Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
„Man fängt den Fenek in Haarschlingen, welche bei Tage in dem Ausgange seines Baues befestigt werden, oder gräbt ihn aus; doch ist die letztere Fangart oft erfolglos. Auffallenderweise pflegt er die Schlinge, in welcher er sich gefangen hat, nicht entzweizubeißen, was unser Reineke ganz unzweifelhaft thun würde, versucht dies selbst dann nicht, wenn bei seinen Anstrengungen, frei zu werden, die Schlingen sich so fest zusammenschnüren, daß die Lederhaut zerrieben und das rohe Fleisch des Laufes bloßgelegt wird. Der Grund ist wahrscheinlich in dem allzufeinen Gebisse zu suchen; dieses ist überhaupt nicht dazu eingerichtet, feste Körper zu bewältigen, und die Muskelkraft der Kiefer auffallend gering. Einen Beweis hierzu lieferten mir drei lebende Feneks, welche, wenn sie nicht frei waren, d. h. in der Stube umherlaufen durften, in einem leichten Käfig eingesperrt wurden. Dieser war vorn bloß durch ein Gitter von ungefähr zollstarken Fichtenstäben verschlossen, und obwohl die Füchse an den Stäben bei Nacht fortwährend arbeiteten, ist es ihnen doch niemals gelungen, sich durchzubeißen. „In der Gefangenschaft ist der Fenek, vorzüglich wenn er jung in die Gewalt des Menschen kam, ein äußerst lebendiger, höchst vergnüglicher Gesellschafter. Er wird sehr bald zahm und mit seinem neuen Herrn vertraut. Manche werden so anhänglich, daß sie dem Menschen folgen, aus- und eingehen und abends in ihren Käfig zurückkehren. Weniger liebenswürdig zeigt er sich gegen andere seiner Art. Mehrere Feneks beißen sich gelegentlich, und die Weibchen haben nicht selten unter der schlechten Laune des Männchens zu leiden; ja bei mir ereignete es sich sogar, daß ein unzartes und unhöfliches Männchen ein reizendes Weibchen umbrachte. Meine Gefangenen liebten die Wärme über alles, und oftmals ist es vorgekommen, daß sie sich in noch glühender Kaminasche Pelz und Pfoten verbrannten, ohne den Platz zu verlassen. Vor offenem Feuer muß man sie schützen; denn ich erlebte es mehrmals, daß sie ohne weiteres in dasselbe hineinsprangen. Wenn ich speiste, saß mein Lieblingsfenek stets zu meinen Füßen und las sorgsam alles auf, was ich vom Tische warf. Milch und Semmel gehörten zu seinen bevorzugten Speisen. In meiner Stube hatte ich auch Käfige mit Vögeln hängen, welche das Tier lebhaft anzogen. Es war seine Haupt-beschäftigung, stundenlang den Bewegungen der Vögel zu folgen. Er entwickelte dabei ein bewunderungswürdiges Mienenspiel, bei welchem die Begierde nach den fröhlichen Vögeln sehr deutlichen Ausdruck gewann. Bei zweckmäßiger Behandlung und guter Pflege kann der Fenek lange in der Gefangenschaft aushalten. Mein Liebling lebte noch 2 Jahre im Berliner Tiergarten und endete nur durch ein trauriges Mißverständnis sein Dasein. Er folgte nämlich heimlich dem Wärter, als dieser seinen Käfig verließ, und ging mit ihm in den Behälter des Schakals. Dieser ungastliche Gesell erwürgte ihn augenblicklich zum größten Leidwesen aller, welche den liebenswürdigen und eigentümlichen Burschen kennen gelernt hatten.... Vor Erkältung muß man diese echten Söhne der glühenden Sahara besonders in acht nehmen, weil sie infolge einer solchen von einer Augenkrankheit befallen werden, welche fast immer mit dem Tode endet.“
In den letzten Jahren habe ich den Fenek in verschiedenen Tiergärten gesehen. Einer mir sehr auffallenden Beobachtung, welche ich in Paris machte, muß ich hier Erwähnung thun. Im Raubtierhause lebte ein Pärchen, welches der Kälte wegen noch in dem heizbaren Raume gehalten und von den Wärtern selten besucht wurde. Um so größer schien die Freude der Tiere zu sein, wenn endlich jemand kam. Sie gebärdeten sich wie unsinnig, hüpften und sprangen lebhaft umher, ließen freudige Töne hören und kamen zuletzt so in Aufregung, daß sie sich begatteten! Ich besuchte sie mehrere Male: es geschah jedesmal dasselbe, und ich darf also wohl vermuten, daß die schließlich eintretende Brunft nichts anderes als die Folge der maßlosen Aufregung der Tiere war. Dieses merkwürdigen Gebarens ungeachtet, muß ich meinem Freunde beistimmen: der Fenek ist der liebenswürdigste Fuchs der Erde.
