Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
mußten gesehen haben, und daß die Furcht vor den Menschen den Tieren nicht angeboren, sondern auf lange Erfahrung gegründet sein müsse.“
Diese Ansicht Stellers kann nicht für alle Fälle gelten; denn wenn die Eisfüchse überhaupt durch Erfahrung lernten, müßten sie sich in Norwegen ganz anders zeigen als auf Beringeiland. Sie sind aber hier und dort dieselben. Dennoch benimmt sich der Polarfuchs in jenen nordwestlichen Gegenden gegenwärtig durchaus nicht mehr so, wie Steller es schildert; er hat sich in der That den veränderten Verhältnissen angepaßt. Pechuel— Loesche, welcher im drittletzten Jahrzehnte jene Gebiete bereiste, hat auf Inseln des Beringmeeres wie auf dem Festlande nördlich und südlich sowie zu beiden Seiten der Beringstraße den Polarfuchs weder häufig noch zudringlich und einfältig gefunden. Es war sogar recht schwierig, ein Stück von guter Farbe zu schießen; denn die verfolgten wichen aus und wußten sich gut zu decken. Die Beringinsel selbst hat er zwar nicht betreten, wohl aber von Pelzjägern gehört, daß es sich dort nicht anders verhalte. Gerade dort war der Polarfuchs infolge der eifrigen Nachstellungen bereits recht selten geworden und hatte sich auch keineswegs das dummdreiste Wesen bewahrt, das er 120 Jahre früher zeigte. Der wertvolle Blaufuchs sollte damals schon so gut wie ausgerottet sein. Auch die spätere Vega-Expedition weiß nichts Gegenteiliges zu berichten, selbst nicht hinsichtlich ihres Besuches der Beringinsel; Nordenskiöld versichert sogar ausdrücklich, daß weder er noch seine Begleiter auf dieser Insel einen einzigen Polarfuchs zu Gesicht bekommen hätten.
H. Elliott, der während des vorletzten Jahrzehntes die erwähnten Gebiete und insbesondere das Vorkommen der Pelztiere sowie den Jagdbetrieb untersuchte, erzählt ebenfalls nichts mehr über den Polarfuchs, das an Steller erinnern könnte, berichtet dagegen über unser Tier mancherlei anderes. So erfahren wir durch ihn, daß die Bewohner von Attu, der westlichsten Insel der Alèutenkette, den Blaufuchs absichtlich in ihre Heimat eingeführt haben und ihn daselbst gewissermaßen in Freiheit und vor allem rein züchten. Der gemeine Rotfuchs war auf Attu bereits ausgerottet, als die Bewohner sich schöne Blaufüchse von den Pribylowinseln holten; andere geringwertige Füchse können nicht nach der abgelegenen Insel gelangen, denn nicht einmal das Eis baut ihnen eine Brücke; überdies wachen die Eingeborenen sorgsam darüber, daß ihnen ihre Rasse nicht verdorben wird. So kann denn keinerlei nachteilige Vermischung stattfinden, und die Schönheit des Felles ihrer Blaufüchse, von denen die Attuleute jährlich 200— 300 Stück verhandeln, bleibt tadellos erhalten und wird allgemein anerkannt.
