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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Der Löffelhund bewohnt Südafrika und, nach Kirks und Spekes Befunden, auch Teile von Ostafrika. Über sein Leben und Treiben ist sehr wenig bekannt. „Der Löffelhund“, berichtet G. Fritsch, „wird von den Ansiedlern am Vorgebirge der Guten Hoffnung wegen seines weinerlichen, abgesetzten Gebelles Gna⸗-Schakal genannt; im Setschuana heißt er Motlosi. Sein Lieblingsaufenthalt sind die bebuschten Hochsteppen des Inneren, nördlich vom Oranjeflusse; in die Ansiedelung und das obere Natal mag er wohl zuweilen herunterkommen, ist in den vorgedachten Gegenden jedoch viel häufiger als hier. Bei Tage lagert er wie andere seiner Verwandtschaft wohlverborgen in dichtem Gestrüppe

Löffelhund (Otocyon caffer). ½ natürl. Größe.

oder in den vom Erdferkel ausgehöhlten Termitenhaufen, des Nachts schweift er umher, kommt auch unter wahrhaft erbärmlichen Klagetönen zuweilen in die Nähe der Lagerfeuer. Seine Nahrung besteht aus kleinen Tieren und Abfällen tierischer Natur, besonders aber aus Wanderheuschrecken, deren Zügen er in Gemeinschaft des großen Trappen, der Krähen und kleinen Falken als treuer Begleiter folgt. Sein Fleisch, welches ganz appetitlich aussieht, erinnert im Geschmacke an das widerlich Fade der Heuschrecken; auch behält man davon einen ranzigen Nachgeschmack im Munde. „Die Eingeborenen stellen dem Motlosi eifrig nach, weil sie ebensowohl sein Fleisch gern genießen als auch das Fell sehr schätzen. Letzteres dient nämlich bei den Betschuanenstämmen als Besatz der großen Pelzmütze in Form einer Kopfklappe mit breitem, vorn hohem, hinten herabgezogenem Aufschlage, durch welche die verheiratete Frau von dem unverheirateten Mädchen sich unterscheidet. Man jagt den Gna⸗Schakal haͤuptsächlich mit Hunden, Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 14

Löffelhund (Otocyon caffer). / natürl. Größe.

welche ihn in seinen Verstecken aufspüren und abwürgen, oder gräbt ihn aus. Geschossen wird er seltener, geht auch weniger als der Schabrackenschakal oder die Hyäne auf die Lockspeise der Stellgewehre. Weniger Raubtier als unser Reineke und friedlicher als andere Wildhunde gleicher Größe, setzt er sich selbst angegriffen nur schwach zur Wehre. Unter dem Schusse hörte ich ihn seine Klagetöne ebenfalls ausstoßen.“

