Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
„Der unkundige Zuschauer, welcher Zeuge eines solchen Auftrittes ist, kann nicht anders glauben, als daß ein solcher Hund ganz gleichgültig und ohne alle Leidenschaft sei, daß der Hase für ihn gar keinen Reiz habe. Aber wie sehr trügt hier der Schein! Nicht Gleichgültigkeit, nicht Mangel an Lust, anders zu handeln, wenn ich so sagen darf, ist es, was ihn davon abhält, sondern der Gehorsam, das Gefühl der Unterwürfigkeit, die Furcht vor der Strafe. Die Natur scheint hier unter den Händen der Kunst gleichsam untergegangen zu sein; allein sie ist es nicht, sie schlummert nur, oder vielmehr sie schweigt, weil sie schweigen muß, weil ihre Stimme nicht laut werden darf. Man beobachte denselben Hund, welcher unmittelbar unter den Augen seines Führers diesen hohen Grad von Selbstbeherrschung zeigte, wenn er allein oder sich selbst überlassen ist, oder wenn er einen Führer hat, den er nicht achtet. Er wird sich dann der Begierde zu jagen so gewiß überlassen als jeder andere auch. Daher kommt es dann auch, daß in der ersten Zeit der Abrichtung selbst Hunde, welche in der Nähe ihres Herrn schon ziemlich folgsam sind, noch manchen Fehler begehen, sobald man ihnen gestattet, sich weit zu entfernen. „Einen höchst anziehenden Anblick gewährt es dem Zuschauer, sogar dem, welcher nicht selbst Jäger oder Jagdkenner ist, wenn er die Vorsicht wahrnimmt, mit welcher sich der Vorstehhund dem aufgefundenen Federwilde nähert. Wenn er z. B. bei Mangel an günstigem Winde nicht ganz sicher weiß, nach welcher Seite hin die Rebhühner gelaufen sind, kehrt er schnell um, umkreist in großen Bogen, wo er sie vermutet, und jede große Annäherung sorgfältig vermeidend, spürt er auf diese Weise endlich den Platz auf, wo sie festliegen, und hier erst bleibt auch er selbst augenblicklich feststehen. Beim Absuchen der Getreidestücke läuft der erfahrene Hund nicht etwa in die Frucht selbst hinein, sondern bloß an der Seite des Ackers hin, jedoch so, daß ihm der Wind von dem Wilde her entgegenweht; denn auf der entgegengesetzten Seite wird er den Zweck des Auffindens nicht so sicher erreichen. „Schon mehrmals ist mir auch der Fall vorgekommen, daß, während meine Hunde im vollen Suchen begriffen oder doch überhaupt in lebhafter Bewegung waren, plötzlich innehaltend, sie sich flach auf den Boden niederwarfen und in dieser Stellung liegen blieben. Wenn ich nun, der Richtung ihrer Blicke folgend, nachforschte, was wohl die Ursache ihres Benehmens sein möge, so war es regelmäßig irgend ein Wild, meistens ein Hase, den ich oft noch in sehr großer Entfernung laufen oder vielmehr auf uns zukommen sah; denn nur in dem einzigen Falle, wenn er in gerader Linie sich uns näherte, nicht aber, wenn er seine Richtung seitwärts vorbei nahm, legten sich die Hunde nieder, wie ein Raubtier, welches auf die Annäherung seines Opfers lauert, um dasselbe, wenn es nahe genug herangekommen, sicherer zu erhaschen, zuvor aber sich vor dessen Augen soviel als möglich zu bergen sucht.“
Der Hund lernt alle diese Jagdbegriffe allerdings erst nach langer Abrichtung; aber wohl bei keinem anderen Tiere sieht man besser, wieviel es leisten kann, wenn der Mensch es lehrt und gut behandelt, als bei dem Vorstehhunde. Ein wohl abgeführter Jagdhund ist ein wirklich wunderbares Tier und verdient seinen lateinischen Namen sagax in vollem Maße. Auch er ist ein Menschenhund, wie Scheitlin sagt; denn er beweist wahren Menschenverstand. Er weiß genau, was er zu thun hat, und ein schlechter Jäger, welchen ein gut geschulter Jagdhund begleitet, wird von diesem nicht selten in der allerempfindlichsten Weise getadelt. So kannte ich einen Hühnerhund, Namens Basko, welcher wohl alles leistete, was man jemals von einem seiner Art verlangen konnte. Sein Herr war ein ganz vorzüglicher Schütze, welcher gewöhnlich unter 20 Schüssen auf fliegendes Wild keinen oder nur einen Fehlschuß that. Einst kommt der Sohn eines Freundes unseres Weidmannes zu ihm, ein junger Aktenmensch, welcher die Feder allerdings besser gebrauchen konnte als das Gewehr, und bittet um die Erlaubnis, ein wenig zu jagen. Der Förster gewährt ihm dies mit den Worten: „Gehen Sie, aber schießen Sie gut, sonst nimmt es Basko gewaltig
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II 10
übel.“ Die Jagd beginnt; Basko wittert nach kurzer Zeit eine Kette Hühner aus und steht wie ein Marmorbild vor derselben. Er erhält Befehl, sie aufzutreiben. Die Hühner fliegen, der Schuß knallt, aber kein Stück von dem Wilde stürzt herab. Basko sieht sich äußerst verwundert um und beweist augenscheinlich genug, daß seine gute Laune verschwunden sei. Er geht aber doch noch einmal mit, findet eine zweite Kette Hühner, und es geht wie das erste Mal. Da kommt er dicht an den Schützen heran, wirft einen Blick der tiefsten Verachtung auf ihn und eilt spornstreichs nach Haufe. Noch nach Jahr und Tag war es dem: selben Jäger unmöglich, den sonst für die Jagd begeisterten Hund mit sich auf das Feld zu nehmen: die Verachtung gegen den schlechten Schützen war zu tief in seinem Herzen eingewurzelt.
