Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Früher sehr verbreitet, dann fait ausgestorben, gehört der Mops neuerdings wieder zu den beliebteren Hunderassen. Er wird leicht verzärtelt und verhätschelt, ist dann launenhaft und unartig, vielen Menschen ein Greuel.
Eine große Bullenbeißerrasse benutzte man in früheren Zeiten in der scheußlichsten Weise. Man richtete sie ab, Menschen einzufangen, niederzuwerfen oder sogar umzubringen. Schon bei der Eroberung von Mexiko wandten die Spanier derartige Hunde als Mitkämpfer und Aufspürer gegen die Indianer an, und einer derselben, Namens Begerillo, ist berühmt oder berüchtigt geworden. Ob er zu der eigentlichen Cubadogge gehört hat, welche man als einen Bastard von Bullenbeißer und Bluthund ansieht, ist nicht mehr zu bestimmen. Er wird beschrieben als mittelgroß, von Farbe rot, nur um die Schnauze bis zu den Augen schwarz. Seine Kühnheit und Klugheit waren gleich außerordentlich. Er genoß unter allen Hunden einen hohen Rang und erhielt doppelt soviel Fressen als die übrigen. Beim Angriffe pflegte er sich in die dichtesten Haufen der Indianer zu stürzen, diese beim Arme zu fassen und sie so gefangen wegzuführen. Gehorchten sie, so that der Hund ihnen weiter nichts, weigerten sie sich aber, mit ihm zu gehen, so riß er sie augenblicklich zu Boden und erwürgte sie. Indianer, welche sich unterworfen hatten, wußte er genau von den Feinden zu unterscheiden und berührte sie nie. So grausam und wütend er auch war, bisweilen zeigte er sich doch viel menschlicher als seine Herren. Eines Morgens, so wird erzählt, wollte sich der Hauptmann Jago de Senadza den grausamen Spaß machen, vom Beeerillo eine alte, gefangene Indianerin zerreißen zu lassen. Er gab ihr ein Stückchen Papier mit dem Auftrage, den Brief zu dem Statthalter der Insel zu tragen, in der Voraussetzung, daß der Hund, welcher nach dem Abgehen der Alten gleich losgelassen werden sollte, die alte Frau ergreifen und zerreißen werde. Als die arme, schwache Indianerin den wütenden Hund auf sich losstürzen sah, setzte sie sich schreckerfüllt auf die Erde und bat ihn mit rührenden Worten, ihrer zu schonen. Dabei zeigte fie ihm das Papier vor und versicherte ihm, daß sie es zum Befehlshaber bringen und ihren Auftrag erfüllen müßte. Der wütende Hund stutzte bei diesen Worten, und nach kurzer Überlegung näherte er sich liebkosend der Alten. Dieses Ereignis erfüllte die Spanier mit Erstaunen und erschien ihnen als übernatürlich und geheimnisvoll. Wahrscheinlich deshalb wurde auch die alte Indianerin von dem Statthalter freigelassen. Begerillo erlag einem Pfeile in einem Gefechte gegen die Kariben bei der Eroberung von Puerto Rico im Jahre 1514. Daß solche Hunde von den unglücklichen Indianern als vierbeinige Gehilfen der zweibeinigen Teufel erscheinen mußten, ist leicht zu begreifen. Noch im Jahre 1798 benutzte man diese Hunde zu gleichen Zwecken, und zwar waren es nicht Spanier, sondern Engländer, welche mit ihnen die Menschenjagd betrieben. Die Farbigen auf Jamaika hatten sich empört und waren mit gewöhnlichen Waffen nicht zu besiegen; der Aufstand wurde immer drohender, und die Begüterten zagten: da ließ die englische Regierung aus Cuba Sklavenjäger mit ihren Hunden kommen. Schon die Ankunft derselben genügte, um die gegenüber jeder anderen Bekämpfung furchtlosen Neger zur Unterwerfung zu veranlassen! In Cuba gebraucht man die fürchterlichen Tiere heute noch ebensowohl zur Verfolgung entlaufener Neger oder Räuber und Verbrecher wie zur Bewältigung wilder Ochsen und als Hatzhunde bei Stiergefechten. Man wendet auf die Erhaltung
der reinen Rasse viel Aufmerksamkeit und bezahlt besonders tüchtige mit außerordentlich hohem Preise. Ihre Farbe ist Gelblichbraun, schwärzlich um die Schnauze.
Eine andere den Römern ebenfalls schon bekannte Dogge ist die von Tibet (Canis familiaris molossus tibetanus), ein herrliches, schönes und großes Tier von wahrhaft ehrfurchteinflößendem Außeren. Der Leib und alle seine Glieder sind stark und kräftig; der Schwanz, welcher gewöhnlich aufwärts getragen wird, ist buschig; die Ohren hängen
TANU DE
WM Sg 2
Tibetdogge (Canis familiaris molossus tibetanus). ½2 natürl. Größe
herab; die Lefzen schließen vorn den Mund nicht, hängen aber zu beiden Seiten der Schnauze tief herunter. Eine am Außenwinkel des Maules entspringende, bis zur Schnauze reichende Hautfalte, welche mit einer anderen in Verbindung steht, die über die Brauen schief herabhängt, verleihen dem Gesichte ein furchterweckendes Ansehen.
