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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Neben weidgerechter Jagd betreibt man überall noch andere, wendet überhaupt alle Mittel an, um sich des Raubtieres da, wo es lästig wird, zu entledigen. Kühner Mannesmut und Hinterlist vereinigen sich zur Erreichung dieses Zieles. In Galizien und Siebenbürgen legt man schwere Schlageisen auf seine Wechsel, befestigt an ihnen eine Kette und an dieser mittels eines längeren, festen Strickes einen schweren Klotz. Der Bär tritt gelegentlich in eines der Eisen, versucht vergeblich, sich von ihm zu befreien oder die Kette zu zerbeißen, hängt sich schließlich an einem Baume fest, mattet sich ab und geht elendiglich zu Grunde. Dem Jäger, welcher alle zwei Tage die Wechsel begeht, zeigt das geschleppte Eisen, die Kette oder der Klotz den von dem gefangenen Bären genommenen Weg deutlich genug an, um ihn sicher aufzufinden. „Die Asiaten“, erzählt Steller, „machen ein Gebäude von vielen aufeinander liegenden Balken, welche alle zusammenstürzen und die Bären erschlagen, sobald sie auf die vor ihnen leise aufgestellten Fallen kommen. Sie graben eine

Grube, befestigen darin einen spitzen, geglätteten und gebrannten Pfahl, welcher einige Fuß hoch aus der Erde emporsteht; die Grube aber bedecken sie mit Gras. Vermittelst eines Strickes stellen sie jetzt ein biegsames Schreckholz auf, welches, wenn der Bär mit dem Fuße auf den Strick tritt, losschlägt und das Tier dergestalt erschreckt, daß es heftig zu laufen anfängt, unvorsichtigerweise in die Grube fällt, sich auf den Pfahl spießt und selbst tötet.“

Weitere recht lustige Fanggeschichten: wie der Bär sich selbst auf einem Brette festnagelt und beim Aufrichten sich mit dem Brette die Aussicht benimmt; wie er mit einem vor dem Flugloche von Baumbienen aufgehängten oder mit einer Schlinge am Berghange hingeleg-ten Klotze blindwütend kämpft, bis er sich zu Tode fällt; wie er mit ihm zugereichten Holzscheiten sich selbst in seiner Zufluchtshöhle einbaut, und andere Stücklein mehr, können ebensowenig wie der bekannte Tigerfang mit Krautblättern und Vogelleim ernsthaft genommen werden, bis zuverlässige Augenzeugen dafür einstehen. In Norwegen, Rußland, Sieben: bürgen und Spanien treten hier und da geübte, kühne Männer, von einigen Hunden begleitet, dem Bären auch noch bloß mit Lanze und Messer entgegen und kämpfen mit ihm auf Leben und Tod. Der Nutzen, welchen eine glückliche Bärenjagd abwirft, ist nicht unbeträchtlich. Das Fleisch gibt einen hübschen Ertrag; das Bärenfett, das auch einen guten Ruf als ein den Haarwuchs beförderndes Mittel besitzt, wird sehr gesucht und gut bezahlt. Dieses Fett ist weiß, wird nie hart, in verschlossenen Gefäßen selten ranzig, und fein im frischen Zustande widerlicher Geschmack verliert sich, wenn man es vorher mit Zwiebeln abgedämpft hat. Das Wildbret eines jungen Bären hat einen feinen, angenehmen Geschmack; die Keulen alter, feister Bären gelten, gebraten oder geräuchert, als Leckerbissen. Am meisten werden von Feinschmeckern die Branten geschätzt; doch muß man sich erst an ihren Anblick gewöhnen, weil fie, abgehärt und zur Bereitung fertig gemacht, einem auffallend großen Menschenfuße in widerlicher Weise ähneln. Als ein vortreffliches Gericht gilt endlich auch der Bärenkopf. Das Fell der Bären wird sehr verschieden bewertet; das der kleineren kommt kaum in Betracht, das der großen wird, laut Lomer, je nach Schönheit gegenwärtig mit 60—250 Mark bezahlt.

