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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Die Heimat des Panda sind die südöstlichen Teile des Himalaja, wo er in Höhen von etwa 2000 bis zu 4000 m gefunden wird. Westlich von Nepal ist er nicht beobachtet worden, ostwärts verbreitet er sich bis nach Jünnan. Über das Freileben des ebenso schönen wie zierlichen Geschöpfes ist nicht viel bekannt. Es lebt paar- oder familienweise in Wäldern, besteigt die Bäume und haust in deren Höhlungen oder in Felsklüften, hält sich aber viel am Boden auf, um Nahrung zu suchen. Diese besteht nach Hodgson und Blanford fast ausschließlich aus Pflanzenstoffen, aus Früchten, Wurzeln, Gräsern, Eicheln, Bambusschossen ꝛc.; es soll gelegentlich aber Nester plündern und, nach Jerdon, auch Kerbtiere fressen. Auf der Erde bewegen die Pandas sich langsam und unbehilflich, inBäumen dagegen sehr geschickt. Sie sind nicht eigentlich Nachttiere, schlafen aber doch stundenlang während des Tages, dabei liegen sie manchmal zusammengerollt, den buschigen Schwanz um den Kopf geschlagen, manchmal aber auch auf Beinen und Leib ruhend und den Kopf zwischen die Vorderbeine unter die Brust geschoben. Nach Bartlett trinken sie wie die Bären, indem sie die Lippen eintauchen, laut Hodgson aber, indem sie die Flüssigkeit mit der Zunge einlappen. Ein Freund Jerdons hat einmal zwei dieser Tiere im Wipfel eines hohen Baumes sitzend beobachtet;sie stießen ganz schreckliche Schreie aus, dergleichen er noch nie gehört hatte. Für gewöhnlich lassen sie bloß einen kurzen, schwachen Ruf hören, der an das Schirpen eines Vogels erinnert. Die Paarungszeit und Trächtigkeitsdauer ist un⸗ E bekannt; die Jungen sollen gewöhnlich im Frühling geboren werden. Auch die erwachsenen 3Tiere sind von sehr empfindlicher Natur, können Hitze gar nicht ertragen, leiden aber auch viel durch Kälte.

Hardbwicke entdeckte den Panda, doch wurde seine Beschreibung zu spät veröffentlicht. Simpson brachte den ersten, einen überlebenden von drei Stück, mit sich nach London, woselbst das Tier unter Bartletts Pflege geraume Zeit lebte und von ihm und anderen beobachtet wurde. „In seiner Erscheinung“, schreibt Anderson, „erinnert der Panda ungemein an den Waschbären. Jede Bewegung ist bärenmäßig: er geht (mit gerade ausgestrecktem Schwanze), sitzt auf dem Hinterteile, arbeitet mit seinen Branten, klettert, ereifert sich und schreit in derselben Weise wie ein Bär.“ Die Stimme bezeichnet Simpson als höchst eigentümlich. „Erzürnt“, sagt er, „erhebt sich der Panda auf die Hinterbeine, ganz wie ein Bär, und stößt einen Laut aus, welchen man leicht nachahmen kann, indem man den Mund öffnet und in rascher Folge Luft durch die Nase zieht. Der gewöhnliche Schrei

Panda (Ailurus fulgens). Ya natürl. Größe.

aber ist von diesem Schnarchen durchaus verschieden und ähnelt dem Zwitschern eines Vogels, da er aus einer Reihe kurzer Pfiffe besteht.“ Mehr noch als alle übrigen Bären scheint der Panda Pflanzenfresser zu sein; wenigstens gelang es Simpson nie, ihm Fleisch beizubringen; Hodgson brachte zu einem anderen wiederholt Hühner in den Käfig, welche er bloß in seltenen Fällen tötete, aber niemals wieder berührte. Die gefangenen fraßen Blätter und Knospen, Früchte und dergleichen, weideten Gras und Bambusspitzen ab und nahmen gekochten Milchreis oder auch mit Zucker versüßte Milch zu sich.

