Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Der Schade, welchen die Bären bringen, wird durch den Nutzen, den sie gewähren, ungefähr aufgehoben, zumal sie sich teilweise nur in dünn bevölkerten Gegenden aufhalten, wo sie den Menschen ohnehin nicht sehr benachteiligen können. Von fast allen Arten wird das Fell benutzt und als vorzügliches Pelzwerk hochgeschätzt. Außerdem genießt man das Fleisch und verwendet selbst die Knochen, Sehnen und Gedärme.
Die Bärenfamilie zerfällen wir in drei Unterfamilien, deren erste die Großbären (Ursinae) umfaßt, die massigsten Gestalten der Gesamtheit, mit langschnauzigem Kopfe, kleinen Augen und Ohren, mäßig langen Beinen, fünfzehigen, nacktsohligen Füßen, stumpfen, nicht zurückziehbaren Krallen, stummelhaftem Schwanze und dichtem Zottelpelze. Das Gebiß besteht aus 42 Zähnen, und zwar 6 Schneidezähnen oben und unten, den 4 Eckzähnen, jederseits oben und unten 4 Lückenzähnen sowie oben 2 und unten 3 Mahlzähnen. Die Unterfamilie zählt zwei Gattungen: eigentliche Bären und Lippenbären.
Während jedermann unseren gemeinen Bären zu kennen vermeint, haben die Tierkundigen sich noch nicht geeinigt, ob sie seine verschiedenen Abänderungen in eine Art vereinigen oder auf mehrere verteilen sollen.
Nehmen wir nur eine Bärenart an, so haben wir festzuhalten, daß diese, der Landbär, der braune, gemeine oder Aasbär (Ursus arctos), ungemein abändert, nicht allein was die Behaarung und Färbung, sondern auch was die Gestalt und zumal die Form des Schädels anlangt. Der im allgemeinen dichte Pelz, welcher um das Gesicht, an dem Bauche und hinter den Beinen länger als am übrigen Körper ist, kann aus längeren oder kürzeren, aus schlichten oder gekräuselten Haaren bestehen; seine Färbung durchläuft alle Schattierungen von Schwarzbraun bis zu Dunkelrot und Gelbbraun, oder von Schwärzlichgrau und Silbergrau bis zum Isabellfahl; das bei jungen Tieren oft vorhandene weiße Halsband erhält sich manchmal bis ins hohe Alter oder tritt in diesem erst wieder wie in der Jugend hervor. Die Schnauze ist mehr oder minder gestreckt, die Stirn mehr oder weniger abgeplattet, der Rumpf bald sehr gedrungen, bald etwas verschmächtigt, die Beine sind höher oder niedriger. So unterscheidet man denn zunächst zwei in Europa lebende
Formen als verschiedene Arten, den hochgestellten, langbeinigen, gestreckten, hochstirnigen, langköpfigen und langschnauzigen Aasbären (U. arctos, U. cadaverinus), dessen schlichter Pelz ins Fahle oder Grauliche spielt, mit seinen Abänderungen (U. normalis, U. grandis, U. collaris), und den niedriger gestellten, dickbeinigen, gedrungen gebauten, breitköpfigen, flachstirnigen und kurzschnauzigen Braun- oder Ameisenbären (U. formicarius), verwechselt aber auch wohl die Namen des einen und des anderen und vermehrt dadurch die
16
A. \0% 1 0 N h 6 NUT |
I RN
Verwirrung. Außerdem betrachtet man den Isabellbären (U. isabellinus) des westlichen Himalaja und Afghanistans wie den Fahlbären (U. syriacus) aus Kleinasien und ebenso den Atlasbären (U. crowtheri) als besondere Arten. Ein bestimmtes Urteil über diese Frage zu fällen, geht nicht an: die Angelegenheit ist noch nicht spruchreif. Jedenfalls ist Blanford nicht geneigt, den Isabellbären als besondere Art anzuerkennen.
An Länge kann der Bär, bei 1 1,25 m Höhe am Widerriste, 2 — 2,2 m erreichen, wovon 8 em auf das Stumpfschwänzchen kommen. Das Gewicht schwankt zwischen 150 und 250 kg, kann aber bei sehr starken und feisten bis auf 350 Kg steigen; in der guten Zeit wiegt das Feist allein 50—100 kg, in einem Falle wog es, laut Krementz, sogar über 140 kg.
