All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 42 of 185

Weise, und gleichwohl bleibt sich seine Treue und sein Diensteifer überall gleich. Er lernt alle seine Fertigkeiten von selbst, ohne seinem Herrn besondere Mühe zu machen, und zeigt dabei Geduld, Ausdauer sowie Lust an seinen eigenen Fortschritten.

Von allen diesen Hunden verdient der eigentliche Schäferhund (Canis familiaris domesticus pecuarius) besonders erwähnt zu werden. Er zeichnet sich vor anderen Haushunden dadurch aus, daß nur die Spitzen seiner Ohren überhängen, ist auch in der Regel schlank gebaut, dürrleibig, hochbeinig und sehnig wie ein Wolf, dem er an Größe freilich bedeutend nachsteht. Der längliche Kopf mit der spitzen Schnauze, die mageren, geraden

Schäferhund (Canis familiaris domesticus pecuarius). ½0 natürl. Größe.

Beine, die mittellange Rute, welche etwas eingezogen zu werden pflegt, das dichte, krause, manchmal zottige Fell von graubräunlicher Färbung sind anderweitige Kennzeichen, welche zur Vervollständigung des Bildes dienen mögen. „Wenn irgend eine Hunderasse“, sagt Adolf Müller treffend und wahr, „ein Verdienst um die Menschheit sich erworben, also ein Anrecht auf das Gefühl der Anerkennung und Liebe hat, so ist es der kluge, treue, wachsame und nimmermüde Schäferhund, der Hund, von welchem Buffon nicht mit Unrecht das beredte Wort gesprochen, daß er der wahre, unverfälschte Hund sei, welcher als der Stamm und das Muster des ganzen Geschlechts betrachtet werden müsse. Jede Hunderasse verliert bei aller Beharrlichkeit ihrer Natur unter verschiedenen Himmelsstrichen mehr oder weniger von ihrer körperlichen und geistigen Eigenartigkeit: der treue Leiter und Beschützer der Herden ist sich überall in den bedeutsamsten Zügen seines Leibes und Geistes gleichgeblieben. Soviel auch Laune und Unkenntnis 11*

Schäferhund (Canis familiaris domesticus pecuarius). ½0 natürl. Größe.

durch unpassende Kreuzung am Außeren und Inneren des Tieres verändert und verschlechtert haben mögen, immer und immer kehrt seine zähe, kräftige Natur zu ihrer urwüchsigen, sprechenden Wesenheit zurück. Wie der Spitz stellt der Schäferhund die Wachsamkeit gleichsam über sich selber. Den leisesten Tritt eines den Feldweg Wandernden vernimmt sein feines Gehör; der geringste Luftzug bringt der scharfen Nase die Witterung des der Herde sich Nahenden, und ebenso entschieden wie sicher ist die Fremdes ankündigende Stimme. Zu dieser Wachsamkeit gesellt sich auf der Grundlage einer rauhen, derben Natur ernster Mut, welcher das Tier aber niemals auf die Abwege des Raufboldes führt. Auch die Tugend der Genügsamkeit besitzt unser Hund in hohem Grade, und die Unempfindlichkeit gegen Nässe, Kälte und Hitze teilt er mit seinem Gebieter. Immer beweist er sich verständig, aufmerksam und im Hüteramte von morgens bis abends unverdrossen thätig. Dabei ist er ernsten, ruhigen Wesens, karg im Lautgeben und Bellen, treu und voll Anhänglichkeit an seinen Herrn.“ Ohne ihn würde es unmöglich sein, Vieh zu hüten; ein Schäfer richtet mit ihm mehr aus als 20 Hirten ohne Hund. Ja der beste von allen, den wir wohl für den schönsten und klügsten halten dürfen, der schottische Colly oder Collie, bringt es sogar so weit, die ihm anvertraute Herde auch ohne den Menschen sicher zu bewachen, zu führen auszutreiben und rechtzeitig wieder heimzugeleiten.