Als tiefer stehender Verwandter Reinekes darf der Grau- oder Grisfuchs (Vulpes cinereo-argentatus, Canis griseus, C. cinereo-argentatus, C. vulpes, Urocyon virginianus) angesehen werden. Der Graufuchs unterscheidet sich von unserem Fuchse durch niedrigere Läufe, verhältnismäßig längeren Schwanz und überhaupt zierlichere Gestalt. Seine Länge beträgt ungefähr 1 m, wovon etwa 40 cm auf den Schwanz gerechnet werden müssen, die Höhe am Widerriste etwa 30 cm. Ein eigentümlich gesprenkeltes Grau, welches Stirn, Scheitel, Hinterbacken, Nacken und die ganze Oberseite deckt und aus Schwarz und Silbergrau zusammengesetzt wird, bildet die vorherrschende Färbung. Die einzelnen Haare sind an der Wurzel weiß, übrigens schwarz, vor der Spitze breit weiß geringelt. Wangen und Kehle haben gelblichweiße, Ohren und Halsseiten graugelbliche, Unter- und Innenseite
hellrostgelbe oder gelblichweiße Färbung; ein Brustband ist dunkler; ein schwarzer Streifen zeichnet die Vorderläufe; der Schwanz endlich ist oberseits schwarz, unterseits rostrot, an der Spitze grau. Nach Audubon sind es mehr die südlichen als die nördlichen Staaten Nordamerikas, welche den Graufuchs beherbergen; nördlich von Maine scheint er nicht mehr vorzukommen. In Neuengland und Kanada ist er selten, in Pennsylvanien und New Jersey ungefähr ebenso häufig wie der Rotfuchs, in den südlichen Staaten dagegen, die Gebirge von Virginia ausgenommen, die einzige dort vorkommende Art und zumal in Florida, Mississippi und Louisiana ungemein häufig. Nach Westen hin verbreitet er sich bis Kalifornien.
Es läßt sich schwer sagen, in welcher Hinsicht der Grauchfuchs sich von Reineke und seiner Sippschaft im engsten Sinne des Wortes unterscheidet. Die mir bekannten Schilderungen, unter denen die ausführliche Darstellung Audubons obenan steht, gleichen einer Lebensbeschreibung unseres Fuchses so ziemlich wie ein Ei dem anderen. Der Graufuchs soll nicht so schnell und ausdauernd laufen können wie dieser; im übrigen aber dürfte er sich in seinem Auftreten von dem Verwandten kaum wesentlich unterscheiden. Schwer zu begehende oder großen Raubtieren undurchdringliche Dickichte und Felsgeklüft mit Höhlungen und Spalten bilden seine Wohnsitze, die Umgebung seiner Aufenthaltsorte vom Meeresstrande an bis zu
dem Gehöfte des Bauern sein Jagdgebiet. Audubon versichert, daß er zwar weit furchtsamer und scheuer wäre als der Rotfuchs und nicht allein durch das Anschlagen eines Hundes, sondern schon durch das Knacken eines Zweiges in eilige Flucht geschreckt würde, daß man auch von räuberischen Überfällen geschützter Geflügelgehege oder gar der Schafherden wenig oder nichts vernehme, bemerkt aber ausdrücklich, daß unser Tier im Süden ebenso gehaßt und verfolgt werde wie der Rotfuchs im Norden. Der letztere, meint unser Gewährsmann, läßt sich mit einem listigen und kühnen Räuber, der erstere mit einem stehlenden Diebe vergleichen; doch sind die Weibchen beider Arten, wenn sie Junge haben, von gleicher Dreistigkeit beseelt. Wie Reineke, stellt auch der Graufuchs mit Vorliebe Mäusen und Ratten, insbesondere der Wiesenmaus und der Baumwollratte, nach, ohne irgend etwas anderes Genießbares zu verschmähen. Audubon schildert in sehr anschaulicher Weise, wie das Tier, einem trefflichen Spürhunde vergleichbar, mit sorgfältigster Benutzung des Windes an eine Kette von Baumwachteln sich anschleicht und glücklich einen der Vögel davonträgt. „An einem kalten regnerischen Reisetage“, so erzählt er, „bemerkten wir einen Graufuchs, welcher in der Art und Weise eines Vorstehhundes ausging. Gegen den Wind, durch das hohe Gras schleichend, stand er plötzlich still und ließ sich auf seine Keulen