Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Die von der Alten endlich verstoßenen jungen Bären sollen sich hierauf während des Sommers in der Nähe des alten Lagers umhertreiben und dieses bei schlechtem Wetter so lange benutzen, als sie nicht vertrieben werden, sich auch gern mit anderen Jungen ihrer Art vereinigen. Eine zuerst von Eversmann veröffentlichte Beobachtung der russischen Bauern und Jäger, die allerdings noch weiterer Bestätigung bedarf, läßt solche Vereinigungen in eigentümlichem Lichte erscheinen. Jene haben erfahren, daß die Bärenmutter ihre älteren Kinder zur Wartung der jüngeren benutzt und bezüglich preßt, weshalb auch solche zweijährige, mit der Mutter und Geschwistern umherlaufende Bären geradezu „Pestun“, d. h. Kinderwärter, genannt werden. Von einer Bärenfamilie, welche die Kama durchkreuzt hatte, erzählt Eversmann folgendes: „Als die Mutter am jenseitigen Ufer angekommen, sieht sie, daß der Pestun ihr langsam nachschleicht, ohne den jüngeren Geschwistern, welche noch am anderen Ufer waren, behilflich zu sein. Sowie er ankommt, erhält er von der Mutter stillschweigend eine Ohrfeige, kehrt sofort nach eröffnetem Verständnisse wieder um und holt das eine Junge im Maule herüber. Die Mutter sieht zu, wie er wieder zurückkehrt, um auch das andere herbeizuholen, bis er dasselbe mitten im Flusse ins Wasser fallen läßt. Da stürzt sie hinzu und züchtigt ihn aufs neue, worauf er seine Schuldigkeit thut und die Familie in Frieden weiter zieht.“ Unter den Bauern und Jägern Rußlands und Sibiriens wird allgemein erzählt, daß jede Bärin ihren kleinen Jungen einen Pestun zugesellt. Ihm fällt unter anderem die Aufgabe zu, die im Dickicht verborgenen Jungen zu überwachen, während die Alte eine Beute beschleicht oder an einem erschlagenen Opfer, welches sie nicht wegschleppen mag, sich sättigt; er teilt im Winter mit ihr dasselbe Lager, wird auch erst dann seines Dienstes entlassen und freigegeben, wenn ein anderer zu seinem Ersatze gefunden wurde. Daher sieht man unter Umständen auch wohl einen vierjährigen Pestun in Gesellschaft einer Bärenfamilie.
Über Färbung und Zeichnung der Bären äußert sich Krementz folgendermaßen. „Die Jungen sind unmittelbar nach dem Setzen über den ganzen Körper bläulich graugelb und haben die Größe einer Ratte. Die Behaarung ist anliegend, ziemlich dicht, auf der Bauchseite und den Flanken etwas spärlicher. Bereits nach wenigen Tagen ändert sich das, die Farbe geht ins Braune über, die Haare wachsen ungemein rasch, werden krauser und dichter. Der weiße Halsring zieht sich am Vorderteile des Buges hin und teilt sich auf drei Viertel der Halshöhe in eine Gabel, deren eine Zinke sich nach vorn bis auf einen halben Zoll hinter
dem Gehöre verlängert, während die andere etwas nach hinten ausläuft und mit ihrem Ende sich wieder nach vorn biegt. Diese Zeichnung erleidet jedoch vielfache Abänderungen. Eine Vereinigung der beiden Seitenzeichnungen des Halsringes oben auf der Mitte des Halses findet höchst selten statt, der Halsring ist ein meist nicht vollkommen geschlossener. Nicht alle Bären besitzen indessen den Halsring. So hatten von den oben erwähnten fünf Jungen drei einen Gürtel und zwei auch nicht die geringste Spur eines solchen. Bei alten Bären spricht sich das Alter auch in der Behaarung aus. Die Grundwolle ist sparsamer, dünner, rauher, die Grannenhaare werden mehr borstenartig und legen sich mehr an den Körper an; das Gesicht und besonders das Gehör nehmen eine mehr graue Färbung an, die an letzterem und auch an der büschelförmigen Behaarung des Widerristes mitunter ins Milchgelbe übergeht und sich bei ganz alten Stücken in wenn auch seltenen Fällen am Buge hinabzieht. Der weiße Halsring, der wie bei den Jungen so auch bei den Alten nicht immer auftritt, zeigt sich nicht unter 14— 16 Jahren, obgleich einzelne Stücke von Jugend auf eine leise Andeutung des Halsringes bis ins späte Alter aufzuweisen haben.“
