Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Bei dem Bullenbeißer (Canis familiaris molossus hibernicus) ist der Leib gedrungen, dick, gegen die Weichen nur wenig eingezogen, der Rücken nicht gekrümmt, die Brust breit und tiefliegend, der Hals ziemlich kurz und dick, der Kopf rundlich, hoch, die Stirn stark gewölbt, die Schnauze kurz, nach vorn verschmälert und sehr abgestumpft. Die Lippen hängen zu beiden Seiten über (klaffen vorn aber nicht) und triefen beständig von Geifer; die ziemlich langen und mittelbreiten Ohren sind gerundet, halb aufrecht stehend, gegen die Spitze umgebogen und hängend. Die kräftigen Beine haben mittlere Höhe. Der Schwanz ist am Grunde dick, gegen das Ende zu verschmälert, ziemlich lang und reicht bis an das Fersengelenk, wird selten gerade oder nach rückwärts gestreckt, sondern meistens in die Höhe gerichtet und vorwärts gebeugt. Die Färbung ist entweder fahl oder bräunlichgelb, bisweilen mit schwärzlichem Überfluge; die Schnauze, die Lippen und die äußeren Enden der Ohren sind schwarz; doch gibt es wie bei allen Hunden vielfache Abänderungen.
Als mutmaßliche Heimat des Bullenbeißers kann Irland betrachtet werden; wenigstens finden sich dort die ausgezeichnetsten Rassen, welche man überhaupt kennt. Entsprechend
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der Schwere und Plumpheit dieser Tiere, ist ihr Lauf weder anhaltend noch rasch. Dagegen besitzen sie eine überaus große Stärke, viel Entschlossenheit und einen unglaublichen Mut, ja, man kann sagen, daß sie mit wenigen Ausnahmen als die mutigsten aller Tiere angesehen werden können. Ihrer Stärke wegen sind die Bullenbeißer zu schwerer und gefährlicher Jagd und zu Kämpfen mit wilden Tieren besonders geeignet. Ihre geistigen Fähigkeiten sind nicht so ausgezeichnet wie die der übrigen gescheiten Hunde, keineswegs aber so tiefstehend, wie man gewöhnlich angenommen hat. Man glaubte, in dem Bullenbeißer ein Tier der rohen Stärke vor sich zu sehen, und gab sich vom Anfange an dem Glauben hin,
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Bullenbeißer (Canis familiaris molossus hibernicus). ½ natürl. Größe.
daß es in geistiger Hinsicht durchaus nichts leisten könne. Doch ist diese Ansicht unbegründet; denn jeder Bullenbeißer gewöhnt sich an den Menschen und opfert ohne Bedenken sein Leben für ihn auf. Er eignet sich vortrefflich zum Wachen und Hüten des Hauses und verteidigt das ihm Anvertraute mit wirklich beispiellosem Mute. Als Reisebegleiter in gefährlichen, einsamen Gegenden ist er gar nicht zu ersetzen. Man erzählt, daß er seinen Herrn gegen 5—6 Räuber mit dem größten Erfolge verteidigt hat, und kennt Geschichten, in denen er als Sieger aus solchen ungleichen Kämpfen hervorging, trotz unzähliger Wunden, welche er erhalten hatte. Auch als Wächter bei Rinderherden wird er verwendet und versteht es, selbst den wildesten Stier zu bändigen; denn er ist geschickt genug, sich im rechten Augenblicke in das Maul des Gegners einzubeißen und so lange sich dort festzuhängen, bis sich der Stier geduldig der Übermacht des Hundes fügt. Zum Kampfe gegen große Raubtiere, wie Bären, Wölfe und Wildschweine, läßt er sich leicht abrichten und steht deshalb bei Völkern, welche mit derlei Raubgezücht zu thun haben, in hohem Ansehen. In den alten Tierhetzen 1
auf Auerochsen und anderes schweres Wild wurde er vielfach verwendet. Anderen Hunden gegenüber beträgt er sich sehr anständig. Er sucht nur selten Streit und läßt sich besonders von kleineren Hunden viel gefallen. Auch erträgt er Neckereien lange Zeit; bei fortgesetzter Reizung aber greift er, ohne vorher zu warnen oder viel zu bellen und ohne zu irgend welcher List seine Zuflucht zu nehmen, von vorn an, begnügt sich jedoch gewöhnlich, seinen Gegner zu Boden zu werfen und ihn festzuhalten, falls dieser keinen ferneren Widerstand versucht. Gegen seinen Herrn ist er treu und anhänglich; gegen Fremde bleibt er immer gefährlich, er mag frei sein oder an der Kette liegen, und wenn er auf Leute gehetzt wird, ist er wahrhaft furchtbar.
