Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II.
er weit weniger zuzusetzen hatte als die beiden ersten Jungen, welche sehr wohlgenährt angekommen waren. Gefangene Baribals geben fortwährend Gelegenheit, zu beobachten, wie leicht und geschickt sie klettern. Wenn sie durch irgend etwas erschreckt werden, springen sie mit einem Satze ungefähr 2 m hoch bis zu den ersten Zweigen des glatten Eichenstammes empor und steigen dann mit größter Schnelligkeit und Sicherheit bis zu dem Wipfel hinauf. Einmal sprang die alte Bärin über den Wärter, welcher sie in die Zelle einzutreiben versuchte, hinweg und auf den Baum. Die ganze Familie sieht man oft in den verschiedenartigsten, scheinbar höchst unbequemen Stellungen auf den Asten gelagert, und einige halten in Astgabeln oft ihren Mittagsschlaf. Die Stimme hat mit der unseres Landbären Ahnlichkeit, ist aber viel schwächer und kläglicher. Ein eigentliches Gebrüll oder Gebrumm habe ich nie vernommen. Aufregungen aller Art drückt der Baribal, wie sein europäischer Verwandter, durch Schnaufen und Zusammenklappen der Kinnladen aus. Im Zorne beugt er den Kopf zur Erde, schiebt die Lippen weit vor, schnauft und schielt unentschieden um sich. Sehr ergötzlich ist die Haltung dieser Bären, wenn sie aufrecht stehen. Die kurzen Sohlen erschweren ihnen diese Stellung entschieden, und sie müssen, um das Gleichgewicht herzustellen, den Rücken stark einwärts krümmen. Dabei tragen sie die Vorderarme gewöhnlich so hoch, daß der Kopf nicht auf, sondern zwischen den Schultern zu sitzen scheint, und so nimmt sich die Gestalt höchst sonderbar aus.
Durch Freigebigkeit wohlwollender Freunde können Baribals sehr verwöhnt werden. Sie wissen, daß sie gefüttert werden, und erinnern denjenigen, welcher vergessen sollte, ihnen etwas zu reichen, durch klägliches Bitten daran. So gewöhnen sie sich eine Bettelei an, welcher niemand widerstehen kann; denn ihre Stellungen mit den ausgebreiteten Armen find fo drollig und ihr Gewinselso beweglich, daß es jedermanns Herz rühren muß. Baribals, welche Graf Görtz besaß, untersuchten die Taschen der Leute nach allerhand Leckereien und belästigten den Unglücklichen, welcher nichts für sie mitgebracht hatte, auf das äußerste.
Das Fell des Baribals hat, nach Lomer, einen Wert von 60 - 250 Mark.
Einer der asiatischen Vertreter der Gattung ist der Kragenbär, der schwarze Himalajabär der englischen Jäger, Kuma der Japaner, Kimui-Kamui der Ainos, Wiogene der Birar-Tungusen, in Indien Rinch, Bhalu, Sonar, Dom, Sona ꝛc. genannt (Ursus torquatus, U. tibetanus, U. gedrosianus und japonicus [?], Helarctos tibetanus). Seine Gestalt ift verhältnismäßig schlank, der Kopf spitzschnäuzig, auf Stirn und Nasenrücken fast geradlinig, die Ohren sind rund und verhältnismäßig groß, die Beine mittellang, die Füße kurz, die Zehen mit kurzen, aber kräftigen Nägeln bewehrt. Behaarung und Färbung scheinen ziemlich bedeutenden Abänderungen unterworfen zu sein, falls sich die Angaben wirklich auf ein und dasselbe Tier und nicht auf zwei verschiedene Arten beziehen. Cuvier, welcher den von Duvaucel in Assam entdeckten Bären zuerst beschrieb, gibt an, daß der Pelz, mit Ausnahme einer zottigen Mähne am Halse, glatt und bis auf die weißliche Unterlippe und die weiße Brustzeichnung sowie die rötlichen Schnauzenseiten gleich mäßig schwarz sei. Die Brustzeichnung wird mit einem Y verglichen; sie bildet ein Querband in der Schlüsselbeingegend, von welchem sich in der Mitte nach der Brust zu in der Regel ein Stiel oder Streifen abzweigt. Wagner sah einen Kuma lebend in einer Tierschaubude, dessen Schnauze bräunlich gefärbt war, während sich ein gleichgefärbter Flecken über jedem Auge zeigte. Der Kragenbär erreicht bei 80 em Schulterhöhe eine Länge von 171,58 m und ein Gewicht bis zu 120 kg.