In der Weidmannssprache unterscheidet man Haupt- oder Groß-, Mittel- und Jung⸗ oder Kleinbären; die Füße heißen Branten, die Klauen und Zähne Waffen und Fänge, das Fell Decke oder Haut, das Fett Feist, die Augen Seher oder Lichter, die Ohren Gehör, der Schwanz Pürzel. Ferner sagt man: der Bär geht von oder zu Holze, verläßt oder sucht sein Lager oder Loch, erhebt sich, wenn er sein Lager verläßt oder sich aufrichtet, erniedrigt sich, wenn er aus seiner aufrechten Stellung niederfällt oder sich zur Ruhe begibt, schlägt oder reißt seinen Raub, schlägt sich ein, indem er sich im Winterlager niederlegt, bäret, setzt oder bringt Junge, wird erlegt, aufgeschärft, seine Haut abgeschärft ıc. |
Vereinigt man alle genannten Formen zu einer einzigen Art, jo hat man deren Verbreitungsgebiet von Spanien bis Kamtschatka und von Lappland und Sibirien bis zum Atlas, Libanon und dem westlichen Himalaja auszudehnen. In Europa bewohnt der Landbär noch gegenwärtig alle Hochgebirge: die Pyrenäen, Alpen, Karpathen, transsylvanischen Alpen, den Balkan, die skandinavischen Alpen, den Kaukasus und Ural, nebst den Ausläufern und einem Teile der Umgebung dieser Gebirge, ebenso ganz Rußland, ganz Nord- und Mittelasien, mit Ausnahme der kahlen Steppen, Syrien, Palästina, Persien, Afghanistan, den Himalaja ostwärts bis Nepal und in Afrika endlich den Atlas. Er ist häufig in Rußland, Schweden und Norwegen, Siebenbürgen und den Donautiefländern, der Türkei und Griechenland, nicht selten in Krain und Kroatien, in dem gebirgigen Spanien und Italien, schon sehr selten geworden in der Schweiz und Tirol, fast gänzlich ausgerottet in Frankreich wie in den österreichisch-deutschen Ländern und gänzlich vertilgt in Deutschland, Belgien, Holland, Dänemark und Großbritannien. Einzelne Überläufer erscheinen dann und wann im bayrischen Hochgebirge, in Kärnten, Steiermark, Mähren und vielleicht noch im Böhmerwalde. Bedingung für seinen Aufenthalt sind große, zusammenhängende, schwer zugängliche oder doch wenig besuchte, an Beeren und sonstigen Früchten reiche Waldungen. Höhlen unter Baumwurzeln oder in Baumstämmen und im Felsengeklüfte, dunkle, undurchdringliche Dickichte und Brüche mit trockenen Inseln bieten hier ihm Obdach und Ruhe vor seinem Erzfeinde, dem Menschen. Der Bär, das plumpeste und schwerste Raubtier Europas, ist wie die meisten seiner engeren Verwandten ein tölpelhafter und ziemlich geistloser Gesell. Doch sehen seine Bewegungen ungeschickter aus, als sie wirklich sind. Er ist ein Paßgänger, bewegt also beim Gehen wie beim Trollen die Beine der nämlichen Körperseite gleichzeitig, wodurch seine Gangweise ungeschlacht schaukelnd und bummelhaft erscheint; bei beschleunigter Gangart fällt er in einen recht fördernden Galopp, holt mit Leichtigkeit einen Menschen ein und entwickelt auch sonst jedenfalls eine Raschheit und Gewandtheit, die man ihm kaum zutraut. Bergauf geht sein Lauf verhältnismäßig noch schneller als auf der Ebene, weil ihm seine langen Hinterbeine hier trefflich zu statten kommen; bergunter dagegen kann er nur langsam laufen, weil er sich sonst leicht überschlagen würde. Bloß während der Zeit, in welcher seine Sohlen sich häuten, geht er nicht gut. Außerdem versteht er vortrefflich zu schwimmen und geschickt zu klettern, pflegt jedoch im Alter, wenn er groß und schwer geworden, nicht mehr Bäume zu besteigen, wenigstens nicht astreine, glatte Stämme. Die gewaltige Kraft und die starken, harten Nägel erleichtern dem Bären das Klettern ungemein; er vermag selbst an sehr steilen Felsenwänden emporzusteigen. Unter seinen Sinnen scheinen Gehör und Geruch am vorzüglichsten zu sein; das Gesicht ist dagegen ziemlich schlecht, obschon die Augen nicht blöde genannt werden dürfen; der Geschmack endlich scheint recht gut ausgebildet zu sein. Krementz hat viele Beobachtungen über die Schärfe der Sinne angestellt. Nach ihm vernimmt der Bär im Walde bei ruhigem Wetter das Knacken der Gewehrhähne auf etwa 70 Schritt, das Zerbrechen eines fingerdicken trockenen Reises auf 135 und ein ziemlich
leises Anpfeifen auf 60 Schritt; ein im Winterlager ruhender Bär äugte schon auf 210 Schritt aus seinem Verstecke hervor, obwohl man sich ihm sehr vorsichtig auf Schneeschuhen und unter dem Winde näherte. Die zahmen Bären unseres Gewährsmannes erkannten ihn im Freien auf 50— 70 Schritt, auf 80 — 100 Schritt aber leitete fie ihr Gesicht nicht mehr; auf Brot gestrichenen Honig witterten sie im Grase auf 30 Schritt, tief in ein Maulwurfsloch gesteckt noch auf 20 Schritt.
