Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
GRISLIBÄR.
größeren Mut, gleicht ihm vielmehr durchaus in jeinem ganzen Wesen. Von allen Grislis, mit denen Pechuel-Loesche zusammengetroffen, hat nicht einer standgehalten, und selbst ein weidwund geschossener sogenannter Zimtbär hat nicht gewagt, seinen Verfolger anzunehmen. Eine viel größere Tragweite als solche immerhin bloß gelegentliche Beobachtungen hat das auf dreißigjähriger Erfahrung in der amerikanischen Wildnis beruhende Urteil eines so anerkannten Weidmannes wie des Generals Marcy. ö „Nach allem, was ich vom Grisli gehört hatte“, schreibt Marcy, „mußte ich annehmen, daß er eines der wehrhaftesten und bösartigsten Geschöpfe der Welt sei, und daß der Mann, der ihm entschlossen entgegenzutreten wagte und ihn tötete, eine hervorragend mutige That vollführt habe und einen höchsten Rang unter den Jüngern Nimrods verdiene. Davon war ich fest überzeugtund hätte mich auch sicherlich gescheut, auf ein solches Tier zu schießen, wäre ich ihm allein und zu Fuß begegnet. Der Grisli ist gewiß der Herr der amerikanischen Wildnis und hat, was Stärke anbetrifft, vielleicht nicht seinesgleichen auf Erden; aber meine Ansichten bezüglich seines Mutes und seiner Neigung anzugreifen haben sich wesentlich geändert, nachdem ich einige Erfahrungen im Weidwerke gewonnen habe. Als ich 1858 einmal über das Tafelland zwischen der Gabelung des Platteflusses ritt, stieß ich unversehens auf eine starke graue Bärin mit zwei Jungen, welche, meilenweit von irgend welchem Holzbestande, behaglich auf der offenen Prairie lagen. Da ich hier zum ersten Male dem Schreckenstiere allein begegnete, noch dazu einer Mutter mit ihrer Nachkommenschaft, wird man begreifen, daß ich nicht wenig aufgeregt war. Ich beschloß aber, den Angriff zu wagen. Mein Pferd war durchaus zuverlässig. Nachdem ich Sattelzeug und Waffen nochmals geprüft hatte, näherte ich mich bis auf 100 Schritt; da erst bemerkte mich die Bärin, richtete sich vorn hoch und äugte scharf nach mir. Diesen Augenblick benutzte ich, um zu feuern, fehlte jedoch, worauf die Bärin mit den Jungen schleunigst Reißaus nahm. Ich verfolgte sie und schoß ihr eine Kugel in das Hinterteil, worauf sie ihre Schnelligkeit verdoppelte und ihre Jungen feig im Stiche ließ. Als ich letztere überholte, begannen sie laut zu klagen, aber die Bärin blickte nur dann und wann flüchtig nach ihnen zurück, ohne etwas zu ihrem Schutze zu thun. Ich verfolgte sie, scharf reitend, mehrere englische Meilen weit und gab ihr vier Kugeln, bis sie endlich zusammenbrach. Obwohl ich während dieser Jagd mehrmals ganz nahe an sie herankam, machte sie doch nicht einmal Miene, sich zu verteidigen. Lediglich auf ihre eigene Rettung bedacht, überließ sie die Jungen ihrem Schicksale. Bei drei anderen Gelegenheiten traf ich Grislis im Gebirge und einmal auch den verrufensten von allen, den Zimtbären; aber keiner von ihnen setzte sich zur Wehre, alle suchten bloß mir zu entkommen. Während eines Zuges von Neumexiko nach Utah gelang es mir, mit Hilfe eines ausgezeichneten Pferdes einen mächtigen Grisli einige englische Meilen weit wie ein verwildertes Rind in der Richtung nach meinen Leuten zu treiben, so daß er erst am Lagerplatze getötet wurde. Nach meinen