Bartlett übernahm den im Jahre 1869 in London glücklich angelangten Panda in einem überaus traurigen Zustande, verkommen, beschmutzt von Unrat, krank, unfähig zu stehen und nur im stande, kriechend sich fortzubewegen. Milch, gekochter Reis und Gras war das Futter des Tieres während der Seereise und wohl die Hauptursache seiner Verkommenheit gewesen; der erfahrene Pfleger beschloß also, zunächst die Nahrung zu ändern. Rohes und gekochtes Hühner- und Kaninchenfleisch wurde vorgesetzt, aber verschmäht, ein Gemisch von Arrowwurzel, Eidotter und mit Zucker versüßter Milch dagegen genommen, ebenso später süßer Thee mit eingerührtem Erbsen- und Maismehle. Bei solchem täglich veränderten Futter besserte sich das Befinden, und Bartlett durfte es wagen, den Panda unter Aufsicht ins

Panda (Ailurus fulgens). Ya natürl. Größe.

Freie zu bringen. Sofort fiel dieser hier über Rosenstöcke her, verzehrte einige Blätter und die zarten Schößlinge mit Behagen, las unreife Apfel auf, pflückte sich verschiedene Beeren ab und verspeiste auch diese. Bartletts Befürchtung, daß solche Nahrung schaden könne, erwies sich als unbegründet; das Befinden des Panda besserte sich im Gegenteile zusehends. Der alte verdorbene Pelz wurde nach einigen Bädern gelockert, abgekratzt und abgeschabt, und ein neues, prächtiges Kleid deckte und schmückte bald das bei dem ihm natürlichen Futter rasch erstarkte Tier. Doch bekundete der Panda durchaus keine Dankbarkeit für so ausgezeichnete Pflege, blieb vielmehr stets reizbar, stellte sich bei versuchter Annäherung sofort in Fechterstellung und hieb mit den Vorderfüßen nach Katzenart um sich, dabei die bereits erwähnten Laute ausstoßend. Einen zweiten Panda erhielt der Londoner Garten 1876.

Verglichen mit seinen Familiengenossen kommt der Panda in seiner Erscheinung dem Wickelbären am nächsten. Ihm ähnelt er in seinen Bewegungen, seinem Gehen, Laufen, Klettern und in der Art und Weise des Fressens. Der Kinkaju übertrifft ihn jedoch bei weitem an Beweglichkeit und scheint auch in geistiger Hinsicht merklich höher entwickelt zu sein. Alle Bergvölker scheinen den Panda seines schönen, von ihnen vielfach benutzten Felles halber zu verfolgen; vielleicht ißt man auch sein Fleisch, trotz des starken Moschusgeruches, den das gereizte Tier verbreitet..

Die letzte Gattung der Unterfamilie vertritt der Binturong, von den Engländern schwarze Bärenkatze, in Assam Young, in Barma Myouk-kya, von den Malayen

Untarong genannt (Arctietis binturong, Viverra binturong, Arctietis penicillata, Ictides ater, Paradoxurus und Ictides albifrons), in den Augen einzelner Forscher eine Schleichkatze, nach unserer Ansicht ein Mittelglied zwischen dieser und den Bären, aus: gezeichnet durch die Zusammensetzung des 40 Zähne zählenden Gebisses, in welchem jederseits oben und unten 4 Lücken- und 2 Mahlzähne stehen, von denen die 4 oberen Lückenzähne auszufallen pflegen. An Größe übertrifft der Binturong den Panda: seine Länge beträgt 135—1,55 m, wovon fast die Hälfte auf den sehr langen Wickelschwanz kommt. Der Leib ist kräftig, der Kopf dick, die Schnauze verlängert; die Beine sind kurz und stämmig, die Füße nacktsohlig, fünfzehig, mit ziemlich starken, ein wenig einziehbaren Krallen bewehrt. Ein dichter, ziemlich rauhhaariger, lockerer Pelz bekleidet den Leib. Das Haar bildet an den kurzen, abgerundeten Ohren Pinsel, ist aber auch am Leibe und besonders am Schwanze auffallend lang, überhaupt nur an den Gliedern kurz. Dicke, weiße Schnurren zu beiden Seiten der Schnauze umgeben das Gesicht wie mit einem Strahlenkranze. Die Färbung ist ein mattes Schwarz, welches auf dem Kopfe ins Grauliche, an den Gliedmaßen ins Bräunliche übergeht; die Ohrränder und Augenbrauen sehen weißlich aus. Das Weibchen soll grau, das Junge gelblich aussehen, weil die Spitzen der übrigens schwarzen Haare die entsprechenden Färbungen zeigen.

