Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Nicht minder eifrig betreibt der Dachshund seine Jagd im Freien. Mit Weidmannslust gedenke ich wiederholter Jagden in den hessischen Bergen. Klangvoll ertönt das Geläute der jagenden Dachsmeute, bald näher, bald ferner, bald verstummend, bald von neuem aufjauchzend, je nachdem der bedrohte Hase, der schlaue Fuchs, das unwillig vor den kleinen Quälgeistern flüchtende Reh sich wendet und kehrt. Mit gespanntester Aufmerksamkeit lauscht man auf den Gang des Treibens, auf den ersten Schuß; mit wahrem Vergnügen folgt man mit Ohr und Auge den wackeren krummbeinigen Gehilfen, welche jeden Busch, jede Hecke durchstöbern und zehnmal eine Strecke durchsuchen, um ja nichts zu übersehen. Und wenn die Dächsel vollends, wie hier die Regel, nach beendetem Treiben zu ihren Führern zurückkehren und sich fesseln lassen, vergibt man ihnen gern alle Unarten, das Anschneiden des von ihnen abgefangenen, verwundeten oder aufgefundenen verendeten Wildes, das wütende Zerzausen des wertvollen Fuchspelzes, das streckenweise Überjagen, ihre Streitlust, Zanksucht, ihre Mißgunst und ihren Neid auf andere Hunde und sonstige unliebsame Eigenschaften mehr. Beruhen diese ja doch zum größten Teile auf unbändigem Jagdeifer, kaum oder nicht zu zügelnder Weidlust. Wie neidisch Dachshunde sein können, erfuhr ich an einem, welchen mein Vater besaß. Der Hund war ein abgesagter Feind aller übrigen Geschöpfe, welche sich auf unserem Hofe befanden. Er lebte mit keinem Tiere in Frieden, und am meisten stritt er sich mit einem Pintscher herum, dessen erbärmliche Feigheit ihm freilich regelmäßig den Sieg sicherte. Nur wenn sich beide Hunde ineinander verbissen hatten, hielt auch der Pintscher ihm stand, und dann kam es vor, daß sie, förmlich zu einem Knäuel geballt, nicht bloß über die Treppen, sondern auch von da über eine Mauer hinabrollten, sich über die Gartenbeete fortwälzten und nun in Purzelbäumen den ganzen Berg hinunterkollerten, aber doch ihren Kampf nicht eher einstellten, als bis sie im günstigeren Falle von dem Zaune aufgehalten, im ungünstigeren Falle aber durch das Wasser des Baches, in welchen sie oft miteinander fielen, ab-gekühlt wurden. Dieser Todfeind sollte einmal die Arznei für den erkrankten Dächsel werden. Letzterer lag elend da und hatte schon seit Tagen jede Nahrung verschmäht. Vergeblich waren die bisher angewandten Hausmittel geblieben: der Hund näherte sich, so schien es, schnell seinem Ende. Im Hause herrschte trotz des Gedenkens an seine vielen unliebenswürdigen Eigenschaften tiefe Betrübnis, und namentlich meine Mutter sah seinem Hinscheiden mit Kummer entgegen. Endlich kam sie auf den Gedanken, noch einen Versuch zu machen. Sie brachte einen Teller voll des leckersten Fressens vor das Lager des Kranken. Er erhob sich, Jah mit Wehmut auf die saftigen Hühnerknochen, auf die Fleischstückchen: aber er war zu schwach, zu krank, als daß er sie hätte fressen können. Da brachte meine Mutter den anderen Hund herbei und gebot diesem, den Teller zu leeren. Augenblicklich erhob sich der
Kranke, wankte taumelnd hin und her, richtete sich fester und gerader auf, bekam gleichsam neues Leben und — stürzte sich wie unsinnig auf den Pintscher los, knurrte, bellte, schäumte vor Wut, biß sich in seinem Feinde fest, wurde von dem tüchtig abgeschüttelt, blutig gebissen und hierdurch jedenfalls so erregt, erzürnt und erschüttert, daß er anfangs zwar wie tot zusammenbrach, allein von Stunde an sich besserte und nach kurzer Zeit von seinem Fieber genas.