Die Bäuerinnen im Ural legen der Klaue, die Ostjaken dem Reißzahne geheimnisvolle Kräfte bei. Ein Bärenjäger im Ural muß die Decke eines von ihm erlegten Bären wohl in acht nehmen, will er nicht erleben, daß die jungen Mädchen alle an ihr haftenden Klauen stehlen. Denn solche Klaue, insbesondere die vierte der rechten Vorderbrante, zwingt jeden Jüngling, das Mädchen, welches ihn heimlich mit ihr kratzte, inbrünstig zu lieben. Der Bärenzahn aber wird dem rechtlichen Ostjaken zu einem Talisman, welcher vor Krankheit und Gefahr schützt und Falschheit und Lüge an das Licht bringt. Kein Wunder daher, daß bei vielen Völkerschaften, und zwar in weit voneinander gelegenen Gebieten, die Erlegung eines Bären durch einen absonderlichen Tanz und mancherlei festliche Gebräuche verherrlicht wird. Die Bewohner der weiten Sumpfgebiete Westrußlands halten außer dem Felle auch die Galle des Bären für sehr heilkräftig; sie soll namentlich ein unfehlbares Mittel gegen das Fieber sein. Daher pflegt man nach glücklicher Jagd nicht bloß den allerwärts üblichen kräftigen Trunk zu thun, sondern ihm nach altem Herkommen etwas von der Galle des erlegten Wildes beizumischen.

Noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts galt es als ein fürstliches Vergnügen, gefangene Bären mit großen Hunden kämpfen zu lassen. Die deutschen Fürsten fütterten jene bloß zu diesem Zwecke in eigenen Gärten. „August der Starke“, jo erzählt von Flemming, „hatte deren zwei, und es ereignete sich, daß einstmals aus dem Garten zu Augustusburg ein Bär entsprang, bei einem Fleischer ein Kalbsviertel herunterriß und, da ihn die Frau verjagen wollte, diese samt ihren Kindern erwürgte, worauf Leute herbeieilten und ihn totschossen.“ Auf den Platz wurde der für den Kampf bestimmte Bär in einem Kasten

gefahren, welcher durch einen Zug aus der Ferne so geöffnet werden konnte, daß er sich nach allen Seiten niederlegte und den Bären dann plötzlich befreite. Hierauf ließ man große, schwere Hunde gegen ihn los. Packten ihn diese fest, so konnte er ohne besondere Schwierigkeiten von einem Manne abgefangen werden. Im Dresdener Schloßhofe wurden im Jahre 1630 binnen 8 Tagen drei Bärenhetzen abgehalten. In den beiden ersten mußten sieben Bären mit Hunden, im dritten aber mit großen Keilern kämpfen, von denen fünf auf dem Platze blieben; unter den Bären war nur einer von 8 Zentner Gewicht. Die Bären wurden noch außerdem durch Schwärmer gereizt und vermittelst eines ausgestopften roten Männchens genarrt. Gewöhnlich fingen die großen Herren selbst die von den Hunden festgehaltenen Bären ab; August der Starke aber pflegte ihnen den Kopf abzuschlagen.

Selbst in der Neuzeit werden noch hier und da ähnliche Kämpfe abgehalten. Auf dem Stiergefechtsplatze inMadrid läßt man bisweilen Bären mit Stieren kämpfen, und in Paris hetzte man noch im Anfange dieses Jahrhunderts angekettete Bären mit Hunden. Kobell, welcher einem derartigen Schauspiele beiwohnte, erzählt, daß der Bär die auf ihn anstürmenden Hunde mit seinen mächtigen Branten rechts und links niederschlug und dabei fürchterlich brummte. Als die Hunde aber hitzig wurden, ergriff er mehrere nacheinander, schob sie unter sich und erdrückte sie, während er andere mit schweren Wunden zur Seite schleuderte.