Es ist immerhin möglich, daß die „Mondfleckbären“ der Japaner von jenen des Fesilandes zu trennen sind, bis jetzt fehlen jedoch genügende Beobachtungen, als daß wir ein
richtiges Urteil hierüber fällen könnten. Gefangene aus Japan, welche ich sah, wichen nicht unwesentlich von den festländischen Verwandten ab, keinesfalls aber mehr als die Landbären unter sich, über deren Arteinheit oder Artverschiedenheit die Meinungen ja auch noch geteilt sind. Wenn wir alle Kragenbären als zu einer Art gehörig betrachten, ergibt sich,
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daß diese Art weitverbreitet ist. Bald nach Duvaucels Entdeckung fand Wallich unseren Bären in Nepal auf, Siebold sagt in seinem Werke über die Tierwelt Japans, daß der Kuma nicht bloß in China und Japan, sondern auch in den meisten Gebirgen des Festlandes und der Inseln Südasiens häufig vorkomme, und Radde endlich lernte ihn als Bewohner Südostsibiriens kennen. Das südliche Verbreitungsgebiet umfaßt, nach Blanford, nicht Tibet, wohl aber die Waldgebiete des ganzen Himalaja und Höhen bis zu 4000 m, das Bergland von Assam und westwärts Teile von Afghanistan und Belutschistan bis zur
Grenze Persiens, ferner umfaßt es vielleicht das Terai und das bengalische Tiefland und reicht südostwärts sicher bis Pegu, wo Theobald das Vorkommen des Kragenbären noch feststellte, obwohl er dort nicht gemein ist.
Über Lebensweise und Betragen verdanken wir Adams, Kinloch, Radde und anderen Mitteilungen. In Nordindien und Kaschmir bewohnt der Kragenbär am liebsten Walddickichte in der Nähe von Feldern und Weinbergen, in Südostsibirien dagegen die hochstämmigen Waldungen. Als vorzüglicher Kletterer erklimmt er mit Leichtigkeit die höchsten Bäume; die Birar-Tungusen versicherten Radde, daß er überhaupt selten zum Boden herabkomme, im Sommer in den Baumkronen durch Aneinanderbiegen und Verschlingen von Zweigen sich kleine Lauben mache und im Winter in sitzender Stellung in hohlen Bäumen schlafe. Die Lauben selbst hat Radde wiederholt gesehen, von den Eingeborenen jedoch auch erfahren, daß sie nur als Spielereien, nicht aber als Wohnungen zu betrachten seien. Im Himalaja scheint über solche Bauthätigkeit nichts bekanntzu sein, wohl aber stimmt Adams darin mit Radde überein, daß der Kragenbär zu den besten Kletterern innerhalb seiner Familie zählt; denn wenn in Kaschmir die Walnüsse und Maulbeeren reifen, besteigt er die höchsten Bäume, um diese Früchte zu plündern. Außerdem erscheint er als unliebsamer Besucher in Maisfeldern und Weingärten und thut hier oft so großen Schaden, daß die Feldbesitzer sich genötigt sehen, Wachtgerüste zu errichten und diese mit Leuten zu besetzen, welche durch lautes Schreien die sich einstellenden Bären in die Flucht zu scheuchen versuchen. Die Birar-Tungusen erzählten Radde, daß der Kragenbär