäute fast bis zur Hälfte ihrer Länge miteinander verbinden. Er it der bei weitem größte aller Bären; denn bei einer Schulterhöhe von 153—1, m erreicht er eine Länge von 2,5— 2,8 m und ein Gewicht bis zu 600 kg, ja in recht feistem Zustande bis an 800 kg. Roß wog ein Männchen, welches, nachdem es etwa 12 kg Blut verloren hatte, noch immer 513 kg schwer war, und Lyon bestimmte das Gewicht eines anderen zu 725 kg. Von 17 Eisbären, die in der Beringstraße und benachbarten Gebieten erlegt wurden, näherten sich, laut Pechuel-Loesche, 5 dem oben angegebenen höchsten Gewichte; ein starker Bär liefert in seiner besten Zeit allein an 180 kg Fett.

Der Leib des Eisbären ist weit plumper, aber dennoch gestreckter, der Hals bedeutend dünner und länger als bei dem gemeinen Bären, der Kopf länglich, niedergedrückt und ver-hältnismäßig schmal, das Hinterhaupt sehr verlängert, die Stirn platt, die hinten dicke Schnauze vorn spitz; die Ohren sind klein, kurz und sehr gerundet, die Nasenlöcher weiter geöffnet und die Rachenhöhle minder tief gespalten als bei dem Landbären. An den Beinen sitzen bloß mittellange, dicke und krumme Krallen; der Schwanz ist sehr kurz, dick und stumpf, kaum aus dem Pelze hervorragend. Die lange, zottige, reiche und dichte Behaarung besteht aus kurzer Wolle und aus schlichten, glänzenden, weichen und fast wolligen Grannen, welche am Kopfe, Halse und Rücken am kürzesten, am Hinterteile, dem Bauche und an den Beinen am längsten sind und auch die Sohlen bekleiden. Auf den Lippen und über den Augen befinden sich wenige Borstenhaare; den Augenlidern fehlen die Wimpern. Mit Ausnahme eines dunkeln Ringes um die Augen, des nackten Nasenendes, der Lippenränder und der Krallen, trägt der Eisbär ein Schneekleid, welches bei den jungen Tieren von reinem Silberweiß ist, bei älteren aber, wie man annimmt, infolge der thranigen Nahrung einen gelblichen Anflug bekommt. Die Jahreszeit übt nicht den geringsten Einfluß auf die Färbung aus.

Der Eisbär bewohnt den höchsten Norden der Erde, den eigentlichen Eisgürtel des Poles, und findet sich bloß da, wo das Wasser einen großen Teil des Jahres hindurch oder beständig, wenigstens teilweise, zu Eis erstarrt. Wie weit er nach Norden hinaufgeht, konnte bisher noch nicht ermittelt werden; soweit der Mensch aber in jenen unwirtlichen Gegenden vordrang, hat er ihn als lebensfrischen Bewohner des lebensfeindlichen Erdgürtels gefunden, während er nach Süden hin bloß ausnahmsweise noch unter dem 55. Grade nördlicher Breite bemerkt worden ist. Er gehört keinem der drei nördlichen Erdteile ausschließlich, sondern allen nördlichen Erdteilen gemeinschaftlich an. Von keinem anderen Wesen beirrt oder gefährdet, der eisigsten Kälte und den fürchterlichsten, uns schier undenkbaren Unwettern sorglos trotzend, streift er dort durch Land und Meere über die eisige Decke des Wassers oder durch die offenen Wogen, und im Notfalle muß ihm der Schnee selbst zur Decke, zum Schutze, zum Lager werden. An der Ostküste von ganz Amerika, um die Baffin- und Hudsonbai herum, in Grönland und Labrador, auf Spitzbergen und anderen Inseln ist er gemein und ebensowohl auf dem festen Lande wie auf dem Treibeise zu erblicken. In Asien ist die Insel Nowaja Semlja sein Hauptsitz; aber auch auf Neusibirien, selbst auf dem Festlande, bemerkt man ihn, obgleich bloß dann, wenn er auf Eisschollen angetrieben wird. So landet er auch manchmal in Lappland und kommt auch nach Island. In Amerika zeigt er sich da am häufigsten, wo der Mensch ihm am wenigsten nachstellt. Nach Aussagen der Eskimos, seiner hauptsächlichsten Feinde, erscheint er auf dem Festlande nur in seltenen Fällen jenseits des Mackenzieflusses, verbreitet sich somit weit weniger im Westen Amerikas als im Osten. Nach Süden hinab geht er bloß unfreiwillig, wenn ihn große Eisschollen dahintragen. Man hat häufig Eisbären gesehen, welche auf diese Weise mitten im sonst eisfreien Wasser und weit von den Küsten entfernt dahintrieben. Im allgemeinen ziehen sie sich jedoch

