Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
es nicht fehlen, daß sich auch um das Lager herum Losung findet. Bei alten, von mir in Bezug auf den Mageninhalt zu jeder Zeit des Winters untersuchten Bären fand ich stets eine schleimige, dünnflüssige, grünlichgelbe Masse im Magen und in den Eingeweiden, im Mastdarm jedoch meist einen verhärteten Kotballen, und das ist derselbe, der bei heftiger Verfolgung infolge der Anstrengung nicht selten ausgestoßen wird. Daß Bärwild im Laufe des Winters Fraß zu sich genommen, habe ich während eines Zeitraumes von 11 Jahren überhaupt nur zweimal beobachtet. „Beim Sicherheben aus dem Winterlager ordnet der Bär mit weithin hörbarem Schütteln des Körpers seinen Pelz, reckt und streckt und beleckt sich, wälzt sich im Schnee und Sande und begleitet diese Bewegungen mit brummenden Tönen des Wohlbehagens. Als. dann sichert er, sucht sich zurechtzufinden und trollt ab. Seine erste Sorge ist, den durch die lange Winterruhe heruntergekommenen Körper durch Fraß wieder zu stärken. Doch bevor er damit beginnt, bedarf er einer Abführung, um die verschleimten Eingeweide zu reinigen. Unter diesen Abführmitteln steht die scharf saure Moosbeere obenan. Hockend und gleichsam auf dem Hinterteile rutschend, scharrt er die Beeren mit den Vorderbranten zusammen und verspeist sie schnalzend. Die beabsichtigte Wirkung scheint eine vortreffliche zu sein. Ein anderes Abführmittel bildet das Moos. Noch spät im März 1878 jagte ich einmal zwei Bären, die in getrennten Gebieten lagen. Der ungemein dicke Leib des einen und die aus dem Gebisse fließende grüne Flüssigkeit nebst den zwischen den Fängen steckenden pflanzlichen Überresten forderten zu einer genaueren Untersuchung auf, welche ergab, daß Wanst und Magen mit frisch genossenem Moose angefüllt waren. Um die Thatsache noch mehr zu erhärten, begab ich mich zum Lager und fand, daß der Bär im Umkreise desselben den Schnee weggekratzt und Moos gefressen hatte, welches nicht nur in der Fährte umher verstreut lag, sondern von dem er auch merkwürdigerweise eine nicht unbedeutende Menge im Lager selbst gesammelt hatte. Bei dem anderen Bären ereignete sich die auffallende Thatsache, daß er mit einem Büschel Moos im Gebisse ertappt und so erlegt wurde. Die Losung um das Lager beider Bären war reichlich, dunkelgrün und dünnflüssig. Ich erwähne diese beiden Fälle ausführlich, weil sie während eines Zeitraumes von 11 Jahren die ersten waren, die ich beobachtete, und sie den Genuß von Moos als Abführmittel von seiten der Bären außer Frage stellen. Hat der Bär auf diese Weise sein Inneres gereinigt, so bemüht er sich, nunmehr auch sein Außeres durch möglichst reichlichen Fraß stattlicher zu gestalten. Doch fließt ihm dieser im Frühjahr spärlich zu. In Bezug auf den Fraß ist eben die Zeit unmittelbar nach dem Sicherheben aus dem Lager die ungünstigste, und dies mag wohl der Grund sein, weshalb er sich nicht selten genötigt sieht, sich wegen Mangel an Stoffen aus dem Pflanzenreiche solche aus dem Tierreiche anzueignen und mithin dem Viehstande hart mitzuspielen, was ganz besonders im Frühjahr häufig zu geschehen pflegt. Im allgemeinen pflegen die Bären, die sich schlecht bei Leibe eingeschlagen haben, auch diejenigen zu sein, die sich im Frühjahr besonders im Schlagen von Vieh auszeichnen.“
Hinsichtlich der Fortpflanzungsgeschichte des Bären begegnet man einer um so auffallenderen Unsicherheit, als der Bär ja doch zu den Raubtieren gehört, welche oft zahm gehalten werden. Es liegt jetzt über die Bärzeit, die Begattung und Geburt unseres Tieres eine Reihe von Beobachtungen vor, welche allerdings zunächst an gefangenen Bären angestellt wurden, aber unter sich so übereinstimmend sind, daß man von ihnen mit Vorbehalt wohl auf das Freileben schließen kann. Die Bärzeit ist der Mai und der Anfang des Juni; denn die Aufregung der Geschlechter währt einen ganzen Monat lang. Von mir gepflegte Bären begatteten sich zum ersten Male Anfang Mai, von nun ab aber täglich zu wieder: holten Malen bis zu Mitte Juni; andere Beobachter erfuhren genau dasselbe. Nur wenn man ein lange getrenntes Bärenpaar erst später zusammenbringt, kann es vorkommen, daß
