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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Bevor eine Jagd unternommen wird, haben kundige, mit allen örtlichen Verhältnissen wohlvertraute Leute in dem zu bejagenden Gebiete des Nachts alle Röhren der verschiedenen Fuchsbaue verstopft und Reineke gezwungen, sich im Freien zu bergen. An versprechenden Stellen sucht man ihn auf. Die Hunde werden gelöst und durchstöbern eifrig, sich verteilend und zerstreuend, Wälder und Dickichte. Ein guter Hund darf nur dann „sprechen, wenn er etwas zu reden hat“; die Suche geschieht also lautlos. Endlich läutet ein Hund auf, die übrigen stimmen ein: der Fuchs ist gefunden! „Tally ho!“ ruft der „Einpeitscher“; der „Huntsman“ stößt ins Horn; die Reiter sammeln sich, und die wilde Jagd beginnt —

Fuchshund (Canis familiaris sagax vulpicapus). ½ natürl. Größe.

ein prachtvolles Schauspiel! Durch Busch und Hecken, über Zäune, Gräben und Mauern geht es dahin, die Hunde in dicht geschlossener Meute, angefeuert durch ununterbrochenen Zuruf des „Huntsman's“, welcher jeden einzelnen kennt und nennt, dicht hinter Reineke her, welcher seinerseits, um zu entkommen, alle Schnelligkeit, Behendigkeit, Gewandtheit, List und Ausdauer anwendet, vor keinem Hindernisse zurückbebt, jedes nimmt und überwindet, solange es geht. Selten gelingt es dem armen Schelme, sein Leben zu retten.

Ein allerliebstes Tier ist der Stöberhund, Beagle der Engländer (Canis familiaris sagax irritans), der im wesentlichen die Merkmale des glatthaarigen Vorstehhundes zeigt. Die Schulterhöhe des Stöberhundes soll 35 em nicht übersteigen. In Gestalt, Behang und

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Stöberhund (Canis familiaris sagax irritans). / natürl. Größe.

Behaarung ähnelt er dem Fuchshunde; doch sind seine Läufe stämmiger und niedriger, und es scheint deshalb die Annahme, daß er eine Kreuzungsform vom Fuchshunde und Dächsel ist, nicht unbegründet zu sein.

Man gebraucht den Stöberhund in voller Meute zur Hasenhetze und erfreut sich hauptsächlich an seiner wohlklingenden Stimme, welche, wenn die Meute stark ist, ein herrliches Geläute gibt. Sein Geruchssinn ist so fein, daß er einen einmal verfolgten Hasen immer wieder auffindet und auftreibt, und er läuft so ausdauernd, daß er Lampe trotz seiner Schnelligkeit und seiner Kreuz- und Quersprünge einholt.

Mehrere sehr verschiedenartige Hunde pflegt man unter dem Namen der Seidenhunde (Canis familiaris extrarius) zusammenzufassen. Der Seidenhund ift ein sehr schönes Tier. Der Leib ist etwas gedrungen und gegen die Weichen eingezogen, der Rücken nicht gekrümmt, die Brust breit und kaum vorstehend, der Hals kurz und dick, der Kopf länglich und ziemlich erhaben, die Schnauze nicht sehr lang, nach vorn etwas verschmälert und

Stöberhund (Canis familiaris sagax irritans). / natürl. Größe.

zugespitzt. Die Ohren sind lang, breit, gerundet, vollständig hängend und mit sehr langen Haaren besetzt, die Lippen kurz und straff, die Füße von mittlerer Länge, nicht dick, aber ziemlich stark, die vorderen vollkommen gerade, die Hinterfüße ohne Afterklauen. Der mittelstarke und mittellange Schwanz reicht etwas unter das Fersengelenk und wird stark nach rückwärts gebeugt und aufwärts getragen. Die Behaarung ist lang, zottig, aber seidenartig; Schnauze und Vorderseite der Füße sind kurz behaart, die Hinterseite derselben aber, der Kopf, der Bauch und der Schwanz, besonders an der Unterseite, mit langen, zottigen Haaren bedeckt. Die Oberteile des Körpers sind gewöhnlich schwarz, Brust, Bauch, Füße, die Lippen und Wangen bräunlichgelb, und auch über den Augen findet sich ein bräunlicher Flecken. Außerdem kommen aber auch rötlichbraune, schwarz und weiße und sehr häufig gefleckte mit gelbbraunen, rotbraunen oder schwarzen Flecken auf weißem Grunde vor.