Der eingangs mit angeführte Isabellbär oder, wie englische Weidmänner ihn nennen, der Schneebär des Himalaja, der nach Blanford vom gemeinen Landbären nicht zu trennen ist, zeigt in mancher Beziehung ein abweichendes Verhalten. Nach Jerdon und Kinloch bewohnt er die Höhen des Gebirges, lebt im Sommer oberhalb der Waldgrenze in der Nähe des Schnees und steigt bloß im Frühling und Herbst etwas tiefer herab in die Wälder, kommt auch bis in die Nähe menschlicher Wohnsitze, wo er Fruchtgärten und Felder plündert. Bäume erklettert er selten. Nach allen Angaben nährt er sich fast ausschließlich von Pflanzenstoffen und Kerbtieren, schlägt selten einmal ein Haustier und pflegt noch seltener von einer solchen Beute zu fressen. Stewart berichtet jedoch von einem Falle, daß ein sehr starker Bär zwei schwächere getötet und teilweise angeschnitten hatte; daß Ahnliches sich auch in anderen Gebieten ereignet, ergibt sich aus Beobachtungen von Krementz. Vor zwei Menschenaltern soll Kaschmir von Isabellbären förmlich gewimmelt haben, und noch in den sechziger Jahren hat Kinloch an einem Tage 13 gesehen, einer seiner Jagdfreunde aber sogar 28 aufgetrieben und davon 7 erlegt. Wie ihresgleichen in nördlicheren Gebieten, halten auch die Bären im Himalaja Winterruhe, ohne jedoch in einen ununterbrochenen Schlaf zu verfallen. Die Bärzeit beginnt Ende September und währt bis zum November, die Jungen werden nach ungefähr 6 Monaten, im April und Mai, geboren. Blanford sagt ausdrücklich, daß sowohl die ein- als auch die zweijährigen Jungen oftmals die Mutter begleiten, daß sie in der Regel sogar bis zum 3. Jahre, in welcher Zeit sie bereits herangewachsen sind, mit ihr herumschweifen. Die äußeren Merkmale, besonders Färbung und Größe, sind außerordentlich mannigfaltig; die geistigen Fähigkeiten werden in Kaschmir so wenig geschätzt, daß man den Namen des Bären, Harpat, sprichwörtlich auf täppische und dumme Menschen anwendet. Nach Blanford sind diese Bären leicht zu zähmen, und man begegnet ihnen nicht selten auch in den Ebenen Indiens, wo sie von Schaumännern umhergeführt werden. |
Junge, etwa 5—6 Monate alte Bären find höchst ergötzliche Tiere. Ihre Beweglichkeit ist groß, ihre Tölpelhaftigkeit nicht geringer, und so erklärt es sich, daß sie fortwährend die drolligsten Streiche ausführen. Ihr kindisches Wesen zeigt sich in jeder Handlung. Sie sind spiellustig im hohen Grade, klettern aus reinem Übermute oft an den Bäumen empor, balgen sich wie muntere Buben, springen ins Wasser, rennen zweck- und ziellos umher und treiben hunderterlei Possen. Ihrem Wärter beweisen sie keine besondere Zärtlichkeit, sind vielmehr gegen jedermann gleich freundlich und unterscheiden nicht zwischen dem einen oder dem anderen. Wer ihnen etwas zu fressen gibt, ist der rechte Mann; wer sie irgendwie erzürnt, wird als Feind angesehen und womöglich feindlich behandelt. Sie