Anders verhält es sich auf den Pribylowinseln. „Bezüglich der dortigen Füchse“, erzählt Elliott, „behaupten die Eingeborenen, daß zur Zeit der ersten Besiedelung durch ihre Vorfahren (1786/87) ausschließlich reine Blaufüchse vorgefunden worden seien, und daß die allmählich eingetretene und jetzt unverkennbare Verschlechterung von Haar und Farbe auf die gelegentliche, durch das Eis vermittelte Einwanderung von Weißfüchsen vom östlichen Festlande zurückzuführen sei. Heutigestags sind Weißfüchse auf den Inseln schon recht zahlreich und bilden meines Erachtens etwa ein Fünftel aller Füchse auf diesen Inseln; auch leben sie nicht gesondert von den blauen, sondern vermischen sich offenbar mit ihnen. Schon Veniaminow (1842), der allerdings irrtümlich statt des Weißfuchses den gemeinen Rotfuchs nennt, berichtet von der durch Treibeis bewirkten unliebsamen Einfuhr und fügt hinzu, daß die Inselbewohner sich eifrig bemühten, solche ungebetene Gäste, welche zur Entwertung der Nachkommenschaft ihrer Pelztiere beitragen konnten, sobald ihre Ankunft oder Annäherung bekannt wurde, unschädlich zu machen. Die Füchse führen auf diesen Inseln ein sehr behagliches Leben. Die Klüfte der Basaltfelsen bieten ihnen treffliche Unterschlupfe; junge sowie kranke und altersschwache Pelzrobben, ferner die Leichen der regelmäßig abgeschlachteten liefern ihnen reichlichen Fraß, durch den sie hübsch fett werden. Während
der Brutzeit der Wasservögel leben sie zur Abwechselung von Eiern und Nestlingen. Unter so günstigen Lebensbedingungen würden sie sich allzustark vermehren, wenn sie nicht vom Dezember bis April, wenn ihr Pelz am schönsten ist, regelrecht gejagt würden. Sehr fesselnd ist es, die Gewandtheit und Sicherheit dieser Füchse zu beobachten, wie sie schnell laufend oder behutsam schreitend an den fast unersteiglichen Felswänden, wo das Wassergeflügel sich eingenistet hat, verkehren. Immer bringt der Fuchs ein leckeres Ei in der Schnauze ange: tragen, sucht sich etwas zurück vom Rande des Abgrundes einen sicheren Platz und verzehrt daselbst das Ei in aller Behaglichkeit, indem er das dicke Ende behutsam öffnet und den Inhalt ausschlürft. Am merkwürdigsten aber berührte es mich, zu beobachten, welche Lift der durchtriebene Schelm anwandte, um Vögel zu fangen. Er legt sich auf den Rücken, als wäre er tot, und gibt keinerlei Lebenszeichen von sich, es wäre denn, daß er dann und wann einmal den buschigen Schwanz leise bewegt. Da können es denn manche stumpfsinnige und neugierige Seevögel, unter ihnen Kormorane, nicht unterlassen, einmal näher nachzusehen, was denn da eigentlich los sei. Sie fliegen herbei, umkreisen den Schelm tiefer und tiefer, kommen ihm immer näher. Da hat der seine Gelegenheit abgepaßt: ein jäher Sprung und Schnapp, ein kurzes Geflatter, und er hat seine Beute sicher, während die übrigen kreischend davonfliegen. „Das Vorhandensein der Füchse auf den Pribylowinseln ist eine wirkliche Quelle der Glückseligkeit für die Bewohner. Die niedlichen Jungfüchse eignen sich vortrefflich zu Lieblingen und Spielgefährten für die Kinder, während Fang und Jagd der Alten eine ebenso unterhaltende wie nützliche Beschäftigung für die Erwachsenen ist. Ein großer Teil des Klatsches und der Überlieferungen auf den Inseln dreht sich um diese Angelegenheiten.“
Die Ranzzeit des Polarfuchses fällt, seinen heimatlichen Verhältnissen entsprechend, etwas später als die des Rotfuchses, nämlich in die Monate April und Mai. Ihre Begattung verrichten die Eisfüchse, wie die Katzen, mit vielem Geschrei. Sie rollen Tag und Nacht und beißen sich wie die Hunde aus Eifersucht grausam. Mitte oder Ende Juni wölft das Weibchen in Höhlen und Felsenritzen 9—10, ja selbst 12 Junge. Den Bau pflegen die Füchsinnen am liebsten oben auf den Bergen oder an deren Rand anzulegen. Sie lieben ihre Jungen außerordentlich, fast zu sehr; denn sie verraten dieselben, in der Absicht, sie vor Gefahren zu schützen. Sobald sie nämlich einen Menschen auch nur von ferne erblicken, beginnen sie zu belfern und zu kläffen, wahrscheinlich, um die Leute von ihrem Baue abzuhalten. Bemerken sie, daß man ihren Bau entdeckt hat, so tragen sie die Jungen in der Schnauze nach einem anderen verborgenen Orte.