Ihm sehr nahe stehen die eigentlichen Doggen (Canis familiaris molossus typicus), sehr große und starke Tiere mit kurzer, dicker, vorn gerade abgestumpfter Schnauze, deren Oberlippen, obgleich sie an den Seiten herabhängen, vorn den Mund nicht schließen und so beständig das Gebiß sehen lassen. Die Nase ist nicht selten gespalten, der Pelz kurzhaarig und gewöhnlich von Farbe einfach rot, oft aber auch bunt. In früheren Zeiten, in denen das Land unsicherer war als gegenwärtig, hielt man die Doggen noch in ziemlicher Menge, gegenwärtig findet man sie nur bei Liebhabern. „Die Englischen Docken“, sagt von Flemming in seinem ‚Vollkommenen teutschen Jäger „welche große Herren anfänglich aus England und Irland mit vielen Unkosten bringen lassen, werden jetziger Zeit in Teutschland auferzogen. Und geben denen allergrößten und schönsten den Namen Cammer-Hunde, weil sie solche meistens des Nachts in ihrem Schlaff-Gemach bei sich haben, damit, wann Mörder einfallen sollten, diese solche Bösewichte niederreißen, ihren Herrn aber erretten möchten. Nächst diesen werden andere Englische Docken Leib-Hunde genennet, welche an Hirsche, Schweine und Wölfe gehetzt werden; sonderlich müssen dieselben angewiesen werden, daß sie ein wildes Thier ja nicht vor den Kopff anfallen, sondern zur Seite an die Ohren fassen und zu beiden Seiten sich anlegen. Denn sonst ein Bär sie zerreißen, ein Hirsch sein Gehörn vorwerffen und dieselben spießen, das wilde Schwein hauen, der Wolf aber stetig umb sich schnappen und herrumb beißen würde. Im Stall liegen sie ein jeder besonders vor sich an Ketten, und hat jeder seinen Fraß absonderlich vor sich stehen. Die Bären- oder Boll beißer sind von dieser vorgemeldeten Art eine besondere Gattung, welche zwar dicke und schwer, zum fangen aber ungemein hitzig erbittert sind. Sie sehen böse und tückisch auf, und werden insgemein zur podolischen und ungarischen Büffel-Ochsen-Hatz, wie auch zuweilen die Bäre damit zu hetzen, gebraucht. Sie werden anfänglich an mäßige Sauen gehetzt, endlich an kleine Bären. Man muß dieselben, wenn sie sich fest einbeißen und verfangen, geschwind mit einer starken rauhen Gänsefeder in die Kehle kützeln, alsdann lassen sie selbst loß. Der Bär schmeisset mit Ohrfeigen umb sich, bis die Herrschaft überdrüssig wird, sodann werden die Hunde an sich angeruffen, und der Bär entweder in einen Kasten gethan, oder von der Herrschaft ihme mit dem Fang-Eysen der Rest gegeben, nachdem die Cammeroder Leibhunde vorgerücket und denselben gefangen, darzu dann von anwesenden Jägern mit Wald- und Hüffthörnern geblasen wird.“
Mit diesen Worten sind die Doggen fast hinlänglich beschrieben. Bei uns sieht man gewöhnlich nur eine mittelgroße Rasse, welche höchstens die Größe eines mäßigen Hühnerhundes erreicht, oft aber erheblich kleiner ist. Die Farbe dieses Tieres ist regelmäßig ein lichtes Isabellgelb; es finden sich aber auch, obwohl selten, Doggen, welche dunkler gefärbt sind. Die starken Knochen, die breite Brust und vor allem der ausgezeichnete Bau des Kopfes lassen die Doggen nie verkennen. Der Kopf ist hinten breit und dick, die Schnauze kurz, die Nase eingedrückt und deshalb häßlich oder aber gespalten, so daß jedes Nasenloch fast für sich besonders zu liegen scheint; die Schneidezähne stehen oft unregelmäßig, z. B. einige
hinter den anderen; die Spitze der Unterkinnlade tritt vor die der Oberkinnlade; Eck- und Backenzähne sind gewaltig; die großen Augen haben einen düsteren Ausdruck.