Pechuel-Loesche begegnete dem Löffelhunde ziemlich häufig und gewöhnlich während der ersten Morgenstunden in den hoch gelegenen Strauchsteppen des Hererolandes. Die sehr geschmeidigen und behenden Tiere streichen in der Regel paarweise umher, tauchen öfters plötzlich ganz nahe hinter irgend einem Busche auf und blicken den Menschen mit schief gehaltenem Kopfe, gleichsam vertraulich fragend, an; nicht selten halten sie dabei wie ein Vorstehhund einen Vorderlauf gehoben. Von Neugierde oder von der Hoffnung getrieben, daß etwas für sie abfallen könnte, folgen sie dem Jäger manchmal eine halbe oder ganze Stunde lang und noch länger auf seinen Schleichwegen, wobei sie sich in recht drolliger Weise derartig gebärden, als wäre das selbstverständlich, als ginge sie die Angelegenheit überhaupt gar nichts an. Nachlässig trollend, rechts und links abschweifend, begleiten sie den Beobachter mit auffälliger Beharrlichkeit und kommen ihm zwischen Grasbüscheln und Sträuchern gelegentlich auf halbe Flintenschußweite nahe. Dann äugen sie wie verständnisinnig hinter einer Deckung hervor oder bleiben frei stehen, rekeln sich, machen einen Katzenbuckel und schütteln den Pelz aus; bei längerem Halte setzen sie sich wie Hunde und warten, was weiter geschieht. Das feine Köpfchen hat einen ausgeprägten Zug von Verschmitztheit, der durch das fast ununterbrochene Spiel der wahrhaft riesigen Lauscher wesentlich verstärkt wird. Geht man ruhig auf die Tiere los, jo weichen sie, zunächst absatzweise rückwärts: trippelnd, einige Längen zurück und huschen dann erst, ohne sich aber sonderlich zu beeilen, seitwärts davon. Heftige Drohbewegungen mit Hut oder Tuch machen sie stutzen oder verscheuchen sie im Augenblicke; zieht man aber seines Weges weiter, so ist auch sehr bald wieder die beharrliche Gefolgschaft da. Einen vollständig gezähmten Löffelhund sah unser Gewährsmann bei dem schwedischen Händler Rydin an der Walfischbai. Das schmucke und geruchlose Tier lief frei umher, war auch am Tage sehr rege und folgte seinem Herrn getreulich wie ein Hündchen nach. Obwohl durchaus nicht scheu, ließ es sich doch nicht gern berühren oder streicheln und bedrohte Fremde, denen es nicht ausweichen konnte, mit aufgesperrtem Rachen, ganz wie es vom Streifenwolfe beschrieben wurde (S. 39), ohne indessen jemals zuzubeißen. Besondere Leckerbissen für diesen Liebling waren große Rosinen, die er bescheiden und zierlich einzeln aus den Fingern oder von der flachen Hand nahm. Es wird übrigens allgemein versichert, daß Löffelhunde in der Wildnis sehr erpicht auf Honig und süße Früchte seien und, falls letztere genügend vorhanden, viel mehr davon leben als von Kerbtieren; dennoch gelten fie auch für große Cierdiebe.

Gefangene Löffelhunde sind schon mehrmals im Londoner Tiergarten gepflegt worden.

Die letzte Familie unserer Ordnung führt uns bekannte und befreundete Gestalten aus der Kinderzeit vor. Die Bären (Ursidae) sind so ausgezeichnete Tiere, daß wohl jeder sie augenblicklich erkennt; die kleineren Arten weichen jedoch in mancher Hinsicht von dem Gepräge der größeren ab, und bei einzelnen ist es noch fraglich, ob sie in diese Familie zu stellen sind. Der Leib der größeren Bären ist gedrungen, der der kleineren manchmal schlank, der Kopf länglichrund, mäßig gestreckt, mit zugespitzter, aber gewöhnlich gerade abgeschnittener Schnauze, der Hals verhältnismäßigkurz und dick; die Ohren sind kurz und die Augen

verhältnismäßig klein; die Beine sind mäßig lang, die Vorder- und Hinterfüße fünfzehig und mit großen, gebogenen, unbeweglichen, d. h. nicht einziehbaren, deshalb an der Spitze oft sehr stark abgenutzten Krallen bewaffnet, die Fußsohlen, welche beim Gehen den Boden ihrer vollen Länge nach berühren, fast ganz nackt. Das Gebiß besteht aus 36—40 Zähnen, und zwar oben und unten 6 Schneidezähnen, 4 Eckzähnen, oben und unten 2—4 Lückenzähnen oder 2 Lückenzähnen oben, 3 unten, sowie endlich 2 oberen und 2—8 unteren Baden: zähnen. Die Schneidezähne sind verhältnismäßig groß, haben oft gelappte Kronen und stehen im Einklange mit den starken, meist mit Kanten oder Leisten versehenen Eckzähnen; die Lückenzähne dagegen sind einfach kegelförmig oder nur mit unbedeutenden Nebenhöckern versehen; der Fleisch⸗ oder Reißzahn ist sehr schwach, fehlt sogar einigen Gattungen vollständig und ist bei anderen nur ein starker Lückenzahn mit innerem Höcker; die Kauzähne sind

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Gerippe des Bären. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

stumpf und die des Unterkiefers stets länger als breit. Am Schädel ist der Hirnteil gestreckt und durch starke Kämme ausgezeichnet; die Halswirbel sind kurz und stark, ebenso auch die 19— 20 Rückenwirbel, von denen 14 oder 15 Rippenpaare tragen. Das Kreuzbein besteht aus 3 — 5 und der Schwanz aus 7—34 Wirbeln. Die Zunge ist glatt, der Magen ein schlichter Schlauch, der Dünn- und Dickdarm wenig geschieden; der Blinddarm fehlt gänzlich.