In Frankreich und Großbritannien züchtet man den Spießhund, Turnspit der Engländer (Canis familiaris vertagus rectipes), welcher sich von den bei uns gewöhnlichen Rassen hauptsächlich durch seine stämmigere Gestalt, den größeren Kopf, die kürzere Schnauze, die geraden Vorderbeine und den längeren und dünneren Schwanz unterscheidet. In Sein und Wesen ist er ein echter Dächsel: eifrig, lebhaft, heftig, streitsüchtig wie seine Verwandten. Man verwendet ihn seltener zur Jagd, als zur Bewachung von Haus und Hof und wohl auch noch zum Drehen des Bratspießes. Zu diesem Behufe sperrt man ihn in eine als Drehrad dienende Trommel und läßt ihn hier arbeiten. In Gast- und Speisehäusern französischer Städte sieht man ihn gelegentlich bei seiner Arbeit. Er unterzieht sich dieser ohne Murren, wenn die Reihe an ihm ist, läßt sich aber weder durch aufmunternde Worte noch durch Strafe bewegen, länger als eine bestimmte, ihm zur Gewohnheit gewordene Zeit zu arbeiten.
Der in Deutschland sehr seltene Otterhund endlich (Canis familiaris vertagus scoticus), nach Ansicht einiger eine Kreuzungsform zwischen Spießhund und Zottelpintscher, steht dem letzteren näher als ersterem, ist kräftig gebaut, hat langen Kopf mit spitziger Schnauze und langen, hängenden Ohren, gestreckten Leib, gerade Beine und mittellanges, struppiges Fell von verschiedener Färbung.
Gegenwärtig benutzt man ihn hauptsächlich zu der Jagd, von welcher sein Name herrührt; früher wurde er auch wohl zur Hasenjagd gebraucht und heißt deshalb noch heutzutage Welsh Harrier. Der Otterhund ist ein behendes, mutiges, lebendiges Tier, und nur ein solches ist zur Otterjagd zu gebrauchen. Bei der Verfolgung des Fischotters muß der Hund oft im Wasser jagen und deshalb im Schwimmen und Tauchen Meister sein; seinen Mut hat er von nöten, denn sein Gegner versteht sein scharfes und kräftiges Gebiß gehörig zu gebrauchen und bringt dem Verfolger oft schwerere Wunden bei als dieser ihm. Zudem versteht es der Otter, der glatthaarigste von allen Mardern, selbst dann noch dem Hunde zu entgehen, wenn dieser ihn bereits gepackt hat. Aber der vortreffliche Hund ist mit allen Eigenschaften ausgerüstet, welche ihm einen glücklichen Erfolg sichern. Mit Ausnahme des Bullenbeißers und Bulldoggen soll es wenig Tiere geben, welche mit so hohem Mute kämpfen wie er. Man versichert, daß ein Angriff von ihm, so klein und unbedeutend er auch scheint, gefährlicher ist als ein solcher vom Bulldoggen. Dieser läßt das, was er ergriffen hat, allerdings so leicht nicht wieder los und wird aus diesem Grunde gefährlich; der Otterhund aber beißt mindestens ebenso tief wie jener, jedoch außerordentlich oft und schnell hintereinander und soll deshalb nicht nur sehr viele, sondern auch sehr schlimme Wunden hervorbringen. Der Otterhund kann das allerschlimmste Wetter und die Veränderung der Wärme aushalten und auch in der kältesten Jahreszeit wiederholt Bäder in dem eisigen Wasser ertragen. Sein hartes, rauhes und verwirrtes Kleid, welches den Einflüssen der Kälte sehr widersteht, leistet ihm allerdings vortreffliche Dienste; die Gewöhnung thut das ihrige dazu. Über die Abstammung dieser Hunde ist man noch keineswegs im klaren, und auch die Ansicht, daß der Otterhund Dachshund sei, bedarf noch sehr der Bestätigung. Namentlich widerspricht
die ziemlich bedeutende Größe des Tieres dieser Annahme: seine Schulterhöhe beträgt nicht selten 60 em. i
Weit zahlreicher an Rassen und Formen und sorgfältiger Erziehung ungleich zugäang-licher als die Dächsel, nehmen die Jagdhunde (Canis familiaris saga unbestreitbar den höchsten Rang unter allen Haushunden ein. Sie stehen in keiner Weise zurück hinter dem verständigen Pudel, dem zierlichen Windspiele, dem niedlichen Seidenhunde, vereinigen vielmehr aller Schönheit und Eigenheit in sich und dürfen dreist als die edelsten bezeichnet werden.
