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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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„Es darf uns nicht wundernehmen, wenn viele Beobachter dem Pudel menschliche Verstandsgeschicklichkeit zuschreiben. Und wirklich ist kein Mensch in Beobachtungsumständen geschickter, keiner äußert seine Ungeduld, wenn man ihn nicht berücksichtigt, besser als der Pudel. Er prüft vorher sorgfältig, ehe er entscheidet, und er will sich nicht täuschen lassen und auch nicht ausgelacht werden. Mit Prügeln kann man den Pudel nichts lehren; er ist nur ängstlich, verwirrt, thut immer weniger, ganz wie ein Kind, welches weinend lernen muß. Doch listig thut er auch bisweilen ganz dumm. Mit gutem kann man ihm sogar an Widriges gewöhnen und Dinge essen oder trinken lehren, welche er sonst verschmäht. Manche Pudel werden und sind so recht eigentliche Kaffeefraubasen und ziehen dieses Getränk unbedingt jedem anderen vor. „Sonderbar ist es, daß der Pudel, je gutmütiger und verständiger, um so weniger ein guter Hauswächter ist, desto minder auf den Menschen abgerichtet werden kann. Er liebt und schätzt alle Menschen; will man ihn gegen einen Menschen reizen, so schaut er nur seinen Herrn und dessen Gegner an, als ob er denke, es könne seinem Herrn nicht möglich sein, ihn auf einen seinesgleichen zu hetzen. Man könnte seinen Herrn morden, ohne daß er sich für ihn wehrte. Gegen seinen Herrn ist er stets unterwürfig im höchsten Grade, er fürchtet nicht nur die Schläge, sondern schon den Unwillen, das Wort, den drohend verweisenden Finger „Pferde und Hunde scheinen unter allen Tieren am ersten erschreckt werden zu können, der Pudel kann sogar erstaunen, d. h. es kann seine Beurteilungskraft plötzlich stillgestellt werden. Ein Pudel verfolgte einen Raben auf einer Wiese. Der Rabe stellt sich gegen ihn, auf einmal ruft er den Hund an: „Spitzbube, Spitzbube!“ — erschrocken fährt der Hund zurück, sein Verstand stand ihm still: ein Tier, ein Vogel und — eine Menschenstimme! Der Pudel ist nie gern allein; immer sucht er Menschen auf. Die ersten sind ihm die besten. Er gibt sich nicht gern mit Hunden anderer Art ab, und will er spielen, so thut er es mit Pudeln, wenigstens vorzugsweise. Mit solchen erfreut er sich dann sehr. Andere Hunde scheint er zu hassen oder sie ihn, wahrscheinlich, weil sie ihn als einen besonderen Menschenfreund und vorgezogenen oder als den höchstbegabten unter den Hunden ansehen und ihn darum nicht leiden mögen. Der Pudel liebt die Freiheit ungemein. Er kommt und geht wieder. An der Kette ist kein Hund gern, am allerwenigsten der Pudel, er versteht, sich davon auf alle Weise loszumachen, und erprobt darin seine Künste, Stricke zu zerreißen und zu zerbeißen. Aus Schleifen zieht er den Kopf; er kann gerade so wie ein Mensch jauchzen, wenn er entkettet wird, und vor Freude ganz unsinnig thun.“

Von seinen Erfindungsgaben, um sich frei zu machen, erzählt Giebel eine anmutige Geschichte. „In einer der Hundesteuer unterworfenen, großen Stadt fing der Abdecker, wie üblich, alle markenlosen Hunde ein und steckte Groß und Klein, Alt und Jung, Schön und Häßlich in einen weiten Schuppen, wo sie ihr unverschuldetes Unglück in dem lautesten Jammergeheul beklagten. Der verständige Pudel allein saß ruhig, in sein Schicksal ergeben, im Winkel des Gefängnisses und sah bald, auf welche Weise die Thür geöffnet wurde. Der Weg zur Freiheit war ihm damit gezeigt. Er ging flugs an die Thür, zog mit der Pfote den Drücker nieder, öffnete die Thür, und auf seinen Wink folgte die ganze Schar der Gefangenen. Im Sturmschritte und lärmend eilte sie, im Thore die Wache unter das Gewehr rufend, in die Stadt hinein, und jeder kehrte zu seinem Herrn vergnügt zurück.“

Doch was ließe sich nicht über den Pudel noch alles sagen! Man könnte über ihn allein ein ganzes Buch schreiben! Der Pudel wird besonders in der Lombardei, vielfach aber auch in Deutschland neben dem Schäferhunde und gewöhnlichen Hunden zum Trüffelsuchen abgerichtet.