Die Bären waren schon in der Vorzeit vertreten. Gegenwärtig verbreiten sie sich über ganz Europa, Asien und Amerika, ebenso auch über einen Teil von Nordwestafrika. Sie bewohnen ebensogut die wärmsten wie die kältesten Länder, die Hochgebirge wie die von dem eisigen Meere eingeschlossenen Küsten. Fast sämtliche Arten hausen in dichten, ausgedehnten Wäldern oder in Felsengegenden, zumeist in der Einsamkeit. Die einen lieben mehr wasserreiche oder feuchte Gegenden, Flüsse, Bäche, Seen und Sümpfe und das Meer, während die anderen trockenen Landstrichen den Vorzug geben. Eine einzige Art ist an die Küsten des Meeres gebunden und geht selten tiefer in das Land hinein, unternimmt dagegen, auf Eisschollen fahrend, auch große Strecken durchschwimmend, weitere Reisen als alle übrigen, durchschifft das Nördliche Eismeer und wandert von einem Erdteile zum anderen. 14*

Gerippe des Bären. (Aus dem Berliner anatomischen Muſeum.)

Alle übrigen Arten schweifen innerhalb eines weniger ausgedehnten Kreises umher. Die meisten Bären leben einzeln, d. h. höchstens zur Paarungszeit mit einem Weibchen zujam-men; einige sind gesellig und vereinigen sich zu Gesellschaften. Diese graben sich Höhlen in der Erde oder in dem Sande, um dort ihr Lager aufzuschlagen, jene suchen in hohlen Bäumen oder in Felsklüften Schutz. Die meisten Arten sind nächtliche und halbnächtliche Tiere, ziehen nach Untergang der Sonne auf Raub aus und bringen den ganzen Tag über schlafend in ihren Verstecken zu.

Mehr als die übrigen Raubtiere scheinen die Bären, Allesfresser im vollsten Sinne des Wortes, befähigt zu sein, lange Zeit allein aus dem Pflanzenreiche sich zu ernähren. Nicht nur eßbare Früchte und Beeren werden von ihnen verzehrt, sondern auch Körner, Getreide im reifen und halbreifen Zustande, Wurzeln, saftige Gräser, Baumknospen, Blütenkätzchen ꝛc. Gefangene hat man längere Zeit bloß mit Hafer gefüttert, ohne eine Abnahme ihres Wohlbefindens zu bemerken. In der Jugend dürften sie ihre Nahrung ausschließlich aus dem Pflanzenreiche wählen, und auch später ziehen die meisten Arten Pflanzennahrung dem Fleische vor. Sie sind keine Kostverächter und fressen außer den angeführten Pflanzenteilen auch Tiere, und zwar Krebse und Muscheln, Würmer, Kerbtiere und deren Larven, Fische, Vögel und deren Eier, Säugetiere und Luder, dieses wohl aber bloß so lange, als es noch frisch ist und nicht stinkt. In der Nähe menschlicher Wohnungen fügen sie dem Haushalte Schaden zu, und die stärkeren Arten werden zeitweilig zu tüchtigen Räubern, welche, wenn der Hunger sie quält, auch größere Tiere anfallen und namentlich unter dem Großvieh Verwüstungen anrichten. Einzelne sind dabei so dreist, daß sie bis in die Dörfer hineinkommen. Dem Menschen werden auch die stärksten in der Regel bloß dann gefährlich, wenn er sie stört, erschreckt oder verwundet, kurzum sie irgendwie herausfordert.

