Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
die Grube, so lange und so viel, bis sie von nichts anderem wissen, des Ziehens gewohnt werden und eine weite Reise verrichtet haben. Alsdann werden sie unter den Wohnungen neben andere gebunden und erhalten als Ausstudierte im Sommer ihre Freiheit. Aus dieser Erziehung sind hernach ihre mores herzuleiten. Der größte Verdruß bei der Hundefahrt ist der, daß sie, sobald sie angespannt werden, den Kopf gegen den Himmel erheben und erschrecklich zu heulen und zu wehklagen anfangen, nicht anders, als wenn sie den Himmel wegen ihrer harten Umstände anrufen wollten. Sobald sie aber in das Laufen kommen. schweigen sie auf einmal alle still. Darauf geht der andere Verdruß an, daß einer um den anderen zurückspringt, seine Notdurft verrichtet, und während sie diese Zeit ausruhen, so brauchen sie hierin die List, daß allezeit einer nach dem anderen seine Notdurft verrichtet, auch wohl manchmal nur halb, und geben sie öfters umsonst dieses Geschäft vor. Kommen sie an Ort und Stelle, so liegen sie ermüdet da, als wenn sie tot wären. „Diejenigen Hunde aber, welche die Kamtschadalen zur Hasen-, Zobel-, Fuchs- und Mufflonjagd abrichten, füttern sie öfters mit Krähen, die man in Überfluß hat, wovon sie den Geruch bekommen und nach diesen wie nach allem Wild und Vögeln laufen. Mit solchen Hunden treiben die Kamtschadalen im Juli Enten, Gänse und Schwäne, wenn sie in die Felder fallen, und auch in den großen Inseln in ziemlicher Menge zusammen.“
Im übrigen Sibirien werden die Hunde etwas besser behandelt. „Der sibirische Hund“, sagt F. von Wrangel, „hat auffallende Ahnlichkeit mit einem Wolfe, sein Gebell gleicht ganz dessen Geheul. Im Sommer bringt er, um gegen Stechfliegen in Sicherheit zu sein, die größte Zeit im Wasser zu, im Winter hat er sein Lager tief im Schnee. Das vollständige Gespann eines Schlittens besteht aus zwölf Köpfen. Ein besonders gut abgerichteter Hund befindet sich an der Spitze und leitet die übrigen. Hat dieses Tier nur ein einziges Mal einen Weg zurückgelegt, so erkennt es nicht nur aufs genaueste die zu nehmende Richtung, sondern auch die Orte, wo man zu verweilen pflegt, selbst wenn die Hütten tief unter dem Schnee verborgen sind. Er hält plötzlich auf der gleichförmigen Oberfläche still, wedelt mit dem Schwanze und scheint dadurch seinen Herrn einzuladen, die Schaufel zu ergreifen, um den engen Gang in die Hütte zu finden, welche einen Rastort gewähren soll. Im Sommer muß derselbe Hund Boote stromaufwärts ziehen; hindert ihn ein Felsen, weiter vorwärts zu gehen, so stürzt er sich ins Wasser und setzt seinen Weg am anderen Ufer fort. Dafür werden ihm täglich zehn halbverfaulte Heringe als Futter gereicht! „Der Hund ist den Sibiriern unentbehrlich. Als im Jahre 1821 eine Seuche unter den Tieren wütete und eine jukagirische Familie alles verlor, mit Ausnahme von zwei ganz kleinen Hunden, welche noch nicht sehen konnten, da teilte die Hausfrau ihre eigene Milch zwischen diesen beiden Hündchen und ihrem Kinde und hatte die Freude, daß diese beiden Hunde die Stammeltern einer sehr starken Rasse wurden. Im Jahre 1822 waren die Einwohner am Kolymaflusse, nachdem sie ihre meisten Hunde durch die Seuche eingebüßt hatten, in die traurigste Lage versetzt. Sie mußten ihr Brennholz selbst herbeischleppen; dabei fehlte ihnen sowohl Zeit als Kräfte, die an verschiedenen, weit entfernten Orten gefangenen Fische nach Hause zu bringen. Endlich waren sie gezwungen, während aller dieser Arbeiten, welche äußerst langsam von statten gingen, die Jagd der Vögel und Pelztiere fast gan; zu verabsäumen. Eine furchtbare Hungersnot, welche viele Menschen hinraffte, war die Folge des Mangels an Hunden, welche hier nie ersetzt werden können, weil es bei dem rauhen Klima und kurzen Sommer ganz unmöglich ist, das nötige Futter für die Pferde anzuschaffen, und endlich, weil der Hund ganz flüchtig über den Schnee hinwegläuft, wo das schwere Pferd beständig versinken würde.“