Die Griechen und Römer geben eine genaue Beschreibung von diesem Hunde und sprechen mit Bewunderung von seinen Leistungen gegen den Auerochsen, wilde Eber und selbst Löwen. Man sieht aus der ganzen Gestalt, daß diese Dogge der Riese unter allen Hunden ist und sich gleichwohl durch ebenso große Schönheit der Gestalt wie der Färbung auszeichnet. Letztere ist zum größten Teile schwarz, die Schnauze und die Brauengegend gelblich, die Behaarung lang und rauh. In seiner Heimat gilt dieses prächtige Tier für ebenso brauchbar wie lenksam; man findet ihn deshalb in allen Gebirgsdörfern Tibets und zwar ebensowohl als Wächter des Hauses wie der Herden. Es geschieht sehr oft, daß ein tibetisches
Dorf ganz allein der Wachsamkeit dieser Hunde überlassen wird, während die sämtliche männliche Bevölkerung sich entweder draußen bei den Herden in den Feldern oder auf der Jagd befindet. Dann dienen die Hunde zum Schutze der Frauen und Kinder und gewähren beiden eine vollkommene Sicherheit. Neuere Berichterstatter behaupten, daß der Mut des Tieres nicht im Verhältnis mit seiner Kraft stände, andere sagen, daß er als verständiges Tier bloß wirklich furchtbare Feinde mit voller Kraft anfalle.
Eine von den Doggen sehr verschiedene Gruppe ist die der Dächsel oder Teckel (Canis familiaris vertagus). Sie zählen jedenfalls zu den eigentümlichsten und merkwürdigsten aller Hunde. Der lange, walzenförmige, nach unten gekrümmte Leib mit dem eingebogenen Rücken, welcher auf kurzen, verdrehten Beinen ruht, der große Kopf und die große Schnauze mit dem tüchtigen Gebisse, die hängenden Ohren, die großen Pranken mit den scharfen Krallen und das kurze, glatte, straffe Haar kennzeichnen sie. Die Beine sind sehr kurz, plump und stark; die Handgelenke der vorderen nach einwärts gebogen, so daß sich beide fast berühren, von da an aber plötzlich wieder nach auswärts gekrümmt; an den Hinterpfoten bemerkt man eine etwas höher gestellte, gekrallte Afterzehe. Der Schwanz ist an der Wurzel dick, gegen das Ende zu verschmälert, reicht ziemlich bis an das Fersengelenk hinab und wird hoch nach aufwärts gerichtet und stark nach einwärts gebeugt, selten gerade ausgestreckt getragen. Die kurze Behaarung ist grob, aber glatt und von ziemlich wechselnder Färbung, oben gewöhnlich schwarz oder braun, unten rostrot, nicht selten auch einfarbig braun oder gelblich, ja selbst grau oder gefleckt. In der Regel finden sich ein paar hell rostrote Flecken über beiden Augen; doch kommen solche sogenannte „Vieräugelflecken“ auch bei anderen Hunden vielfach vor.
Man ist darüber vollkommen im unklaren, woher der Dachshund stammt. Xenophon scheint ihn gekannt zu haben, und er findet sich auch schon auf altägyptischen Tempelbildern. Im Verhältnis zu seiner geringen Größe ist der Dachshund ein außerordentlich starkes Tier, und hiermit steht sein großer Mut im besten Einklange. Aufs Jagen erpicht wie kaum ein anderer Hund, würde er zur Verfolgung jedes Wildes verwendet werden können, besäße er nicht die Unarten, auf seinen Herrn wenig oder nicht zu achten und das Erjagte gewöhnlich anzuschneiden. Alle Dächsel haben eine sehr feine Spürnase und ein außerordentlich feines Gehör, Mut und Verstand in hohem Grade, Tapferkeit und Ausdauer und können daher zu jeder Jagd gebraucht werden, gehen selbst auf Schweine tolldreist los und wissen sich auch prächtig vor dem wütenden Eber zu schützen, welcher sie ihres niederen Baues halber ohnehin nicht so leicht fassen kann wie einen größeren Hund. Sie sind klug, gelehrig, treu, munter und angenehm, wachsam und von Fremden schwer zu Freunden zu gewinnen, leider aber auch listig und diebisch, im Alter ernst, mürrisch, bissig und oft tückisch: sie knurren und fletschen die Zähne sogar gegen ihren eigenen Herrn. Gegen andere Hunde äußerst zänkisch und kampflustig, streiten sie fast mit jedem, welcher sich ihnen naht, selbst mit den größten Hunden, welche ihnen unbedingt überlegen sind.
