Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Nicht minder nützlich als die letztgenannten beiden macht sich der Eskimohund (Canis familiaris domesticus borealis), welcher den Spitzen zuzurechnen ist und im ganzen Norden der Erde von den hier hausenden ungesitteten Völkerschaften als das wichtigste aller Haustiere angesehen werden muß. Er besitzt 50— 60 cm Schulterhöhe, doch herrschen in manchen Gegenden stärkere Tiere vor. Von unserem Schäferhunde unterscheidet er sich durch eine mehr wolfsähnliche Erscheinung, die aufrecht stehenden Ohren, den dicken Pelz, welcher im Winter förmlich wollig erscheint, und den listigen Gesichtsausdruck. Sein Auftreten bekundet Ungebundenheit und ein gewisses Maß von Freiheit, obgleich er diese nur zeitweilig genießt. Der Eskimohund hat im ganzen Norden der Alten Welt höchst ähnliche Verwandte und wird ebenso zum Hüten des Viehes wie zum Ziehen von Schlitten benutzt. Bei seinen Arbeiten als Renntierhirt wollen wir uns nicht aufhalten, sondern mehr auf letztere Beschäftigung Rücksicht nehmen.
Der Eskimohund bringt fast sein ganzes Leben unter dem Joche zu; denn entweder muß er Schlitten ziehen oder Lasten tragen. Im Norden von Amerika und seinen benachbarten Inseln ist er wirkliches oder einziges Jochtier, welches der Mensch dort sich zu eigen gemacht hat. Nur während der kurzen Sommerzeit gestattet ihm sein eigennütziger Herr eine gewisse Freiheit, während des Winters ist er vollendeter Sklave.
Einen wohlgenährten Eskimohund darf man ein schönes Tier nennen; leider aber wird ihm die Nahrung, wenn er sie sich nicht selbst verschafft, von seinem Herrn so sparsam zugemessen, daß er viele Monate hindurch mehr einem Gerippe als einem lebenden Wesen ähnelt. Sein Verhältnis zu dem Menschen ist eigentümlicher Art. Er weiß, daß er in Sklavenketten liegt, und versucht, diese Ketten zu brechen. Es ist etwas vom wölfischen Wesen in ihm, in leiblicher Hinsicht sowohl als in geistiger. Dem arktischen Wolfe gleicht er so sehr durch seine dichte Behaarung, die aufrecht stehenden Ohren, die Breite des Oberkopfes und die spitze Gestalt der Schnauze, daß beide, aus einiger Entfernung gesehen, gar nicht unterschieden werden können. Während Parrys zweiter Polarreise wagte einst eine
Jagdgesellschaft nicht, auf einen Trupp von zwölf Wölfen zu feuern, welche einige Eskimos bedrohten, weil fie, über die Art der Tiere im Ungewissen, fürchteten, einige von den Hunden zu töten, welche den einzigen Reichtum jener gutmütigen Menschen ausmachen. Der Eskimohund raubt und stiehlt wie nur einer, ist auf der anderen Seite aber auch wieder so hündisch demütig, wie nur ein von Furcht gepeinigter Sklave es sein kann. Vor den Schlitten wird gewöhnlich ein ziemlich starker Trupp gespannt, welcher unter Leitung eines älteren und erfahrenen Hundes seinen Weg verfolgt; von einer Lenkung des Schlittens nach unseren Begriffen seitens des Menschen kann keine Rede sein. Jeder einzelne Hund ist an einen Lederriemen gespannt, welcher vermittelst eines höchst einfachen Kumtes an ihm befestigt wurde; in den Hudsonbailändern werden die Hunde auch voreinander geschirrt. Gelegentlich geraten sie während der Fahrt in eine Beißerei; das ganze Gespann verwirrt sich in einen undurchdringlichen Knäuel; alles knurrt, bellt, beißt, wütet durcheinander, und nicht einmal die mit Macht geschwungene Peitsche des Schlittenführers bringt Ordnung in den Haufen. Endlich ist die Verwirrung so groß geworden, daß an keine freie Bewegung mehr zu denken ist, und nun liegt es dem Führer ob, die Tiere zu lösen und von neuem einzuspannen.