Wenden wir unsere Aufmerksamkeit einer anderen, sehr merkwürdigen Gruppe zu, den

Pintschern (Canis familiaris gryphus) nämlich. Mehrere Naturforscher zählen fie noch zu der vorigen Abteilung, und in der That haben wenigstens einige wegen ihres Haarkleides und der Bildung der Schnauze, der Ohren und des Schwanzes, wegen ihrer Gutmütigkeit und Treue, ihrer Munterkeit und Spiellust vieles mit dem Pudel gemein; der Bau des Schädels und des Gerippes weicht jedoch entschieden ab und läßt fie als eigentümliche Hunde erscheinen. Man unterscheidet hauptsächlich die glatthaarigen und stichelhaarigen oder die Ratten- und Affenpintscher. Erstere ähneln in ihrem Gesamtbaue dem Dachshunde, unterscheiden sich von ihm aber durch die höheren und geraden Beine und die ganz aufrecht stehenden oder nur mit der Spitze überhängenden Ohren. Die meisten sind dunkelfarbig; gefleckte kommen schon seltener vor. Ihr Körper ist ziemlich schlank, der Kopf stark, die Schnauze lang und gerade abgestumpft, der Schwanz, welcher nach rückwärts oder vorwärts gekrümmt getragen wird, glatt, die Beine sind mittelhoch und gerade. In der Jugend schneidet man den Pintschern gewöhnlich den Schwanz und die Ohren ab und verhäßlicht hierdurch die Tiere in unverantwortlicher Weise.

Alle Pintscher sind äußerst kluge, höchst muntere und über alle Maßen jagdbegierige Hunde. Sie fangen mit der größten Liebhaberei Ratten, Mäuse, aufwühlende Maulwürfe und sind geradezu unermüdlich in der Verfolgung dieser Tiere. Als Hausgenosse des Menschen können sie nicht immer empfohlen werden, weil sie wegen ihrer steten Unruhe ihrem Herrn oft mehr Verdruß als Freude machen; dagegen eignen sie sich vortrefflich für Leute, welche reiten oder mit schnellen Pferden fahren: denn am allerliebsten begleitet der Pintscher seinen Herrn, wenn er tüchtig rennen und laufen muß. Doch selbst bei den schnellsten Ritten macht er sich noch immer Zeit, jedes Mauseloch zu untersuchen und jeden Maulwurf im Aufwerfen seiner Haufen zu stören. Die Nase hoch gegen den Wind getragen, späht er nach allen Seiten hin, und wo etwas raschelt, naht er sich vorsichtig und leise, steht eine Zeitlang unbeweglich, thut plötzlich einen Sprung, schlägt mit den Vorderfüßen in die Erde und hat im nächsten Augenblicke das unterirdisch lebende Geschöpf im Maule. Genau auf dieselbe Weise jagt er Maulwürfe und zwar mit solchem Eifer, daß er bei einem längeren Spaziergange, wie Lenz jagt, regelmäßig 4—5 und zuweilen 14 und mehr Stück fängt. Die Maulwürfe frißt er nicht, sondern begräbt sie; von den Mäusen dagegen frißt er so viel, bis er vollkommen gesättigt ist, die übrigen wirft er weg.