Die nordamerikanischen Pelzjäger schätzen ihre Hunde, die man am liebsten von der reinen Eskimorasse züchtet, ebenfalls sehr hoch und behandeln demgemäß ihre getreuen und
unentbehrlichen Reise- wie Jagdgehilfen recht gut. Sie werden gewöhnlich zu vieren in langer Linie voreinander vor den leichten Schlitten gespannt und werden, wenn sie sich, wie es bei hartem Schnee öfters geschieht, die Pfoten wundlaufen, mit einer Art Schuhwerk aus Fell versehen, welches über die Füße gezogen und mit Riemen befestigt wird. Bei alten Hunden ist diese Vorkehrung allerdings sehr selten notwendig, denn diese pflegen die Eiszapfen, welche beim Ziehen sich zwischen den Zehen bilden, von Zeit zu Zeit selbst weg-zubeißen; aber junge Hunde sind noch zu unerfahren, und deshalb muß der Mensch in der angegebenen Weise für sie sorgen. Übrigens vergelten diese ausgezeichnetenTiere die gute Behandlung auch durch vorzügliche Dienste, durch große Treue und Anhänglichkeit und werden ihren Herren lieb und wert als Gefährten. Butler hat seinen Eskimohund Cerfvola, der mit ihm während zweier Reisen in der nordischen Wildnis Amerikas Tausende von Kilometern zurücklegte und schließlich den Erdteil zweimal durchkreuzte, im Bilde verewigt, sogar in Gedichten gefeiert.
So kann man für unsere Tiere wohl das Wort Zoroasters gelten lassen: „Durch den Verstand des Hundes besteht die Welt.“
K
Die Füchse (Vulpes) unterscheiden sich von den Wölfen durch den Bau ihres Gebisses zwar nicht wesentlich, wohl aber durch den langgestreckten Leib, den gestreckten, spitzschnauzigen Kopf, den in der Regel länglichrunden, etwas schief stehenden Augenstern, die niederen Läufe, den sehr langen, dickbuschig behaarten Schwanz sowie den nur schwach gebogenen, fast wagerechten, am Vorderrande seicht vertieften Brauenfortsatz des Stirnbeins merklich genug, um sie in einer besonderen Gattung zu vereinigen. Auch in ihrem Wesen und Gebaren bekunden sie, bei aller Übereinstimmung mit den Sitten und Gewohnheiten anderer Hunde, so manche Eigentümlichkeit und verdienen besondere Beachtung.
Unter den in unserem Vaterlande wild lebenden Säugetieren steht der Fuchs (Vulpes vulgaris, Canis alopex und vulpes) unzweifelhaft obenan. Kaum ein einziges anderes Tier, es sei denn der Schakal, genießt einen so hohen Ruhm und erfreut sich einer so großen Bekanntschaft wie Freund Reineke, das Sinnbild der List, Verschlagenheit, Tücke, Frevelhaf-tigkeit und, wie ich sagen möchte, gemeinen Ritterlichkeit. Ihn rühmt das Sprichwort, ihn preist die Sage, ihn verherrlicht das Gedicht; ihn hielt unser größter Meister für würdig, seinen Gesang ihm zu widmen. Ob solcher Ruhm ganz berechtigt, ist indessen eine andere Frage. „Der Fuchs der Sage und Dichtung“, schreibt Pechuel-Loesche, „und der Fuchs in der Wirklichkeit sind doch recht verschiedene Tiere. Wer diesen gänzlich unbefangen beobachtet, vermag bei ihm nicht im außergewöhnlichen Maße die vielgepriesene Geistesgegenwart, Klugheit, List und Findigkeit, auch nicht die ihm nachgesagte unübertreffliche Schärfe der Sinne zu entdecken. Er zeichnet sich meines Erachtens