Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Wie es unsere Bären im äußersten Nordosten ihres Verbreitungsgebietes und zwar in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts trieben, schildert Steller folgendermaßen: „Auf Kamtschatka gibt es Bären in unbeschreiblicher Menge, und man sieht solche herdenweise auf den Feldern umherschweifen. Ohne Zweifel würden sie längst ganz Kamtschatka aufgerieben haben, wären sie nicht so zahm und friedfertig und leutseliger als irgendwo in der Welt. Im Frühjahre kommen fie haufenweise von den Quellen der Flüsse aus den Bergen, wohin sie sich im Herbste der Nahrung wegen begeben, um daselbst zu überwintern. Sie erscheinen an der Mündung der Flüsse, stehen an den Ufern, fangen Fische, werfen sie
nach dem Ufer und fressen zu der Zeit, wenn die Fische im Überflusse sind, nach Art der Hunde nichts mehr von ihnen als den Kopf. Finden sie irgend ein stehendes Netz, so ziehen sie solches aus dem Wasser und nehmen die Fische heraus. Gegen den Herbst, wenn die Fische weiter in dem Strome aufwärts steigen, gehen sie allmählich mit ihnen nach den Gebirgen. Wenn ein Eingeborener eines Bären ansichtig wird, spricht er ihn von weitem an und beredet ihn, Freundschaft zu halten. Mädchen und Weiber lassen sich, wenn sie auf dem Torflande Beeren aufsammeln, durch die Bären nicht hindern. Geht einer auf sie zu, so geschieht es nur um der Beeren willen, welche er ihnen abnimmt und frißt. Sonst fallen sie keinen Menschen an, es sei denn, daß man sie im Schlafe störe. Selten geschieht es, daß der Bär auf einen Schützen losgeht, er werde angeschossen oder nicht. Sie sind To frech, daß sie wie Diebe in die Häuser einbrechen und, was ihnen vorkommt, durchsuchen.“
Ein einziger Blick auf das Gebiß des Bären lehrt, daß er Allesfresser und mehr auf pflanzliche als auf tierische Nahrung angewiesen ist. Am besten läßt er sich mit dem Schweine vergleichen: wie diesem ist ihm alles Genießbare recht. Für gewöhnlich bilden Pflanzenstoffe seine Hauptmahlzeit, kleine Tiere, namentlich Kerfe, Schnecken und dergleichen, die Zukost. Monatelang begnügt er sich mit solcher Nahrung, äst sich wie ein Rind von jung auffeimen-dem Roggen oder von fettem Grase, frißt reifendes Getreide, Knospen, Obst, Eicheln, Waldbeeren, Schwämme und dergleichen, wühlt nebenbei Ameisenhaufen auf und erlabt sich an den Larven wie an den Alten, deren eigentümliche Säure seinem Gaumen behagen mag, oder wittert einen Bienenstock aus, welcher ihm dann leckere und höchst willkommene Kost gewährt. Im südlichen Kärnten trägt man die Bienenstöcke im Sommer ins Gebirge, um sie, je nachdem die Blüte der Alpenpflanzen eintritt, niedriger oder höher an den Bergen aufzustellen. Hier findet sich zuweilen ein aus Krain herübergekommener Bär ein und thut dann großen Schaden, indem er die Stöcke zerbricht und ihres Inhaltes entleert. Vor einigen Jahren zog ein solcher Irrling von einem Bienenstande zum anderen und vernichtete über 100 Stöcke, unter ihnen 8 meines Gewährsmannes, des Försters Wippel. Auch in Sibirien und Turkistan ist er wie anderwärts für die Immenzüchter ein böser Gast. Krementz erzählt, daß er mit Sicherheit die Stöcke ausfinde, welche viel oder überhaupt Honig enthalten. Diejenigen, welche auf Bäumen angebracht sind, wirft er auf den Boden herab, trägt sie auch oft weit hinweg, bevor er daran geht, sich am süßen Inhalte zu laben. Meist wird es ihm sehr erschwert, an die auf Bäumen befestigten Stöcke zu gelangen, denn die kundigen Bauern pflegen den Stamm hoch hinauf von Asten zu säubern und oben mit einer festen, wagerecht ausladenden Bretterbühne zu umgeben, die er zertrümmern oder mit ungewöhnlicher Kletterkunst überwinden muß. Beim Diebstahl ertappt, nimmt er eilig Reißaus, rutscht am Stamme herab oder läßt sich, wenn ihn die Bühne behindert, von ihrem Rande einfach zur Erde fallen, ohne dabei sonderlich Schaden zu nehmen. Die Angriffe der Bienen sind ihm nichts weniger als gleichgültig; er brummt vor Schmerz, wälzt sich, sucht die Peiniger mit den Branten abzustreifen, räumt auch, wenn es ihm gar zu arg wird, das Feld und zieht zu Holze oder zu Wasser, kehrt aber früher oder später zurück, den Kampf um die geliebte Leckerei wieder aufzunehmen.