Die Verbreitung des Binturong erstreckt sich auf Borneo, Java, Sumatra, die Malayische Halbinsel, Tenasserim, Arakan, Assam und Siam; fraglich ist es, ob er auch im Himalaja, in Nepal und Bhutan vorkommt. Auch über sein Freileben ist bisher sehr wenig erkundet worden. Er führt ein nächtliches Leben vorzugsweise auf Bäumen und ist langsam in seinen 7 Bewegungen. Er ist, laut Blanford, ein Allesfresser, der weder kleine Säugetiere, Vögel, & Fische, Würmer und Insekten noch Früchte und sonstige Pflanzennahrung verschmäht. Da 1 er in einsamen Waldungen und verftedt haust, wird er selten gesehen; seine Stimme soll ein lautes Heulen sein. Von Natur wild und grimmig, wird doch der Binturong, wenn jung eingefangen, schnell zahm und ebenso sanftmütig wie spiellustig. Auch Bock gibt an, daß unser Tier ein Allesfresser sei, ferner, daß es auf Borneo seltener als auf Sumatra vorkomme. Auf letztgenannter Insel hielt er ein zahmes, das er vorzugsweise mit Reis und 1

Bananen fütterte; beim Fressen saß es aufrecht auf den Hinterbeinen und hielt das Futter mit den Vordergliedern. Farquhar entdeckte, Sir Stamford Raffles beschrieb zuerst den Binturong; spätere Forscher sandten Bälge, einige Tierfreunde und Händler in der letzten Zeit auch lebende Stücke nach Europa. An dreien, von denen ich eines pflegte, beobachtete ich etwa folgendes.

Der Binturong ähnelt dem Wickelbären hinsichtlich seines Wesens; denn auch er ist ein stiller, sanfter und gemütlicher Gesell, vorausgesetzt natürlich, daß er jung in gute Pflege kam. Obwohl Nachttier, zeigt er sich doch auch bei Tage zuweilen munter und rege. Seine

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Binturong (Arctietis binturong). ½ natürl. Größe.

Bewegungen geschehen langsam und bedächtig, die kletternden stets mit Hilfe des Schwanzes, welcher zwar kein vollständiger Wickelschwanz ist, aber doch als solcher gebraucht wird, indem das Tier sich mit ihm festhält, Aste und Zweige leicht umschlingend und die Schlinge sodann lockernd, ohne sie zu lösen, beziehentlich ohne den Halt zu lassen, da die Schwanzschlinge nach und nach mehr nach der Schwanzspitze hin verlegt wird. Erst wenn letztere vom Aste abgleitet, greift der Binturong langsam weiter und verfährt wie vorher. Seine Stimme ähnelt dem Miauen der Hauskatze. Unter seinen Sinnen scheinen Geruch und Gefühl oder Tastsinn obenan zu stehen; er beschnuppert jeden Gegenstand lange und genau und gebraucht seine Schnurrhaare thatsächlich als empfindliche Taster. In seinem Wesen spricht sich weder Raublust noch Mordsucht aus. Pflanzennahrung scheint er tierischen Stoffen jeder Art vorzuziehen und dauert im Käfige bei einfacher Pflanzenkost recht gut aus.