Man verwendet den Schäferhund gewöhnlich schon im ersten Jahre seines Alters als Wächter der Herden. Mit der Zeit lernt er seinen Wirkungskreis vollständig ausfüllen. Es ist keineswegs gleichgültig, welches Vieh er zu hüten hat, denn er muß nach den verschiedenen Haustieren sein Betragen einrichten. Der Hund des Kuhhirten muß stets seinen Herrn beobachten und aufmerken, was dieser befiehlt. Rinder, welche nicht sogleich gehorchen, muß er wirklich beißen, denn sonst haben sie keine Furcht vor ihm. Treibt er die Kuh vor sich her, so darf er ihr nur nach den Hinterbeinen beißen, nie nach dem Schwanze oder an die Seiten, am allerwenigsten nach dem Euter. Schlägt eine Kuh nach ihm aus. so muß er sich gut in acht nehmen, aber dennoch beißen; widersetzt sich ein Ochse oder eine Kuh geradezu mit den Hörnern, so trägt er, wenn er seinem Amte gewachsen ist, dennoch den Sieg davon, indem er das Tier in das Maul faßt und sich daran festhängt. Die spanischen Hirten benutzen während des Hütens auch noch die Schleuder und wissen sie mit unfehlbarer Sicherheit zu gebrauchen. Ein Ochse, welcher einigemal durch einen ihm an den Kopf geworfenen Stein vom Hirten gestraft worden ist, darf sich vor dem Hunde in acht nehmen; denn dieser merkt sich den störrischen sehr bald und erlaubt ihm schon nach kurzer Zeit bloß die allerbeschränktesten Bewegungen innerhalb eines gewissen Kreises. Starke Hammel muß der Schäferhund auch beißen, jedoch bloß in die Hinterbeine; Lämmer, trächtige oder säugende Schafe aber darf er niemals greifen, sondern er muß dann bloß so thun, als ob er beißen wollte. Wie bei jedem Hunde erkennt man in ihm das Spiegelbild seines Herrn. Der Hirtenhund Spaniens ist ebenso wütend, der Schäferhund Deutschlands ebenso gutmütig wie sein Herr. Ist dieser ein Wilddieb: sein Hund thut es bald dem tüchtigsten Jagdhunde gleich; bestrebt sich jener, sein kärgliches Brot durch Sammeln von Schwämmen und dergleichen zu verbessern: der Hund hilft sie ihm suchen; muß der Gebieter zwei- und vierbeinigen Räubern entgegentreten: der Hund übernimmt seinen Anteil an entstehenden Kämpfen; lebt der Schäfer friedliche Tage: ein sanfteres Wesen gibt es nicht als seinen Hund. Beide gleichen, beide unterhalten sich. Es gibt Schäferhunde, welche wirklich jedes Wort ihres Herrn verstehen. Ein glaubwürdiger Beobachter erzählte mir, daß er selbst gehört habe, wie ein Schäfer seinem Hunde befahl, den „Raps“ besonders in acht zu nehmen. Das Tier stutzte einen Augenblick, wahrscheinlich, weil es das Wort früher noch nicht gehört hatte. Weizen und Roggen, Gerste und Hafer, Wiese und Feld waren ihm bekannte Dinge, vom

Raps jedoch wußte er noch nichts. Nach kurzer Überlegung machte er die Runde um die Herde, untersuchte die einzelnen Felder und blieb endlich bei demjenigen stehen, dessen Frucht sich von den ihm bekannten Getreidearten unterschied: das mußte das Rapsfeld sein, und dem war auch wirklich so! Solche Erzählungen beruhen nicht auf Einbildung, sondern sind buchstäblich wahr: man braucht nur einen Schäferhund zu beobachten, um sie zu glauben. „Wie erwacht in mir“, erzählt Müller, „immer aufs neue die Erinnerung so mancher glänzenden That der Wachsamkeit, Überlegung und Charakterstärke, wenn ich des besten Vertreters der Rasse, den ich je gekannt, gedenke, wie er beim Eintreiben der Herde in die Stoppelfelder ohne jegliches Geheiß sich vor die hin und wieder noch stehen gebliebenen Fruchthaufen stellte, ernst und würdig im Bewußtsein seines Amtes, und die ganze Herde vorüberwandeln ließ. Mit derselben umsichtigen Ruhe beschützte er lautlos die Gemüseäcker, an denen seine Herde vorüberzog. Man sah den Schafen an, daß sie wohl inne waren, welcher Meister des Hütens ihre Flanken bewachte. Da war kein starrköpfiges Schaf, welches aus der Reihe sprang, selten ein Leckermaul, welches über die Grenze wegnaschte, aber auch kein Tier der Herde, alt wie jung, welches vor dem lockigen Gesellen zurückschreckte oder gar angstvoll in Flucht geriet. Ruhig und stetig, wie an einer Schnur geleitet, zog die Herde durch die Flur dahin, und wenn sie an einem Hag oder an einer Hute stille hielt und lagerte, umstanden Gruppen von Schafen den Hund, wie ein zu ihnen gehöriges Glied der Herde.“