Die Römer erhielten ihre Bären hauptsächlich vom Libanon, erzählen aber, daß sie deren auch aus Nordafrika und Libyen bezogen hätten. Ihre Beschreibungen der Lebensgeschichte des Tieres sind mit Fabeln gemischt. Aristoteles schildert, wie gewöhnlich, am richtigsten; Plinius schreibt ihm nach, fügt aber bereits einige Fabeln hinzu; Oppian gibt einen trefflichen Bericht über die herrlichen Bärenjagden der Armenier am Tigris, Julius Capitolinus endlich einen solchen über die Kampfspiele im Zirkus, gelegentlich deren er erwähnt, daß Gordian der Erste an einem Tage 1000 Bären auf den Kampfplatz brachte.

Der nächste Verwandte des Landbären ist der über ganz Nordwestamerika verbreitete

Grau- oder Grislibär, der Grizzly bear und scherzhaft auch Old Ephraim der Amerikaner (Ursus cinereus, U. ferox, griseus, horribilis und canadensis). Im Leibesbau und Aussehen ähnelt er unserem Bären, ist aber größer, schwerer, plumper und stärker als dieser. Dunkelbraune, an der Spitze blasse Haare, welche an den Schultern, der Kehle und dem Bauche, überhaupt am ganzen Rumpfe länger, zottiger und verworrener als bei den Landbären sind, hüllen den Leib ein, kurze und sehr blasse bekleiden den Kopf. Die Iris ist rötlichbraun. Die Farbe des Pelzes ändert mannigfaltig ab bis zum Eisengrau und bis zum lichten Rotbraun, jenes manchmal mit einem gewissen silberigen, dieses mit einem goldigen Schimmer, bedingt durch silberweiß oder gelblich gefärbte Spitzen des Oberhaares. Amerikanische Jäger pflegen danach den eigentlichen Grisli-, den Braun- und den Zimtbären zu unterscheiden und halten den letztgenannten nicht bloß für den schönsten, sondern auch für den gefährlichsten. Von den europäischen Bären unterscheidet sich dieser amerikanische sicher durch die Kürze seines Schädels und durch die Wölbung der Nasenbeine, die breite, flache Stirn, die Kürze der Ohren und des Schwanzes und vor allem durch die riesigen, bis 13 em langen, sehr stark gekrümmten, nach der Spitze zu wenig verschmälerten, weißlichen Nägel. Auch die bedeutende Größe ist ein Merkmal, welches Verwechselungen zwischen den beiden Arten nicht leicht zuläßt; denn während unser Bär nur in seltenen Fällen 2,2 m an Länge erreicht, wird der Grislibär regelmäßig 2,3, nicht selten sogar 2,5 m lang und erreicht ein Gewicht bis zu 450 Kg. Sein Verbreitungsgebiet umfaßt den Weiten Nordamerikas, in den südlichen Teilen der Vereinigten Staaten etwa vom Felsengebirge, in den nördlichen (Dakota) schon vom Missouri an. Je weiter westlich, um so häufiger tritt er auf, besonders in Gebirgen. Südwärts kommt er noch in den Hochländern Mexikos

mindestens bis nach Jalisco vor; nordwärts geht er bis zum Polarkreise und darüber hinaus, denn der in Britisch-Kolumbien und Alaska stellenweise sehr zahlreich auftretende mächtige braune Bär (Ursus richardsonii), der immerhin eine Übergangsform zum altweltlichen, gemeinen Landbären bilden könnte, ist zum echten Grisli zu stellen, solange nicht seine Artverschiedenheit nachgewiesen worden ist. Jedenfalls entspricht seine Größe nicht jenem, sondern diesem, geht sogar darüber hinaus; laut Elliott hatte ein auf der Kenaihalbinsel erlegter brauner Bär 2,7 m Länge. Am Kotzebuesund und Kap Lisburne z. B. findet er sich neben dem Eisbären und paart sich, nach den Angaben der Eingeborenen, auch mit diesem; aus solchen Paarungen sollen die licht gelbbraunen oder die hell gefleckten, um nicht zu sagen scheckigen, Bären stammen, von denen man in jenen nordischen Gebieten erzählen hört.