Man jagt und fängt die Polarfüchse auf mancherlei Weise, schießt sie, stellt ihnen Netze und Schlingen und legt ihnen auch Eisen. Eine Fangweise ist eigentümlich. Bei hohem Schnee graben sich die Füchse in diesen eine Röhre und benutzen sie als Wohnung. Das ist die Zeit, in welcher ihnen die Ostjaken und Samojeden am meisten nachstellen; die Leute graben sie mit einem breiten Spaten aus Renntierhorn heraus, fassen sie ohne weiteres beim Schwanze und schleudern sie mit dem Kopfe gegen den Boden, um sie hierdurch zu töten. Der Jäger erfährt sehr bald, ob sich ein Fuchs in einer solchen Röhre befindet oder nicht. Er legt das Ohr an die Mündung und scharrt mit dem Spaten den Schnee weg; hierdurch wird der schlafende Fuchs aufgeweckt und verrät durch Gähnen und Niesen feine Gegenwart. Außer dem Menschen haben die Polarfüchse wohl auch in den Eisbären gefährliche Feinde, und auch die Seeadler scheinen ihnen nachzustellen: Steller beobachtete, daß ein Seeadler einen Eisfuchs mit den Klauen erfaßte, ihn emporhob und dann fallen ließ, um ihn auf dem Boden zu zerschmettern. Von unseren Tieren wird eigentlich bloß das Fell benutzt, dessen Wert schon S. 192 angegeben ist. Polarfahrer haben in der Not auch das Fleisch gegessen, sind aber darüber einig, daß es kein Leckerbissen sei.
Jung eingefangene Eisfüchse werden ziemlich zahm und können dahin gebracht werden, ihrem Herrn wie ein Hund nachzufolgen. Sie sind aber bei uns meist reizbar, knurren, sobald sie angerührt werden, boshaft wie Hunde, und ihre grünen, glänzenden Augen blitzen dann feurig und tückisch. Mit anderen ihrer Art vertragen sie sich nicht gut in einem Käfige. Zwei Eisfüchse, welche ich pflegte, fielen über den dritten her und bissen ihn tot, wobei der Bruder des Ermordeten eifrig mit half. Die Mitglieder der zweiten deutschen Nordpolarfahrt haben in Ostgrönland Polarfüchse mehrfach gefangen gehalten. Zwei im Maschinenraume des Schiffes untergebrachte starben an Lungenschwindsucht, ein in der Kajüte lebender wurde wegen Widersetzlichkeit getötet, ein anderer entsprang aus dem Käfige, der neben dem Schiffe auf dem Eise stand. „Diese Desertion (durch Abschmelzung und Umfallen eines Eisblockes, auf welchem der Käfig gestanden, herbeigeführt), welcher wir vom Deck aus zusahen, hatte etwas unbeschreiblich Komisches. Der Fuchs, zum behaarten Skelette verkommen, begann sich zu dehnen, den buschigen Schweif gerade wie einen Besen auszustrecken, wälzte seinen dürren Leib dann in einem Schmelzwassertümpel und hüpfte endlich zierlich wie ein Ballettmeister und voll Freiheitslust mit allen Füßen zugleich aufspringend davon, ohne das Schiff auch nur eines einzigen Blickes weiter zu würdigen.“
Von den übrigen Fuchsarten darf ich hier bloß noch diejenigen erwähnen, welche sich durch besondere Eigentümlichkeiten in der Lebensweise oder durch auffallende Färbung wesentlich unterscheiden. Zu den kleineren Arten der Gattung gehört der Nachbar unseres Reineke in Asien, der Steppenfuchs, der Korsak, wie die Russen ihn nennen, die Kirsa oder
Kirassu der Mongolen (Vulpes corsac, Canis corsac, Abbildung S. 200). In der Größe steht der Steppenfuchs unserem Reineke merklich nach, da er höchstens 55—60 cm Leibes- und 35 em Schwanzlänge hat; in Gestalt und Wesen ähnelt er dem Verwandten sehr, ist jedoch verhältnismäßig etwas höher gestellt und kurzschwänziger, hat auch einen mehr rundlichen Augenstern. Die Färbung des dichten Pelzes ändert weniger ab als bei Wolf und Fuchs, wechselt jedoch nach der Jahreszeit. Das frischgewachsene Sommerhaar hat rötliche Färbung, das allmählich nachwachsende, dieses und das Wollhaar später überwuchernde sogenannte Winterhaar einen breiten silberweißen Ring vor der dunkleren Spitze, wodurch eine bald mehr rötliche, bald mehr fahlweiße Gesamtfärbung entsteht. Kehle, Unterteile und Innenseite der Beine sind gelblichweiß, ein auf der Schnauzenseite vor dem Auge stehender dreieckiger Flecken dunkelgrau, eine Brustbinde rötlich, die Beine fahlrötlich; der Schwanz ist an der Wurzel isabell-, auf der Oberseite fahlgelb und schwarz gemischt, unterseits am Enddrittel und an der Spitze schwarz, das Ohr außen einfarbig fahlgraugelb, der Augenring erzgelb gefärbt.