ISBAR. E

EISBÄR.

im Sommer mehr nach Norden zu den bleibenden Eismassen zurück, an deren Ränder das arktische Tierleben vorzugsweise gebunden ist. Manchmal treten sie zu Dutzenden oder in noch viel zahlreicheren Scharen vereinigt auf. Scoresby berichtet, daß er einstmals an der Küste von Grönland wohl 100 Eisbären beisammen traf, von denen 20 getötet werden konnten. Als ein wirkliches Eisbärenreich ist die unbewohnte Insel St. Matthäus im Beringmeere zu betrachten, die von ihnen förmlich wimmelt; Hunderte von ihnen hausen hier ungestört und abgeschlossen von aller Welt. Auch nördlich von der Beringstraße sind sie häufig und versammeln sich bei einem reichlichen Fraße manchmal in größerer Anzahl. „Wir sahen“, schreibt Pechuel-Loesche, „auf einem Eisfelde eine ungewöhnlich zahlreiche Bärenversammlung, die doch sicherlich ihre besondere Ursache haben mußte. Diese blieb uns auch nicht lange verborgen. Am Rande des Feldes lag angetrieben der aufgedunsene Leichnam eines Wales, und die Bären hatten sich zu einem Schmause eingefunden. Es war ein lustiges Bild, diese weißgekleideten Festteilnehmer, deren einige sich bei der immerhin schwierigen Zerlegung des Fleischberges in greulicher Weise besudelt hatten, ihr Strandrecht ausüben zu sehen. Über unsere Ankunft waren sie sehr ungehalten und schienen nicht übel Lust zu haben, dem herannahenden Boote die Beute streitig zu machen. Als aber der stattlichste Bursche mit zerschossenem Genicke zusammenbrach und ein zweiter schlimm verwundet war, nahmen sie merkwürdig schnell Reißaus. Wie eine Meute grollender Wölfe umkreisten sie uns dann in sicherer Entfernung, und unter allerhand ungeschlachten Drohbewegungen warteten sie auf unseren Abzug.“ Die Bewegungen des Eisbären sind im ganzen plump, aber ausdauernd im höchsten Grade. Dies zeigt sich zumal beim Schwimmen, in welchem der Eisbär seine Meisterschaft an den Tag legt. Die Geschwindigkeit, mit welcher er sich stundenlang gleichmäßig und ohne Beschwerde im Wasser bewegt, schätzt Scoresby auf 4 — 5 km in der Stunde. Die große Masse seines Fettes, falls er wirklich wohlgenährt ist, kommt ihm vortrefflich zu statten, da sie das Eigengewicht seines Leibes so ziemlich dem des Wassers gleichstellt. Daher vermag er auch tagelang unabsehbare Wasserflächen zu durchschwimmen und wird oft weit von Land und Eis im offenen Meere angetroffen. Nach Pechuel-Loesches Beobachtungen begibt er sich, solange er nicht hart bedrängt wird, stets mit dem Hinterteile voran ins Wasser und läßt sich in sehr komisch aussehender, fast ängstlich behutsamer Weise hineingleiten. Ebenso ausgezeichnet, wie er sich auf der Oberfläche des Wassers bewegt, versteht er zu tauchen. Man hat beobachtet, daß er Lachse aus der See geholt hat, und muß nach diesem seine Tauchfähigkeit allerdings im höchsten Grade bewundern. Auch auf dem Lande ist er keineswegs so unbehilflich und ungeschickt, wie es den Anschein hat. Sein gewöhnlicher Gang ist zwar langsam und bedächtig, wenn er aber in seinen scheinbar plumpen Paß oder Galopp verfällt, bewegt er sich selbst auf unebenem Eise oder Gelände mit überraschender Geschwindigkeit und weiß dabei mit großer Umsicht allenthalben die bequemsten Wege auszufinden. Dabei sind seine Sinne ausnehmend scharf, besonders das Gesicht und der Geruch. Wenner über große Eisfelder geht, steigt er, nach Scoresby, auf die Eisblöcke und sieht nach Beute umher. Tote Walfische oder ein in das Feuer geworfenes Stück Speck wittert er auf unglaubliche Entfernungen.