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die Brunft auch noch im Juli, August und September eintritt. Die Paarung geschieht nach Hundeart. Gänzlich falsch ist es, wenn gesagt wird, daß der Bär in strenger Ehe lebe und sich eine Untreue gegen die einmal gewählte Bärin nicht zu schulden kommen lasse. Linné gab die Tragzeit der Bärin zu 112 Tagen an, weil er den Oktober für die Bärzeit annahm. In Wirklichkeit beträgt die Trächtigkeitsdauer mindestens 6 Monate, wahrscheinlich noch etwas mehr. Knaur fand in den Karpathen am 11. März in einem nach dem Tode der Bärin von ihm untersuchten Lager zwei Junge von Kaninchengröße und sprach ihnen ein Alter von 5— 6 Wochen zu. Die Bärin setzt gewöhnlich 2—3, manchmal 1 oder 4, sehr selten aber 5 Junge. Eine von mir gepflegte Bärin brachte in der vorletzten Woche des Januars zwei Junge. Wir bereiteten ihr im Inneren des Zwingers ein weiches Strohlager, und sie nahm dies dankbar entgegen. Das eine der Jungen starb kurz nach der Geburt, das andere war ein kräftiges und munteres kleines Tier von 25 em Länge. Ein silbergrauer, sehr kurzer Pelz bekleidete es; die Augen waren dicht geschlossen; das Gebaren deutete auf große Hilflosigkeit; die Stimme bestand in einem kläglichen, jedoch kräftigen Gewinsel. Die Bärin, welche von ihrem Eheherrn getrennt wurde, legte sehr wenig Zärtlichkeit gegen das Junge an den Tag, zeigte dagegen eine um so größere Sehnsucht nach ihrem Bären. Sobald dieser der Thüre ihrer Zelle sich nahte, verließ sie ihr Junges augenblicklich und schnüffelte und schnaufte den Herrn Gemahl an. Ihren Sprossen behandelte sie mit beispiellosem Ungeschick, ja mit förmlicher Roheit. Sie schleppte ihn in der Schnauze wie ein Stück Fleisch umher, ließ ihn achtlos ohne weiteres zu Boden fallen, trat ihn nicht selten und mißhandelte ihn so, daß er schon am dritten Tage starb. Dies geschah einzig und allein aus überwiegender Hinneigung zu dem Bären; denn sie wurde, als beide Tiere wieder zusammengebracht werden konnten, augenblicklich ruhig, während sie früher im höchsten Grade unruhig gewesen war.
Zwei Jahre später brachte dieselbe Bärin wieder Junge und zwar bereits am 5. Sa-nuar. Schon etwa 3 Wochen vor der Geburt zog sie sich in ihre Zelle zurück, ordnete das Stroh zu einem Lager, war träge und unlustig und fraß kaum noch. Einige Tage später nahm sie keine Nahrung mehr zu sich und ließ selbst das ihr gereichte Wasser unberührt. Die neugeborenen Jungen schützte fie sorgsam. Am 17. Februar verließ fie, soviel beobachtet werden konnte, zum ersten Male ihr Lager, um zu trinken; gefressen hatte sie bis dahin nicht, nahm von nun an aber wieder etwas Nahrung an. Ein Junges war gestorben; das überlebende hatte um diese Zeit die Größe eines halbwüchsigen Kaninchens erreicht. Im Alter von etwa 5 Wochen öffneten sich seine Augen; Ende Februar begann es sich zu bewegen, war aber noch ungemein täppisch und ungeschickt, Ende März spazierte es in der Zelle auf und ab, im April versuchte es weitere Ausflüge zu machen. Die Alte hielt den Sprößling in strenger Zucht, achtete auf jeden seiner Schritte und holte ihn mit der Brante gewaltsam herbei, wenn er sich entfernen wollte; für seine Reinigung sorgte sie dadurch, daß sie ihn zuweilen in das Wasserbecken warf und, nachdem er sich gebadet, wieder mit der Brante herauszog. Der erste gegen den Willen der Mutter gelungene Ausflug kostete dem niedlichen Geschöpfe das Leben: es verirrte sich beim Zurückkehren in den Zwinger der Eisbären und wurde von diesen sofort zerrissen. Die Alte bekundete wenig Kummer über den Verlust des Jungen, benahm sich wenigstens gegen den Bären, zu welchem sie gebracht worden war, ebenso zärtlich und hingebend wie je.