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Vorstehhund (canis familiaris sagax avicularius). Kurzhaarige Rasse. ½0 natürl. Größe.
An ihnen hat der Mensch sich als Schöpfer erwiesen, ihnen einen Teil seiner eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften angezüchtet, sie für die verschiedenartigsten Abstufungen einer und derselben Dienstleistung gestaltet und gemodelt. Schon bei uns ist die Anzahl der Rassen eine erhebliche; weit mehr solcher Abänderungen aber kennt man in Großbritannien, wo man viel früher als in Deutschland sehr viel für die Zucht dieser ausgezeichneten Geschöpfe gethan hat.
So schwierig es sein mag, allgemeine Kennzeichen der verschiedenen Jagdhunde aufzustellen, läßt sich doch folgendes sagen: Sie sind schöne, mittelgroße Hunde, mit gestrecktem, eher schwachem als kräftigem Leibe, länglichem, auf der Stirn flach gewölbtem Kopfe, nicht sehr langer, nach vorn hin verschmälerter und abgestumpfter Schnauze, großen, klugen Augen, breiten, hängenden Ohren, kräftigem, aber verhältnismäßig langem Halse, breiter und voller Brust, nicht auffallend eingezogenen Weichen, mittelhohen, schlanken, jedoch nicht mageren Beinen, wohlgebildeten Füßen, deren hinteres Paar eine gekrallte Afterzehe trägt,
und ziemlich langem Schwanze. Die Behaarung ist bald kurz und fein, bald lang und grob, der Schwanz entweder kurz oder langfahnig, die Färbung ungemein verschieden, eintönig oder fleckig. Über jedem Auge befindet sich meist ein kleiner, rundlicher, lichterer Flecken.
Alle Jagdhunde sind geborene Jäger, und wenn dies nicht der Fall, taugen sie eben nichts. Mehr als bei jedem anderen Hunde kommt es bei ihnen auf die Rasse an, und regelmäßig findet man hier, daß gute Mütter oder erprobte, geschickte Eltern auch vortreffliche Junge erzeugen. Alle sind kräftig, schnell und durch ihre ausgezeichneten Sinne, namentlich durch den überaus feinen Geruch, vor den übrigen Hunden zur Jagd befähigt. Sie
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Vorstehhund (Canis familiaris sagax avicularius). Langhaarige Rasse. / natürl. Größe.
besitzen ein so starkes Spürvermögen, daß sie die Fährte eines Wildes noch nach Stunden, ja sogar nach Tagen durch den Geruch wahrnehmen können. Deshalb bedient man sich ihrer zum Aufspüren und Aufsuchen des Wildes und richtet sie zu diesem Zwecke besonders ab. Auf die feineren Unterschiede, Züchtung und besondere Verwendung der Hunde, ist hier nicht näher einzugehen; alles Wissenswerte darüber findet sich in besonderen trefflichen Werken.
Unter den verschiedenen Rassen wollen wir die bekanntesten, die Vorstehhunde (Canis familiaris sagax avicularius), zuerst betrachten. Sie find mittelgroß und ziemlich stark gebaut; ihre Schnauze ist lang und dick, die Nase zuweilen gespalten, das Ohr breit, lang und hängend, ein „Behang“); fie find kurz-, lang- oder stichelhaarig, und die Färbung ist bei uns zu Lande gewöhnlich weiß mit braunen, seltener mit schwarzen Flecken; doch gibt es auch ganz weiße, braune, schwarze oder gelbe. Die Rute pflegte man vordem häufig in der Jugend zu stutzen, jetzt läßt man sie auch gern ihre volle Länge erreichen.