Man irrt, wenn man die Bewegungen der Bären für plump und langsam hält. Die großen Arten bewegen sich gewöhnlich nicht besonders schnell und geschickt, aber im hohen Grade ausdauernd; die kleinen Arten aber bewegen sich außerordentlich behende und rasch. Die Bären treten mit ganzer Sohle auf und setzen bedächtig ein Bein vor das andere; geraten sie aber in Aufregung, so können sie tüchtig laufen, indem sie einen absonderlichen, jedoch fördernden Galopp einschlagen; selbst die größten Arten entwickeln dann eine erstaunliche Schnelligkeit und Gewandtheit. Die plumperen vermögen sich außerdem auf den Hinterbeinen aufzurichten und, schwankenden Ganges zwar, aber doch nicht ungeschickt, in dieser Stellung eine kurze Strecke zu durchmessen. Das Klettern verstehen fast alle ziemlich gut, wenn sie ihrer Schwere wegen es auch nur in untergeordneter Weise ausüben und, wenigstens die großen Arten, im Alter fast gänzlich unterlassen. Einige meiden das Wasser, während die übrigen vortrefflich schwimmen und einige tief und anhaltend tauchen können. Den Eisbären trifft man oft viele Meilen weit vom Lande entfernt, mitten im Meere schwimmend, und hat dann Gelegenheit, seine Fertigkeit und erstaunliche Ausdauer zu beobachten. Eine große Kraft erleichtert den Bären die Bewegungen, läßt sie Hindernisse überwinden, welche anderen Tieren im höchsten Grade störend sein würden, und kommt ihnen auch bei ihren Räubereien sehr wohl zu statten: sie sind im stande, ein Stück Großwild oder Großvieh fortzuschleppen.

Unter ihren Sinnen steht der Geruch obenan; das Gehör ist gut, bei manchen sogar recht fein, das Gesicht mittelmäßig, der Geschmack nicht besonders und das Gefühl ziemlich unentwickelt, obwohl einige in ihrer verlängerten Schnauze ein förmliches Tastwerkzeug besitzen. Einige Arten sind verständig und klug; sie lassen sich in gewissem Grade abrichten, erreichen jedoch nicht eine hohe geistige Ausbildung. Einzelne werden recht zahm, ohne indes eine besondere Anhänglichkeit an den Herrn und Pfleger zu zeigen. Dazu kommt, daß im Alter sich das Vieh immer mehr herauskehrt, d. h. daß sie tückisch und reizbar, zornig und

boshaft, die starken mithin gefährlich werden. Gemütsstimmungen geben die Bären durch verschiedene Betonung ihrer an und für sich merkwürdigen, aus dumpfem Brummen, Schnauben und Murmeln oder grunzenden und pfeifenden, zuweilen auch bellenden Tönen bestehenden Stimme zu erkennen.

Alle nördlich wohnenden größeren Bärenarten schweifen bloß während des Sommers umher und ziehen sich bei Eintritt des Winters in ein Versteck, ein Lager zurück. Sie fallen jedoch nicht in einen ununterbrochenen Winterschlaf, schlafen oder duseln vielmehr in halbwachem Zustande und sind sofort rege, wenn sich irgend etwas Verdächtiges ereignet. Doch gehen sie höchst selten einmal aus und nehmen noch seltener Nahrung an. Auffallend erscheint es, daß bloß die eigentlichen Landbären Winterschlaf halten, während die Eisoder Seebären auch bei der strengsten Kälte noch umherschweifen oder sich höchstens bei dem tollsten Schneegestöber ruhig niederthun und sich hier durch den Schnee selbst ein Obdach bauen, d. h. einfach einschneien lassen.

Das trächtige Weibchen zieht sich in ein nestähnlich hergerichtetes Lager zurück und wirft dort 1—6 Junge, welche blind geboren und von der Mutter mit aller Sorgfalt genährt, gepflegt, geschützt und verteidigt werden. Sie gelten, nachdem sie einigermaßen beweglich geworden sind, als überaus gemütliche, possierliche und spiellustige Tierchen.

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