Wie der Pudel wird auch der Schäferhund zum Trüffelsuchen abgerichtet, vorzugsweise in Frankreich, vielfach auch in Deutschland.

Was der Schäferhund für die Herden, ist der Spitz oder Pommer (Canis familiaris domesticus pomeranus, Abbildung S. 166) für das Haus. Klein oder höchstens mittelgroß, kräftig und untersetzt, spitzköpfig und spitzschnauzig, als müßte man auf Reineke den Verdacht der Vaterschaft werfen, kurzbeinig und langschwänzig, ausgerüstet mit mäßig großen Ohren und eben solchen klugen und lebhaften Augen, dicht eingehüllt in ein bald grobes und langes, bald feines und kurzes Fell von rein weißer, gelber, fuchsroter, grauer, ausnahmsweise auch schwarzer Färbung, höchstens noch mit lichter Stirnblesse und weißen Abzeichen an den Füßen, tritt er uns entgegen, so daß man ihn schwerlich verkennen kann. Dieser in feiner Art ebenfalls ganz vortreffliche Hund wird in vielen Gegenden Deutschlands als Wächter auf Bauernhöfen zum Bewachen des Hauses und Hofes oder von Fuhrleuten als Hüter ihrer Wagen benutzt. Bei letzteren fehlt er wohl selten und übernimmt hier zugleich noch eine andere Rolle: er erheitert und erfreut durch sein munteres Wesen den in gleichmäßiger Weise seinen Tag verbringenden Mann bei dem schwierigen Geschäfte. Der Pommer gilt für die beste Rasse, weil er bei unwandelbarer Treue und Anhänglichkeit besonders aufmerksam und lebhaft ist, dabei weder Regen noch Kälte scheut, ja gewöhnlich im Haufe oder Hofe dort am liebsten zu liegen pflegt, wo der Wind am stärksten pfeift. Übrigens zeigen alle Spitze einen großen Hang zur Freiheit und taugen deshalb nicht als Kettenhunde, während sie als umherstreifende Wächter ihrer Treue und Unbestechlichkeit wegen unersetzbar sind. In seinem Wesen und Betragen unterscheidet sich der Spitz wesentlich vom Schäferhunde. Abgesehen von der unermüdlichen Wachsamkeit, welche beide mit gleichem Eifer ausüben, und seiner Freundschaft gegen Haustiere ist er das gerade Gegenteil von diesem, immer in Bewegung, soviel wie möglich laut, ein oft höchst unangenehmer Kläffer sogar, heftig, reizbar und bissig. Weder im Gehöfte noch auf dem Wagen kann er in Ruhe bleiben. Dort lockt ihn jeder Vorübergehende an die Straßenthür, jedes ängstlich gackernde Huhn in den Hintergarten; hier setzt er mit geschickten Sprüngen von der Ladung auf den Bock, vom