In den Waldungen des Burejagebirges kehrt er im Juni und Juli, wenn es ihm noch an Beeren fehlt, vom Winde umgebrochene Bäume um, deren Mulm er nach Käfern und ihren Larven durchsucht. An solchen umgewälzten Windfällen und an den zerwühlten Ameisenhaufen erkennt man überall sein Vorhandensein. Sobald die Reife der Beeren beginnt, zieht er diesen nach, biegt auch junge, beerentragende Bäume zum Boden herab, um zu deren Früchten zu gelangen; wenn das Getreide, insbesondere Hafer und Mais, Körner ansetzt, besucht er die Felder, läßt sich nieder und rutscht, in einer einzigen Nacht ziemliche Flächen verwüstend, sitzend auf und ab, um in aller Bequemlichkeit die Ahren und Rispen
zum Maule führen zu können; in den Herbstmonaten geht er den abfallenden Eicheln und Bucheln oder in den Waldungen Sibiriens den Zirbelnüssen nach, soll auch, nach Radde gewordenen Mitteilungen, die Zirbelfichten besteigen und deren Wipfel abbrechen, um zu den körnerreichen Zapfen zu gelangen. Wenn die Nahrung, vornehmlich aber wenn das Wasser knapp wird, denn Petz ist ein starker Trinker, begibt sich selbst der Standbär notgedrungen auf größere Wanderungen und führt zeitweilig ein unstetes Leben; dann kommt er lechzend sogar bis an die Wohnsitze der Menschen, um seinen brennenden Durst zu stillen. Er unternimmt aber auch Wanderzüge, wenn irgendwo ihm sehr behagende Waldfrüchte in Menge gediehen sind. „Vorzüglich liebt der Bär“, schreibt Krementz, „neben Obst und Haselnüssen, Eicheln. Sie bilden, wenn sie reichlich geraten sind, seinen Lieblingsfraß; ihnen zieht er weither nach, und nicht selten schlägt er sich in großen Eichenbeständen zur Zeit der Reife in großen Trupps zusammen. So wurden in einem solchen Falle im Kreise Bobrysk im Oktober auf einer Treibjagd in einem großen, mit zahlreichen Eichenstämmen durchstandenen Forstorte in einem Treiben elf Stück auf die Strecke gebracht, und eine nicht geringere Anzahl brach durch. Der Bär wird nach dem Fraße von Eicheln und Heidekorn sehr feist, während Fleisch, Beeren, Obst und Hafer wenig Feist ansetzen. Am begierigsten it der Bär nach Honig, dem er im Herbste scharf nachstellt.“
Das Tagewerk eines Standbären, der also ein bestimmtes Gebiet als sein eigenstes Reich betrachtet, schildert Krementz sehr anschaulich. „Bei seinen täglichen Rundgängen ist der Bär ungemein aufmerksam, sein Gang behäbig und durchaus nicht beschleunigt. Nur wenn er etwas vernimmt, trollt er entweder eilig davon, oder bleibt stehen, sichert hierhin und dorthin, hebt und dreht dabei das Gehör, wendet fleißig den dicken Kopf und setzt sich zuweilen auf das fleischige Hinterteil. Ist ihm ein Gegenstand verdächtig, so äugt er ihn unverwandt mit vorgestrecktem Halse und gehobenem Kopfe an, trollt entweder vorbei, oder brummt ihn an und umschlägt ihn in einem Bogen, dabei jedoch den Gegenstand nicht aus den Augen verlierend. Neugierig, wie er nun einmal ist, beschnuppert er alles, wendet den Gegenstand nach allen Seiten und beäugt ihn gründlich. Dann und wann