Das geistige Wesen des Bären ist von jeher sehr günstig beurteilt worden. „Kein anderes Raubtier“, jagt Tschudi, „ist jo drollig, von jo gemütlichem Humor, jo liebenswürdig wie der gute Meister Petz. Er hat ein gerades, offenes Naturell ohne Tücke und Falsch. Seine List und Erfindungsgabe ist ziemlich schwach. Was der Fuchs mit Klugheit, der Adler mit Schnelligkeit zu erreichen sucht, erstrebt er mit gerader, offener Gewalt. An Plumpheit dem Wolfe ähnlich, ist er doch von ganz anderer Art, nicht so gierig, reißend, häßlich und widerwärtig. Er lauert nicht lange, sucht den Jäger nicht zu umgehen oder von hinten zu überfallen, verläßt sich nicht in erster Linie auf sein furchtbares Gebiß, mit dem er alles zerreißt, sondern sucht die Beute erst mit seinen mächtigen Armen zu erwürgen und beißt nur nötigen Falls mit, ohne daß er am Zerfleischen eine blutgierige Mordlust bewiese, wie er ja überhaupt, als von sanfterer Art, gern Pflanzenstoffe frißt. Seine ganze Erscheinung hat etwas Edleres, Zutraulicheres, Menschenfreundlicheres als die des mißfarbigen Wolfes. Er rührt keine Menschenleiche an, frißt nicht seinesgleichen, lungert nicht des Nachts in dem Dorfe herum, um ein Kind zu erhaschen, sondern bleibt im Walde, als seinem eigentlichen Jagdgebiete. Doch macht man sich öfters von ihm, in Bezug auf seine Langsamkeit, unrichtige Vorstellungen, und namentlich wenn er in Gefahr gerät, verändert sich sein ganzes Naturell bis zur reißendsten Wut.“ Ich vermag mich dieser Charakterzeichnung nicht anzuschließen. Der Bär erscheint allerdings komisch, ist aber nichts weniger als gutmütig oder liebenswürdig, auch nur dann mutig, wenn er keinen anderen Ausweg sieht, vielmehr geistig wenig begabt, ziemlich dumm, gleichgültig und träge. Seine Gutmütigkeit ist einzig und allein in seiner geringen Raubfertigkeit begründet, sein drolliges Wesen vorzugsweise durch seine Gestalt bedingt. Die Katze ist mutig, der Hund listig fein, der Bär dumm, grob und ungeschliffen. Sein Gebiß weist ihn nicht bloß auf lebende Beute an; er raubt daher nur selten. Lehre und Unterricht nimmt er nur in geringem Maße an; wirt licher Freundschaft zu dem Menschen ist er nicht fähig.