Erfahrungen mit dem übel beleumundeten Tiere glaube ich allerdings, daß es einen Menschen, der unversehens in sein Versteck einbricht, im ersten Schreck anfallen mag; ebenso halte ich es für möglich, daß ein recht grimmiger Bursche auf der Prairie auch einmal einen Fußgänger, unter Umständen sogar einen Berittenen annimmt. Aber dergleichen Vorfälle ereignen sich gewiß äußerst selten; ich wenigstens bin mit anderen der Meinung, daß das Großwild unseres Landes bei genauer Bekanntschaft nicht annähernd so furchtbar ist, wie es uns geschildert wird. Ich bin fest überzeugt, daß jeder Grisli, der den Menschen rechtzeitig wittert oder eräugt, ihm so schnell wie möglich ausweichen wird. Es ist auch seine Gewohnheit, wenn er ausruhen will, Widergänge zu machen, seitwärts abzuspringen und sich so zu lagern, daß er von einem Verfolger, der seiner Fährte nachgeht, Wind erhält.“
Auch Möllhausen weiß vom Grisli nicht die landläufigen Schreckensgeschichten zu berichten. Während einer Forschungsreise in Arizona entdeckte er mit noch zwei Gefährten
ko
einen grauen Bären, der sich sorglos im verdorrten Gestrüpp einer Schlucht zu schaffen machte. Sie umstellten ihn von drei Seiten, um ihn an einer nackten, steilen Felswand hinaufzutreiben. „Ohne von unseren Reittieren zu steigen“, erzählt Möllhausen, „rüd-ten wir dem Bären, der noch keine Ahnung von der drohenden Gefahr hatte, immer näher. Obgleich zuletzt nur noch wenige Schritte von ihm entfernt, deckte das Gestrüpp die verwundbarsten Teile seines Körpers dergestalt, daß keiner von uns seinen Schuß abzugeben wagte. Ein Luftzug verriet endlich unsere Gegenwart, und plötzlich richtete sich der grimmige Geselle auf seine Hintertatzen auf. Ich hielt kaum 15 Schritt von ihm und leugne nicht, daß die riesenhafte Größe des furchtbaren Feindes, der mich auf meinem Maultiere noch weit zu überragen schien, mich fast stutzig machte; ich hob indessen schnell meine Büchse, um meine Kugel in den Haarwirbel auf der breiten Brust zu senden, doch in dem Augenblicke drehte mein Tier den Kopf nach dem Bären hin und wurde durch dessen Anblick von einem solchen Schrecken befallen, daß es mit Heftigkeit seitwärts sprang. Ich wurde zwar augenblicklich wieder Herr des Tieres, doch hatte der Bär sich ebenso schnell niedergelassen, und wie zuvor bargen ihn die dürren Stauden und Ranken. Ich erwartete jetzt seinen Angriff. Nachdem er sich aber überzeugt hatte, daß ihm nach drei Richtungen hin der Weg versperrt war, wendete er sich feigerweise dem Hügel zu und schritt gleich darauf über eine offene Stelle, wo er den ersten Schuß quer durch die Rippen erhielt. Gegen alles Vermuten bezeigte er auch jetzt noch keine Lust, sich in einen Kampf mit uns einzulassen, sondern kletterte behende an dem Abhange hinauf, wo ihm dann nach wenigen Schritten meine Kugel der Länge nach durch den Leib fuhr. Jetzt erst wurde er wütend, kehrte sich um und schien mit zurückgelegten Ohren angreifen zu wollen, als er zwei Ladungen Rehposten er: hielt, die ihn veranlaßten, das Feld zu räumen. Obwohl tödlich verwundet, kletterte er dennoch mit der Gewandtheit einer Katze nach dem Hügel hinauf, und ehe wir noch Zeit hatten, aufs neue zu laden und ihm nachzufolgen, befand er sich auf der Höhe, wo er von den Kugeln der herbeigeeilten Soldaten begrüßt und zu Boden geworfen wurde.“