vor anderen Raubtieren, namentlich vor dem Wolfe, in keiner Weise durch hervorragende Begabung aus; höchstens kann zugestanden werden, daß der unablässig Verfolgte sich mit Geschick den natürlichen Verhältnissen anzupassen verstehe, schwerlich aber besser als andere, nicht gerade stumpfsinnige Tiere. Und wie so viele unter diesen, die harmlosen inbegriffen, mögen auch manche alte Füchse durch vielerlei Erfahrungen ganz ungewöhnlich gewitzt werden; aber jeder Jäger, der mit diesen Räubern in vielfache Berührung kommt, wird mir wohl zugestehen, daß es auch sehr viele nicht gewitzte, sogar geradezu dumme gibt — und zwar nicht bloß unerfahrene junge, sondern auch recht alte. Man braucht nur zu vergleichen, wie andere viel verfolgte Tiere sich benehmen, welche Vorsicht und Sinnesschärfe sie bekunden, um von der allzuhohen Meinung bezüglich der angedichteten Begabung unseres Reineke zurückzukommen. Ich wüßte nicht,
wodurch sich der Durchschnittsfuchs vor anderen unter gleichen Verhältnissen lebenden Räubern hervorthäte. Er ist ein vogelfreier Spitzbube und versteht sein Handwerk zu treiben, weil er sich doch in seiner Weise ernähren muß; er ist frech, aber nur, wenn der Hunger ihn quält, wenn die Jungen zu versorgen sind; auch zeigt er in übeln Lagen weder Geistesgegenwart noch Überlegung, sondern verliert den Kopf vollständig; er geht in immerhin recht plump gelegte Fallen und zwar wiederholt, auch läßt er sich durch ‚Reizen“ gröblich täuschen; er läßt im offenen Felde den ihn umkreisenden Schlitten auf Schußweite heran; er scheut immer wieder die Lappen und läßt sich trotz alles Lärmens und Schießens während eines Waldtreibens dennoch hart dabei im nächsten umstellen, statt klug das Weite zu suchen; er folgt den gewohnten, sogar öfter beschossenen Wechseln und läuft immer wieder stracks den Schützen an, obwohl er viel besser die Treibwehr durchbrechen könnte; er erkennt seinen Todfeind, solange dieser sich ruhig verhält, nicht an der Gestalt, ja oft wittert er ihn nicht einmal, auch wenn er ihm, unter dem Winde heranschleichend, schon auffällig nahe gekommen ist — kurzum, der schonungsloser als irgend ein anderer Bewohner von Wald und Flur
Gerippe des Fuchses (Vulpes vulgaris). (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
Verfolgte hat trotzdem nicht gelernt, die Künste des Menschen zu durchschauen und seine Handlungen danach einzurichten. Der Meister Reineke der Überlieferung und der Fuchs in Wald und Flur können nicht wohl als ein und dasselbe Tier betrachtet werden: dieser ist kein durch besonders hervorragende Begabung vor anderen ausgezeichnetes Geschöpf.“
Reineke lebt, hundertfach durch Wort und Bild gezeichnet, in jedermanns Anschauung und ist wohl bekannt. Demungeachtet verdient er den weniger mit der Natur Vertrauten besonders vorgestellt zu werden. Seine Länge beträgt bis 1,a m, wovon an 50 cm auf den Schwanz kommen, die Höhe am Widerriste 35, höchstens 38 cm, das Gewicht durchschnittlich 6,5— 8, selten 9 kg. Der Kopf ist breit, die Stirn platt, die Schnauze, welche sich plötzlich verschmälert, lang und dünn. Die Seher stehen schief und die Lauscher, welche am Grunde sich verbreitern und nach oben zuspitzen, aufrecht. Der Leib erscheint seines ziemlich dichten Haarkleides wegen dick, ist in Wahrheit aber ungemein schlank, jedoch äußerst kräftig und der umfassendsten Bewegung fähig. Die Läufe sind dünn und kurz, der Schwanz ist lang und buschig, der Pelz dicht und weich. Reineke samt seiner ganzen edlen Sippschaft trägt ein Kleid, welches seinem Räubertum in der allervortrefflichsten Weise entspricht. Die Färbung, ein fahles, grauliches Rot, welches sich der Bodenfärbung förmlich anschmiegt, paßt ebenso zum Laubwalde wie zum Nadelholzbestande, er sei hoch oder niedrig, oder ist für die Heide wie für das Feld und für das Stein- oder Felsengeklüft gleich geeignet. Mehr als anderen Tieren scheint dem Fuchse der Rock nach dem Lande angepaßt zu sein; denn der südliche Fuchs ist von dem nördlichen und der Gebirgsfuchs von dem der Ebene nicht