Die Fähigkeit im Fangen von Ratten hat die Aufmerksamkeit der Engländer besonders auf ihn gezogen, und so sind sie frühzeitig darauf verfallen, große Rattenjagden abzuhalten und dabei ihre Hunde in Thätigkeit zu setzen. Damit die Sache doch auch nach etwas Klang hat, werden dabei außerordentlich hohe Wetten gemacht, und das Vergnügen bekommt hierdurch das Gepräge des Glückspiels. In einigen verrufenen Stadtvierteln Londons gibt es förmliche Kampfbühnen für diese Ratten: Sandplätze, ringsum mit Planken umhegt, hinter denen die Zuschauer sich aufstellen. Ihr Besitzer gehört regelmäßig den untersten Volksschichten an und empfängt von den Zuschauern außer einem gewissen Eintrittsgelde auch noch eine Summe für jeden Rattenkopf. Sobald sich eine Anzahl von Zuschauern gesammelt hat, bringt er seine Rattenkäfige herbei und läßt die Tiere laufen. Es gibt zunächst ein unerhörtes Durcheinander; die unglückseligen Ratten durchstöbern den ganzen Raum des Sandplatzes, in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden, rennen schreckerfüllt aneinander und gebärden sich, als empfänden sie eine Vorahnung ihres gräßlichen Endes. Sobald sie sich einigermaßen beruhigt haben, bringt der Vorsteher der Arena die Pintscher herbei und läßt sie laufen. Und nun beginnt ein Schlachten und Morden ohnegleichen. Wood berichtet, daß er einen dieser Hunde gekannt habe, welcher unter dem Namen Tiny wahrhaft berühmt geworden ist: er wog kaum 2,5 kg und war gleichwohl der allerärgste Feind der Ratten,

den man sich denken konnte. In einem Zeitraume von 28 Minuten 5 Sekunden (mit solcher Gewissenhaftigkeit beobachteten die Zuschauer das großartige Schaufpiel!) hatte er 50 Ratten erbissen, und man berechnet, daß dieses ausgezeichnete Tier während seines Lebens über 50,000 Ratten erlegt habe. Er konnte nicht zurückgescheucht werden, weder durch die Anzahl, noch durch die Größe seines Wildes, und freute sich am meisten, wenn er recht starken Ratten zu Leibe konnte. Seine Jagd betrieb er in einer sehr regelrechten und klugen Weise. Zuerst suchte er sich die stärksten und kräftigsten Ratten aus, um so die schwierigste Arbeit

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Rauhhaariger Affenpintscher (Canis familiaris gryphus hirsutus). ½ natürl. Größe.

zu verrichten, während seine Kräfte noch frisch waren; dann wurde es ihm leicht, die übrigen zu vertilgen, selbst wenn er schon etwas angegriffen von seiner Arbeit war. In seinen jungen Jahren rannte er mit solch außerordentlicher Behendigkeit auf dem Sandplatze herum, daß es hieß, man könne den Schwanz von seinem Kopfe nicht unterscheiden; in seinen alten Tagen saß er jeden Abend an günstigen Stellen, wie eine Katze lauernd an den Rattenlöchern, und paßte an ihnen mit großer Sorgfalt auf.

Die geistigen Fähigkeiten aller Pintscher sind sehr beachtenswert. Sie zeigen einen hohen Verstand, viel Selbstüberlegung und Geschicklichkeit, sich in alle Lagen möglichst gut zu finden. Man kennt Beispiele, daß solche Hunde den Wert des Geldes zu würdigen und sich daher Münzen zu verschaffen wußten, um dafür Eßwaren zu kaufen.

Sehr verschieden von dem gewöhnlichen Pintscher ist einer der sonderbarsten Hunde, was Gestalt und Aussehen anlangt: der rauhhaarige Zwerg: oder Affen pintscher (Canis

| Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 11

Rauhhaariger Affenpintſcher (Canis familiaris gryphus hirsutus). ½ natürl. Größe.

kamiliaris gryphus hirsutus). Ihn macht seine Häßlichkeit schön, und deshalb wird er von Liebhabern eifrig gesucht und hochgeachtet. Bei einem Affenpintscher von guter Rasse ist der Körper im Verhältnis zu seinen Gliedern lang, der Hals stark. Das Haar ist lang und straff, fällt auch über den ganzen Körper und die Glieder sowie dick und verworren über das Gesicht herab; bei gewissen Rassen ist es allerdings weicher, immer aber bleibt diese eigentümliche Verworrenheit und Ungleichmäßigkeit. Da die Behaarung das Auge gewöhnlich strahlenförmig umkränzt, bekommt das Gesicht oft einen eulenähnlichen Ausdruck. Bei uns zu Lande findet man diese echte Rasse seltener, sondern zieht zumeist Affenpintscher, welche ebenso hochbeinig sind wie die Rattenpintscher; das struppige Gewand der eigentlichen Affenpintscher haben sie jedoch ebenfalls.