Der vorsichtige Beurteiler wird nun allerdings nicht übersehen dürfen, daß nicht bloß einzelne Bären, sondern auch die Gesamtheit der in verschiedenen Gebieten hausenden zweifellos recht verschieden geartet sein können und sind, je nachdem äußere Umstände ihr Wesen, ihre Lebensweise beeinflussen. Dies bestätigen sowohl einzelne Erlebnisse als auch zusammengefaßte Erfahrungen. Neuerdings hat Oberförster Krementz seine langjährigen Erfahrungen über die in den Rokitnosümpfen lebenden Bären in einer besonderen und sehr lehrreichen Schrift niedergelegt, verwahrt sich jedoch ausdrücklich dagegen, daß seine Beobachtungen durchweg auch für den Meister Petz anderer Gebiete bezeichnend fein follen. „Sm allge meinen“, sagt Krementz, „ist der Bär nicht grausam oder blutdürstig zu nennen. Wäre er letzteres, so fände sich für ihn tagtäglich Gelegenheit, es auf die eine oder andere Weise zu äußern, und es dürfte alsdann bei seiner ungemeinen Körperstärke wohl die Frage in Erwägung gezogen werden, ob es nicht geboten sei, ihm mehr zuzusetzen. Es ist mir nicht ein Fall vorgekommen, daß er jemals bei feinen Wanderungen und Begegnungen mit Menschen diese angenommen hätte. Im Gegenteile wird er in den meisten derartigen Fällen eiligst flüchtig oder achtet im Vollbewußtsein seiner Kraft des elenden Erdenbewohners nicht und sucht höchstens seinen Unwillen gegen ihn durch einen fingierten Angriff mit kurz abgebrochenen Brummtönen zu äußern. Der Bär ist vielmehr gutmütiger Natur, obgleich ihm
unter keinen Umständen zu trauen ist; besonders will er nicht gereizt und in seiner Ruhe nicht plötzlich gestört sein. Es steckt ein gutes Stück Phlegma in ihm. Behaglichkeit liebt er ungemein, und seine Angriffe verraten eine gewisse Offenheit, Geradheit, Ritterlichkeit, die nichts gemein hat mit der feigen Mordlust des Wolfes und der hinterlistigen Tücke des Luchses. Ja, in einzelnen Fällen kann er sich zu einem gewissen Galgenhumor versteigen. „Sein Mißtrauen legt der Bär niemals ab, es bildet den roten Faden, der sich durch sein ganzes Leben hindurchzieht, und der sein ganzes Thun und Lassen bestimmt. Wer jemals Bären im Freien beobachtet, besonders aber, wer Bären aufgezogen, längere Zeit gehalten und sich viel mit ihnen beschäftigt hat, dem kann es nicht entgangen sein, mit welchen mißtrauischen Blicken jede Handlung und Bewegung von ihm beobachtet wird, wie er, scheinbar teilnahmlos, doch von der Seite her argwöhnisch jeden Tritt und Schritt verfolgt und bei einer Annäherung stets seit- oder rückwärts auszuweichen sucht. Ich will nur noch anführen, daß es sich nicht selten ereignet, daß der Bär dem Buschwächter, der ihn in seinem Lager zu umgehen pflegt, auf dessen Fährte folgt und erst dann wieder sein Lager aufsucht, wenn er die Überzeugung gewonnen, daß ihm von dieser Seite keine Gefahr droht. DesBären Thun und Lassen ist eben infolge seines starken Mißtrauens unberechenbar, und hierin liegt auch der Grund dafür, daß seine vollkommene Zähmung unmöglich und daß bei den Jagden stets die größte Vorsicht nötig ist. Die häufigen Begegnungen des Bären mit Menschen, besonders mit Beeren- und Pilzsammlern, Holzarbeitern ꝛc., enden stets ganz friedlich, höchstens mit Anbrummen oder, wenn es schon stark hergehen soll, mit einigen mitunter etwas unsanften Ohrfeigen und Überrumpelungen. In den meisten Fällen wird er sofort flüchtig. Überhaupt ist des Bären Mut nicht weit her, nur wenn er gedrängt, besonders wenn er bei den Jagden von Hunden und Menschen hart in die Enge getrieben wird, nimmt er, um den Ausweg zu erzwingen, nicht selten mutig den Menschen an, stößt ihn mit den Vorderbranten in den Schnee und sucht ihm eiligst noch mit den Fängen eine kleine Verwundung beizubringen. Im allgemeinen pflegen die Bären, die sich schlecht beileibe eingeschlagen haben, auch diejenigen zu sein, die sich im Frühjahre besonders im Schlagen von Vieh auszeichnen. Ich habe jedoch beobachtet, daß diese Untugend hierorts mehr einzelnen Bärenfamilien eigen ist und in diesen wiederum einzelnen Stücken, die sie auf ihre Nachkommenschaft übertragen. So sind beinahe sämtliche Standbären des Hauptbärenrevieres Schitin Reißer und zeichnen sich außerdem noch durch ihre Boshaftigkeit bei den Jagden und sonstwie aus, während in den übrigen Revieren wohl auch alljährlich einige Stücke Vieh geraubt werden, das Bärwild dort jedoch sich im allgemeinen gesitteter und wohlerzogener benimmt. Von den Bären des genannten Revieres, von denen ich einige mir wohlbekannte bezüglich ihres Treibens mehrere Jahre lang ununterbrochen beobachtete, waren einzelne von einer wahren Mordlust beseelt und gaben dieser Untugend mitunter in Jahreszeiten, in welchen es ihnen durchaus nicht an Fraß gebrach, den empfindlichsten Ausdruck. So schlug im Juli 1871 ein Bär, im Süden des Revieres beginnend und mordend nach Norden fortschreitend, im Laufe eines Tages 23 Stück Rindvieh und im August desselben Jahres wiederum 8 Stück, ohne auch nur eines seiner Opfer anzuschneiden.“