Soweit es sich um das Freileben unseres Tieres handelt, geben die Beobachtungen von Krementzz über alle diese Dinge wünschenswerte Klarheit; fie werden auch nicht bloß für die in den Rokitnosümpfen hausenden Bären gelten, wenngleich bei der sehr ausgedehnten Verbreitung unserer Tierart mancherlei Abweichungen vorkommen mögen. (Vgl. S. 229.)
| Laut Krementz beginnt daselbst die Bärzeit in der Mitte des Sommers und dauert
vom 15. Juni bis zum 15. August. Es scheint dabei zu eigentlichen Kämpfen kaum zu kommen, obwohl nicht selten mehrere Männchen ein Weibchen begleiten. Einmal wurden drei Bären als Gefolge einer Bärin beobachtet, von denen der kleinste und schwächste der begünstigte Liebhaber zu sein schien, wenigstens dem Pürzel der Bärin zunächst ging. Nach der Bärzeit gehen die Geschlechter wieder getrennt, die Bärin aber mit ihren Jungen, die auch während der Geselligkeit der Mutter in rücksichtsvoller Entfernung gefolgt sind. Es ist nicht möglich, sicher anzugeben, ob der Bär erst mit dem 5. oder 6. Jahre fortpflanzungsfähig wird, unser Gewährsmann ist jedoch geneigt, nach mancherlei Anzeichen anzunehmen, daß es schon früher geschehe. Die Zahl der Jungen ist verschieden. „Die Bärin setzt die Jungen in dem Zeitraume vom 1. Dezember bis 10. Januar, nur selten früher, mitunter einige Tage später. Von 31 frisch gesetzten Bären entfielen 16 auf die Zeit vom 1. Dezember bis 1. Januar, 13 auf die Zeit vom 1.— 10. Januar, 2 auf die Zeit vom 10. bis zum 20. Januar. Beim ersten Setzen sind es gewöhnlich 1 oder 2 Junge, späterhin auch 3, und in den folgenden Jahren schwankt die Anzahl zwischen 2 und 3, steigert sich jedoch zuweilen bis auf 4. Im Winter von 1870/71 nahm ich einer ungemein starken Bärin mit eigenen Händen fünf Junge weg, der zweite in der Gegend bekannte Fall innerhalb 50 Jahren. Die Mutter schien, nach den Zähnen zu urteilen, 14 Jahre nicht überschritten zu haben, war äußerst boshaft und schlug mehrere Menschen nicht unerheblich. Alte Bärinnen bringen dann wieder weniger Junge, kommen schließlich sogar auf ein Junges zurück, gehen inzwischen mehrere Jahre gelte und bären schließlich gar nicht mehr. Ich glaube nach meinen Beobachtungen an geschossenen Bärinnen den Zeitpunkt, von welchem an sie gelte zu gehen scheinen, auf das 16.— 18. Jahr festsetzen zu können.“ Obwohl Krementzz nicht ausdrücklich sagt, daß die Bärin regelmäßig alljährlich Junge bringt, geht es doch aus manchen seiner Angaben als selbstverständlich hervor. Er schreibt unter anderem: „Die Bärin, sofern dieselbe nicht beschlagen geht, schlägt sich mit ihrem ein- und zweijährigen Jungen stets in einem und demselben Landstriche ein. Anderseits beobachtete ich zweimal den gewiß seltenen Fall, zwei einjährige Bären, die wahrscheinlich ihre Mutter verloren hatten oder von ihr, weil sie beschlagen ging, abgetrieben worden waren ꝛc. Ist die Bärin beschlagen, so duldet sie unter keinen Umständen ihre früheren Jungen um sich, sondern treibt sie aus dem Bezirke, sogar mit Beißen und Ohrfeigen, hinaus und gibt der Sippe den Laufpaß. Von diesem Zeitpunkte an sind die Jungen selbständig, hängen nicht mehr mit der Familie und vor allem mit der Mutter zusammen und sind auf sich selbst angewiesen.“