Bei der Jagd hat man seine liebe Not mit ihnen. Der Dächsel nimmt die Verfolgung des Wildes mit einer unglaublichen Gier auf und begibt sich in die ärgsten Dickichte; er findet, dank seiner vortrefflichen Sinne, auch bald ein Wild auf: nun aber vergißt er alles. Er mag früher wegen seines Ungehorsams fo viel Prügel bekommen haben, als er nur will; der Jäger mag pfeifen, rufen, nach ihm suchen, — hilft alles nichts: solange er das Wild vor Augen hat oder dessen Fährte verfolgt, geht er seinen eigenen Weg mit einer Willkür, welche bei Hunden geradezu beispiellos ist. Stundenlang folgt er dem aufgescheuchten Hasen, stundenlang scharrt und gräbt er an einem Baue, in welchen sich ein Kaninchen geflüchtet
hat; unermüdlich jagt er hinter dem Rehe drein und vergißt dabei vollständig Raum und Zeit. Ermüdet er, so legt er sich hin, ruht aus und setzt dann seine Jagd fort. Erwischt er ein Wild, z. B. ein Kaninchen, so schneidet er es an und frißt im günstigsten Falle die Eingeweide, wenn er aber sehr hungerig ist, das ganze Tier auf. Er weiß, daß er dafür bestraft werden wird, er versteht genau, daß er unrecht thut; doch das ist ihm gleichgültig: die Jagdbegierde überwindet alle Furcht vor Strafe, alle besseren Gefühle. Aus diesen Gründen ist der Dachshund gewöhnlich nur zu einer Jagdweise zu gebrauchen: unterirdisch wohnende Tiere aus ihren Wohnungen zu treiben. Schon sein niederer Bau, die krummgebogenen Beine und die kräftigen Pfoten mit den scharfen Krallen deuten darauf hin, daß er zum Graben und zum Befahren von Bauen unter Grund außerordentlich geeignet ist, und sein Mut, seine Stärke und seine Ausdauer sichern ihm bei solchen Jagden den besten Erfolg. Je nach Größe und Bau unterscheidet man einen leichten, mittleren und schweren
Dächsel (Canis familiaris vertagus). ½8 natürl. Größe.
Schlag von Dachshunden und auch geradläufige, eine Kreuzung zwischen krummläufigen Dächseln und Stöberhunden, die sich weniger zur unterirdischen, dafür aber um so besser zur oberirdischen Jagd eignen.
Einer Abrichtung bedarf der Dachshund nicht. Man sucht sich Junge von einer recht guten Alten zu verschaffen und hält sie im Sommer in einem freien Zwinger, im Winter in einem warmen Stalle, vermeidet auch alles, was sie einschüchtern könnte; denn der ihnen angeborene Mut muß unter allen Umständen gestählt oder wenigstens erhalten werden.
Vom Dachse oder Fuchse wird unser Hund oft sehr heftig gebissen; dies behelligt ihn aber gar nicht: er ist viel zu mutig, als daß er dergleichen ruhmvolle, im Kampfe erworbene Wunden beachten sollte, und brennt nachher nur um so eifriger auf die Verfolgung der ihm unausstehlichen Geschöpfe. Man muß es selbst mit angesehen haben, mit welcher Begierde er solche unterirdische Jagd betreibt, um den trotz mancher ärgerlichen Eigenschaften liebenswürdigen Gesellen vom Herzen zugethan zu werden. Welche Ungeduld, wenn er nicht sogleich einschlüpfen darf, welcher Jammer, wenn er sehen muß, daß ein anderer seinesgleichen ihm bevorzugt und in den Bau gelassen wird! Am ganzen Leibe zitternd vor Jagdbegier, winselt er kläglich, aber leise, verhalten, verschwendet er an jeden ihm sich nähernden Jäger bittende Blicke und Zärtlichkeiten, um den gestrengen Gebieter zu erweichen, daß er ihm gestatte, wenigstens nachzusehen, ob der gehaßte Feind in seinem Daheim anwesend
ist oder nicht. Wie will er ihn zwicken und beißen, wie unwiderstehlich auf den Leib rücken, wie fest ihn belagern, wie sicher ihn austreiben! Endlich am Ziele seiner heißen Wünsche, leckt ernoch im Fluge dankbar die Hand des ihm Gewährenden, kriecht eilig in den Bau und arbeitet mit Bellen und Kratzen, daß ihm der Atem zu vergehen droht. Das glatte Nn41 schöne Fell bestäubt und eingesandet, Augen, Nasenlöcher und Lippen mit Schmutzrändern umgeben, die Zunge dürr und schlaff, erscheint er vor dem Baue, um frische Luft zu schöpfen: aber nur auf Augenblicke; denn flugs geht es von neuem in die Röhre, und dumpfer und dumpfer dringt sein lebendiges „Hau, Hau“ bis zum Eingange herauf. Hat er sich endlich bis zu dem zu Bau gefahrenen Dachse oder Fuchse durchgearbeitet, so gibt es für beide kaum noch Verteidigung. Ob auch der erste mit Gebiß und Pranke drohe, ob er sich zu verklüften suche, ob der letztere zum Kampfe sich stelle: solch ungestümen Anprall, solcher zähen Beharrlichkeit, solchem Kampfesmute widersteht auf die Länge weder Grimbart noch Reineke. Heraus an das Tages licht müssen sie beide.