feig und gefahrlos sei, weil er einen kleinen Rachen habe und nur beißen, nicht aber reißen könne wie der Landbär; Adams aber erfuhr auch das Gegenteil und versichert, daß er von den Gebirgsbewohnern Indiens aus guten Gründen recht gefürchtet werde. Kinloch bekräftigt diese Angaben nach seinen Erfahrungen im Himalaja und betrachtet unser Tier als einen gelegentlich recht gefährlichen Gegner, der jedenfalls schon manchen weißen Jäger und noch mehr Eingeborene umgebracht habe; unter letzteren begegne man überdies vielen, welche von ihm erhaltene Wunden aufweisen könnten. Dennoch sei anzunehmen, daß in der Regel bloß verwundete oder in die Enge getriebene oder unversehens in ihrer Ruhe überraschte angreifen werden. Blanford bezeichnet ihn als den fleischgierigsten aller indischen Bären, der nicht bloß Kleinvieh und Hirsche, sondern auch Rinder und Pferde schlage, gelegentlich auch Aas fresse, dennoch aber hauptsächlich von Pflanzenkost lebe, besonders von Wurzeln und Früchten, von denen er Eicheln zu bevorzugen scheint; auch den Honig soll er sehr lieben. Bezüglich seines Winterschlafes im Himalajagebiete stimmen die Angaben nicht überein, man darf aber annehmen, daß er weniger regelmäßig als der gemeine Landbär seine Winterruhe abhält.
Bei seinen nächtlichen Ausflügen flüchtet er regelmäßig vor dem Menschen. Sobald er einen solchen wittert, und er soll dies auf große Entfernung vermögen, schnüffelt er in die Luft, bekundet sein Erregtsein, geht einige Schritte in der Richtung, aus welcher der Wind kommt, weiter, erhebt sich, bewegt das Haupt von einer Seite zur anderen, bis er von der ihm drohenden Gefahr sich vergewissert zu haben glaubt, macht dann kehrt und eilt davon mit einer Schnelligkeit, welche demjenigen unglaublich dünkt, der ihn nur im Käfig kennen gelernt hat. Wird er auf einem Felsenpfade plötzlich erschreckt, so rollt er sich zu einem Ballen zusammen und über den Abhang hinab, wie Adams selbst gesehen zu haben versichert, manchmal über 300 m weit. Bei Begegnungen mit dem Landbären soll übrigens nicht er, sondern dieser zuerst den Rücken kehren, ob gerade aus Furcht, muß dahingestellt bleiben, da die Eingeborenen auch von einem nicht feindschaftlichen Verhältnis zwischen beiden zu berichten wissen. Wenn beide Bären, so erzählen sie, im Herbste gemeinschaftlich die tieferen Waldungen bewohnen, folgt der Landbär seinem Verwandten und wartet, da
er selbst nicht gut klettert, bis dieser einen Fruchtbaum bestiegen hat, um sodann die abfallenden oder von dem Kragenbären abgestreiften Früchte zu verzehren. DieJungen des letzteren, zwei an der Zahl, werden im Frühjahre geboren und bleiben während des Sommers, in Indien aber auch noch länger, bei der Alten. Das Fleisch gilt bei den Japanern wie bei den Birar-Tungusen für wohlschmeckender als das des Landbären.
