All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 40 of 185

4

Bernhardinerhund (Canis familiaris extrarius st. bernhardi). "ho natürl. Größe.

in das Hospiz, der andere hinunter. Bei Unwetter oder Lawinenbrüchen wird die Zahl verdreifacht, und eine Anzahl von Geistlichen schließen sich den ‚Sudern‘ an, welche von den Hunden begleitet werden und mit Schaufeln, Stangen, Bahren und Erquickungen versehen sind. Jede verdächtige Spur wird unaufhörlich verfolgt, stets ertönen die Signale; die Hunde werden genau beobachtet. Diese sind sehr fein auf die menschliche Fährte dressiert und durchstreifen freiwillig oft tagelang alle Schluchten und Wege des Gebirges. Finden sie einen Erstarrten, so laufen sie auf dem kürzesten Wege nach dem Kloster zurück, bellen heftig und führen die stets bereiten Mönche dem Unglücklichen zu. Treffen sie auf eine Lawine, so untersuchen sie, ob sie nicht die Spur eines Menschen entdecken, und wenn ihre feine Witterung ihnen davon Gewißheit gibt, machen sie sich sofort daran, den Verschütteten freizuscharren, wobei ihnen die starken Klauen und die große Körperkraft wohl zu statten kommen. Gewöhnlich führen sie am Halse ein Körbchen mit Stärkungsmitteln oder ein Fläschchen mit Wein, oft auf dem Rücken wollene Decken mit sich. Die Anzahl der durch diese klugen Hunde Geretteten ist sehr groß und in den Geschichtsbüchern des Hospizes gewissenhaft verzeichnet. Der berühmteste Hund der Rasse war Barry, das unermüdlich thätige Tier, welches in seinem Leben mehr als 40 Menschen das Leben rettete.“ Diesen Hund hat ein Dichter verherrlicht, und Tschudi führt das Gedicht in seinem Werke auch an; ich aber weiß ein noch besseres Gedicht, wenn es gleich nicht in gebundener Rede geschrieben wurde: die Beschreibung, welche Scheitlin von Barry gibt. „Der allervortrefflichste Hund, den wir kennen“, sagt er, „war nicht derjenige, welcher die Wachmannschaft der Akropolis in Korinth aufgeweckt, nicht derjenige, der als Becerillo Hunderte der nackten Amerikaner zerrissen, nicht der Hund des Henkers, der auf den Befehl seines Herrn einen ängstlichen Reisenden zum Schutze durch den langen, finsteren Wald begleitete, nicht Drydens ‚Drache‘, der, sobald sein Herr ihm winkte, auf vier Banditen stürzte, etliche erwürgte und so seinem Herrn das Leben rettete, nicht derjenige, der zu Hause anzeigte, des Müllers Kind sei in den Bach gefallen, noch der Hund in Warschau, der von der Brücke in den Strom hinabsprang und ein kleines Mädchen dem Tode in den Wellen entriß, nicht Aubrys, der wütend den Mörder seines Herrn anpackte und im Kampfe vor dem König zerrissen hätte, nicht Benvenuto Cellinis, der die Goldschmiede, als man Juwelen stehlen wollte, sogleich aufweckte: sondern Barry, der Heilige auf dem St. Bernhard! Ja Barry, du höchster der Hunde, du höchstes der Tiere! Du warst ein großer, sinnvoller Menschenhund mit einer warmen Seele für Unglückliche. Du hast mehr als 40 Menschen das Leben gerettet. Du zogst mit deinem Körblein und Brot und einem Fläschlein süßer, stärkender Erquickung am Halse aus dem Kloster, in Schneegestöber und Tauwetter Tag für Tag, zu suchen Verschneite, Lawinenbedeckte, sie hervorzuscharren oder, im Falle der Unmöglichkeit, schnell nach Hause zu rennen, damit die Klosterbrüder mit dir kommen mit Schaufeln und dir graben helfen. Du warst das Gegenteil von einem Totengräber, du machtest auferstehen. Du mußtest, wie ein feinfühlender Mensch, durch Mitgefühl belehren können, denn sonst hätte jenes hervorgegrabene Knäblein gewiß nicht gewagt, sich auf deinen Rücken zu setzen, damit du es in das freundliche Kloster trügest. Angelangt, zogst du an der Klingel der heiligen Pforte, auf daß du den barmherzigen Brüdern den köstlichen Findling zur Pflege übergeben könntest. Und als die süße Last dir abgenommen war, eiltest du sogleich aufs neue zum Suchen aus, auf und davon. Jedes Gelingen belehrte dich und machte dich froher und teilnehmender. Das ist der Segen der guten That, daß sie fortwährend Gutes muß gebären! Aber wie sprachst du mit den Gefundenen? Wie flößtest du ihnen Mut und Trost ein? Ich würde dir die Sprache verliehen haben, damit mancher Mensch von dir hätte lernen können. Ja, du wartetest nicht, bis man dich suchen hieß, du erinnertest dich selbst