nieder. Einen Augenblick später erhob er sich wieder und schlich mit langsamen und vorsichtigen Schritten vorwärts, seine Nase dann und wann hoch in die Luft erhebend und von einer Seite zur anderen bewegend. Zuletzt schien er sich seiner Beute versichert zu haben und bewegte sich in gerader Richtung, jedoch noch immer sehr behutsam, zeitweilig auf der Erde kriechend, vorwärts, kam uns dabei auch dann und wann aus den Augen, bis wir ihn endlich wieder bemerkten, als er den letzten Halt machte. Von einem Bewegen des Schwanzes, wie man es bei der Hauskatze beobachtet, bemerkten wir nichts; die Ohren waren niedergebeugt, der Kopf wurde nur wenige Zoll über dem Boden erhoben: so verblieb er ungefähr eine halbe Minute, und nun erst sprang er mit gewaltigem Satze auf seine Beute. Das Schwirren einer aufstehenden Kette von Baumwachteln und zwei oder drei scharfe, kreischende Laute wurden vernommen, und der vom Erfolge begünstigte Räuber zeigte sich kurz darauf mit einer Baumwachtel im Maule. Wir hatten ein Gewehr bei uns und wären wohl im stande gewesen, ihn zu erlegen, aber wozu? Er hatte uns gezeigt, daß er nicht allein zu dem Hunde gehört, sondern es auch einem trefflichen Vorstehhunde gleichthun kann, hatte sich außerdem in einer rechtlichen Weise ernährt: warum ihn also töten?“ Etwas weniger mild gestimmt wird man, wenn man die von ihm geplünderten Nester der Truthühner und anderer nützlicher Vögel auffindet oder an eine Stelle kommt, auf welcher sich die Spuren eines zwischen ihm und einer Truthenne stattgefundenen Kampfes erkennen lassen, und man begreift dann, daß er ebenso verfolgt wird wie seine Verwandten, obgleich man wohl annehmen darf, daß er, wie diese, durch Verminderung der verderblichen Nagerbrut mehr Nutzen als durch Aufzehren uns nützlicher Tiere Schaden bringt. Neben größerem Wilde, insbesondere Wirbeltieren aller Klassen, stellt der Graufuchs übrigens auch Kerbtieren nach, zerkratzt beispielsweise, um zu solchen zu gelangen, halbverfaulte Baumstrunke in den Waldungen, und ebenso verzehrt er Pflanzenstoffe verschiedenster Art. Audubon wurde von einem Landwirte im Staate New York auf ein Mais-feld aufmerksam gemacht, in welchem einige unbekannte Tiere dadurch, daß sie sich von den reifenden Kolben genährt, nicht unbeträchtlichen Schaden verursacht hatten. Die Fährte des Tieres lehrte den Graufuchs als Thäter kennen, und die vorläufige Feststellung der Diebe wurde durch den Fang von dreien vollkommen bestätigt.
In Carolina wölft der Graufuchs in den letzten Tagen des März oder in den ersten des Aprils, in den nördlichen Staaten etwas später. Die Jungen bleiben ungefähr 3 Monate lang unter der Obhut ihrer Mutter und zerstreuen sich dann, sowie sie selbständig geworden und das einsame Leben der Alten zu führen im stande sind. Auch wenn sie bereits volle
Größe erhalten haben, erkennt man fie noch leicht an ihrer verhältnismäßig geringen Vorsicht und namentlich bei der Jagd mit Hunden daran, daß sie nur im Notfalle in längerer Flucht ihr Heil, vielmehr im Besteigen passender Bäume ihre Rettung zu suchen pflegen, während die gewitzigten Alten durch allerlei Künste und Kniffe sich ihren Todfeinden öfter mit Erfolg zu entziehen wissen. Audubon scheint es sehr auffällig zu finden, daß ein Fuchs Bäume besteigt, während wir, nach den von Reineke uns gegebenen Probestückchen urteilend, diese Meinung nicht teilen. Für ein so gewandtes Tier, wie der Fuchs es ist, hat es keineswegs besondere Schwierigkeiten, einen Baum mit weit nach unten ragenden Asten, seitlichen Auswüchsen, Knollen und anderen Unebenheiten zu erklimmen, während der plumpere Hund sich außer stande sieht, dies nachzuthun.