Bei den Ainos im Norden Japans spielt unser Tier, vorausgesetzt, daß der dort vorkommende Bär der nämlichen Art angehört, nach Scheubes Mitteilungen eine große Rolle. „Die Ainos“, sagt Scheube, „haben allen Grund, den Bären hochzustellen. Er ist für sie das wertvollste Tier: er versorgt sie auf lange Zeit mit Nahrung, er liefert ihnen Kleidung, und er gibt ihnen Arznei, die außerordentlich geschätzte Bärengalle. Auf der anderen Seite kann ihnen der Bär so großen Schaden wie kein anderes Tier zufügen, wenn er verwüstend und die Haustiere tötend in ihre Wohnsitze einbricht. Daher kein Wunder, wenn die Ainos sich mit dem Bären gut zu stellen suchen, wenn sie ihn Gott betiteln und nach seiner Erlegung eine Sühne für nötig halten. Letztere besteht darin, daß sie den Schädel des getöteten Bären an dem Götterzaune, welcher sich vor jeder Hütte auf der Ostseite befindet, und wo die Götter, mit Ausnahme des Gottes des Feuers und des Hausgottes, denen im Innern der Hütte an bestimmten Stellen geopfert wird, angebetet werden, aufpflanzen und zu einem heiligen Gegenstande machen. Demselben Beweggrunde entspringt auch das Bärenfest, welches von den Ainos ‚Jomante“ genannt wird. Es ist dieses mit der vorausgehenden Auffütterung eines jungen Bären eine Sühne, die dem ganzen Bärengeschlechte für seine getöteten Geschwister dargebracht wird.“ Scheube schildert nun ausführlich, wie der erwählte Festbär gepflegt, dann unter Beobachtung feierlicher Gebräuche, wobei man viel singt und tanzt und noch viel mehr trinkt, aber auch weint, seines Lebens beraubt wird, wie er zerwirkt, das warme Blut getrunken und die Leber sowie das Gehirn roh aufgegessen werden, bis endlich das Anbringen des Schädels am Götterzaune das große Fest beendet.
Gefangene Kragenbären, welche gegenwärtig in allen größeren Tiergärten zu sehen sind, ähneln in ihrem Betragen am meisten dem Baribal, haben so ziemlich dessen Eigenheiten und Gewohnheiten, stehen geistig ungefähr auf derselben Stufe mit ihm und zeichnen sich höchstens durch die Zierlichkeit ihrer Bewegungen vor ihm aus.
Ein von den bisher erwähnten Arten der Familie merklich abweichender, zwar gestreckt, aber doch plump gebauter, dickköpfiger Bär, mit breiter Schnauze, kleinen Ohren, sehr kleinen blöden Augen, verhältnismäßig ungeheueren Tatzen, langen und starken Krallen und kurzhaarigem Felle, ist der malayische Bär, der Bruan oder, nach von Rosenberg, richtiger Biruang der Malayen (Ursus malay anus, Helarctos malayanus und euryspilus, Prochilus malayanus, Abbildung S. 246). Seine Länge beträgt etwa 1 m, die Höhe am Widerriste ungefähr 70 cm. Der kurzhaarige, aber dichte Pelz ist mit Ausnahme der fahlgelben Schnauzenseiten und eines meistens hufeisen-, zuweilen ringförmigen Brustfleckens von gelber oder lichter Grundfärbung, glänzend schwarz.
Der Biruang bewohnt Borneo, Java, Sumatra, die Malayische Halbinsel und verbreitet sich nordwärts durch Tenasserim bis nach Barma und durch Arakan bis nach Tschittagong. Über sein Freileben ist recht wenig bekannt. Jedenfalls ist er ein ausgezeichneter Kletterer, vielleicht der geschickteste unter allen Verwandten, und soll ebensoviel auf Bäumen wie auf dem Boden leben, zudem sich fast gänzlich von Pflanzenstoffen und Kerbtieren nähren, wenn er auch dann und wann einmal ein Säugetier oder einen Vogel verspeisen mag. Nach Marsden richtet er in Kakaopflanzungen auf Sumatra gelegentlich großen Schaden an, besteigt auch Kokospalmen, um die zarten Blattschosse zu verzehren, doch weiß von Rosenberg darüber nichts von dort zu berichten. Er schreibt von unserem Tiere:
„Gewöhnlich bringt er den Tag in Baum- und Felshöhlen zu, macht sich aber auch zuweilen auf niedrigeren Bäumen ein plattes Nest aus kreuzweise übereinander geschichtetem Reisig. Man kennt Beispiele, daß er Menschen, freilich nur in höchster Not, angefallen und getötet hat.“ Auch auf dem Festlande hält man ihn durchaus nicht für gefährlich, obwohl er sich
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10000 aM
Biruang (Ursus malayanus). ½2 natürl. Größe.