Der Bulldogg oder Boxer (Canis familiaris molossus gladiator) wird zumal in England häufig gehalten. Man sieht ihn, mehr noch als den Bullenbeißer, für ein wütendes, unzugängliches und stumpfsinniges Tier an, darf ihm diese Eigenschaften jedoch nur in beschränkter Weise zuschreiben. Seinem Herrn gegenüber zeigt der Bulldogg Treue und Anhänglichkeit; doch muß er diesen vollkommen kennen gelernt und erfahren haben, daß dessen geistige Kraft seine leibliche unter allen Umständen unterjochen kann; denn sonst glaubt das Tier nicht selten, das auch an den Menschen versuchen zu dürfen, was es an allen Tieren sich zu schulden kommen läßt. Ungemein bissig und herrschsüchtig, bekundet der Bulldogg eine wahre Freude, ein anderes Tier totzubeißen. Dabei muß man rühmend anerkennen, daß sein Mut noch größer ist als feine wirklich furchtbare Stärke. Lenz er: zählt mehrere Thatsachen, von denen ich nur die eine anführen will. „Im Jahre 1850 sah ich in Gotha eine Menagerie, bei der sich ein großer schöner Wolf befand. Am folgenden Tage zwängte sich der Wolf aus seinem Käfig und verbreitete unter den vielen Zuschauern großen Schrecken. Ein Bulldogg des Menageriebesitzers, welcher ruhig in einer Ecke gelegen, hatte alles beobachtet, sprang plötzlich aus eigenem Antriebe hervor und verbiß sich fest in die Kehle des Wolfes. So gewann der Mann Zeit, aus einem vom Zelte geschnittenen Stricke eine Schlinge zu fertigen, die er dann dem Wolfe über den Kopf warf. Hund und Mann schafften nun gemeinschaftlich den Wolf nach dem Käfige hin; dort kam er aber tot an, die Dogge hatte ihn in ihrem Diensteifer erwürgt.“
Was der Boxer einmal gefaßt hat, läßt er so leicht nicht wieder los. Man kann ihn in einen Stock oder in ein Tuch beißen lassen und an diesem Gegenstande in die Höhe heben, auf den Rücken werfen und andere Dinge mit ihm vornehmen, ohne daß er sein Gebiß öffnet.