Ohne dieses Haustier würden die Nordländer nicht bestehen können. Die Hunde leisten ihnen alle denkbaren Dienste. Mit einer Bürde von 10— 15 kg beladen, begleiten sie ihre Herren, wenn diese zu ihren langdauernden Jagden aufbrechen. Ihrer 6—10 ziehen einen Schlitten, welcher 300 —400 kg tragen mag, und durchlaufen mit ihm unter günstigen Umständen in einem Tage bedeutende Strecken, man jagt bis 40 und 50 km, bei leichter Last bis 80 km. Spüren fie unterwegs ein Wild, fo rennen fie oft wie rasend ihm nach, außer: dem helfen sie bei Jagden, halten Wacht, verteidigen ihren Herrn in Gefahr und leisten noch hundert andere Dienste.
Wie gedachte Hunde und ihre Verwandten benutzt werden, hat trefflich schon Steller geschildert: „Unter den zahmen Tieren auf Kamtschatka gebührt den Hunden wegen Altertums und Nutzens das Vorrecht, und sie allein machen die ganze Klasse der kamtschadalischen zahmen Tiere aus. Die Kamtschadalen behaupten, daß sich ihr Adam, Kuttka, vormals der Hunde nicht bedient, sondern den Schlitten selber gezogen habe. Damals hätten die Hunde wie Menschen geredet. Es sei aber einstmals geschehen, daß Kuttkas Nachkommen in einem Kahne den Fluß abwärts getrieben. Als fie nun am Ufer einige zottige Hunde erblickt und diese ihnen zugerufen: „Was seid ihr für Leute?“ jo hätten fie nicht geantwortet, sondern wären hurtig vorbeigeschwommen. Darüber hätten sich die Hunde dergestalt erzürnt, daß sie beschlossen, künftig kein verständiges Wort mehr mit irgend einem Menschen zu sprechen, welches sie auch bis zu dieser Stunde gehalten. Doch wären sie noch so neugierig, daß sie alle Fremden anbellten und befragen wollten, wer sie seien und woher sie kämen. „Ohne diese Hunde kann hier jemand so wenig leben wie an anderen Orten ohne Pferd und Rindvieh. Die kamtschatkischen Hunde find verschiedenfarbig, hauptsächlich aber dreierlei: weiß, schwarz und wolfsgrau, dabei sehr dick- und langhaarig. Sie ernähren sich von alten Fischen. Vom Frühjahr bis in den späten Herbst bekümmert man sich nicht im ge ringsten um sie, sondern sie gehen allenthalben frei herum, lauern den ganzen Tag an den Flüssen auf Fische, welche sie sehr behende und artig zu fangen wissen. Wenn sie Fische genug haben, so fressen sie, wie die Bären, nur allein den Kopf davon, das andere lassen sie liegen. Im Oktober sammelt jeder seine Hunde und bindet sie an den Pfeilern der Wohnung an. Dann läßt man sie weidlich hungern, damit sie sich des Fettes entledigen, zum Laufen fertig und nicht engbrüstig werden mögen, und alsdann geht mit dem ersten Schnee ihre Not an, so daß man sie Tag und Nacht mit gräßlichem Geheul und Wehklagen ihr Elend bejammern hört. Ihre Kost im Winter ist zweifach. Zur Ergötzung und Erstärkung dienen stinkende
Fische, welche man in Gruben verwahrt und versäuern läßt, weil auf Kamtschatka nichts stinkend wird (denn wenn auch die Itelmen und Kosaken solche Fische mit großem Appetite verzehren, die wie Aas stinken, bei welchen ein Europäer in Ohnmacht fallen oder die Pest besorgen möchte, sprechen sie, es sei gut sauer, und pflegen daher zu sagen, daß in Kamtschatka nichts stinkeyß. Diese sauern Fische werden in einem hölzernen Troge mit glühenden Steinen gekocht und dienen ebensowohl zur Speise der Menschen als zum Hundefutter. Die Hunde werden zu Hause, wenn sie ausruhen, oder auf der Reise des Abends, wenn sie die Nacht über schlafen, mit diesen Fischen allein gefüttert; denn wenn man sie des Morgens damit füttert, werden sie von diesen Leckerbissen so weichlich, daß sie auf dem Wege ermüden und nur Schritt für Schritt gehen können. Das andere Futter besteht in trockener Speise, von verschimmelten und an der Luft