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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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In England, wenigstens in Gegenden, die sich einigermaßen zum Reiten übers Feld eignen, würde derjenige, der Füchse graben, fangen oder schießen wollte, gröblich gegen Herkommen und Sitte verstoßen. Dort wird Reineke aufgespart für die seit Ende des vorigen Jahrhunderts volkstümlich gewordene Hetze, wobei man ihn von besonders gezüchteten und abgerichteten Hunden aufspüren und jagen läßt, während man querfeldein hinterher reitet und Hindernisse, je nach Tüchtigkeit von Reiter und Pferd, geradeswegs nimmt oder umgeht. Die Hauptaufgabe ist: beim Tode des Fuchses als erster zur Stelle zu sein, um als Trophäe die Lunte (Brush) des gejagten Tieres zu gewinnen. Früher setzten viel mehr Großgrundbesitzer als jetzt eine Ehre darein, die äußerst kostspieligen Meuten und Einrichtungen zu unterhalten; gegenwärtig sind es hauptsächlich Vereine, welche die Kosten tragen. Infolgedessen haben sich die Meuten vermehrt, aber die ihnen zur Verfügung stehenden abgegrenzten Jagdgebiete sind kleiner geworden. Die Hauptzeit der Fuchshetzen beginnt im November und währt bis in den Februar; je nach Leistungsfähigkeit der Meute wird drei-bis fünfmal in jeder Woche das Feld genommen, und die Teilnehmer, Herren wie Damen, versammeln sich dazu an vereinbarten Stellen, wo ein Fuchs aufgestöbert werden soll. Trotz aller kunstgerechten Vorkehrungen (S. 149) sind Fehljagden nicht ausgeschlossen, aber der Hauptzweck: ein aufregender fröhlicher Ritt, bei dem freilich auch sowohl lustige Mißgeschicke als ernstliche Unglücksfälle vorkommen, wird dennoch erreicht. Wo immer die Möglichkeit

vorhanden, haben die Engländer auch außerhalb ihres Heimatslandes, z. B. sogar in Indien, die Fuchshetze mit verschiedenem Erfolge eingeführt. Auch in Amerika betreibt man sie und hier und dort auch auf dem europäischen Festlande.

Oskar von Loewis teilt folgende lustige Geschichte von einer Fuchshetze mit, die ihm vom Grafen Berg, Neffen und Erben des weiland Statthalters von Polen, erzählt worden ist: „Als wir, d. h. meine beiden Brüder und ich, bei unserem Onkel in dem schönen Schlosse bei Warschau im Herbste 187. lebten, hetzten wir eines Tages mit unserer prächtigen Meute einen Fuchs und nahmen ihn lebend auf den Sattel, da wir, schnell vom Pferde springend, den Gefährdeten noch glücklich vor den Fängen der atemlosen Hunde zu retten vermochten. Reineke wurde in einen Keller des Schlosses eingesperrt. Als wir am nächsten Tage beim Frühstücke saßen, stürzte ein Diener ins Zimmer und meldete, daß der Fuchs soeben durch das Kellerfenster entschlüpft und in der Richtung zur Stadt flüchtig geworden sei. Wir eilten zu den Ställen, warfen uns auf ungesattelte Pferde, indessen die Meute aus dem Zwinger entlassen wurde. Mit hellem ‚Skroija (Geläut der Hunde) ritten wir in die Stadt hinein, den fliehenden Fuchs in Sicht vor uns. Nachdem die wilde Jagd durch mehrere Straßen gestürmt war, fuhr der verzweifelnde Fuchs in das offene Erdgeschoßfenster eines — Nonnenklosters. Mir, dem Neffen des allmächtigen Statthalters, öffneten sich nach einigem jungfräulichen Zaudern diese sonst so gut verwahrten Pforten. Bald wurde festgestellt, daß der Fuchs in einem Kamine aufwärts gekrochen sei; er war aber, trotz Einführung schwanker Gerten, nicht mehr zu spüren. Wir entsandten einen Kosaken nach Schornsteinfegern, welche endlich nach stundenlangem Suchen den Fuchs im zweiten Stocke in einer Wandröhre ermittelten, die jedoch nur durch die Zelle einer Nonne zugänglich war. Nach kurzer liebenswürdiger Plänkelei mit der Oberin wurde die heilige Zelle den wilden Jägern geöffnet, die Wand von kundiger Hand erbrochen und der beschämte Reineke, kohlschwarz vom rußigen Kletterwege, im Triumphe herausgezogen, um auf die Bitten der gottesfürchtigen Jungfrauen begnadigt und im nächsten Wäldchen in ehrenvolle Freiheit gesetzt zu werden.“