sind reizbar wie Kinder; ihre Liebe ist augenblicklich gewonnen, ebenso rasch aber auch verscherzt. Grob und ungeschickt, vergeßlich, unachtsam, täppisch, albern, wie ihre Eltern, sind auch sie; nur treten bei ihnen alle diese Eigenschaften schärfer hervor. Wenn sie allein gelassen werden, können sie sich stundenlang damit beschäftigen, unter sonderbarem Gebrumme und Geschmatze ihre Tatzen zu belecken. Jedes ungewohnte Ereignis, jedes fremde Tier erschreckt fie; entsetzt richten fie sich auf und schlagen ihre Kinnladen klappend aufeinander. Schon im zweiten Halbjahre ihres Lebens nehmen sie das Wesen der Alten an, werden roh und bissig, mißhandeln, so feig sie sind, schwächere Haustiere, beißen oder kratzen selbst den Gebieter und können nur durch Prügel in Ordnung gehalten werden. Mit zunehmendem Alter werden sie ungeschickter, roher, freßgieriger, raublustiger und gefährlicher. Man kann auch sie lehren, ihnen etwas beibringen, sie zu einfachen Kunststücken abrichten, darf ihnen jedoch niemals trauen; denn sie sind, wie alle geistlosen Geschöpfe, unberechenbar und ihre gewaltige Stärke, Bosheit und Tücke stets zu fürchten. So eignen sie sich wohl für den Zwinger im Tiergarten oder, solange sie noch nicht vollständig erwachsen sind, zum Schautiere eines umherziehenden Bärenführers, niemals aber zu einem innigeren Verkehre mit dem Menschen. Diese Erfahrung haben alle gemacht, welche den Versuch wagten, das ungebärdige und unverläßliche Tier zu erziehen, und mehr als ein Lehrmeister hat dabei Gesundheit und Leben verloren.
Dies bestätigt auch Krementz. Nach ihm ist „das nie zu tilgende Mißtrauen der Grund, weshalb des Bären Anhänglichkeit und Freundschaft für den Menschen nur leerer Wahn ist, daß er niemals Liebkosungen dankend anerkennt“. Unser Gewährsmann erzählt aber mehrere ansprechende Bärengeschichten, die wir hier wiedergeben. „Aufgezogene junge Bären, die selbständig fressen und ihren Fraß selbst aufsuchen können, sind ungemein schwer auszusetzen! Sie arten förmlich zu Haustieren aus. Meilenweit tief in den Wald gebracht und dort verlassen, finden sie sicherlich den Weg zurück und eilen auf der Fährte dessen, der sie ausgesetzt, eiligst der Heimat zu oder irren planlos im Walde umher, schließen sich jeder Person, die ihnen aufstößt, an und enden nicht selten ihr Leben durch Hunger. Drei in einem Sacke ausgesetzte, bereits 6 Monate alte Bären fanden auf 3 Meilen Entfernung durch Sumpf und Wasser den Rückweg und äußerten ihre Freude frühmorgens beim Einzuge dadurch, daß sie die Fenster zertrümmerten und durch diese hindurch mit brummendem Wohlbehagen dem altgewohnten Lager zusteuerten. Ein gleichfalls im Sacke ausgesetzter Bär, den ich von einer im Wasser stehenden Erle aus beobachtete, trollte, nachdem er den Sack durchbrochen und eine kurze Weile ruhig dagesessen und die Umgebung scharf gemustert hatte, plötzlich, mit der Nase auf der Erde, brummend hin und her, fiel schließlich auf meine Fährte, eilte flüchtig darauf hin und ins Wasser, verlor hier die Fährte, erhob sich auf den Hinterbranten und fing jämmerlich an zu wehklagen, ging alsdann wiederum zurück, schlug einen großen Bogen, kam unter Wind, hob plötzlich die Nase und eilte nun trotz des Wassers der Erle zu, an der er hinaufzuklettern versuchte, jo daß mir schließlich nichts weiter übrigblieb, als ihn wieder mit zurückzunehmen. Ein ordentlicher Professor der Bären- Universität zu Smorgon, zwischen Wilna und Minsk, beteuerte mir als Thatsache, daß einst einer seiner schwarzen Zuhörer, den er einem Freunde geschenkt hatte, aus 8 Stunden Entfernung zu ihm zurückgekehrt sei, um seine Studien in der höheren Tanzkunst zu vollenden.“ a Wir wissen nicht bestimmt, wie lange das Wachstum des Bären währt, dürfen aber annehmen, daß mindestens 6 Jahre vergehen, bevor er zum Hauptbären wird. Das Alter, welches er überhaupt erreichen kann, scheint ziemlich bedeutend zu sein. Man hat Bären 50 Jahre in der Gefangenschaft gehalten und beobachtet, daß die Bärin noch in ihrem 31. Jahre Junge geworfen hat.