In seiner Lebensweise ähnelt der Graubär so ziemlich dem unseren, hält auch wie dieser seine Winterruhe; sein Gang ist jedoch schwankender oder wiegender, und alle seine Bewegungen sind plumper. Nur in der Jugend soll er im stande sein, Bäume zu ersteigen, im Alter dagegen solche Künste nicht mehr auszuführen vermögen; dagegen schwimmt er mit Leichtigkeit selbst über breite Ströme. Er ist ein tüchtiger Räuber und mehr als stark genug, jedes Geschöpf seiner Heimat zu bewältigen. Frühere Berichte kennzeichnen ihn mit Vorliebe als ein furchtbares und bösartiges Tier. Danach soll er selbst vor dem Menschen keine Furcht zeigen, vielmehr ohne weiteres auf ihn losgehen, sei dieser zu Pferde oder zu Fuß, bewaffnet oder nicht, habe er ihn beleidigt oder gar nicht daran gedacht, ihn zu kränken. Es wird ihm sogar nachgesagt, daß er einen straff gespannten Lasso, sei er nun selbst von der Schlinge gefaßt, oder sei ein Pferd bloß zum Weiden daran ausgepflöckt, mit seinen Branten Hand über Hand einzuholen verstünde, wie etwa der Seemann ein Tau. Aus allen diesen Gründen errang der Jäger, welcher sich erwiesenermaßen mit Old Ephraim gemessen hatte, die Bewunderung und Hochschätzung aller Männer, welche von ihm hörten, der Weißen ebensowohl wie der Indianer, von denen die Erlegung des Bären geradezu als das erste Manneswerk gepriesen wird. Unter allen Indianerstämmen verleiht der Besitz eines Halsbandes aus Bärenklauen und Zähnen seinem Träger eine Hochachtung, wie sie bei uns kaum ein Fürst oder siegreicher Feldherr genießen kann. Nur derjenige Wilde darf die Bärenkette tragen, welcher sie sich selbst und durch eigene Kraft erworben; berichtet wird ferner, daß das Ungeheuer, welches auf den Menschen, den es sieht, dreist losgeht, um ihn zu vernichten, vor dessen Witterung sofort die Flucht ergreife. In ebendemselben Grade, wie er die Witterung des Menschen scheuen soll, fürchten alle Tiere die seinige. Die Haustiere gebärden sich genau so, wie wenn ihnen die Ausdünstung von einem Löwen oder Tiger wahrnehmbar wird, und selbst das tote Tier, ja bloß sein Fell flößt ihnen noch gewaltigen Schreck ein. Einzelne Jäger behaupten sogar, daß auch die sonst so gefräßigen Wildhundarten Amerikas, welche so leicht keine andere Leiche verschonen, ihre Achtung vor dem Bären bezeigen und seinen Leichnam unangetastet lassen.

Es unterliegt gar keinem Zweifel mehr, daß diese und andere Angaben teils unrichtig, teils stark übertrieben sind. Sie wurden verbreitet und geglaubt zu einer Zeit, in welcher der ferne Westen noch wenig besucht wurde, in welcher man für abenteuerliche Erzählungen eines furchtbaren Geschöpfes bedurfte, das geeignet war, in der Neuen Welt eine ähnliche Rolle zu spielen wie die verrufensten Raubtiere in der Alten Welt. Gelegentliche schlimme Erlebnisse mit dem einen oder anderen wurden als bezeichnend für alle und unter allen Umständen aufgefaßt, und so wurde der Grisli zum Schrecken des unbekannten fernen Westens. Wie von unseren Landbären ist auch schon mancher Mensch vom Graubären umgebracht worden; verwundete haben sich gewehrt, überraschte und namentlich Mütter, die ihre Jungen bedroht glaubten, manchmal auch aus freien Stücken angegriffen; aber deswegen ist der amerikanische Bär weder furchtbarer als sein europäischer Verwandter, noch zeigt er einen

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