Die Eigenschaften der Doggen waren schon den Römern bekannt; sie wurden deshalb außerordentlich geschätzt, weil sie sich mehr als alle übrigen Hunde eigneten, eine Hauptrolle in den blutigen Spielen des Zirkus zu übernehmen. Nachdem England römische Provinz geworden war, gab es daselbst besondere Beamte, denen die Erziehung und Auswahl der nach Rom zu sendenden Doggen oblag. Dort kämpften letztere zur Freude des Volkes mit zahlreichen wilden Tieren, und diese römische Belustigung erbte sich auch auf spätere Zeiten fort, indem in England noch zuzeiten Elisabeths und Jakobs I. große Tierkämpfe angestellt wurden. Stow schildert ein Gefecht, welches drei Doggen einem Löwen lieferten. Der erste Hund wurde sogleich am Nacken gepackt und herumgeschleppt; dem zweiten ergings nicht besser; der dritte aber erfaßte den König der Tiere an der Lippe, hielt ihn fest, bis er durch Krallenhiebe abzulassen genötigt wurde, überlebte auch, obgleich schwerverwundet, allein den Sieg über den Gegner, welcher, sobald er sich frei fühlte, erschöpft und zu fernerem Kampfe ungeneigt, über die Hunde wegsprang und in dem geeignetsten Winkel seines Käfigs Schutz suchte. Nicht alle Doggen sind angenehme Gefährten des Menschen. Man kennt Beispiele, daß sie ihren eigenen neuen Herrn in Belagerungszustand erklärten und ihn nicht von der Stelle ließen. Man begreift, weshalb die Bulldoggen gegenwärtig wenig gehalten werden. So geistesarm, als man gewöhnlich glaubt, sind sie nicht; es gibt im Gegenteile einzelne, welche an Verstand fast mit dem Pudel wetteifern. Ich kannte einen solchen Hund, welcher durch seine Verständigkeit viel Vergnügen bereitete. Er war auf alles mögliche abgerichtet und verstand sozusagen jedes Wort. Sein Herr konnte ihn nach mancherlei Dingen aussenden, er brachte sie gewiß. Sagte er: „Geh, hole eine Kutsche!“ so lief er auf den Warteplatz der Lohnfuhrwerke, sprang in einen Wagen hinein und bellte so lange, bis der Kutscher
Anstalt machte fortzufahren; fuhr er nicht richtig, so begann der Hund von neuem zu bellen, lief auch wohl vor dem Wagen her bis vor die Thüre seines Herrn. Derselbe Hund trank bayrisches Bier leidenschaftlich gern und unterschied es von anderen Biersorten mit untrüglicher Sicherheit. Hatte er nun eine gehörige Menge zu sich genommen, so wurde er betrunken und ergötzte jedermann durch tolle Streiche aller Art. Ein anderer Boxer, welchen ich kennen lernte, war nicht allein der Liebling seines Herrn, sondern auch das Schoßtier
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der Herrin, welcher er mit unwandelbarer Treue anhing, und ebenso ein geliebter und lie: bender Freund der Pferde seines Gebieters. Scheinbar unerschütterlich ernst, liebte er doch Spiel und Scherz außerordentlich, ging harmlos auf Neckereien ein und wurde zuweilen nur durch die Plumpheit seiner Späße beschwerlich. Er bewachte das ihm anvertraute Gut mit Eifer und Gewissenhaftigkeit, ging bei Tage ungemein gern mit dem Herrn aus, ließ sich des Nachts aber unter keiner Bedingung von seinem Posten als Beschützer der Herrin weglocken, war kleiner Kinder zärtlicher Spielkamerad, trug auf Befehl den befreundeten Pferden Zwieback oder Zucker zu und bekundete überhaupt eine Menge guter Eigenschaften. Hieraus geht für mich unwiderlegbar hervor, daß das Wesen auch dieses so ingrimmig erscheinenden Hundes ein gutartiges, und daß es die Erziehung ist, welche ihn zu einem vortrefflichen wie zu einem gefährlichen Genossen des Menschen machen kann.
Zu den Doggen gehört das Zerrbild der Hunde, wenn ich so sagen kann, der Mops (Canis familiaris molossus fricator, Abbildung S. 135), eigentlich ein Bullenbeißer im kleinen, mit ganz eigentümlich abgestumpfter Schnauze und schraubenförmig gerolltem Schwanze. Sein gedrungener, kräftiger Bau und das mißtrauische, mürrische Wesen machen ihn den Bulldoggen außerordentlich ähnlich. |