Bocke auf den Rücken des Pferdes, oder aber herab auf die Straße und von dieser wieder auf den Wagen. Wie der Schäferhund liebt er Haustiere ganz ungemein, am meisten aber doch die Pferde, mit denen er sich förmlich verbrüdert; wie seinem Verwandten geht ihm das Wohl und Wehe seiner Pflegebefohlenen, unter welche er selbst das Federvieh rechnet, sehr zu Herzen: aber während jener feine Arbeit still und gemessen verrichtet, tobt er ununterbrochen im Hause und Hofe umher, und sein beständiges Gebell gewinnt den Anschein des Keifens eines ewig schlecht gelaunten Wesens. Und doch ist er keineswegs übellaunig, sondern nur eifrig und über die Maßen geschäftig. Alles Mißtrauen, welches er gegen Fremde

A 0 ö

U

rehN

||

Spitz (Canis familiaris domesticus pomeranus). ½10 natürl. Größe.

jeden Standes an den Tag legt, wurzelt einzig und allein in dem Bestreben, jeinem Gebieter voller Hingabe zu dienen. Zunächst sieht er in jedem Geschöpfe einen Dieb, mindestens einen Lästigen oder Störenfried, dem gegenüber er Haus und Hof, Vieh und Gerät zu verteidigen hat. Der Besuchende wird übel empfangen, der fechtende Handwerksbursche nicht viel schlimmer, der Bettler kaum mit größerem Ingrimm; aber während er ersterem, sobald er ins Haus getreten, freundlich begegnet, knurrt er den Handwerksburschen noch an, nachdem er sich von dessen Ungefährlichkeit überzeugen mußte, und verfolgt er den Bettler noch bellend, nachdem dieser bereits Haus und Hof verlassen hat. Zwei- und vierbeinige, be haarte wie gefiederte Räuber und Diebe mögen sich vor dem Spitze in acht nehmen: gegen sie ist ermit Bewußtsein heftig, zornwütig, unerbittlich. Er verbeißt sich, und ob es ihm das Leben kosten möge, in der Wade des Diebes, kämpft ingrimmig mit dem Fuchse, weicht

Spitz (Canis familiaris domesticus pomeranus). ½10 natürl. Größe.

\)

D

E SKIMOHUND.

E SKIMOHUND.

selbst dem Wolfe nicht und tötet den Habicht, welcher sich auf die Henne stürzte, falls dieser sich nicht durch schleunige Flucht rettet.

Alles beschützen, alles in Ordnung halten, das ihm Anvertraute mit unbestechlicher Treue hegen und pflegen, scheint Lebenszweck des Spitzes zu sein. „In der Nähe eines vielbesuchten Badeortes mit schöner Umgebung“, so erzählte mir eine feinsinnige Frau, „lernte ich einen der wackersten Spitze kennen, welcher mir jemals vorgekommen ist. Wir wünschten einige der nächsten Aussichtspunkte zu besuchen und verlangten vom Wirte Weg und Steg zu wissen. Ich will Ihnen einen Führer mitgeben, auf welchen Sie sich verlassen können', bemerkte der Mann und rief seinen Hund herbei. „Spitz“, sagte er, ‚du führst diese Herrschaften und zeigst ihnen alles, — alles, hörst du!“ Spitz antwortete durch Wedeln des Schwanzes, machte die Runde von einem Mitgliede der Gesellschaft zum anderen und setzte sich inBewegung. Unter seiner Führung stieg man den Berg hinauf. Einige Gesellschaftsmitglieder blieben zurück. Spitz wartete, ruhig am Wege sitzend, bis sie herangekommen waren; eine andere Gesellschaft, welche tags vorher denselben Führer benutzt hatte, kam von oben herab, erkannte den Hund und lockte ihn an sich: Spitz wedelte freundlich dankend, blieb sich aber seines Auftrags bewußt und verließ die neuen Bekannten nicht. Rechts und links ab vom Wege führte er die ihm Anbefohlenen; auf jedem Aussichtspunkte blieb er sitzen, bis man sich zum Weitergehen anschickte; endlich kehrte er um. Er hatte seine Aufgabe glänzend gelöst, nichts versäumt, keinen schönen Punkt übergangen, kein Mitglied der Gesellschaft verloren. Sichtlich erfreut nahm er, zu Hause angelangt, das Lob seines Herrn und die Liebkosungen der von ihm Geführten entgegen.“

Continue reading
Page 42 of 185