unwesentlich in der Färbung verschieden. Seine in der Steppe und Wüste lebenden Verwandten zeigen uns, wie wir später sehen werden, ihre Gleichfarbigkeit mit dem Boden noch deutlicher. Wenn wir das Gewand unseres Raubgesellen genau prüfen, finden wir, daß die Farbenverteilung etwa folgende ist: Auf der ganzen Oberseite ist der Pelz rost- oder gelbrot gefärbt; die Stirn, die Schultern und der Hinterteil des Rückens bis zur Schwanzwurzel sind, weil die einzelnen Haare an dieser Stelle in eine weiße Spitze endigen, mit Weiß überlaufen, die Lippen, Wangen und die Kehle weiß. Ein weißer Streifen zieht sich an den Beinen herab; die Brust und der Bauch sind aschgrau, die Weichen weißgrau, die Vorderläufe rot, die Lauscher wie die Pfoten schwarz; der Schwanz endlich ist rostrot oder gelbrot, schwärzlich überlaufen und an der Spitze gleichfarbig oder weiß. Alle diese Farbenschattierungen gehen ganz unmerklich ineinander über, keine sticht grell von der anderen ab, und daher kommt es eben, daß das ganze Kleid sich für alle Verhältnisse recht gut eignet.
Jeder Fuchs weicht hinsichtlich seiner Färbung von vielen seiner Artgenossen ab und so auch unser Reineke. Der schönste Rotfuchs ist der nördliche, welcher jedoch ebenfalls sehr abändert. Je weiter man von Norden nach Süden geht, um so kleiner, schwächer und weniger rot zeigt sich der Fuchs. In flachen, sumpfigen Gegenden ist er am schlechtesten; gibt es aber bergige Strecken dazwischen, so wird er in diesen wieder etwas besser. Deutsche Weidmänner pflegen zweierlei Füchse zu unterscheiden: den mattfarbigen Brandfuchs mit schwarzer Schwanzspitze und grauer Kehle, dessen Fell wie angesengt oder wie mit Ruß bestäubt aussieht, und den reiner, lebhafter gefärbten Birkfuchs, auch Goldfuchs genannt, mit weißer Schwanzspitze und weißer Kehle; beide kommen in vielen Abänderungen auch nebeneinander vor. Am schönsten soll unser Fuchs im nördlichen Tirol sein; im südlichen Teile Tirols und der Schweiz ist er als Bergfuchs noch immer ziemlich groß und rauh, aber schon mehr grau; in der Lombardei und dem Venezianischen zeigt er bereits ein ganz anderes Gepräge, ist kleiner, verblichener inFarbe. In Südfrankreich zeigt er sich ebenso, und in Spanien ist er bereits sehr klein und fahl geworden. Aus diesem Grunde hat man die südlichen Füchse als Art von den unserigen und namentlich von den nordischen unterschieden, ob mit Recht oder Unrecht, lassen wir dahingestellt sein. Die Unterschiede sind jedenfalls ziemlich hervorstechend, da sie sich auch auf die Größe beziehen. Besonders schön und ihres Felles wegen sehr hoch geschätzt sind Schwarz- oder Silberfüchse, wie schon der Name besagt, Tiere mit glänzend schwarzem oder silberig schimmerndem Felle, welche den hohen Kaukasus, Nordsibirien und Nordamerika bewohnen; Kreuzfüchse, von rot- oder gelb-bräunlicher Färbung, mit dunklem Kreuz auf dem Rücken, mit schwarzem Bauche und schwarzer Kehle, deren Färbung aber ebenfalls mannigfaltig abändert, werden als Blendlinge zwischen Schwarz- und Rotfüchsen betrachtet.