an deine heilige Pflicht wie ein frommer, Gott wohlgefälliger Mensch. Sowie du nur von fern die Ankunft von Nebel und Schneewetter sahst, eiltest du fort. „So thatest du unermüdlich, ohne Dank zu wollen, zwölf Jahre. Ich hatte die Ehre, auf dem Bernhard dich kennen zu lernen. Ich zog den Hut, wie sich's gebührte, ehrerbietig vor dir ab. Du spieltest soeben mit deinen Kameraden, wie Tiger miteinander spielen. Ich wollte mich mit dir befreunden: aber du murrtest, denn du kanntest mich nicht. Ich aber kannte schon deinen Ruhm und deinen Namen und seinen guten Klang. Wäre ich unglücklich gewesen, du würdest mich nicht angemurrt haben. Nun ist dein Körper ausgestopft im Museum zu Bern. Die Stadt that wohl daran, daß sie dich, da du alt und schwach geworden und der Welt nicht mehr dienen konntest, ernährte, bis du starbst. Wer deinen Körper wohl ausgestopft nun in Bern sieht, ziehe den Hut ab und kaufe dein Bild daselbst und hänge es in Rahmen und Glas an die Wände seines Zimmers und kaufe dazu auch das Bild des zarten Knaben auf deinem Rücken, wie du mit ihm vor der Klosterpforte stehst und klingelst, und zeige es den Kindern und Schülern und sage: gehe hin und thue desgleichen, wie dieser barmherzige Samariter that, und werfe dafür von den Wänden die Bilder von Robespierre, Marat, Hannickel, Abellino und andere Mörder- und Raubbildnisse zum Fenster hinaus, auf daß das junge Gemüt von Hunden lerne, was es beim Menschen verlernte.“ Auch auf dem Gotthard, dem Simplon, der Grimsel, Furka und allen anderen Hospizen werden, nach Tschudi, vorzügliche Hunde gehalten, welche eine äußerst feine Witterung des Menschen besitzen, öfters Neufundländer oder Bastarde von solchen. Die Hospizbewohner versichern überall, daß diese Tiere besonders im Winter das Nahen eines Wetters schon auf 1 Stunde vernehmen und durch unruhiges Umhergehen untrüglich anzeigten. So hoch berühmt aber wie Barry ist kein anderer Hund von ihnen allen geworden.

Ein Seidenhund ist auch der allbekannte Pudel (Canis familiaris extrarius senuinus). Ihn zu beschreiben, erscheint unnötig, da er jo ausgezeichnet ist, daß jeder: mann ihn kennt. Der gedrungene Körperbau mit den langen, wolligen, zottigen Haaren, welche hier und da förmliche Locken bilden und den ganzen Hund dicht einhüllen, die langen und breiten Ohren kennzeichnen ihn vor seinen übrigen Verwandten. Ein schöner Pudel muß ganz weiß oder ganz schwarz sein, oder darf höchstens bei ganz schwarzer Farbe einen weißen Stirn- oder Brustflecken haben.