Ein anderer Bär, den Möllhausen in Nebraska erst beobachtete und dann erlegte, zeigte sich etwas mutiger. Ein junger Indianer hatte ausgespürt, daß ein starker Grisli einen bestimmten Wechsel ziemlich regelmäßig einhielt. Er führte unseren Gewährsmann am Morgen nach einer günstigen Stelle und verbarg sich mit ihm, nachdem er einen geschossenen Hirsch auf den Wechsel geworfen hatte, im nahen Gefelse. „Wie genau der stattliche Junge, der neben mir lag, gerechnet hatte, erkannte ich sehr bald; denn noch war der letzte Schimmer der Dämmerung nicht aus dem Thale gewichen, als er nach dem Waldsaume hinüberwies, wo sich ein schwarzer Punkt von dem Schatten der Bäume trennte. Es war wirklich der Bär, der sich mit aller Gemächlichkeit dazu anschickte, nach seinem Tagesverstecke zurückzukehren. Als ich ihn erblickte, war er noch eine englische Meile von uns entfernt, da ich aber hier zum ersten Male den verrufenen grauen Gebirgsbären bekämpfen sollte, so kam mir der vorhergehende Anblick sehr zu statten, um die Aufregung, in der ich mich befand, etwas zu unterdrücken. Keine Sekunde wendete ich meine Augen von dem Bären, dessen komisches Gebaren mich zum Lachen reizte und mich fast vergessen ließ, zu welchem Zwecke ich hier lag. Selbst dem wärmsten Verehrer der Natur und dem aufmerksamsten Forscher gelingt es nur selten, größere Raubtiere zu beobachten, wenn sie ih, ihren Eigentümlichkeiten folgend, gleichsam in ihrer Häuslichkeit ungestört und unbefangen bewegen. | „Mit gemessenem Schritte folgte der Bär der eingeschlagenen Richtung; hin und wieder stand er still, schnupperte auf dem Boden umher, reckte seine Nase in die Luft, wie um den Wind zu prüfen, verfiel dann wieder in seine gemächliche Gangart und näherte sich uns bis auf etwa 400 Schritt. Dann schnupperte er längere Zeit wie suchend umher, kratzte
zierlich mit den langen Nägeln zwischen dem Grase, hielt die unförmliche Tatze an die Spitze feiner Nase, und augenscheinlich befriedigt von dem Gerüche, setzte er fie wieder auf die Erde, warf sich auf den Rücken und wälzte sich mit größtem Wohlbehagen einige Male umher. Als er sich vom Dufte der Pflanzen, die ihn zu dem sonderbaren Benehmen veranlaßt hatten, hinreichend durchdrungen glaubte, erhob er sich, schüttelte die Erde aus seinem zottigen Pelze und schritt wieder fürbaß. Nach kurzer Zeit stand er abermals still und verharrte wie nachsinnend einige Minuten regungslos; plötzlich setzte er sich, und den Vorderkörper aufrichtend, kratzte er sich abwechselnd mit den Vordertatzen die rechte und die linke Seite, fuhr sich mit den Armen mehrmals über die Augen, betrachtete aufmerksam seine langen Nägel, leckte die Sohlen der Branten und lauschte dann wiederum gespannt einige Sekunden. Nachdem er sich dann mit den Hintertatzen die Schultern und den Hals gerieben, stellte er sich aufrecht wie ein Mensch hin, schaute nach allen Seiten, ließ sich auf alle viere nieder und verfiel dann, wie um die verlorene Zeit einzuholen, in einen kurzen Trab, der ihn bald bis in die Nähe des Hirsches brachte. Kaum gewahrte er aber das tote Wild, als er, wie von heftigem Schrecke befallen, sich auf seine Hinterbeine aufrichtete; sogleich senkte er indessen