In früheren Zeiten fing man viele Füchse durch Ausgraben ihrer Baue, um hohen Herrschaften das absonderliche Vergnügen des Prellens zu bereiten. Man brachte die Tiere in einen rings umschlossenen Hof und trieb sie über schmale und lange Netze hinweg, welche an dem einen Ende von einem Herrn, an dem anderen von einer Dame gehalten wurden. Die Mitte des Netzes lag am Boden auf, und über sie mußten die Füchse weglaufen. Sobald sich nun einer gerade auf dem Netze befand, wurde dieses schnell straff gezogen, das Tier flog in die Höhe und fiel derb auf den Boden nieder oder unter Umständen auch auf einen Herrn, auf eine Dame, auf andere Netze ꝛc. Wenn im Freien geprellt wurde, umhegte man den Platz mit hohen Tüchern und bildete mehrere Gassen, durch welche die Füchse getrieben wurden, um auf die Netze zu kommen. „Die gnädigsten Herrschaften sehen“, so erzählt Flemming, „dem Prellen mit Vergnügen zu und delektiren sich an den vielfältigen Luftsprüngen und Capriolen der Füchse und Hasen, und dem Umfallen und Stolpern der Cavalliers und Dames, welche sämmtlich in grüner, mit Gold und Silber verchamarirter Kleidung erschienen sind. Sie schicken mit vielfältigem Prellen die Füchse und Hasen nach mancherley wunderlichen Figuren in die Luft, daß die Herrschaft ihr Vergnügen haben kann. Soll es nun bald zu Ende gehen, so werden junge Sauen herausgelassen, und die machen denn bey den Dames unter den Reifröcken einen solchen Rumor, daß nicht zu beschreiben.“ „Stirbt der Fuchs, so gilt der Balg“: dieses Jägersprichwort hat noch heutigestags seine volle Bedeutung. Fuchspelze der gewöhnlichen Art werden zwar bei uns zu Lande nicht besonders gesucht, wohl aber in Polen, Rußland, der Türkei und in ganz Sibirien. Der Balg unseres Fuchses wird, nach Lomer, mit 4— 7 Mark bezahlt, und Deutschland liefert davon alljährlich über 100,000 Stück. Besser bezahlt werden die nördlichere Gebiete

bewohnenden, weit schöneren Rotfüchse: die der Alten Welt mit 15— 20 Mark, die der Neuen Welt mit 8—15 Mark. Kreuzfüchse, vermutlich Blendlinge von Rot- und Silberfuchs, die eine gelbbräunliche Farbe haben und auf dem Rücken mehr oder minder scharf mit einem dunkeln Kreuz gezeichnet find, werden schon mit 30— 150 Mark bezahlt; am höchsten im Preise aber stehen die unter dem Namen Schwarzfüchse bekannten besten Silberfüchse: sie gelten 500— 1000 Mark und manchmal noch mehr. Die beiten Felle liefern die Hudsonbailänder und Labrador, von geringerem Werte sind die Sibiriens und des hohen Kaukasus.