Es versteht sich von selbst, daß ein guter Hund, wenn aus ihm etwas werden soll, auch einen vortrefflichen Erzieher haben muß. Die Abrichtung ist ein sehr schwieriges Ge—
Schweißhunde (Canis familiaris sagax sanguinarius). ½ů natürl. Größe.
schäft; Geduld, Ernst und Liebe zum Tiere sind Haupterfordernisse eines Erziehers. Früher ging man in gewaltsamer Weise vor, mit Peitsche und Korallenhalsband; nicht wenige Abrichter bedienen sich noch heutigestags dieser Schablone. Viele aber gehen auch von anderen, besseren Grundsätzen aus. Sie sehen in ihrem Zöglinge keinen Sklaven, sondern einen verständigen Gehilfen, und behandeln ihn danach, und zwar von Jugend auf.
Einem glatthaarigen Vorstehhunde ähnelt an Größe und Gestalt der Schweißhund (Canis familiaris sagax sanguinarius) der deutschen Weidmänner, von welchem Kenner, je nach der Abstammung, drei Schläge unterscheiden: den Hannöverschen, den Sollinger und den Harzer. Im Hochgebirge wird ein Hund von kleinerer Rasse bevorzugt: der bayrische Gebirgsschweißhund. Über die Abkunft der Schweißhundrasse ist nichts Sicheres bekannt. Die zu ihr gehörigen Tiere sind kräftig gebaut und gewöhnlich von lohbrauner oder rot- bis fahlgelber Farbe, mit schwärzlichem Anfluge an Schnauze
und Ohren, häufig auch mit dunklem Rückenstreifen. Der Kopf ist breit, wenig gewölbt; die schwarze oder fast fleischfarbene Nase wesentlich breiter als bei anderen Jagdhunden; die Lippen der stumpfen Schnauze fallen breit über und bilden im Mundwinkel eine starke Falte; die breitlappigen Ohren sind mittellang und unten abgerundet; der Gesichtsausdruck ist ernst, klug und edel. Der Schwanz verdünnt sich allmählich bis zur Spitze. Die Stimme ist voll und tief, der Anschlag so eigenartig gedehnt, daß er, hat man ihn einmal deutlich vernommen, leicht wiederzuerkennen ist.
Der Schweißhund ist ein kaum zu entbehrender Gehilfe bei Ausübung der Jagd auf Hochwild: er hat die Fährte angeschossener Stücke zu verfolgen. An der Leine gehalten, führt er bei der Nachsuche den Jäger still durch Busch und Wald zu der Stelle, wo das kranke Tier sich niedergethan hat; ist er freigelassen, und hat er das Wild verendet gefunden, so „verbellt er tot“, ist dieses aber nochmals flüchtig geworden, so hetzt er es laut und stellt es, bis sein Herr herankommt und die Jagd mit einem Fangschusse beendet. Er darf das Wild nicht reißen, erhält aber vom gefundenen seinen Anteil am Aufbruch, um ihn „genossen zu machen“; er darf auch nicht die Fährte von gesundem Wilde verfolgen, sondern sie, wenn er auf eine solche stößt, dem Jäger bloß anzeigen.
Die Abrichtung des Schweißhundes, also die zweckvolle Ausbildung seiner natürlichen Anlagen, erfordert viel Geduld und Umsicht, zumal da sich verhältnismäßig selten Gelegenheit bietet, ihn einzuarbeiten; deswegen ist ein gut abgeführter Schweißhund der Stolz des weidgerechten Jägers. Seine Leistungen sind aber auch bewundernswert: er vermag selbst der bereits einen Tag alten Fährte eines angeschossenen Hirsches durch alle möglichen Hindernisse mit Sicherheit zu folgen. Manche alte erfahrene Dächsel und Hühnerhunde verrichten übrigens auch recht gut die Dienste des Schweißhundes.