Die Mutter richtet in der Regel für ihre Jungen ein vollständiges Nest her, doch ist mehrmals beobachtet worden, daß sie diese auch auf den blanken Schnee setzt. Droht der Nachkommenschaft Gefahr, so trägt sie diese im Gebisse oft weithin fort. Auffällig ist aber, daß die Mutter ihre noch sehr kleinen und unbeholfenen Jungen in der Bedrängnis häufig schnöde preisgibt, während sie die straffer gewordenen stets mutig verteidigt. Unter solchen Umständen betrachtet sie sich als Selbstherrscherin in der Gegend, die sie als Aufenthaltsort erwählt hat, und begegnet jeder Störung mit sofortigem Angriffe. Einzelne werden zum Schrecken aller, die ihr Gebiet zu durchschreiten haben, und vermögen selbst Verkehrswege zu sperren; wer ohne Hunde in ihren Bereich kommt, ist in Gefahr, verwundet oder getötet zu werden. Etwa im vierten Monat sind die Jungen so weit herangewachsen, daß sie der Mutter folgen können; diese übt fie fleißig im Klettern, macht fie mit den Mitteln, Fraß zu finden, vertraut und erteilt ihnen Unterricht in mancherlei dem Bärwilde eigenen Kenntnissen. Einmal hatte Krementz Gelegenheit, eine Bärenmutter mit ihren Kindern zu belauschen. „Die Bärin lag ziemlich frei auf einem Bruche, gegen Norden und Osten durch dichtes Weidengestrüpp geschützt. Es war einer jener schönen, klaren und ruhigen 15*
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Wintertage, wie sie im Inneren Rußlands sich mitunter gegen Ende Januar einstellen. Die Bärin hatte drei Junge, lag auf dem Rücken und spielte, den Kopf etwas erhoben, mit einem Kleinen, welches, auf den Hinterbeinen erhoben, sich abmühte, der Mutter auf den Bauch zu klettern. Die beiden anderen Kleinen balgten sich ernsthaft auf dem Schnee herum und ließen bereits ihre feine Baßstimme deutlich vernehmen. Zufällig brach von der Fichte, auf welche ich behufs besserer Beobachtung gestiegen war, ein Astchen ab. Das unbedeutende Geräusch war von der Mutter vernommen worden und schien ihr verdächtig. Sofort wurde sie hoch und ging einige Schritte in der Richtung auf die Fichte zu. Die Kleinen vergaßen ihre Streitlust und kauerten friedlich in der Mitte des Lagers. Wenigstens 3 Minuten stand die Bärin wie gebannt da, starr den Kopf auf die Fichte gerichtet, dann und wann das Gehör hin und her bewegend. Endlich drehte sie sich wieder dem Lager zu, legte sich um die Jungen, die sofort anfingen zu saugen, hielt jedoch den Kopf hoch und äugte zeitweise nach der Gegend, in welcher sie das Geräusch vernommen. Ich hielt mich äußerst ruhig, um nicht ihre Aufmerksamkeit von neuem zu erregen. Endlich schien auch die Bärin beruhigt zu sein. Sie kratzte einige Male mit der linken Hinterbrante über die Rippen, warf einen Blick auf ihre Kleinen, legte sich platt auf die Seite und versankinMorpheus' Arme. Die Kleinen ließen vom Saugen ab, legten sich zusammen und pflegten ebenfalls der Ruhe.“