Alle Seidenhunde sind leicht und schnell, aber nicht ausdauernd. Sie haben feinen Geruch und großen Verstand, ohne jedoch besonders gelehrig zu sein. Zur Jagd auf kleines Wild und namentlich auf Federwild werden einige und vor allen die Wachtelhunde benutzt; doch bedürfen sie einer sehr sorgfältigen Erziehung, weil ihre ursprüngliche Jagdbegierde zu groß ist. Selbst bei der besten Erziehung zittern sie vor Begierde bei Auffindung einer Spur und sind nicht im stande, ihre Freude oder ihren Eifer zu verbergen, sondern kläffen und bellen fast fortwährend. Aus diesem Grunde werden sie häufiger in der Stube gehalten als zur Jagd benutzt. Sie sind übrigens sehr mutig und behalten auch in anderen Klimaten ihre ursprüngliche Kühnheit bei, selbst in dem heißen Indien, welches die besten nordischen Hunde bald verdirbt. Kapitän Williamson erzählt, daß eines dieser kleinen tolldreisten Tiere einstmals sogar einem Tiger mutig entgegenging. Das gewaltige Raubtier schaute den kleinen Kläffer anfangs verwundert an, dann aber stand es auf, von dem Gebelfer des zudringlichen Naseweis gestört, und flüchtete! Der Erzähler versichert, daß es einen unbeschreiblichen Anblick gewährt habe, die beiden in Größe und Kraft so verschiedenen Tiere hintereinander zu sehen, den großen, gewaltigen Tiger mit gehobenem Schweife voran und den mutigen kleinen Hund zankend und bellend hinterdrein.

Die kleinen Wachtelhündchen werden König-Karlhündchen, die kleinsten Blenheimhündchen genannt, jene aus dem Grunde, weil König Karl II. von England sie außerordentlich liebte und stets einige bei sich hatte. Ihre dunkle Farbe, welche übrigens oft ins Bräunliche spielt, die weiße Vorderbrust, das seidenweiche, lange Haar und das große, lange Behänge zeichnen sie aus. Die allerbesten und geschätztesten von ihnen wiegen bloß 2,5, die größten nicht mehr als 3,5 kg. Sie find als Stubenhunde außerordentlich beliebt, weil schmuck, munter und gelehrig, wenn sie richtig behandelt werden, und die unterhaltendsten Gesellschafter, welche man sich denken kann. Ewig auf lustige Streiche bedacht, lassen sie sich mit sehr geringer Mühe erheiternde Kunststücke lehren. Unangenehm ist, daß ihre Augen beständig thränenfeucht sind, und ihnen von einem Winkel aus diese Thränen ohne Unterlaß über die Wangen herablaufen.

Während wir die letzterwähnten Rassen als Zwerge betrachten können, müssen wir den

Neufundländer (Canis familiaris extrarius terrae novae, Abbildung S. 152) als den Riesen unter den Seidenhunden ansehen. Das gewaltige Tier soll ein doppelter Bastard des großen Pudels mit dem französischen Fleischerhunde sein und in Neufundland seine Rasse bis zur Stunde in ihrer ursprünglichen Reinheit erhalten haben. Es ist sehr ungewiß, um welche Zeit sich diese Rasse in Neufundland gebildet und wer hierzu Veranlassung zunächst geboten hat. Man weiß gewiß, daß die Engländer bei ihrer ersten Niederlassung in Neufundland im Jahre 1622 diese Hunde noch nicht vorfanden, und nimmt deswegen mit großer Wahrscheinlichkeit an, daß die Stammeltern, jedenfalls vortreffliche und ausgezeichnete Hunde,

nach der Ansiedelung gebracht worden sind. „Der Neufundländerhund“, sagt Fitzinger, „trägt wie alle Bastarde die Kennzeichen seiner elterlichen Abstammung unverkennbar an sich. Er vereinigt mit der Gestalt, Größe und Stärke des französischen Fleischerhundes, welcher selbst ein Bastard des großen Windhundes und Jagdhundes ist, zum Teil die Behaarung und Gestalt der Ohren, welche zu den klimatischen Abänderungen des großen Seidenhundes gehört. Es ist ein gewaltiges, starkes und kräftiges Tier mit breitem, langem Kopfe, etwas verdickter Schnauze, mittelgroßen, hängenden, zottig behaarten Ohren, starker Brust, kräftigem Halse, mit ziemlich hohen, starken Beinen, mit dichter, langer, zottiger,