besteigt er einen Baum, klettert hoch in den Gipfel hinein, lugt fleißig aus und hält Umschau. Den Wechsel hält er bei diesen Gängen, wenn er nicht beunruhigt wird, ziemlich fest ein und trifft an gewissen Punkten seines Standrevieres alltäglich beinahe um dieselbe Stunde ein, so daß alte bärenkundige Buschwächter zuweilen wohl im stande sind, anzugeben, an welcher Stelle des Revieres die ihnen wohlbekannten Petze sich zu einer gewissen Tageszeit befinden. Dem Bären im Freien auf diesen seinen täglichen Wanderungen zu folgen, sein Thun und Treiben zu beobachten und zu belauschen, ist unmöglich, und das zufällige Zusammentreffen mit ihm oder selbst das Erwarten an seinen Lieblingsaufenthalten, wie Tränken ꝛc., sind Vorgänge, die eben wegen ihrer kurzen Dauer wenig Aufklärung über die in mancher Beziehung noch vielfach dunkle Lebensweise des Bären verbreiten können. Mehr Licht verschaffen in dieser Beziehung die frischen Fährten bei Tau und Reif, und es möge hier das Ergebnis der Verfolgung einer solchen Fährte eine Stelle finden. Der mittelstarke Bär wechselte frühmorgens über eine Wiese, wendete ein an deren Rande lagerndes Stück Kiefernstammholz um, kratzte an einzelnen Stellen darunter die Erde auf und suchte hier nach Würmern, Puppen und Larven. Die Rinde des bereits 2 Jahre alten Stammes hatte er an mehreren Stellen aufgerissen und sich in dem Wurmmehle die fetten Larven von Bockkäfern ꝛc. zu Gemüte geführt. Sein weiterer Gang durchs Holz kennzeichnete sich durch Aufkratzen des Laubes, Auseinanderwerfen von Ameisenhaufen, Umwenden von Rindenstücken und Lagerholz, Abfressen von Blau- und Preißelbeeren und Schwämmen. An einzelnen Stellen hatte er die Erde vielfach aufgekratzt und die frische Losung von Elchwild auseinander geworfen und war alsdann auf der Fährte des letzteren hingetrollt; dann wandte er sich einem Bruche
zu, ging auf diesem gegen 100 Schritt hin, zog plötzlich links ab dem Holze zu, aus dem er gekommen, und that vom Bruche aus einen Sprung in dasselbe nach mehreren Haselhühnern, wie die bei der plötzlichen Überrumpelung ineiliger Flucht verloren gegangenen Federn bewiesen. Alsdann wandte er sich wieder dem Bruche zu, durchzog ihn in gerader Richtung ohne bemerkenswerte Handlung, zog wieder zu Holze, riß ein leeres Drosselnest von einem Haselbusche, bemühte sich mit Fängen und Waffen an einer hohlen Eiche die Offnung zu erweitern, um zu dem Honig eines wilden Bienenschwarmes zu gelangen, fraß Blaubeeren, beschnüffelte die Einfahrt eines Dachsbaues und machte sich auf grasreicher Blöße vielfach durch Hin- und Herlaufen bemerklich. Die nähere Untersuchung ergab reichliche Losung junger Birkhühner, deren Geläufe er eifrig gefolgt war. Von hier aus durchzog er einen nassen, dicht bestandenen Erlenbruch, betrat alsdann einen alten Kiefernbestand, löste sich, entrindete eine abgestorbene Kiefer an ihrem unteren Ende, kratzte die Erde auf, erniedrigte sich mit dem Hinterteile darauf, während er sich auf den Vorderbranten hin und her zu bewegen