Die Nahrung des Eisbären besteht aus fast allen Tieren, welche das Meer oder die armen Küsten seiner Heimat bieten. Seine furchtbare Stärke, welche die aller übrigen bärenartigen Raubtiere noch erheblich übertrifft, und die erwähnte Gewandtheit im Wasser machen es ihm ziemlich leicht, sich zu versorgen. Seehunde verschiedener Art bilden sein bevorzugtes Jagdwild, und er ist schlau und geschickt genug, diese klugen und behenden Tiere zu erlangen. Wenn er eine Robbe von ferne auf dem Trockenen liegend erblickt, senkt er sich still und geräuschlos ins Meer, schwimmt gegen den Wind ihr zu, nähert sich ihr mit

der größten Vorsicht und taucht plötzlich von unten nach dem Tiere empor, welches nun regelmäßig seine Beute wird. Die Robben pflegen in jenen eisigen Gegenden nahe an Löchern und Spalten des Eises zu liegen, welche ihren Weg nach dem Wasser vermitteln. Diese Offnungen findet der unter der Oberfläche des Meeres dahinschwimmende Eisbär mit außerordentlicher Sicherheit auf, und plötzlich erscheint der gefürchtete Kopf des entsetzlichsten Feindes der unbehilflichen Meereshunde sozusagen in deren eigenem Hause oder in dem einzigen Fluchtgange, welcher sie möglicherweise retten könnte. Fische weiß der Eisbär zu erbeuten, indem er tauchend ihnen nachschwimmt oder sie in Spalten zwischen dem Eise treibt und hier herausfängt. Landtiere überfällt er bloß dann, wenn ihm andere Nahrung mangelt; Renntiere, Eisfüchse und Vögel sind jedoch keineswegs sicher vor ihm. Osborne sah einer Bärenmutter zu, welche Steinblöcke umwälzte, um ihre Jungen mit Lemmingen zu versorgen, und Brown sowie Kükenthal bemerkten, daß er den Eiderenten große Mengen von Eiern auffrißt. Er pflegt überhaupt selbst schwer zugängliche Brutplätze der Seevögel regelmäßig zu besuchen, um von dem Überflusse an Eiern und Nestlingen Zoll zu erheben, wobei er unter Umständen große Kletterkunst entwickelt. Aas nimmt er ebenso gern wie frisches Fleisch, soll auch nicht einmal den Leichnam eines anderen Eisbären verschmähen. In den Meeren, welche von Robbenschlägern und Walfängern besucht werden, liefern ihm die abgehäuteten und abgespeckten Leichen der Seehunde und Wale eine ebenso bequeme wie reichliche Nahrung. Er ist jedoch keineswegs ausschließlich Fleischfresser, sondern nimmt, wo er es haben kann, auch Pflanzenstoffe, besonders Beeren, Gras und Moos, zu sich, wie allen denen, die oft mit Eisbären zusammengetroffen sind, wohl bekannt ist. Manche alte Burschen scheinen im Sommer und an günstigen Orten vorwiegend, wenn nicht ausschließlich, Pflanzenfresser zu sein, wofür der Mageninhalt getöteter untrügliche Beweise geliefert hat.

Continue reading
Page 64 of 185