getrockneten Fischen. Damit füttert man sie des Morgens, um unterwegs ihnen Mut zu machen. Weil nun das meiste daran Gräten und Zähne, die Hunde aber mit der größten Begierde darüber herfallen, verrichten sie mehrenteils die Mahlzeit mit einem blutigen Maule. Übrigens suchen sie sich selber Speise auf und stehlen grausam, fressen Riemen und ihrer Herrn eigne Reisekost, wo sie dazu kommen können, steigen wie Menschen auf den Leitern in die Balagans oder Wohnungen und plündern alles, ja, was das Lächerlichste: niemand ist im stande, seine Notdurft zu verrichten, ohne immer mit einem Prügel um sich zu schlagen. Sobald man seine Stelle verläßt, sucht einer den anderen unter vielem Beißen um das Depositum zu übervorteilen. Demungeachtet frißt kein kamtschatkischer Hund Brot, wäre er auch noch so hungerig. Dabei sind die kamtschatkischen Hunde sehr leutescheu, unfreundlich, fallen keinen Menschen an und bekümmern sich nicht im geringsten um des Herrn Güter, gehen auch auf kein Tier oder Wild, aber stehlen, was sie bekommen, sind sehr furchtsam und schwermütig und sehen sich beständig aus Mißtrauen um, sie mögen thun, was sie wollen. Sie haben nicht die geringste Liebe und Treue für ihren Herrn, sondern suchen denselben allezeit um den Hals zu bringen; mit Betrug muß man sie an die Schlitten spannen. Kommen sie an einen schlimmen Ort, an einen steilen Berg oder Fluß, so ziehen sie aus allen Kräften, und ist der Herr genötigt, um nicht Schaden zu nehmen, den Schlitten aus den Händen zu lassen, so darf er sich nicht einbilden, solchen eher wiederzuerhalten, bis sie an einen Ruheplatz kommen, es sei denn, daß der Schlitten zwischen den Bäumen stecken bleibt, wo sie jedoch keine Mühe sparen, alles in Stücke zu zerbrechen und zu entlaufen. Woraus man sieht, wie sehr die Lebensart unvernünftige Tiere verändert, und welchen großen Einfluß sie auf die Hundeseele hat. „Man kann sich nicht genug über die Stärke der Hunde verwundern. Gewöhnlich spannt man nur vier Hunde an einen Schlitten; diese ziehen drei erwachsene Menschen mit 11/2 Bud (24,5 kg) Ladung behende fort. Auf vier Hunde ist die gewöhnliche Ladung 5—6 Bud (82-98 kg). Ungeachtet nun die Reise mit Hunden sehr beschwerlich und gefährlich ist, und man fast mehr entkräftet wird, als wenn man zu Fuße ginge, und man bei dem Hundeführen und Fahren so müde wie ein Hund selber wird, so hat man doch dabei diesen Vorteil, daß man über die unwegsamsten Stellen damit von einem Orte zum anderen kommen kann, wohin man weder mit Pferden noch, wegen des tiefen Schnees, sonst zu Fuße kommen könnte. Sie sind außer dem Ziehen gute Wegweiser und wissen sich auch in den größten Stürmen, wo man kein Auge aufmachen kann, zurecht und nach den Wohnungen zu finden. Sind die Stürme so hart, daß man liegen bleiben muß, was sehr oft geschieht, so erwärmen und erhalten sie ihren Herrn, liegen neben ihm ruhig und still; man hat sich unter dem Schnee um nichts zu bekümmern, als daß man nicht allzutief vergraben und ersticket werde. Oft kommt es vor, daß ein Sturm einige Tage, ja eine ganze Woche fortwähret. Die Hunde liegen während dieser Zeit beständig still, wenn sie aber die äußerste Hungersnot treibt, so fressen sie Kleider und alle Riemen vom Schlitten ab, und man kann sich nicht