seinen Körper wieder und betrachtete, den Kopf von der einen zur anderen Seite neigend, aufmerksam mit krauser Stirn und gespitzten Ohren den Gegenstand seiner ersten Überraschung. Endlich schritt er ganz zu dem Hirsche hin, und nachdem er ihn von der einen Seite genugsam berochen, drehte er ihn auf die andere, um auch diese kennen zu lernen, bei welcher Gelegenheit er uns seine Gestalt in ganzer Breite darbot. Fast zu gleicher Zeit gaben wir Feuer. Der Bär stürzte zusammen, doch schnaubend und winselnd richtete er sich ebenso schnell wieder auf seine Hinterbeine auf. Auch ich hatte mich nach dem Schusse aufgerichtet; als der Indianer aber den verwundeten Bären kampfbereit sah, riß er mich wieder zu Boden, jedoch zu spät, denn das wütende Tier hatte uns erblickt und stürzte vorwärts. Doch wiederum rollte es zu Boden, wie ich bemerken konnte, infolge eines gebrochenen Vorderarmes. Ohne mich weiter nach ihm unmzusehen, folgte ich dem fliehenden Indianer, der mir den Weg zu einem nahen Eichbaume zeigte. Wie ich in den Baum hineinkam, weiß ich heute noch nicht, jedenfalls war noch keine Minute vergangen, als ich rittlings auf einem Aste saß und mich zum Laden meiner Büchse anschickte. Ich muß gestehen, daß ich nicht glaubte, daß der Bär uns nachfolgen würde, es erschien mir so unähnlich allem dem, was ich bisher kennen gelernt hatte, aber kaum hatte ich das Zündhütchen aufgedrückt, als er, auf drei Beinen gehend, nicht 50 Schritt von uns auftauchte.... Der Indianer begann jetzt laut zu sprechen, und als der Bär sich darauf uns zuwendete, schossen wir zugleich auf ihn. Mit lautem Stöhnen stürzte er tödlich getroffen zusammen, wälzte sich noch einige Male herum, riß mit den langen Krallen Wurzeln und Rasen aus der Erde und lag endlich regungslos da.“
Der Grisli nährt sich von Pflanzenstoffen, frißt sehr gern Früchte, Nüsse und Wurzeln, schlägt aber auch Tiere; zudem soll er sehr geschickt den Fischfang betreiben. In Alaska, wo er sehr häufig ist, pflegt man überall auf Pfade zu stoßen, die er ausgetreten hat und regelmäßig beläuft, sei es am Ufer von Gewässern, sei es auf öden Flächen, in Moräften oder in gebirgigen Gegenden; die Richtung und der Verlauf dieser Pfade ist fo geschickt ausgewählt, daß man bloß ihnen zu folgen braucht, wenn man die kürzeste Verbindung zwischen zwei Ortlichkeiten sucht. „An den steilen Erhebungen der gebirgigen Küste an der Westseite von Cooks Einlaß“, schreibt Elliott, „kann man zuzeiten Trupps von 20 und 30 dieser ungeschlachten Tiere beisammen sehen, wie sie dort Beeren und Wurzeln nachgehen. Doch sind ihre Felle nicht besonders wertvoll, weil sie grob und ungleich behaart, ruppig sind. Da sie auch sehr wild sind, werden sie nicht allgemein gejagt, außer von den Kenaileuten, welche, gleich allen übrigen eingeborenen Jägern, ihnen hohe Achtung bezeigen
und die Gewohnheit haben, einem Bären erst Lobreden zu halten, bevor sie ihn töten oder ihn zu erlegen versuchen. Da die Eingeborenen sich ferner scheuen, die Stellen zu betreten, wo vulkanische Kräfte thätig sind, bildet die Umgebung von Kratern, heißen Quellen und Dampflöchern eine Zufluchtsstätte für wilde Tiere, besonders für Bären, die alle recht gut wissen, daß der Mensch sie dort nicht zu belästigen pflegt.“ |