Die Vorstehhunde sind ganz ausgezeichnete, kluge, gelehrige, folgsame und jagdbegierige Tiere und zur Jagd auf allerlei Wild geradezu unentbehrlich. Sie spüren sowohl durch scharfe Verfolgung der frischen Fährte als auch durch unmittelbares Wittern das Wild aus, und zwar vermögen sie unter günstigen Umständen schon aus einer Entfernung von 30 und sogar 50 Schritt Kleinwild durch den Geruchssinn wahrzunehmen. f „Ich habe mich“, jagt Die zel, „seit einer langen Reihe von Jahren fortwährend damit beschäftigt, die Fähigkeit der bei uns vorkommenden Tiere zu vergleichen, und mich immer fester überzeugt, daß sie alle bei weitem von einem übertroffen werden, nämlich von dem gewöhnlichen Begleiter des Jägers, von dem Vorstehhunde. „Dieser Hund muß jedoch, wenn meine Behauptung auf ihn anwendbar sein soll, von ganz reiner Abkunft sein und alle seine natürlichen Anlagen, namentlich einen sehr scharfen Geruch, besitzen. Er muß ferner nicht vereinzelt erzogen werden, sondern unmittelbar unter den Augen seines Führers aufgewachsen sein, damit er gleich von Jugend an jedes Wort und jeden Wink verstehen lernt. Endlich muß auch sein Herr alle Eigenschaften eines guten Lehrers, worunter die Geduld keine der geringsten ist, im vorzüglichen Grade besitzen, ja er muß sogar ein sicherer Schütze fein; denn nur wenn alle Erfordernisse miteinander vereinigt sind, kann der Lehrling jenen bewunderungswürdigen Grad von Folgsamkeit, Selbstbeherrschung und Geschicklichkeit erreichen, welchen ich hier in einigen kurzen Sätzen zu schildern versuchen will. Ein vollkommen abgerichteter, stets zweckmäßig geführter Hund, im Alter von 3—4 Jahren, sucht, seinem natürlichen Triebe folgend, mit immer dem Winde entgegengehaltener Nase das Wild auf, indem er bald rechts, bald links sich wendet. Auch bleibt er von Zeit zu Zeit einmal stillstehen und sieht sich nach seinem Gebieter um, der nun durch eine Bewegung dem Hunde die Gegend bezeichnet, welche er absuchen soll. Diese Winke werden auf das genaueste befolgt. Kommt ihm nun die Witterung irgend eines bedeutenden Wildes in die Nase, so hört auf einmal die sonst unaufhörliche Bewegung des Schweifes auf. Sein ganzer Körper verwandelt sich in eine lebende Bildsäule. Oft auch schleicht er nach Katzenart und mit leichten Tritten dem Gegenstande näher, ehe er ganz feststeht. Nach wenigen Augenblicken wendet er nun den Kopf nach seinem Herrn, um sich zu überzeugen, ob dieser ihn bemerkt hat oder nicht, und ob er sich nähert. Es gibt sogar Hunde, welche, wenn der Ortlichkeit nach solches nicht möglich ist (z. B.im Walde oder im hohen Getreide, wo man es nicht sehen kann), das gefundene Wild auf kurze Zeit verlassen, um ihren Herrn aufzusuchen und an Ort und Stelle zu führen. Doch thaten dies von den vielen Hunden, welche ich in meinem Leben besessen und geführt, nur einige, und nicht schon in der ersten Zeit, sondern sie lernten es erst in späteren Jahren. „Eine der schönsten Gelassenheitsproben für junge, feurige Hunde ist die, wenn sie das dicht vor ihren Augen von dem Jäger getroffene Flugwild flattern und dann fallen sehen, es aber nicht greifen dürfen. Und auch dieser großen Versuchung lernt ein folgsamer Hund bald widerstehen und wagt es nicht eher zu apportieren, als bis er von seinem Herrn die Erlaubnis dazu erhalten hat. Ein ebenso schwieriger und fast noch schwierigerer Punkt ist die tief in des Hundes Natur liegende Begierde, jeden ihm ins Gesicht kommenden Hasen zu verfolgen. Hier hat er einen um so schwereren Kampf zu bestehen, als es ja unstreitig die Bestimmung des Hundes ist, das Wild zu verfolgen und zu fangen. Es muß augenscheinlich der Hund seine Natur hier verleugnen, und er verleugnet sie auch wirklich. Denn nachdem er eine Viertelstunde lang vor dem Lager des Hasen gestanden hat, darf er, wenn dieser endlich aufsteht und entflieht, ihm dennoch keinen Schritt nachfolgen, viel weniger noch im Lager selbst oder im Augenblicke des Entweichens ihn ergreifen oder töten. Er darf es sogar dann nicht thun, wenn einin voller Flucht begriffener Hase sich seinen Zähnen gleichsam freiwillig darbietet und sozusagen in den Rachen hineinlaufen würde.