Der Pudel bekundet durch seine Liebe für das Wasser seine Verwandtschaft mit den übrigen Seidenhunden. Er schwimmt gut und gern und kann wohl auch zur Jagd abgerichtet werden. Weit mehr eignet er sich zum Gesellschafter des Menschen, und als solcher leistet er das Größte, was überhaupt ein Tier zu leisten vermag. Um ihnzu kennzeichnen, borge ich mir die Worte Scheitlins, eines seiner wärmsten Verehrer. „Der Pudel ist unter allen Hunden am besten gebaut. Er hat die schönste Kopfform, den wohlgebildetsten Leib, die schönste Gestalt, eine volle, breite Brust, wohlgebaute Beine, ist nicht hoch und nicht niedrig, nicht lang und nicht kurz und stellt sich am würdigsten dar. Schon körperlich ist er zu allen Künsten vorzugsweise geeignet. Tanzen kann er von selbst lernen; denn seine halbmenschliche Natur treibt ihn, sich an seinem Herrn aufzurichten, auf zwei Beine zu stellen und aufrecht zu gehen. Bald genug merkt er, daß er es könne, und er thut es sehr oft von selbst, wenn er will. Sein Geschmackssinn ist fein; er unterscheidet zwischen Speisen sehr genau; er ist ein Leckermaul. Sein Geruchssinn ist berühmt. Gibt man ihm von einem verlorenen Kinde einen Schuh oder sonst etwas zu riechen, so kann er durch die Festhaltung des Eindrucks dieses Geruches das verlorene Kind von selbst finden. Kaum jemals täuscht er sich: ihm ist der Geruch als Erkennungsvermögen angewiesen. Er fühlt auch fein. Für

körperliche Schmerzen ist er sehr empfindlich; er ist wehleidig. Sein Gehör ist vortrefflich. Von weitem kennt er die Stimme, unterscheidet sie auch dem Sinne nach, kennt den Unterschied der Glocken und Klingeln, kennt die Art und Weise und den Ton des Schrittes seiner Hausgenossen. Aber sein Gesicht ist zurückgeblieben: er sieht nicht gut, er kennt seinen Herrn durch das Gesicht nur, wenn er ziemlich nahe ist. „Der Ortssinn ist im Pudel ausgezeichnet. Er findet den Weg nach Hause stundenund tageweit her. Er läuft in der Stadt oder auf dem Lande willkürlich herum und besucht, mit der Gewißheit zu finden, irgend ein Haus, in welchem er mit seinem Herrn, sei

Pudel (Canis familiaris extrarius genuinus). ½½0 natürl. Größe.

es auch nur einmal, gewesen, in welchem ihm wohlgethan worden ist. Deshalb kann er abgerichtet werden, Brot beim Bäcker, Fleisch beim Schlächter zu holen. Sein Zeitsinn ist merkwürdig; er merkt an den Tagen, daß der Sonntag kommt; er kennt, wie der hungrige Mensch, die Mittagsstunde und die Schlachttage im Schlachthause. Die Farben kennt er genau und unterscheidet die Dinge mit Hilfe derselben deutlich. Sonderbar ist der Eindruck der Musik auf ihn: manche Werkzeuge kann er wohl leiden, andere gar nicht. Er hat ein außerordentlich scharfes Wahrnehmungsvermögen. Nichts entgeht ihm, und darum heißt er gescheit. Er ist ein vollkommener Beobachter und lernt deshalb nicht bloß die Worte, sondern auch die Mienen und Blicke seines Herrn ausgezeichnet verstehen. Sein Gedächtnis ist in hohem Grade treu. Jahrelang bleibt ihm die Form und die Farbe seines Herrn in der Seele; jahrelang verliert er den Weg irgendwohin nicht. Man nennt den Hund schon wegen seines unterscheidenden Geruchssinnes gescheit: wie viel mehr wird man ihn wegen