Gegenwärtig lebt als äußerst seltenes Schaustück ein Schwarzfuchs im Pinkertschen Tiergarten zu Leipzig. Während wir einzig und allein den Balg des Fuchses verwerten, wähnten unsere Vorfahren das ganze Tier, alle einzelnen Teile in besonderer Weise, zu Arzneizwecken ausnutzen zu können. Nach dem Pröbchen, welches ich bei Schilderung des Haushundes gegeben habe, dürfte es genügen, wenn ich sage, daß ein im Sinne der Quacksalber des 17. Jahrhunderts verwendeter Fuchsleichnam so ziemlich alle heutigestags gebräuchlichen Arzneistoffe ersetzen konnte. Außer dem Menschen hat der Fuchs immer noch eine Anzahl von Feinden. Nicht allein der Wolf fängt und verspeist ihn, sondern auch die Hunde haben so großen Groll auf ihn, daß sie ihn wenigstens zerreißen. Merkwürdig ist es, daß trächtige oder säugende Füchsinnen häufig von den männlichen Hunden geschont und gar nicht verfolgt werden. Die übrigen Säugetiere können Reineke nichts anhaben: unter den Vögeln hat er aber mehrere sehr gefährliche Feinde. Der Habicht nimmt junge Füchse ohne Zögern weg, der Steinadler sogar erwachsene, obgleich ihm dies zuweilen schlecht bekommt. Tschudi berichtet einen solchen Fall. „Ein Fuchs lief über den Gletscher und wurde blitzschnell von einem Steinadler gepackt und hoch in die Lüfte geführt. Der Räuber fing bald an, sonderbar mit den Flügeln zu schlagen, und verlor sich hinter einem Grate. Der Beobachter stieg zu diesem heran, da lief zu seinem Erstaunen der Fuchs pfeilschnell an ihm vorbei: — auf der anderen Seite fand er den sterbenden Adler mit aufgebissener Brust. Dem Fuchse war es gelungen, den Hals zu strecken, seinen Räuber bei der Kehle zu packen und diese durchzubeißen. Wohlgemut hinkte er nun von dannen, mochte aber wohl sein lebenlang die sausende Luftfahrt nicht vergessen.“ In den übrigen Tierklassen hat der Fuchs keine Feinde, welche ihm gefährlich werden könnten, wohl aber solche, welche ihn belästigen, so namentlich Flöhe. Daß er diese durch ein sorgfältig genommenes Bad in ein im Maule getragenes Bündel Moos treibe und dann durch Wegwerfen dieses Bündels sich jene unangenehme Gäste vom Halse schaffe, ist eine Fabel. Es ist erwiesen, daß der Fuchs fast alle Krankheiten des Hundes teilt und auch von der fürchterlichen Tollwut befallen wird. Ja, man kennt sogar Beispiele, daß er, von dieser entsetzlichen Seuche getrieben, bei hellem Tage in das Innere der Dörfer kam und hier alles biß, was ihm in den Weg lief. Nach Noll tritt die Krankheit unter Füchsen manchmal verheerend auf und verbreitet sich über große Gebiete: so in Nassau in den Jahren 1823— 26 und 1847— 48; in einem etwa 500 qkm großen Gebiete Badens war 1807 das Geschlecht der Füchse vollständig ausgestorben, und seit 1866 ist in Kärnten die Zunahme der Fuchswut festgestellt.

Auch im Tierreiche finden sich Verwandte, welche sich leiblich außerordentlich nahestehen und geistig doch in jeder Hinsicht unterscheiden. Ein solcher aus der Art geschlagener Gesell it der Pol arfuchs, ein nahestehender und gleichwohl in Sitten und Lebensweise auffallend sich unterscheidender Verwandter unseres Reineke, eines der einfältigsten und zugleich zudringlichsten, der dümmsten und doch auch schlauesten Glieder der Fuchsgattung.