Das Verbreitungsgebiet des Korsak erstreckt sich von den Steppen um das Kaspische Meer an bis in die Mongolei; jedoch findet sich das Tier ausschließlich in Gegenden mit Steppen⸗ oder Wüstengepräge, niemals in Waldungen und demgemäß ebensowenig in Gebirgen. In die nördlichen Teile seines Verbreitungsgebietes wandert er alljährlich in namhafter Anzahl ein und mit beginnendem Frühjahre wieder zurück. Einen festen Wohnsitz hat er überhaupt nicht, da er sich nicht eigene Baue gräbt, vielmehr unstet umherschweift und sich schlechtweg unter freiem Himmel zur Ruhe legt oder höchstens zufällig gefundene Bobakbaue benutzt, vielleicht nachdem er sie ein wenig erweitert hat. In solchen Murmeltierhöhlen sollen häufig mehrere, mindestens zwei Korsaks zusammen gefunden werden, was auf größere Geselligkeit, als Reineke sie liebt, hindeuten würde. Alpenhasen und verschiedene Wühlmäuse bilden wahrscheinlich seine Hauptnahrung; außerdem jagt er auf Vögel, Eidechsen und Frösche, wahrscheinlich auch auf größere Kerbtiere, zumal Heuschrecken. Seine Fortpflanzungsgeschichte scheint noch wenig erforscht zu sein.
Seines weichen, dichten, warmen und gut aussehenden Winterbalges wegen wird er eifrig gejagt, besonders von den Kirgisen. Außer den Fallen und Schlingen, welche man vor die Ausgänge seines Baues stellt, hetzt man ihn auch mit Hunden, nachdem man ihn ausgeräuchert hat. Laut Radde verfolgt man ihn da, wo der Bobak lebt, selten am Tage, weil er dann in den verlassenen Murmeltierbauen schläft, spürt ihn vielmehr nach frischem Schneefalle bis zu seinem Lagerplatze auf und stellt hierauf die gebräuchliche Bogenfalle. Alte Tiere, welche die ihnen verderbliche Falle kennen, gehen angesichts derselben oft zum Lager zurück und lassen sich erst in der sechsten bis neunten Nacht durch den Hunger zwingen, nach außen zu gehen, ziehen selbst den Hungertod dem in der Falle vor. Dann gräbt man den Leichnam erst im kommenden Frühjahre aus, nachdem der tiefgefrorene Steppenboden aufgetaut ist. Neben den Hunden haben die Tataren noch andere und viel gefährlichere Jagdtiere auf ihn
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Korsak (Vulpes corsac). ½ natürl. Größe.
abgerichtet. Sie bedienen sich nämlich gezähmter Steinadler und Jagdedelfalken zu seinem Fange, und solchen geflügelten Räubern kann der arme Schelm natürlich nicht entgehen.
Die gedachten Stämme allein bringen jährlich bis 50,000 Felle in den Handel, ungerechnet diejenigen, welche sie selbst verbrauchen. In Rußland pflegt man Pelzwerk vom Korsak nicht häufig zu tragen, um so öfter aber in China, wo er über Kiachta eingeführt wird. Das Fell wird, laut Lomer, mit 2—4 Mark bezahlt und gilt genau jo viel wie das des ihm nächstverwandten Kitt- oder Prairiefuchses, welcher den äußersten Nordwesten der Vereinigten Staaten und die angrenzenden Gebiete des britischen Nordamerika bewohnt. Von letzterem kamen ehemals jährlich etwa 10,000 Felle in den Handel; die Anzahl hat sich jedoch auffällig vermindert, denn jetzt kommen bloß noch 1500 Stück nach Europa.