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Neufundländerhund (Canis familiaris extrarius terrae nowae). ½12 natürl. Größe.

krauslicher, weicher, fast seidenartiger Behaarung, mit ziemlich langem, zottigem Schwanze und mit stark ausgebildeten Schwimmhäuten zwischen den Zehen. Seine Färbung ist sehr verschiedenartig. Viele sind schwarz mit einem lebhaften, rostgelben Flecken über jedem Auge und rostgelben Flecken an der Kehle und an den Fußgelenken. Etwas weniger häufig ist er schwarz und weiß, oder braun und weiß gefleckt, oder einförmig schwarzbraun und weiß.“

In Deutschland werden, entgegen der englischen Auffassung, zwei Unterrassen des Neu: fundländers unterschieden: eine mit schlicht gewellter, eine andere mit kraus gelockter Behaarung. Mit Recht gilt der Neufundländer für eine der schönsten Rassen und wird sehr gesucht; denn auch seine Eigenschaften stehen mit seiner äußeren Schönheit im Einklange und verkünden den guten Stamm, von welchem er herrührt. Seinem Herrn ist er im höchsten Grade treu und anhänglich, dabei verständig und außerordentlich gelehrig. Selbstverständlich

Neufundländerhund (Canis familiaris extrarius terrae nowae). ½12 natürl. Größe.

muß man darauf sehen, seine natürlichen Begabungen bei der Abrichtung auszubilden, um das Tier zu dem in seiner Art vollkommensten zu machen. Der Neufundländer ist der beste aller Wasserhunde; das Wasser scheint sein eigentlich heimisches Element zu sein. Er schwimmt leidenschaftlich gern und mit der größten Leichtigkeit, taucht wie ein Seetier und kann stundenlang im Wasser aushalten. Einmal fand man einen dieser Hunde in einer weiten Meeresbucht, Meilen vom Lande entfernt, und mußte wohl annehmen, daß er viele Stunden lang im Meere herumgeschwommen war. Dem Neufundländer ist es vollkommen gleichgültig, in welcher Weise er schwimmen muß; denn er geht ebensogut gegen den Strom oder Wellenschlag als mit beiden. Ohne irgendwelche vorausgegangene Abrichtung holt er unermüdlich jeden Gegenstand aus dem Wasser, selbst bei der strengsten Kälte, und bringt ihn seinem Herrn. Der Mensch kann ihm überhaupt nicht mehr Vergnügen bereiten, als wenn er ihm Gelegenheit gibt, sich viel im Wasser aufzuhalten. Geht man mit ihm ins Wasser, so erhöht man sein Vergnügen noch bedeutend. Der Hund scheint außer sich vor Freude zu sein, daß auch der Mensch gleich ihm mit dem Wasser vertraut ist, und bemüht sich nach Kräften, diese Freude an den Tag zu legen. Er schwimmt bald vor seinem Herrn, bald hinter ihm her, taucht unter ihm weg, thut, als wolle er ihn ein Stückchen tragen oder stützen, kurz, spielt förmlich im Wasser. Und wenn endlich der Herr ermüdet sich nach dem Ufer wendet, bemüht sich der Hund, ihn noch zum neuen Wettschwimmen aufzufordern.