Hinsichtlich der Jagd und anderer Vertilgungsarten des Graufuchses gilt mit wenig Abänderungen dasselbe, was man von unserem Fuchse sagen kann. Man wendet aber auch in Amerika die verschiedensten Fallen an, um den lästigen Strolch in seine Gewalt zu bringen, und betreibt ebenso eifrig wie in England die Fuchshetze. Gefangene Graufüchse betragen sich im wesentlichen wie ihr europäischer Verwandter, sollen aber niemals ganz zahm werden und immer den unbesieglichen Hang nach Befreiung bewahren. Besonders schwer soll es sein, ihnen das bissige Wesen abzugewöhnen; Audubon wenigstens versichert, daß er niemals einen Gefangenen dieser Art gesehen habe, welcher mehr als halbzahm geworden wäre. In einer Hinsicht unterscheidet sich jedoch der Graufuchs zu seinem Vorteile von den Verwandten: er besitzt nicht deren unangenehmen Geruch.
Das Fell der Graufüchse hat wegen seines kürzeren und härteren Haares geringen Wert und wird gewöhnlich zur Fütterung von Reisepelzen verwendet. Nach Lomer gelangen jährlich etwa 25,000 Felle in den Handel; das Stück wird mit 4—6 Mark bezahlt.
Alle bisher erwähnten Mitglieder der Hundefamilie weichen durch ihr Gebiß nicht von dem allgemeinen Gepräge ab; die noch zu schildernde Art hingegen unterscheidet sich nicht allein durch äußerliche Merkmale, sondern auch durch den Zahnbau und verdient daher besondere Beachtung. Es kennzeichnen den Löffelhund (Otocyon caffer, Canis megalotis und lalandii, Megalotis, Agrodius und Otocyon lalandii) äußerlich der schlanke Bau, die hohen Läufe, der etwa der Hälfte der Leibeslänge gleichkommende Schwanz, der kurze, spitzschnauzige Kopf und die sehr großen, von vorn gesehen eiförmigen Ohren, mehr aber noch der Zahnreichtum, da das Gebiß aus 48 Zähnen besteht und abweichend von allen Raubtieren 8 Backenzähne in jedem Kiefer, oben also 2 Zähne, unten 1 Zahn mehr als das Gebiß des Hundes, aufweist. Es kommt diese Anzahl von Zähnen jedoch nicht bei allen Stücken vor; denn man findet meistens Schädel, welche oben nur 7 Backenzähne enthalten. Die Gesamtlänge eines anscheinend ausgewachsenen Löffelhundes beträgt 85— 90 cm, wovon genau ein Drittel auf den Schwanz gerechnet werden muß, die Höhe am Widerriste 35 cm. Ein düsteres, ins Grünliche spielendes Graufahlgelb ist der allgemeine Farbenton des Pelzes; die einzelnen Haare sehen an der Wurzel bräunlich, in der Mitte fahlgelb, an der Spitze hellgelb oder dunkelbraun aus, wodurch eine Sprenkelung entsteht, deren Gesamteindruck dem Felle jene Färbung verleiht. Die Außenseite und ein im oberen Teile scharf ausgesprochener Innenrand der Ohren sind dunkel fahlbraun, die Läufe vorn und außen und der Schwanz auf der Oberseite und an der Wurzel rötlich dunkelbraun, eine wenig deutliche von Auge zu Auge und weiter nach hinten verlaufende Stirnbinde sowie die Unterlippe hell fahlbraun, Kehle und Halsseiten licht fahlgelb gefärbt. Unsere Tiere zeigen übrigens mancherlei Abweichungen in ihrem Außeren.