Wenn ich sagte, daß die Häßlichkeit diesen Hund schön mache, meine ich natürlich bloß die des Leibes; denn geistig betrachtet, muß der Hund als einer der besten angesehen werden. Es ist ein munteres und unterhaltendes Tier, dem Menschen im höchsten Grade zu: gethan, schmeichelnd und liebkosend gegen seine Freunde und sehr brav im Kampfe mit anderen Hunden. Auch er eignet sich vortrefflich zur Rattenjagd und wird sogar hier und da zur Kaninchen- oder Wachteljagd mit Erfolg verwendet.

Die letzte Gruppe der Hunde, welche wir betrachten wollen, umfaßt diejenigen, welche den

Menschen am treuesten dienen und am meisten von ihnen geknechtet werden, die der eigentlichen Haushunde (Canis familiaris domesticus).

Zu dieser Gruppe gehört der Pyrenäenhund, der Pommer oder Spitz, der ungarische Wolfshund, der Hund der Lappen, Kamtschadalen und Eskimos wie überhaupt nordischer Völkerschaften, ebenso auch der Zigeunerhund, der chinesische, der isländische Hund und andere. Als allgemeine Kennzeichen gelten die folgenden: der Leib ist etwas gedrungen, ziemlich dick, nur gegen die Weichen ein wenig eingezogen, der Rücken leicht gekrümmt, die Brust kaum vorstehend, der Hals ziemlich kurz und dick, der Kopf länglich, wenig erhoben, die Stirn schwach gewölbt, die Schnauze nicht sehr lang, nach vorn ziemlich stark verschmälert und zugespitzt; die Füße sind von mittlerer Höhe, dick und stark, die vorderen vollkommen gerade; der Schwanz ist nicht sehr dünn, oft sogar buschig, ziemlich lang, reicht etwas unter das Fersengelenk und wird entweder gerade nach rückwärts gestreckt oder nach links geringelt aufwärts gebogen getragen; die Ohren sind kurz, nicht sehr schmal, zugespitzt und aufrecht stehend, mit mittellangen Haaren besetzt, die Lippen kurz und straff; an den Hinterpfoten ist keine Afterzehe vorhanden. Eine zottige, lange und grobe Behaarung, welche auf der Schnauze und der Vorderseite der Beine sich bedeutend verkürzt, ist noch Gemeingut aller hierher gehörigen Hunde. Die Färbung ist natürlich sehr verschieden, bei allen dunkleren aber befindet sich über dem Auge jederseits ein rundlicher, bräunlichgelber Flecken. |

Der Haushund wird als zu einer von den Hauptstammrassen aller Hunde gehörig angesehen. Er ist ein starker, aber keineswegs besonders schwerer Gesell, in seinem Laufe ziemlich rasch und ausdauernd, besitzt viel Verstand und zeichnet sich ebenso durch seinen Scharfsinn und seine Klugheit wie durch seine Wachsamkeit, Anhänglichkeit, Treue oder seinen Mut aus. Alle diese Eigenschaften stempeln ihn ganz von selbst zu dem, was er ist. Man verwendet ihn mit dem größten Vorteile als Wächter des Hauses wie als Hüter und Lenker der Herden oder aber auch als Zugtier, und jede seiner Aufgaben weiß er zur größten Zufriedenheit seines Herrn zu lösen. Er ist derjenige Hund, welcher vielen Völkerschaften geradezu unentbehrlich ist und die Leistungen der verschiedenartigsten Haustiere in sich vereinigt. Einige Völker halten ihn wie ein Kind, andere mißhandeln ihn auf die schnödeste ä

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