Der Polar-, Eis- oder Steinfuchs (Vulpes lagopus, Canis und Leucocyon lagopus, Vulpes fuliginosus, Canis isatis), ausgezeichnet durch die kurzen, rundlichen Ohren, die niederen Beine, die wie der übrige Leib dicht mit Fell bekleideten Fußballen, den sehr buschigen, vollen Schwanz sowie endlich die absonderliche Färbung, ist merklich kleiner als unser Fuchs, ungefähr 95 em lang, wovon ein reichliches Dritteil auf den Schwanz kommt, und trägt im Sommer ein erd- oder felsenfarbiges, im Winter dagegen entweder ein schneefarbiges oder ebenfalls dunkles Kleid. Bald nach der Härung, welche je nach der Heimat und Ortlichkeit früher oder später im Sommer, gewöhnlich aber im Juni eintritt, sprossen auf der Ober- und Außenseite erdbräunliche, mehr oder weniger ins Graue, Schieferfarbene und Bläuliche spielende, im Gesichte und auf der Unterseite dagegen weiße Haare hervor und bilden mit den allmählich nachwachsenden Wollhaaren von gleicher Färbung den Sommerpelz. Im Verlaufe der Zeit verlängert und verdichtet sich dieser, entsprechend dem stetig fortschreitenden Wachstume der Haare, mehr und mehr, und ist mit Beginn des Herbstes schon sehr reich geworden. Nunmehr beginnt beim Weißfuchse langsam die Umfärbung dieses Haares. Einzelne Spitzen verbleichen und werden weiß, sind jedoch noch nicht zahlreich genug, um den dunkeln Untergrund zu decken, und es entsteht somit eine graulich gesprenkelte Färbung. Mehr und mehr schreitet die Verbleichung und Umfärbung fort; es bilden sich weiße Farbenfelder und endlich eine weiße Decke, unter welcher das dunkle Wollhaar noch hindurchschimmert. Nach und nach verbleicht auch dieses samt den Wurzeln der Grannenhaare, und mit Beginn des Winters hat der ganze Pelz des Eisfuchses eine rein weiße Färbung erhalten. Wachstum und Verbleichung der Haare werden, wie bei allen mir bekannten Wildhunden und Raubtieren überhaupt, durch frühzeitig eintretende rauhe Witterung sehr beschleunigt; eine doppelte Härung jedoch, d. h. ein zweimaliges Abwerfen und Neuwachsen des Haares, findet nach meinen an gefangenen Eisfüchsen sehr sorgfältig durchgeführten Beobachtungen bestimmt nicht statt. Bemerkt zu werden verdient noch, daß ein in St. Petersburg gefangen gehaltener und in einem warmen Zimmer gepflegter Polarfuchs seinen weißen Winterpelz genau zur selben Zeit wie seine in Freiheit lebenden Brüder anlegte.

Nun aber gibt es auch Polarfüchse, welche im Winter nicht ein weißes Kleid anlegen, sondern ihre schieferfarbene oder bräunliche Färbung beibehalten. Man hat geglaubt, sie als eigene Art ansehen zu dürfen, und man kann sich dabei auf mancherlei Merkmale berufen, aber eine Trennung in streng geschiedene Arten ist wohl ebensowenig durchführbar wie bei Brand⸗, Birk⸗, Rot⸗, Kreuz: und Silberfuchs; man spricht beim Eisfuchse am besten nur von Spielarten. Die grönländischen Eskimos hatten ganz recht, wenn sie Brown versicherten, daß man oft weiße Mütter mit bläulichen und weißen Jungen finde; denn bei den jungen Füchsen ist das deckende Oberhaar noch nicht ausgewachsen, und deshalb wird ihre Färbung nach Lomer zunächst lediglich durch die der Grundwolle, die sowohl dunkel als auch weiß sein kann, bestimmt; nie findet man jedoch blaue Mütter mit weißen Jungen. Da viele Weißfüchse wenigstens auf dem Rücken das dunkle Grundhaar behalten, so unterscheiden sie sich im Sommer, wenn das weiße Oberhaar fehlt, nur wenig von den Blaufüchsen bei gleich vorgeschrittenem Haarwechsel. Einen Beweis dafür, daß Weiß- und Blaufüchse beständige Spielarten bilden, erkennt G. Lomer auch darin, daß in dem seit etwa drei Jahrzehnten ausgebeuteten Alaska, von woher jährlich etwa 4000 Blaufuchs- und ebenso viele Weißfuchsfelle zu uns gelangen, die blauen regelmäßig fast eine Handbreit größer und dabei furz-sowie grobhaariger sind als die weißen. Die Hudsonbailänder liefern wiederum jährlich 10 12,000 Weiß-, aber kaum 200 Blaufüchse. Jedenfalls ist die vielverbreitete Annahme irrig, daß der Polarfuchs im Sommer ein dunkles Kleid trage und dann Blaufuchs heiße, im Winter aber den Weißsuchs vorstelle. Wir brauchen nur an Wiesel und Hermelin zu denken, um ein recht gutes Gleichnis zu haben. Irrtümlich ist auch Newtons Angabe, daß

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