Nicht zu verwechseln mit dem eben besprochenen Jagdgehilfen ist der Hirschhund (Canis familiaris sagax acceptorius, Abbildung S. 148), wie man sagt, ein Abkömmling von dem Bluthunde und Windhunde, deren beider Eigenschaften er in sich vereinigen soll. Er zeichnet sich aus durch sein scharfes Spürvermögen und seine außerordentliche Schnelligkeit. Gegenwärtig befinden sich nur noch wenige im Besitze der Königin von England. Früher war es anders. Georg III. war ein leidenschaftlicher Liebhaber der Hirschhetze, an welcher er oft persönlich teilnahm. Nicht selten hetzte man mit solchem Eifer, daß von den 100 berittenen Jägern, welche anfangs hinter dem Hirsche drein ritten, zuletzt nur noch 10 oder 20 übrig waren, wenn das flüchtige Wild von den Hunden gepackt wurde. Man durchritt in Windeseile unglaubliche Entfernungen und setzte die Jagd oft so lange fort, daß ein großer Teil der Pferde und selbst viele Hunde dabei zu Grunde gingen. Gegenwärtig ist es freilich anders, da die Bebauung des Bodens dieser Jagd viel zu große Hindernisse in den Weg legt.
Ein ungleich wichtigeres Tier als der Hirschhund ist der Fuchshund (Canis familiaris sagax vulpicapus, Abbildung ©. 149). Berühmte Männer haben sich mehr mit ihm als mit anderen Dingen beschäftigt, dicke Bücher sind über ihn geschrieben worden, und noch heutigestags mögen Fuchshundmeuten bei den Großen Englands manchmal mehr Teilnahme als ganze Völkerschaften erwecken. Auf die Zucht, Veredelung und Erhaltung von Fuchshunden verwendet man Summen, mit denen man Tausende von verarmten, im Elende verkommenden Menschen zu glücklichen und nützlichen Staatsbürgern machen könnte. Eine Meute Fuchshunde zu pflegen und sie auf gleicher Höhe zu halten gilt, soviel Geld das Vergnügen auch kosten mag, als Ehrensache in den Augen des reichen Grundbesitzers oder der Vereine, welche sich zum regelrechten Betriebe der Fuchsjagd in gewissen Gegenden
; 10*
gebildet haben. Die Ställe sind wahre Paläste, geräumig, hoch, luftig, warm und sauber wie Putzzimmer; zu ihnen gehören außerdem wohl umhegte, stets reinlich gehaltene Vorhöfe, Tummelplätze für die Hunde, auf denen fie unter Aufsicht ihrer Pfleger Luft und Licht genießen dürfen, eigens hergerichtete Küchen, in denen das Futter bereitet wird, sowie endlich die Wohnungen der Beamten. Der Boden der Ställe ist mit verglasten Fliesen gepflastert, von denen jede Unreinlichkeit abläuft oder leicht entfernt werden kann; die Lager befinden sich auf erhöhten, stets mit frischem Stroh belegten Pritschen; für fließendes Wasser hat
man im Stalle und auf dem Erholungsplatze, für Baumschatten auf letzterem Sorge getra= gen. Es fehlt an nichts, was zum Wohlsein der Tiere beitragen könnte.
Obgleich der Fuchshund schon seit vielen Geschlechtern ausgebildet und zu dem gemacht wurde, was er ist, arbeitet man doch ununterbrochen an seiner Vervollkommnung. Zur Nachzucht wählt man nur die ausgezeichnetsten Hunde, sorgt auch gebührend für Erneuerung des Blutes, um alle nachteiligen Folgen der Inzucht möglichst zu vermeiden.
Der Fuchshund ist mittelgroß und wohl gebaut, am Widerriste etwa 55, höchstens 60 em hoch, sein Kopf klein, das Ohr oder der Behang, welcher meistens gekürzt wird, sehr groß, breit und lappig, der Hals dünn, der Schulterteil zurücktretend, die Brust weit, der Rücken breit; die Läufe oder Beine sollen gerade sein „wie Pfeile“; der ziemlich dicht behaarte Schwanz muß „anständig“ getragen werden. Die Färbung wechselt: weiße Grundfarbe mit mehr oder weniger dunkelbrauner Fleckung, welche die Ohrgegend einschließen muß, scheint
am beliebtesten zu sein. Der Ursprung des Fuchshundes ist ungewiß. Man nimmt an, daß er von dem alten englischen Jagdhunde abstammt und durch verschiedene Kreuzungen, an denen eine große Menge anderer Hunde teilnahmen, zu der Vollkommenheit gebracht worden ist, welche er zeigt. Er besitzt die Schnelligkeit des Windhundes, den Mut des Bulldoggen, die Feinheit des Geruchs vom Bluthunde, die Klugheit des Pudels, kurz, vereint gleichsam alle guten Gaben der Hunde in sich. Seine Schnelligkeit und Ausdauer ist außerordentlich. Eine gute Meute folgt dem Fuchse halbe Tage lang und darüber mit gleichem Eifer; die
D S IS
— NN N
— (Y(—
et, 5
Fuchshund (Canis familiaris sagax vulpicapus). ½ natürl. Größe.
Hunde des Herzogs von Richmond z. B. fanden, wie Bell erwähnt, den Fuchs morgens 73/ Uhr und erlangten ihn erst nach zehnstündigem, hartem Rennen kurz vor 6 Uhr abends. Mehrere von den Jägern wechselten dreimal ihre Pferde, verschiedene von diesen rannten sich zu Tode: von den Hunden aber waren beim Ende der Jagd 23 zur Stelle.