Die Bärenjagd gehört zu dem gefährlichen Weidwerke; doch werden gerade neuerdings von geübten Bärenjägern die schauerlichen Geschichten, welche man früher erzählt hat, in Abrede gestellt. Gute Hunde, vor denen alle Petze eine ganz außerordentliche Furcht bekunden, bleiben unter allen Umständen die besten Gehilfen des Jägers. Im südöstlichen Europa erlegt man den Bären hauptsächlich während der Feistzeit auf Treibjagden, seltener auf dem Anstande und nur ausnahmsweise in oder vor seinem Winterlager; in Rußland dagegen sucht man ihn gerade hier mit Vorliebe auf. Da der Bär sich treiben läßt und seinen Wechsel einhält, kann man, nachdem er durch kundige Jäger bestätigt worden ist, bei Treibjagden ebensowohl wie auf dem Anstande mit ziemlicher Sicherheit auf Erfolg rechnen, vorausgesetzt natürlich, daß man die Wechsel kennt. Kühles Blut und sichere Hand, gute und erprobte Waffen sind unerläßliche Erfordernisse eines Bärenjägers. „Die vielfach verbreitete Meinung“, schreibt Krementz, „daß der Bär bei seinen Angriffen sich stets auf seinen Hinterbranten erhebe und so seinem Gegner entgegengehe, ist eine gänzlich irrige, es würde auch in diesem Falle dem Angriffe leichter zu begegnen sein. Ich habe eigenhändig 29 Bären geschossen, habe gegen 65 schießen sehen, war zugegen, als Bären jeder Größe und Sorte annahmen, und bin selbst mehrmals angenommen worden; ich habe jedoch nur einen Bären und eine Bärin beobachtet, die beim Angriffe sich erhoben und so, aufgerichtet, dem Gegner eine Strecke entgegengingen. Ich will jedoch hiermit keineswegs behauptet haben, daß der Fall, wie er eben vielfach in Jagdschriften und sonstigen wissenschaftlichen Werken dargestellt zu werden beliebt wird, sich niemals ereignet, nur scheinen mir dergleichen Fälle äußerst selten einzutreten. Der Angriff des Bären ist meist ein plötzlicher und rascher, wobei er entweder durch eine schnelle und heftige Seitenbewegung einer Vorderbrante den Gegner zu schlagen sucht, oder sich im raschen Trollen plötzlich in unmittelbarer Nähe des Gegners auf den Hinterbranten erhebt und durch einen heftigen Stoß mit den Vorderbranten den Feind niederzuwerfen sucht, oder aber er versetzt ihm einen kräftigen Schlag und Ruck und beißt mitunter noch rasch zu, hält sich jedoch, wenn Menschen und Hunde in der Nähe sind, nie lange bei seinem Opfer auf, sondern sucht das Weite.“ Im Himalaja zeigt sich unser Bär, laut Blanford, als ein sehr harmloses Tier, welches niemals Menschen angreift und selbst verwundet sehr selten, wenn überhaupt jemals, sich zur Wehre setzt. Kinloch, welcher wohl die meisten erlegt hat, vertritt auf Grund seiner reichen Erfahrungen diese Ansicht durchaus; er hat es niemals erlebt, daß ein Bär Miene gemacht hätte, anzugreifen, und auch nicht davon gehört. Wohl aber mag nach ihm ein vollständig in die Enge getriebener Bär beim Durchbrechen einen Verfolger niederwerfen, unter Umständen auch eilig einen Schlag oder Biß versetzen, aber alles dies nur in der Absicht, sich einen Weg zur Flucht zu öffnen. Daß er sich aufrichte, um einen Gegner zu umarmen und zu erdrücken, wird allseitig als eine Fabel bezeichnet.