Diese außerordentliche Befähigung des Neufundländers für das Wasser macht ihn zu einem sehr nützlichen Tiere; man kennt viele Beispiele, daß durch ihn ertrinkende Menschen gerettet worden sind. In Ortschaften, welche in der Nähe tiefer Gewässer liegen, macht er sich als unübertrefflicher Kinderwärter sehr verdient. Man darf dreist das kleinste Kind seiner Wachsamkeit und Treue anvertrauen, weil man sicher ist, daß dem Kinde, solange der Hund sich bei ihm befindet, nicht das geringste Leid geschieht. Zu diesen vortrefflichen Eigenschaften kommt noch seine große Gutmütigkeit und Sanftheit sowie seine Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten; — ebenso bewahrt er freilich auch erlittene Unbill und Strafe in seinem Gedächtnis und wird Leuten, welche ihn mit Absicht quälen, manchmal gefährlich. In Neufundland wird das edle Tier nicht immer gut behandelt. Man spannt es vor einen kleinen Wagen oder Schlitten, läßt es Holz schleppen und beladet seinen breiten Rücken mit Eselsbürden, nährt es vielfach auch nur mit erbärmlichem Futter, mit alten, halbverfaulten oder verdorbenen Fischen und dergleichen. Da ist es denn kein Wunder, wenn sich die schönen Tiere auch manchmal vergehen, indem sie die Herden überfallen und sonstwie Schaden anrichten. Außer zu jenen Arbeiten benutzt man sie in Neufundland auch noch zur Vertreibung des Wolfes und zwar mit dem besten Erfolge, weil das starke Tier jenen feigen und erbärmlichen Räuber mit leichter Mühe bewältigt und gewöhnlich im Kampfe totbeißt. Gegen andere Hunde benimmt sich der Neufundländer mit Würde und läßt sich erstaunlich viel gefallen; doch spielt er den kleinen Kläffern, wenn es ihm zu bunt wird, manchmal übel mit.

Mit dem Neufundländer hat der Bernhardinerhund (Canis familiaris extrarius st. bernardi, Abbildung S. 154) Ahnlichkeit. „Die Bernhardiner Hunde“, sagt Tihudi, „sind große, langhaarige, äußerst starke Tiere, mit kurzer, breiter Schnauze und langem Behange, vorzüglich scharfsinnig und treu. Sie haben sich durch vier Geschlechter rein fortgepflanzt, sind aber jetzt nicht mehr rein vorhanden, nachdem sie bei ihrem treuen Dienste durch Lawinen umgekommen sind. Eine nahverwandte Rasse wird nachgezogen und ein junges Tier oft recht teuer verkauft. Die Heimat dieser edlen Tiere ist das Hospiz des St. Bernhard, 2472 m über dem Meere, jener traurige Gebirgssattel, wo in der nächsten

tähe ein 8—9monatlicher Winter herrscht. Dort fallen bloß im Sommer große Schnee: flocken, im Winter dagegen trockene, kleine, zerreibliche Eiskristalle, die so fein sind, daß der Wind sie durch jede Thür- und Fensterfuge zu treiben vermag. Diese häuft der Wind oft, besonders in der Nähe des Hospizes, zu 30—40 Fuß hohen, lockeren Schneewänden an, welche alle Pfade und Schlünde bedecken und beim geringsten Anstoße in die Tiefe stürzen. „Die Reise über diesen alten Gebirgspaß ist nur im Sommer bei ganz klarem Wetter gefahrlos, bei stürmischen Wetter dagegen und im Winter, wo die vielen Spalten und Klüfte

Bernhardinerhund (Canis familiaris extrarius st. bernhardi). "ho natürl. Größe.

vom Schnee verdeckt sind, dem fremden Wanderer ebenso müh- wie gefahrvoll. Alljährlich fordert der Berg eine kleine Anzahl von Opfern. Bald fällt der Pilger in eine Spalte, bald begräbt ihn ein Lawinenbruch, bald umhüllt ihn der Nebel, daß er den Pfad verliert und in der Wildnis vor Hunger und Ermüdung umkommt, bald überrascht ihn der Schlaf, aus dem er nicht wieder erwacht. Ohne die echt christliche und aufopfernde Thätigkeit der edlen Mönche wäre der Bernhardspaß nur wenige Wochen oder Monate des Jahres gangbar. Seit dem 8. Jahrhundert widmen fie sich der frommen Pflege und Errettung der Reisenden. Die Bewirtung der letzteren geschieht unentgeltlich. Feste, steinerne Gebäude, in denen das Feuer des Herdes nie erlöscht, können im Notfalle ein paar hundert Menschen beherbergen. Das Eigentümlichste ist aber der stets gehandhabte Sicherheitsdienst, den die weltberühmten Hunde wesentlich unterstützen. Jeden Tag gehen zwei Knechte des Klosters über die gefährlichsten Stellen des Passes: einer von der tiefsten Sennerei des Klosters hinauf

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