genug über ihre starke Natur verwundern, worin sie die Pferde bei weitem übertreffen. So hat man auch vor den Stürmen allezeit die sicherste Nachricht von dem herannahenden oder kommenden Ungewitter durch die Hunde; denn wenn sie im Schnee graben und sich dabei legen, mag man, wofern zu weit von Wohnungen entfernt, sicherlich einen Ort sich aufsuchen, wo man sich vor dem Sturme verbergen kann. „Die kamtschatkischen Schlitten sind nach Kräften der Hunde und nach der gebirgigen Gegend dergestalt ausgedacht, daß solche der geschickteste Mechanikus nicht besser hätte er-finden können. Sie scheinen ihren Grund aus der Anatomie und Bildung des menschlichen Körpers zu haben. Oben ist ein länglichhohler Korb, der aus lauter gebogenen Hölzern und zwei dünnen, langen Stöcken besteht, daran dieselben mit Riemen festgebunden sind. Dieses Gegitter nun ist überall und auf allen Seiten mit Riemen umwunden, und biegt sich alles daran, ohne zu zerbrechen; bricht auch ein Hölzchen, so lassen doch die Riemen den Korb nicht auseinander fallen. Man sitzt darauf mehrenteils auf einer Seite, um sogleich bei einer gefährlichen Stelle herabspringen zu können. Zuweilen setzt man sich auf mehreren Orten darauf wie auf ein Pferd. Die Hunde laufen ihren Weg, will man zur Linken, so schlägt man mit dem Stocke zur rechten Seite an die Erde oder an den Schlitten, will man zur Rechten, schlägt man an die linke Seite des Schlittens; will man still halten, steckt man den Stock vor den Schlitten in den Schnee; fährt man einen steilen Berg hinab, so steckt man den Stock in den Schnee zwischen das Vorderbogenholz und hemmt dadurch ein. Ungeachtet man nun fährt, so wird man doch ebenso müde, als wenn man zu Fuße ginge, weil man die Hunde beständig zurückhalten, bei schlimmen Wegen vom Schlitten abspringen, daneben herlaufen und den Schlitten halten muß; fährt man einen Berg hinauf, so muß man ohnedies zu Fuße gehen. Noch eine Beschwerde verursachen die dichten Wälder, durch welche man fahren muß. Selten trifft man einen geraden Baum an, sondern fährt zwischen den Asten und Zweigen dahin, dabei man immer in Sorge steht, Arme und Beine zu zerbrechen oder die Augen aus dem Kopfe zu verlieren. Übrigens haben die Hunde die schelmische Eigenschaft, daß sie aus allen Kräften ziehen und laufen, wenn sie an einen solchen Wald, Fluß oder steilen Abhang kommen, weil sie wissen, daß sie ihren Herrn herabwerfen, den Schlitten zerbrechen und auf diese Art von der Last, zu ziehen, befreit werden können. „Der andere Hauptnutzen der Hunde, weshalb sie auch so häufig gehalten und gezogen werden, ist, daß man sowohl den abgelebten Schlittenhunden als den zur Fahrt untauglichen die Häute abnimmt und zweierlei Kleider daraus macht, welche in dem ganzen Lande von großem Nutzen und großem Werte sind. Diese Kleider haben vor dem übrigen Pelzwerke folgende Vorzüge: erstens sind sie die prächtigsten Staats- und Feiertagskleider von uralten Zeiten her; zweitens sind sie sehr warm; drittens sehr dauerhaft, da sie in den größten Strapazen wenigstens 4 Jahre aushalten; viertens brauchen diese Kleider nicht so sehr wie andere in acht genommen zu werden: sie lassen die Haare nicht fahren und sind allezeit trocken. „Je längere Haare die Hunde haben, je höher werden sie geschätzt. Diejenigen Hunde aber, so hohe Füße, lange Ohren, spitze Nasen, ein breites Kreuz, unten breite Füße und nach den Ohren zu dicke Köpfe haben, stark fressen und munter sind, werden von Jugend auf zu Schlittenhunden auserlesen und auf folgende Art belehrt und abgerichtet. Sobald sie sehen, werden sie samt der Mutter in eine tiefe Grube gelegt, daß sie weder Menschen noch Tiere zu sehen bekommen, und ernähren selbe dadrinnen. Wenn sie von der Hündin abgewöhnt sind, legen die Kamtschadalen solche abermals in eine Grube, bis sie erwachsen. Nach einem halben Jahre spannt man sie mit anderen gelernten an den Schlitten und fährt mit ihnen einen kurzen Weg. Weil die jungen Tiere nun hunde- und leutescheu sind, so laufen sie aus allen Kräften. Sobald sie wieder nach Hause kommen, müssen sie wieder in