schien, denn die Abdrücke der Waffen waren zahlreich vorhanden und die Erde durch das häufige Aufsetzen und den starken Druck der Sohlen festgedrückt. Dann wandte er sich einer Blöße zu, die mit Buchweizen bestellt war, durchschnitt diese und betrat einen aus Weichholz und Fichten gemischten, niedrig gelegenen und reichlich mit Lagerholz versehenen Distrikt, bei dessen Durchzug er die Partien mit Lagerholz bevorzugte, worauf er unter der aufgeworfenen Wurzel einer geschobenen Fichte durchkroch, beim Wechseln über eine geworfene Espe ausglitt und mit dem Hinterkörper ziemlich tief in den Morast einsank; schließlich steuerte erdem mehr trockenen Boden einer nahen Fichtendickung zu und verschwand darin, ohne daß seine Verfolgung weiter fortgesetzt wurde.“
Solange der Bär Pflanzenkost in reichlicher Menge zur Verfügung hat, hält er sich an diese; wenn die Not ihn treibt, oder wenn er sich an tierische Nahrung gewöhnt hat, wird er manchmal zum Raubtiere in der eigentlichen Bedeutung des Wortes. Seine Beute sucht er zu belauern oder zu beschleichen; Großvieh soll er auch durch Umherjagen ermüden oder, zumal wenn es auf höheren Bergen weidet, versprengen und in Abgründe treiben, worauf er behutsam nachklettert und sich unten satt frißt. Glückliche Erfolge mehren seine Dreistigkeit. Im Ural gilt der Bär als der schlimmste Feind der Pferde. Fuhrleute und Postkutscher weigern sich zuweilen, nachts durch einen Wald zu fahren, obwohl es kaum vorkommen mag, daß ein Bär Pferde vor dem Wagen angreift. Solche aber, welche frei im Walde weiden, sind niemals vor ihm sicher. Ein mir befreundeter Bärenjäger, von Beckmann, erzählte mir als Augenzeuge, wie das Raubtier bei seinem Angriffe verfährt. In der Nähe eines sumpfigen Dickichts weideten mehrere Pferde angesichts des auf dem Anstande regungslos verharrenden Jägers. Da erschien, aus dem Dickicht kommend, ein Bär und näherte sich, langsam schleichend, den Pferden mehr und mehr, bis diese ihn wahrnahmen und in höchster Eile die Flucht ergriffen. Mit mächtigen Sätzen folgte der Bär, holte das eine der Pferde in überraschend kurzer Zeit ein, schlug es mit der einen Brante auf den Rücken, packte es mit der zweiten vorn im Gesichte, warf es zu Boden und zerriß ihm die Brust. Als er sah, daß unter den geflüchteten Tieren eines lahm war und nicht zu entkommen vermochte, lief er, die geschlagene Beute verlassend, auch dem zweiten Opfer nach, erreichte es rasch und tötete es ebenfalls. Beide Pferde schrien entsetzlich.
Ist Meister Braun einmal dreist geworden, so kommt er auch an Ställe heran und versucht, deren Thüren zu erbrechen oder, wie in Skandinavien mehrmals geschehen sein soll, deren Dächer abzudecken. Seine außerordentliche Stärke ermöglicht es ihm, selbst große Beutetiere fortzuschaffen. Von der ungemeinen Kraft starker Bären gibt Krementz mehrere Beispiele. Ein Bär zerbrach im Todeskampfe 8—10 cm dicke Kiefernstangen; ein anderer nahm eine eben geschlagene und noch zappelnde Kuh mit den Vorderbranten und trug sie,