seines getreuen Gedächtnisses gescheit nennen, da man ja im täglichen Leben jedes Kind mit gutem Gedächtnis und selbst einen dummen Gelehrten, d. h. Vielwisser, für gescheit hält. Dieses Gedächtnis ist eine Hauptursache zur Gelehrigkeit des Pudels. Doch bedarf er auch dazu Geduld, Gutmütigkeit und Folgsamkeit. Er kann wirklich trommeln, Pistolen losschie⸗ ßen, an Leitern hinaufklettern, frei mit einer Schar Hunde eine Anhöhe, die von anderen Hunden verteidigt wird, erstürmen und mit Kameraden eine Komödie spielen lernen. Wir wissen, daß man auch Pferden und Elefanten Ähnliches und Gleiches lehren kann. „Zwei Dinge kommen noch dazu: des Pudels Nachahmungssucht und sein Ehrgefühl, d. h. seine Eitelkeit. Immer schaut er seinen Herrn an, immer schaut er, was er thut, immer will er ihm zu Diensten stehen. Er ist der rechte Augendiener; er denkt, wie ein Kind vom Vater, was dieser thut, sei recht, er müsse oder dürfe es ebenfalls thun. Nimmt der Herr eine Kegelkugel, so nimmt er zwischen seine Pfoten auch eine, will sie anbeißen und plagt sich, wenn es ihm nicht gelingen will. Sucht jener Steine behufs wissenschaftlicher Behandlung, so sucht auch der Pudel Steine. Gräbt der Herr irgendwo, so fängt auch der Pudel mit den Pfoten zu graben an. Sitzt jener im Fenster, so springt auch dieser auf die Bank neben ihn, legt beide Tatzen aufs Gesimse und guckt ebenfalls in die schöne Aussicht hinaus. Er will auch einen Stock oder Korb tragen, weil er den Herrn oder die Köchin einen tragen sieht. Er trägt ihn sorgfältig, stellt ihn vor die Leute hin, geht von einer Person zur anderen, um zu zeigen, wie geschickt er sei, und wedelt mit dem Schwanze selbstgefällig. Während des Tragens bekümmert er sich gar nicht um andere Hunde; er scheint sie als Taugenichtse zu verachten, sie aber scheinen ihn zu achten. „Der Pudel ist der geachtetste (aber nicht der gefürchtetste) und auch beliebteste Hund, weil er der gutmütigste ist. Kindern ist er ganz besonders lieb, weil er auf jede Weise sich necken und auf sich reiten, sich zupfen und zerren läßt, ohne zu knurren, zu beißen und ungeduldig zu werden. So gefräßig er ist, so kann man ihm doch das Fressen oft aus seinem Rachen wieder hervorholen, was sehr wenige Hunde zulassen. Den, welcher ihn einmal geschoren, kennt er für sein ganzes Leben und schaut ihn darum an, wo er ihn trifft. Kommt er nach Jahresfrist wieder ins Haus, um ihnzu scheren, so rennt er augenblicklich weg und verbirgt sich: er will nicht geschoren sein. Aber seinen Mann kennend, läßt er sich willig aus dem Winkel und Dunkel hervorziehen und fügt sich ohne Widerspruch in die Notwendigkeit. Wird er von einem tollen Hunde gebissen, und kommt der Henker ihn zu holen, so weiß er augenblicklich, was ihm droht. Er verbirgt sich, sein Auge wird sogleich trübe und erschrocken, doch wehrt er sich nicht. Den Todesstich oder Schlag empfängt er, wie die Pferde, mit ruhigem Herzen. Wird er krank und einem Arzte übergeben, so unterzieht er sich der Kur sehr gutwillig, und wie der Orang-Utan merkt er schnell, was ihm dienlich sei. Kein Tier erkennt so schnell die Meisterschaft des Menschen, daß es ihm gehorchen solle und müsse, und daß der Gehorsam das beste für ihn sei. Sehr artig ist zu sehen, wie er seinen Herrn sucht. Er läuft mit gesenktem Kopfe die Straße lang, steht still, besinnt sich, kehrt wieder um, bleibt an der anderen Ecke der Straße wieder stillstehen, denkt mehr, als er schaut, beschreibt Diagonalen, um schneller irgendwo zu sein, ꝛc. Artig zu sehen ist auch, wenn er ausgehen will und nicht soll, seinen Herrn überlisten will, wie er ihn zu über-schleichen sucht, thut, als wenn er nicht fort wolle, wenn man ihn nicht anschaut, plötzlich Reißaus nimmt oder mit füchsischer, überhündischer List an der Wand ein Bein aufhebt, als ob er pissen müsse, damit man ihn hinausjage, und wenn man ihn hinausjagt, augenblicklich, ohne zu pissen, zum Schlachthause oder zu einer von seinen Buhlen läuft, wenn man ihm aber nicht glaubt, endlich alle Hoffnung, entwischen zu können, aufgibt, mit vollfom: mener Entsagung sich unter den Tisch legt und das Pissen läßt und vergißt. Er hat vollkommen wie ein Mensch gelogen. f

Continue reading
Page 40 of 185