Binturong (Arctietis binturong). ½ natürl. Größe.

In der dritten Unterfamilie vereinigen wir die auf Amerika beschränkten Kleinbären (Procyoninae), mittelgroße Glieder der Familie, mit 36—40 Zähnen; von den 5—6 Backenzähnen jeder Reihe sind 2 als Mahlzähne zu bezeichnen.

Die Gattung der Waschbären (Procyon) kennzeichnet sich durch folgende Merkmale. Der Leib ist gedrungen gebaut, der Kopf hinten sehr verbreitert, die Schnauze kurz; die großen Augen liegen nahe aneinander, die großen abgerundeten Ohren ganz an den Kopfseiten; die Beine sind verhältnismäßig hoch und dünn; die nacktsohligen Füße haben mittellange, schlanke Zehen und mäßig starke, seitlich zusammengedrückte Nägel; der Schwanz ist lang, der Pelz reich-, lang- und schlichthaarig. Das 40zähnige Gebiß zeigt am oberen Fleischzahne innen einen breiten, kegelförmigen Ansatz, während der untere Fleischzahn dick, länglich und einem Höckerzahne ähnlich ist; die oberen quergestellten Höckerzähne sind nach innen

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Gerippe des Was chbären. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

etwas verschmälert, die unteren verhältnismäßig lang. Man kann mit Sicherheit nur zwei, vielleicht drei in Gestalt, Färbung und Wesen sehr übereinstimmende Arten dieser Gattung unterscheiden. |

Der Waschbär oder Schupp, der Raccoon oder kurzweg Coon der Amerikaner (Procyon lotor, Ursus und Meles lotor, Lotor vulgaris, Procyon gularis, brachyurus und obscurus 2c.) erreicht bei 65 cm Leibes- und 25 cm Schwanz oder 90-100 cm Gesamtlänge 30—35 em Höhe am Widerriste. Der Pelz ist gelblichgrau, schwarz gemischt, weil die Grannen am Grunde braun, in der Mitte bräunlichgelb und darüber schwarz gefärbt sind, somit eine höchst eigentümliche Gesamtfärbung zu stande bringen. Die Vorderarme, ein Busch in der Ohrengegend, welcher hinter dem Ohre von einem braunschwarzen Flecken begrenzt wird, die Schnauzenseiten und das Kinn haben eintönig gelblich weißgraue Färbung. Von der Stirn bis zur Nasenspitze und um das Auge ziehen sich schwarzbraune Streifen; über die Augen weg zu den Schläfen verläuft eine gelblichweiße Binde. Die Vorder- und Hinterpfoten find bräunlich gelbgrau, die langen Haare des Unterschenkels und der Unter-arme tief dunkelbraun. Der graugelbe Schwanz ist schwarzbraun geringelt und endet in eine schwarzbraune Spitze. Keine einzige dieser Farben sticht besonders von den anderen ab, und so wird die Gesamtfärbung, schon aus einer geringen Entfernung betrachtet, zu einem schwer zu bestimmenden und bezeichnenden Grau, welches sich der Rindenfärbung ebenso vortrefflich anschließt wie dem mit frischem oder trockenem Grase bewachsenen Boden. Dunkler, besonders dunkelbraun gefärbte Tiere, deren Fell besonders geschätzt wird, gibt es in geringer Anzahl. Ausartungen des Waschbären find selten, kommen jedoch vor: jo steht im

Gerippe des Was chbären. (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.)

Britischen Museum ein Weißling, dessen Behaarung mit dem blendenden Felle des Hermelins wetteifern kann.

Die Heimat des Waschbären ist Nordamerika und zwar der Süden des Landes ebensowohl wie der Norden, wo er wenigstens in den südlichen Pelzgegenden vorkommt. Heutigestags ist er in den bewohnteren Gegenden infolge der unaufhörlichen Nachstellungen, die er erleiden mußte, weit seltener geworden, als er es früher war; doch konnte man ihn

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